Mrz 2 2011

shutdown -p now

Es mag mich immer wieder verwundern, zu welchen Höchstleistungen der menschliche Körper in der Lage ist. 40° Fieber mit Gliederschmerzen der feinen Art und Weissheitszahn OP gehören aber definitiv zu den aussergewöhnlichen Momenten körperplicher Selbsterfahrung, der ich meine vollste Hochachtung aussprechen muss.

Fieber ist dabei eher der fiese Kollege, der sich schon gemütlich in den eigenen 4 Wänden eingerichtet hat und durch konsequentes Verbreiten von Viren das funktionierende Netzwerk Körper zu gravierenden Fehlfunktionen verleitet. Das fängt bei der Temperatursteