Mrz 29 2010

Sehnsucht

“Es wäre so schön, wenn wir uns wieder öfter sehen würden, so wie früher…” – Es ist nicht unbedingt genau dieser Satz gewesen, der mir im Kopf hängen blieb, wichtiger war mir die Reaktion. Es war eine Erklärung, warum diese Sehnsucht schön ist, aber wenig bringt in der Realität. Das Leben hat sich eben geändert, man ist nicht mehr jung und ungebunden, sondern hat Kinder, Arbeit, Verpflichtungen. Man könne doch einfach froh über die Begegnungen sein, zu denen es noch kommt und es wird halt nicht mehr so werden, wie es einmal war…

Diese Worte könnten viele so oder ähnlich gesagt haben. Ich hörte sie zum ersten Mal in dieser Form von meiner Mutter auf einem Familienfest. Und eigentlich blieb mir mehr im Kopf, wie diese Worte auf eine Sehnsucht trafen und sie, wahrscheinlich nicht zum ersten Mal, zum Kampf aufforderte. Es brauchte nicht lang, bis der Kampf vorbei war und man einem bekannten Menschen dabei zusehen konnte, wie in ihm etwas zerbrach. Etwas, das man nur schlecht kitten kann, ein fragiles Gebilde an sich, auch Tränen sind kein guter Kleber.

Es gibt eine unglaublich große Menge von Sehnsucht auf dieser Welt, würde man Sehnsucht irgendwie illuminieren können, es wäre unerträglich hell auf dieser Welt. Oft scheint mir Sehnsucht aber eher dunkel, die sich zB gut hinter einer Sonnenbrille verstecken lässt. Und würde sich am Ende eher leicht “mollig” anhören, wenn man sie erklingen lassen würde, vielleicht mit einer großen Portion Tragik versehen. Manchmal ist Sehnsucht so verworren, dass man gar nicht so wirklich direkt über sie sprechen kann, sondern sich mehr so um sie herum hangelt, sozusagen um sie herumschleicht und wie einem fernen Konzert lauschen würde.

Das Glasperlenspiel (natürlich inkl. Stufengedicht) von Hesse lieferte mir in meiner Jugendhitze zusätzliche Befeuerung, dass voran der richtige Blickwinkel sein sollte. Wenn das Herz gesundet, dann nur, wenn man weiter geht. Und auch wenn man zum Ende wieder am Anfang ankommt, so war es doch bestimmt die Reise wert. Und ich hatte irgendwie grundsätzlich schon akzeptiert, dass es nicht ohne das etwas zu Bruch gehen wird, von statten gehen wird.

Ich hatte mir nie vorstellen können, wie viel auf einer Reise eines Menschen in seinen ersten 30 Jahren kaputt gehen kann und wie schwer es uns allen fällt, den Blick nach vorne zu richten. Es macht einen schweigsam, man hört mehr den Melodien zu, die die Worte drum herum ergeben. Manchmal sind sie tieftraurig und manchmal unglaublich vor Freude tanzend. Man weiss, dass es sich ändern wird, wieder, irgendwann anders sein wird. Man weiss aber auch um die tiefe Sehnsucht, die unter all dem liegt und an sich nur schwer zu hören ist. Es ist schwer, ihr zu begegnen, weil es für sie keine Worte gibt und man inzwischen auch definitiv weiss, dass es nur bescheurte Worthülsen für solche Momente gibt, man muss nur die Hülsen als Tanz um das eigentliche herum betrachten.

Nein, es wird nicht alles gut, es wird alles maximal anders. Und das ist wenigstens gut so. Alles andere wäre unerträglich.

Sehnsucht ist wertvoll, aber es ist verdammt schwer, an ihr zu gesunden.


Mrz 11 2010

Word!

Du redest, erzählst von den Neuigkeiten, was passiert ist und was passieren wird. Ich schaue dich dabei lange an, ohne etwas zu sagen, eigentlich mehr durch dich hindurch, als ob es hinter dir etwas zu sehen gibt, weit in der Ferne, hinter der Mauer. So lange, dass man denken könnte, ich wäre nicht wirklich bei der Sache und gedanklich irgendwo anders. Nach kurzer Zeit bist du irritiert, fängst an zu lachen und schaust mich dabei leicht verunsichert an. Der kurze Augenblick voll Unsicherheit währt nur Sekunden, bis du mir eine Frage stellst. Irgend eine, sie ist wahllos und willkürlich. Sie dient einzig der Rückversicherung.

Ich dachte noch lange über das Lachen nach, das so leicht unnatürlich und aufgesetzt klang. Es war nicht deine Art, Dinge mit einem Lachen zu untermalen. Es war kein Lachen, dass darauf aus war, mich zum mitlachen zu animieren. Es war eher ein Lachen in die Stille hinein, mit dem ganz leichten Geschmack von Hysterie und Panik. Zu mindestens stellte ich mir dieses Lachen in seiner Intensität gesteigert genau so vor.

Es gab nichts ausser deinen Worten und meine Anwesenheit, die dir Angst oder Panik hätte machen müssen. Ich weiss nicht, ob es die Unsicherheit der Worte wahren oder meine eventuelle Abwesenheit oder Ignoranz der Worte, die dich dazu veranlassten. Worte, die am Ende noch zu schwach waren um zu existieren, ohne dass sie gehört werden.

Ich saß in meinem Sessel und versuchte meinen Blick auf dich und diese Frage zu lenken. Ich versuchte dir eine Antwort zu geben, irgend eine, sie war so willkürlich, wie die Frage. In meinem Kopf fing sich während dessen alles an zu drehen, all die Zahnrädchen und Feinmechanik. Bilder wurden noch einmal zurück geholt, Gedanken blitzen dazu auf und ich verstand innerhalb kürzester Zeit sehr viele Dinge gar nicht. Ich verstand nicht die Angst, ich verstand nicht die Worte, weil sie mich nicht erreichten, trotzdem gab ich Antworten auf die Worte, wir betrieben Kommunikation, während ich durch dich hindurch schaute. Ich verstand nicht, warum Menschen das so machen, kommunizieren, Worte in den Raum stellen.

Und ich verstand nicht einmal, was mich auf die wahnsinnige Idee gebracht hatte, durch dich hindurch zu schauen. Ja, eigentlich war das ja das Problem, des Übels Anfang. Vielleicht auch die Langweile. Ich komme schnell auf dumme Ideen, bevor mir langweilig werden könnte. Das ist sozusagen ein Automatismus im Kopf, klick, Kopfkino. Warum Kopfkino in dem Fall aus der dummen Idee bestand, durch dich hindurch zu schauen, das ist auf jeden Fall eine gute Frage. Aber da ich deren Antwort sowieso nicht einmal erahne, kann ich mich erstmal um all die anderen Unklarheiten kümmern.

zB um diese Unklarheit zwischen Worten, die einer ausspricht damit sie ein anderer hört, ja am Ende in sich aufnimmt, verarbeitet und darauf reagiert. Da hat sich an sich nicht so viel geändert, seitdem wir auf der Welt sind. Ich sage Wu und zeige auf die Wurst und bekomme eine feine Scheibe Wurst. Funktioniert gnadenlos gut mit 1-3 Jahren. Später reicht dann eigentlich “Wurst” und man bekommt ohne darauf zu zeigen das selbe Ergebnis. Funktioniert auch bestimmt noch mit 30 Jahren, nur wird man leicht abnormal behandelt, wenn man sich hinstellt und einfach “Wu” sagt. Dann hagelt es Gegenfragen und kein Metzger dieser Welt würde einfach auf die Idee kommen, dass man eine Wurstscheibe haben will. Also müsste man am Ende doch wieder den Finger bemühen. Und wenn man sich hinstellt, “Wu” sagt und dann einfach durch ihn hindurch erwartungsvoll ins Land der Wu blickt… dann passieren am Ende sehr komische Dinge, Lachen, Wut, Verachtung…

Es passiert des öfteren, dass ich mich an einem Redeschwall eines anderen ergötzen darf, eher seltener verfalle ich selbst in einen. Und wenn ich mir dann selbst zuhöre, welche Worte ich wähle, welche Sätze ich stricke, dann merke ich sehr oft, dass ich es genauso mache wie die vielen anderen. Ich reihe Buchstaben an Worte und diese zu Sätzen. Und wenn ich nach viel zu vielen Sätzen kurz innehalte und versuche, durch mich selbst hindurchzuschauen, frage ich mich sehr oft, warum ich das erzählt habe, warum genau das, warum diese sinnlose Einzelheit, die für nichts steht, keine Erkenntnis, keine große Frage, nicht einmal am Ende etwas über einen selbst aussagen könnte, mit Aussagekraft, nein, der Erkenntnisgewinn dabei so ungemein gering ist. Ich mag mich dann meist nicht mehr wirklich reden hören, würde frohlocken über jemanden, der durch mich hindurch schaut und mich lachen lässt. Hysterisch, weil es passen würde. Anstatt dem leeren Blick begegne ich nickenden Gesichtern.

Es ist selten geworden und lange her, dass ich für Worte und deren empfundenes Verständnis brannte. Ein Hesse Gedicht den Nagel mit einem Hammerschlag versenkt. In einem Gespräch mit einem guten Freund unglaubliche empfundene Horizonterweiterung stattfindet. Worte sind komplexer geworden, nicht an Bedeutungsgewalt, sondern an Konnotationen. Worte werden manchmal einfach so sinnlos ausgeleert und manchmal mit unglaublicher Gewalt an Hintergedanken an den Mann gebracht. Man hat gelernt, die Wortspiele mitzuspielen, hat irgendwann genügend Kälte ergattert um sich von Worten nicht mehr schocken zu lassen und auf deren Konnotationen zu achten, wurde immer besser im zwischen den Zeilen lesen, auf all die verschiedenen Arten, wie man dies tun kann.

Man hat die Erwartung abgelegt, dass Worte irgendetwas erklären, in keiner Weise sind sie gute Abbildungen von Gedanken, die einem im Kopf geistern. Und das Worte mir etwas erklären, von der Annahme bin ich weit entfernt. Worte sind flüchtig, bieg- und wandelbar. Man kann sie nutzen, aus- und benutzen. Man muss keine Angst mehr vor ihnen haben, wenn man einmal durch den Wahnsinn gegangen ist und in ihm alle Wörter so unglaublich verkehrt wurden.

Vielleicht fangen viele deshalb nun an, Kinder dabei zu begleiten, Worte zu erlernen. Die Wurstsache. Bis man zu den Fragen kommt, die man nicht erklären kann. Dafür wird man sich eine Ausrede einfallen lassen müssen. So etwas wie, dass kann man so genau nicht beschreiben, oder, da gibt es viele Antworten darauf. Aber es wird der Zeitpunkt, wo man in Worten jemanden erklärt, dass man es nicht in Worten erklären kann. Und vielleicht ist das der Zeitpunkt, wo man dann gewöhnlich ruhiger wird, was die Worte betrifft. So ein Wort wie Liebe, darf dann einfach die komische nicht definierbare Hülse für irgendetwas sein, muss nicht mehr in einem brennen als Wort, das man mit Gefühlen befüllen muss. Es ist übervoll, sogar an Konnotationen. Es kann passieren, dass einem langweilig wird, wenn darüber gesprochen wird, und man anfängt abwesend durch den anderen hindurchzuschauen um irgendwo anders etwas zu finden, etwas ausserhalb der Worte, und wenn es ein hysterischer Lacher ist.

Stille und stilles Handeln ist etwas extrem wundervolles. Die beste Grundlage für Kommunikation einer anderen Art.
Es braucht “nur” die Abwesenheit von Angst. Und Worte sind bestimmt der dümmste Grund, Angst zu haben…


Feb 23 2010

Kräusellocken, Schokoriegel und ein weißer Handschuh

Es ist früh, viel zu früh. Die Zeit, wo anständige Menschen noch im Bett liegen. Der Kunde wartet in der Ferne, so hetzt man zum Bus, zahlt 2,10 € für die Fahrt zum Bahnhof. Dort angekommen noch das obligatorische warme Croissant oder die warme Laugenbrezel, nicht die vom Pappstand für wenig Geld, sondern die für 1 €. Die kann was, würde manch einer sagen. Schmeckt einfach besser. Fehlt nur noch das Getränk. Und man wundert sich zwar immer wieder, was so ein Liter Wasser an einem Bahnhof doch kosten kann, aber ich habe es mir abgewöhnt, darüber nachzudenken. Ich wollte ja schließlich etwas zu trinken und das Abfüllen zu Hause fiel flach wegen der Hetze. Also 2,40 € für den Liter Wasser, das schmeckt dann auch schon fast wie Goldwasser.

Zum Zug der 20 € kostet, einsteigen, pünktlich, welch Überraschung. Leere Abteile, zu früh für das Studenten Publikum, nur hier und da eine Person, von der man ahnt, dass sie arbeiten gehen wird, nicht hier in Berlin, sondern in einer fernen Stadt. Fensterplatz und die Jacke ausziehen, der Zug rollt an.

Und hält kurz darauf in Berlin Zoologischer Garten. Ich schaue aus dem Fenster, den wenigen Menschen beim Ein- und Aussteigen zu. Dann ist der Bahnsteig leer. Übrig bleibt nur der alte Mann auf der modernen hölzernen Bank. Grüne Armee Jacke, ein Mütze auf dem Kopf, wie ich sie selbst gerne trage, darunter braungraue Locken, die sich leicht unter dem Mützenrand herauswagen. Vollbart, doch kein Rauschebart, ein ordentlicher Vollbart.

Er sitzt da, als ob ihn niemand sehen könnte, obwohl ihn aus dem Zug heraus durchaus einige Augenpaare anvisieren könnten. Doch es könnte auch sein, dass niemand an ihm hängen bleibt, ausser meine Wenigkeit. Denn er zieht nicht den Blick auf sich, er verschwimmt vielmehr in dem ganzen Setting Bahnhof, ist wie ein Schatten oder am Ende gar nicht vorhanden. Dann stand er langsam auf und ging zum Abfalleimer neben der Bank, aber mit so unendlich kleinen humpelnden, fast hüpfenden Schritten, nein, vielmehr sah es schon fast aus wie ein Tanz, einer der sehr weh tun musste, aber mit aller Würde aufgeführt wurde. Dann blieb er eine Zeit lang über dem Abfall gebeugt und fummelte an etwas herum. Es mochte nicht zu seinem Anblick passen, dass er in den Abfalleimern nach Pfandflaschen schaute. Doch irgendwann drehte er sich langsam in die Richtung des Zuges und man konnte zuerst den weißen Handschuh sehen, den er an der linken Hand trug. Er tanzte langsam zurück zur Bank und setzte sich wieder.

Und dann führte er den weißen Handschuh zum Mund und biss herzhaft von etwas ab. Zurück blieb ein angebissener Schokoriegel in der Hand. Und ein genussvoll kauendes Gesicht. Mit schönen Vollbart, Kräusellocken und lachenden Augen unter der Mütze.

Es war ein tolles Bild, voller Zufriedenheit.

Ein zufriedener Mensch an einem Ort, wo er nicht sein darf, der später einmal mehr aus dem Gebäude mit dem Hinweis auf Hausverbot vertrieben wird. Der so fast überhaupt nicht anwesend schien, weil ihn niemand sehen musste. Alle anderen in meinem Abteil starrten auf ihre teuren Displays, aßen ihre teuer ergatterten Speisen und Getränke und blickten meist nicht zufrieden drein.

Es wäre ein Mensch, den ich heute und früher gerne die Tür geöffnet hätte. In einem Pfarrhaus ist das so eine Sache mit der Tür und den Menschen davor. Die langjährigen festen Gemeindemitglieder, ja die stehen gerne gleich nachdem man die Tür geöffnet hat im Haus und warten dann auf die Abfertigung. Im Idealfall schließen sie noch vor der ersten Kontaktaufnahme die Tür hinter sich. Auch eine Art für Tatsachen zu sorgen. Lieber waren mir da doch die Menschen, die meist immer vor der Türschwelle stehen blieben. Klingelten, sich umdrehten, und sich vor den Absatz stellten, ca einen halben Meter von der Tür entfernt. Man musste dann meist die Tür selbst öffnen, auf den Summer reagierten sie nicht. Dann stand man automatisch über ihnen und fragte, um was es denn gehe.

Man hörte dann die wildesten Geschichten, bis man sie fragte, ob sie wegen den Einkaufsgutschein gekommen sind oder wie man ihnen helfen könnte. Viele wollten Geld und gingen wieder, wenn man sagte, dass man das nicht bieten kann. Manche nahmen das Angebot an, sich etwas zu Essen zu machen, manche nahmen noch zwei Dosen Ravioli mit. Wenige machten auch Gartenarbeit, um sich Geld zu verdienen.

Aber es gab auch ganz ruhige, die keine Geschichten erzählte, die nur sauber gepflegt und mit einem ganz eigenen Stil vor einem standen und gerne jedes Angebot der Hilfe still annahmen. Man stand dann still neben ihnen, während man ihnen Wurstbrote schmierte. Ich war dumm, ich fragte sie nie nach ihrer Geschichte, aber ich glaube, sie wäre meist eine wirklich erlebte Geschichte gewesen.

Es waren damals schon Menschen, die man nur vor unserer Tür traf, sonst nie. Man wusste nicht, wo sie schliefen, wohin sie gehen, woher sie kamen. Nur selten kam einer mehrmals. Man sah sie nicht in der Stadt, sie waren nicht existent. Anders als in Berlin, wo man immer wieder konfrontiert wird, wo das Verlassen der Wohnung dem Öffnen der Tür damals ähnlich ist. Aber auch in Berlin sind sie fast nicht existent, auch wenn sie vor einem auf der Holzbank sitzen und demonstrativ einen Schokoriegel genießen. Sie sehen uns nicht, weil eine teure Scheibe zwischen uns ist. Und wir sehen sie nicht, weil wir mit all den teuren Scheiben und Fenstern in unserer Realität beschäftigt sind.

An diesem Tag trennten einige Euros mich hinter der Scheibe von dem Menschen auf der Holzbank. Das Zugticket, das Wasser, die Laugenbrezel, das Busticket. Aber nicht nur das, es braucht schon den Anschluss an die eigene Realität per Mobilfunk, Laptop und Bahninfomonitor. Es braucht eigentlich beschissen viele Euros, um Teil der Realität zu sein, in der man lebt. Coffee-to-go mit vier Spritzern verschiedener Geschmacksbeigaben. Schokoriegel? Das ist doch schon fast zu langweilig um ein Geschmacksfeuerwerk im Mund zu entfachen.

Ich war mir sicher, dass wenn mir ein kleines Kind gegenüber gesessen wäre, hätte es von seiner Begleitung Aufmerksamkeit für diesen Mann eingefordert, hätte vielleicht gefragt, warum er denn so komisch geht. Die Begleitung hätte dann wahrscheinlich versucht, die Sache mit Armut und den Bettlern auf der Strasse zu erklären. Irgendwann wäre der Zug losgefahren und das Kind hätte eine Brezel bekommen, um sich von den Bildern abzulenken. Genauso, wie man immer noch beobachten kann, wie Kinder schnell weitergezogen werden, wenn sie sich für etwas interessieren, dass in ihrer Realität noch stattfindet und existiert und dem sie sich so wundervoll natürlich nähern könnten und nicht so verbaute Sichtweisen haben wie wir, der Mitleidsmodus nicht kurz anspringt, sie nicht kurz nach dem Kleingeld kramen um es wieder vergessen zu können.

Der Mann mit Vollbart, Kräusellocken, grüner Jacke und Mütze kaute gerade genussvoll den letzten Bissen seines Schokoriegels, stand dann auf und suchte seine Tüten zusammen, während sich die Türen schlossen. Der Zug nahm langsam an Fahrt auf, während der alte Mann ebenso langsam in die andere Richtung davontanzte. Zurück blieb der Eindruck eines spontan zufriedenen und glücklichen Menschen, das Bild eines wunderschönen Genussmoments, der so paradoxe Bilder in sich vereinte.

Ich blieb sitzen ohne danke oder hallo zu sagen, fuhr weiter und habe mir die Möglichkeit, eine Geschichte bei einem Essen erzählen zu lassen, somit genommen. Ich nahm mir aber vor, dass nachzuholen, zur Not mit einem anderen stillen Schatten in dieser Welt, der meinen Weg sicherlich kreuzen wird… es reicht, wenn ich ihn sehen will…


Jan 12 2010

Buchstaben Liebe

Manche Dinge brennen sich ja in den Kopf ein. Vor allem, wenn der Input an der richtigen Stelle stattfand. Und man gab mir als Jugendlicher auf einem Segeltörn auf dem Ijsselmeer in einer schrulligen Kneipe mit einem kaputten, weissen Klavier darin eine sonderbaren Spruch mit auf den Weg. Ich bekam ihn allerdings erst, nachdem mich versammelte Reisemannschaft, hauptsächliche Erwachsene, dazu gebracht haben, auf dem kaputten Klavier ein Liedchen zu spielen. Und das brauchte durchaus ein wenig, weil ich sehr genau weiss, das mit dem Liedchen ist so eine Sache. Ich konnte damals Ballade pour Adeline von Richard Clayderman, weil es meiner Oma so sehr gefiel und es nicht schwer war. Aber Unterhaltungsmusik, selbst Ballade pour Adeline kam mir für Kneipenmusik verdammt fehl am Platz vor.

Zu Kneipenmusik hat man ja ein Bild im Kopf, und dazu gehörte es sich, dass man sich ans Klavier setzte und den Blues oder Jazz ertönen ließ. Aber ich am Klavier in dieser Kneipe ergab ein solch falsches Bild für mich, dass ich mich tunlichst dafür drückte, wie meist, wenn es darum geht, ein Liedchen zu spielen. Ist nicht so mein Fall, vor allem nicht, wenn ich weiss, dass wenn ich ein Stück gespielt habe, man mich danach fragt, ob ich noch etwas kann, was man so kennt. Und ich nur ganz ehrlich sagen könnte, nein, kann ich nicht, also nicht, wenn du Albumblatt für Elise oder Rondo ala Turca meinst, damit könnte ich noch dienen. Und Ragtime gut spielen ist auch eine Sache. Das ist alles nicht so einfach mit dem Liedchen, also ich fand das immer ziemlich kompliziert, und mein “nein, kann ich nicht” wirkte immer hochtrabend, obwohl es so nicht gemeint war. Ich würde gerne Liedchen spielen können, allein für solche Situationen. Es braucht dann keine Ausrede mehr, sondern man haut ein, zwei feine Ragtime in die Tasten, alle sind glücklich und man ist wieder frei.

An dem Abend war ich erst wieder frei, nachdem ich zwei Improvisationen am Klavier hinter mich gebracht hatte, inklusive der Frage dazwischen, ob ich noch was kann, was man kennt. Und weil ich mich ja so toll überwunden hatte, bekam ich zur Feier des Tages eines meiner ersten Biere, sogar in Gegenwart meines Vaters. Dafür hatte sich die Aktion also durchaus schon gelohnt. Aber besser war eben noch der Spruch: “Mit deinem Klavierspiel wirst du noch viele Frauenherzen erobern” (oder leicht ähnlich). Und ich hatte mich in all meinen jugendlichen Wahn gerade an einem Bier ergötzt. Das mit den Frauen tangierte mich erstmal sehr wenig, ausserdem war es definitiv ausserhalb meiner Vorstellungskraft, dass man Frauen oder vor allem Mädchen mit Klaviermusik mit Improvisationen nicht so sehr beeindruckt. Lieder, Pop, das rockte. Am Ende sogar noch besser Keyboard. Aber Klassik und so… neee, der Mann hatte das anscheinend auch noch nicht so ganz durchblickt. Und so blieb mir diese Aussage als schräge Aussage im Kopf hängen.

Ein paar Jahre später kann ich nur sagen, so unrecht hatte ich nicht mit meiner Vermutung. Und ich hätte mir die Bemerkung gar nicht merken sollen, schliesslich kam sie von einem, der fragte, ob ich noch etwas spielen könnte, was man so kennt. Vielleicht klappt das ja am Ende auch mit so Liedern, die man so kennt. Aber vielleicht auch nicht einmal damit.

Nicht das es das erste Mal gewesen wäre, dass ich einer Frau Musik gegeben habe. Nein, das habe ich schon oft und gerne gemacht. Ich war froh, wenn es ihnen vielleicht irgendwie gefiel, ich vermutete eher immer das volle Gegenteil. Es gibt ja so CDs im Regal, die will man lieber nicht von anderen entdeckt wissen: “Wasn das? – Ne lass mal – Mach ma rein  - Du hörst aber abgefahrenen Deprishit – Das von so nem Freund”. Ich wollte ja schon mich nicht schämen müssen für meine Musik, noch weniger wollte ich, dass sich jemand anders für meine Musik schämen müsste. Also verließ ich mich immer brav darauf, Aufnahmen nur Menschen zu geben, von denen ich wusste, dass sie mich so gut kannten, dass sie wussten, dass das Medium mir wichtig war, und am Ende einiges drin steckt von dem, den man kannte (und sie die CDs im Idealfall nicht in ihre normale Sammlung integrierten). An dem Punkt gab ich es dann auch gerne weiter, hatte dann doch immerhin gewissen symbolischen Wert, so eine eigene Aufnahme.

Es gab nur einen Augenblick, in dem ich mir gewünscht habe, dass meine Musik ausreicht, um jemanden zu einem “hallo”, einem “ja” oder “nein” oder  irgend einen Wort zu verlocken. Einmal, wo ich mich an den Spruch aus der Holland Kneipe erinnerte und dachte, es wäre schön, wenn es nun so wäre. Ich es mir für einen kurzen Augenblick wünschte, dass der, der es sagte, wirklich meiner Musik zugehört hatte und deswegen diesen Spruch losgelassen hatte.

Was würde ich denjenigen sagen, der mir erzählt, dass er sich in meine Musik verliebt hat? Ich würde sagen, großartig, freu dich über deine Gabe, den passenden Input erfolgreich herauszusuchen, um dir eine gewünschte Konstruktion von Gedanken, Vorstellungen, ja sogar Gefühlen(!) zu ermöglichen. Und würde es weit von mir weg halten, dass solch Liebe am Ende mit mir persönlich zu tun haben sollte. Weil ich weiss ja teilweise selbst so gar nicht, was ich fühle, ausdrücke, an Gedanken, Emotionen und sonstigen Input in meine Musik hineinstecke, welche Gedanken gerade durch den Kopf geflitzt sind, und welche nicht. Ich weiss nicht einmal, wie es sich angehört habe, weil man ein schlechter Zuhörer ist, wenn man gerade selbst spielt. Man weiss eigentlich so ziemlich wenig über das was dabei raus kommt. Mindestens genauso wenig wie über sich selbst. Das bleibt schön kongruent. Was also dann eine weitere Person damit anfängt, sei erstmal fein ihr selbst überlassen.

Text, Worte, Buchstaben.

Ich weiss nicht, wie es für jemanden ist, der am Ende schreibt, wie ich Klavier spiele. Musik ist nicht für die Ewigkeit geschaffen an sich, die Haltbarkeit ist so erstmal extrem gering, ein Ton so lang wie ein Ton, eine Melodie so lang, wie die Melodie. Buchstaben, so lange nicht einfach gesprochen, stehen da, können noch einmal gelesen werden, schon während des Schreibens, was das Schreiben ja schon wieder Ändern könnte. Aber ich vermute, der Schreibfluss ist nicht so sehr anders zum Spielfluss. Und wenn man es “aufnimmt”, konserviert, kann man danach erstaunt feststellen, was man da wieder geschaffen hat.

Und weil ich ein ähnliches Statement von einer Autorin über Text & Liebe vermutete, unterliess ich es je, es anzubringen. Bestimmt kann man Texte mögen, ja sogar lieben. Sich in Buchstaben und Worten wiederfinden, in ihnen schwimmen und sich treiben lassen, frohlocken über die anscheinende passende Wahrnehmung des Anderen, sich gehen zu lassen bis zu dem Punkt, an dem man denkt, diese Worte können nur für einen geschrieben worden sein. Bestimmung und so… Text in der gleichen Sprache hat gegenüber Musik die Eigenschaft erstmal eindeutig zu scheinen. Worte sind in ihrer Bedeutung festgelegt, man hat diese erlernt, weiss sogar um so manches nettes Sprachspielchen. Wenn es nur so eindeutig wäre, hätte wohl keine einzige Interpretationshilfe verfasst werden müssen. Trotzdem kann man vor Liebe schön blind für andere Interpretationen ausser der eigenen sein.

Das letzte Mal “verliebt sein” sein, hatte ich in diesem Sinn mit Texten, nicht irgendwelchen, Worten einer Frau, unschuldig und fleissig ins Internet gestellt. Offen für die Konstruktionen vieler. Und ich genoss das sehr teilzuhaben an Gedanken, Lebensströmen, Emotionen. Gab mich den Worten hin und verlor mich sehr in ihnen. Sie weckten in mir eine unglaubliche Bandbreite an Gefühlen, ein schönes Feuerwerk, dem ich mich frei hingeben konnte, schließlich waren es nur Worte, willig und bereit sich einen anzuschmeicheln (ohja, Musik kann das bestimmt auch sehr gut). Jeder Satz ließ es in mir sprudeln. Stunden vor einem leeren Kommentarfenster, weil man es in keiner Weise gefasst bekommt, was man eigentlich sagen wollen würde, ohne dumme sinnlose Worte hinzuzufügen, wo sie doch überflüssig erscheinen, weil das Kunstwerk schon fertig ist und wundervoll so ist. Man würde gerne aber einmal mehr sagen als “danke”, “wunderschön” oder sonst einen knappen Ausdruck von Dankbarkeit oder Respekt.

Verliebte Menschen kommen bekanntlich auf die bescheuertesten Ideen. Und meine war, wenn man es schon in Worten nicht hinbekommt, dann vielleicht ja wenigstens in Form von Musik. Also spielte ich so lange, bis ich etwas hatte, das ich nicht ganz unpassend fand. Ein einfaches Stück, leise und ruhig, kurz und nicht ausufernd, sich auf einen Ausdruck versuchend zu begrenzend. Und ich bezog es auf einen Text. Weil einfach so Musik, das würde ja irgendwie in der Luft hängen. Es war aber ein Text aus einer Reihe und ich war noch nicht müde genug und so war irgendwann Musik zu einer Reihe von Texten auf meiner Festplatte. Ich gab mir Mühe, jeder Text wurde in mehreren Versionen bespielt und ich versucht das herauszunehmen, dass irgendwie am besten zu dem Gefühl passte, das der Text in mir hinterlassen hatte.

Ich hörte die Lieder wieder und wieder an. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich mit meiner aufgenommenen Musik so intensiv beschäftigte. Ich suchte selbst, was man in meiner Musik finden könnte. Stellte mir vor, wie das wohl wäre, Musik zu seinen eigen Texten zu bekommen und verwarf die Idee immer wieder, diese CD je auf Reisen zu schicken. War es überhaupt schon Frevel, Text in eigener Musik umsetzen zu wollen? War es nicht Wahnsinn, zu glauben, dass diese Musik zu dem Text passt? Warum überhaupt machst du das eigentlich?

Es war irgendwann eine Idee gewesen, Danke zu sagen, für all die Liebe (in Worten gepackt) und zu zeigen, dass es etwas mit einem macht. Das sollte schön sein, weil es an sich ja unglaublich schön und aufregend war. Und irgendwie war es dann doch ganz schön viel Arbeit geworden. Konservierte Musik. Eine Tonart verewigt für die Zukunft.

Ich war nie derjenige, der viel Aufwand für nichts macht. Ich schickte also die CD auf Reisen und erfuhr irgendwann auf Nachfrage, dass sie so ungefähr gerade angekommen war aber noch nicht “gehört”. Danach blieb das Kommentarfeld weiß, der Senden Button wurde nie benötigt.

Und so gut ich damit leben kann, irgendeine Musik irgendwo hinzustellen und keinen Kommentar darauf zu bekommen, machte es mich diesmal leicht wahnsinnig. Und ich hasste den Holland Mensch dafür, was er gesagt hatte und ich hasste auch all diejenigen, die gerne das hörten, was man kennt. Weil auf ein Liedchen bekommt man dann doch eine Antwort, so etwas wie: “toll, das habe ich schon ewig nicht mehr gehört” oder  ”das hast du aber gut gespielt”. Auch ein eigenes Liedchen mit Text und Gesang, das würde man kommentieren, weil es eine verständliche Aussage enthält. Musik ohne Gesang enthält erstmal keine direkte Aussage für Menschen, die sich danach orientieren, während ich immer wieder positiv überrascht bin, wenn der Text zu meinem Musikgefühlerlebnis passt und der Text dann doch meist sehr egal ist.

Ich weiss nicht, ob der Text fehlte, ob es Ekel an dem Frevel war, sich an eigenen Texten zu vergehen, oder es lediglich eine CD ist, die man besser nie im normalen Regal hat, wegen den Freunden und so… oder es zu viele Möglichkeiten gab, meine Musik zu hören, oder Sachen darin, die letzt endlich das Kommentarfeld leer ließen.

Ich hatte dann erstmal ein Problem mit einer Tonart, die sich mir ab dann konsequent verweigerte. Und Texte von ihr hatten einen neuen Blickwinkel, manches wirkte anders, man wurde härter im Urteil, sah Wiederholungen und Fehler, die man früher mit Wonne genoss.

Und mit jeder dieser Feststellungen musste ich mehr und mehr über mich grinsen. Und über die Liebe. Und ich wunderte mich durchaus immer mehr, was in mich gefahren ist, dass ich mich in Texten und Worten so verlieren konnte, so sehr, wie sich manch einer zu einen anderen Menschen hingezogen fühlt und es am Ende auch Liebe nennt (nein, ich führe jetzt keine fiesen Negativbeispiele auf). Ich habe es ja bekanntlich nicht so mit all der Liebesdadelei und das war mir ein definitiv ein tolles Lehrstück. Nicht dafür, wie wahnsinnig ich bin, nein, die neue Erkenntnis war eher, dass man das mit der Liebe am Ende nicht so sehr eng sehen muss. Und ich noch weniger verstehe, warum es gerade in einer Beziehung so oft um das Thema geht. Liebe ist so wackelig und flüchtig wie die Konstruktion dahinter. Und wenn man Menschen Liebe zugesteht, sollte man bei Text, Bild, Musik, Film sowieso keine Ausnahme machen. Dann ist Liebe endlich mal wieder etwas bereicherndes und positiv besetztes. Kein so schlechter Deal. An sich könnten wir dann fast mehr von solcher Liebe brauchen, es könnte gar nicht genug geben…

Wäre es ein weiser Mann gewesen in Holland, hätte er gesagt, deine Musik könnte anderen vielleicht helfen, zu träumen und ihren Kopf zum Riesen zu benutzen. Manch Frau wird es vielleicht auch gefallen, sich darin fallen zu lassen und zu vergessen. Aber lerne lieber noch ein paar Liedchen, wenn du mal beeindrucken willst.

Ich legte mir das Prinzip auf, keiner Frau mehr ungefragt Musik von mir zu geben – viel zu viel Kitsch!  Und anstatt eines Entschudligungsbriefs wanderte die CD irgendwann bereinigt ins Netz. Allein um den Faktor Frust etwas entgegen zu setzen, um der Musik etwas von ihrem Glanz und ihrer Last zu nehmen, die vielleicht denjenigen, für den sie gespielt war, zu sehr erdrückt hat, wer weiss das schon (Den Entschuldigungsbrief verwarf ich, weil ich nicht in der Lage war, sinnvolle Worte zu finden). Es gibt nur zwei Menschen, die dazu nun noch eine andere Konstruktion haben könnten, als jeder andere Mensch. Diesen Zusammenhang will ich ihm auch nicht nehmen. Und selbst diese vier Ohren werden Unterschiedliches hören.

Ich blieb bei der Yann Tiersen Methode, und veränderte den Kontext von Musik. Auch wenn ich mir bei dem Herrn Komponist durchaus fragte, ob er es nicht einfach nur aus profitablen Gründen so macht. Aber grundsätzlich finde ich schon durchaus, ist die Musik frei für die Konstruktionen derer, die sie hören (auch wenn man bei “Candle in the wind” immer an Lady Di denken wird – ist aber Text!).

Ich forderte dazu auf, doch das Kommentarfeld zu benutzen, um davon zu erzählen, was man selbst für Geschichte(n) im Kopf hatte, als man es hörte. Es blieb leer bis auf eine Ausnahme. obwohl mich sehr interessiert hätte, was die anderen mit der Musik anfangen. Ich bekam ein Video zu einem der Lieder, die Musik war unterlegt mit Szenen und Schnippseln aus “City of Angels”. Die Bilder schwimmen zu der Musik dahin. Es freute mich sehr, meine Musik zu schauen. Ich hätte es gerne kommentiert, etwas dazu gesagt. Es war aber … ein leeres Kommentarfeld.


Jan 12 2010

Schatten der Vergangenheit

Wir hätten gerne, dass sie stets hinter uns liegen.

Doch Leben ist mehr ein Gang unter Strassenlaternen, oder mitten in einem Fussballstadion zu stehen. Entweder wandert der Schatten, oder er ist überall um einen herum. Anstatt ordentlich uns den Rücken frei zu halten und in gewisser Weise vorwärts zu jagen, stellen sich die Schatten der Vergangenheit gerne frech in den Weg, versperren den Blick auf die Stolpersteine, die überall herum liegen.

Bilder, die sich festgebrannt haben, deren Geschmack sich wenig ändert über die Jahre hinweg. Und immer wieder treiben die Schatten einen, den einen oder anderen Weg noch einmal auszuprobieren, die Orte aufzusuchen, deren Bilder man in sich trägt. Oder vielleicht treibt man auch die Schatten dorthin, wer weiss.

Es kann passieren, dass man dann zum Beispiel in seinem ehemaligen Schulgebäude landet. Und das ist immer noch so, wie man es verlassen hat. Nur vielleicht dunkler, als man dachte. Dunkler im Sinne von Licht durchflutet vielleicht. Vielleicht aber auch dunkler, weil die Erinnerungen heller waren (was nur, wenn die Erinnerungen schon dunkel waren?).

Oder auf Wegen, die man einmal oft gegangen ist. Mit der Frage in sich, wie so wenige Emotionen auf wenigen Metern oder Kilometern so auf Dauer Platz haben, ohne dabei zu bedenken, dass man am Ende nicht der einzige ist, der diesen Weg geht, gegangen ist, gehen wird.

Vielleicht ist das eine instinktive Strategie der Verwirrung der Schatten der Vergangenheit. Bevor sie einen zu sehr verwirren, verwirrt man sie lieber selbst. Schliesslich wissen die Guten bei so einem akuten Durcheinander von Vergangenheit und Gegenwart auch nicht mehr so genau, wohin mit sich. Das erklärt mir zu mindestens die relativ emotionslose Haltung, die man dabei irgendwie hat.

Noch nicht durch das Schulhaus oder den alten Schulweg gelaufen?
Das Haus der/des ersten Freundin/Freundes besucht?
Vor einem ehemaligen Wohnort gestanden?

Sollte man gemacht haben, ruhig auch mehrmals. “Ah ja, sie schreiben immer noch nur den Ersatzplan per Hand | Ah, das Haus da ist neu | der Bahnhof wird endlich neu gemacht | und überhaupt, sah das schon immer so grausam grau und beschissen aus hier?”

“Erwachsen werden”, heisst vielleicht lernen, dass es sehr viele Wege gibt, alle vollgestopft mit Emotionen bis zum Rand. Und im Idealfall hat man mehr als einen zu sehen bekommen. Aber wie sagte mein Deutschlehrer schon: “er versteht ja nicht, warum alle ehemaligen Schüler in der Lehrerausbildung zum Referendariat an die ehemalige Schule zurückkehren.” Ich vermute also schlimmes. Am Ende läuft manch einer den Schatten so lange im Höllentempo davon, dass er nicht mitbekommt, dass er immer den gleichen Weg geht.

Schließlich tun wir das alle schon mehr als genug: gewohnte Wege gehen. Ist auch definitiv einfacher und nicht so sehr anstrengend. Zu mindestens auf den ersten Blick…

Ich erhielt im zarten Jugendalter eine sehr lehrreiche Führung zwischen Vergangenheit und Gegenwart: Ich wurde durch unser ehemaliges Haus geführt. Bewohnt von einem Ehepaar ohne Kindern. Da gab es Frauenzimmer, eine Bibliothek, der Billard hätte in den Keller gepasst. Platz ohne Ende. Und ich war absolut geschockt. Das Ehepaar hatte in meinen Augen den größten Frevel getan: es hat meine Vergangenheit neu besetzt. So, don’t do that! Nicht, wenn nicht ein mächtiges Verlangen nach Vernichtung festgebrannter Bilder existiert.

Auch vermeiden sollte man Auskünfte über frühere Wohnungsbewohner einzuholen. Man will nicht wissen, dass eine Oma in der nun frisch renovierten Wohnung gewohnt hat und nach zwei Tagen im Hochsommer tot auf dem Sofa auf den Teppich gefallen ist und sich dort angenehm verewigt hat. Unverwechselbare Duftnote, man würde Bescheid wissen, wenn bei der richtigen Temperatur wieder so ein gewisser “Omi” Geruch auf kommt.

Im Idealfall machen die Schatten der Vergangenheit eine Begegnung mit der Abrissbirne. Ich weiss jedenfalls sehr zu schätzen, dass das Haus meiner Jugend in absehbarer Zeit abgerissen wird. Das ist der beste Kompromiss, den ich mir vorstellen kann, um die all die Geister und Emotionen frei zu lassen und sich nur noch auf die eingebrannte Bilder verlassen zu können. Die dann nicht mehr verifizierbar sein werden. Kein Besuch des ehemaligen Hauses könnte sie an dem Punkt mehr in Frage stellen. Und das ist toll! Nicht das ich ein unglaubliches Verlangen in mir trage, die Abrissbirne anzusetzen. Es gibt bestimmt Menschen, die es weitaus mehr dazu drängen könnte. Es erscheint mir lediglich eine unglaublich pragmatische Lösung zu sein. Nahezu elegant…

So eine Abrissfirma mit Abrissbirnen in verschiedenen Größen für emotionalen Ballast, bzw. Schatten der Vergangenheit, das ist eine definitive Marktlücke, die noch eine Weile bestehen wird. Ich bin mir nur verdammt sicher, es wird ein Nerd sein, oder eine große Ansammlung von Nerds, die dieses Problem irgendwann angehen und lösen werden. Und es wird daran gearbeitet, ha …

Brain Hacking:

Und tausende toller Google Ergebnisse dazu mehr… Hammer, das wird noch ein feiner Trip.

The upshot of it is, you pump the sound into your brain via your ipod, and you sleep deeply or just relax, feel like you’ve had too much coffee, generate lost time, or even like you’re getting a tooth drilled. And yes, there’s also sexual stimulation, sexual simulation, and LSD simulation

Simulation! Ha… ich bin so was von ein alter Sack, so macht das also inzwischen die Jugend, Komasaufen war gestern, Sound Pumping ist der nächste Trend. Dann sollte das mit der Abrissfirma ja bald Realität sein (und sexual/lsd simulation gibts dann gratis obendrauf, der generelle Akzeptanz der eigenen Vergangenheit Bonus wird ja sowieso inklusive sein).

Klasse, endlich wieder mehr Perspektive im Leben!

{So, Google ist nun auch wieder zufrieden, bekommt er doch wieder die richtigen buzz words geliefert…}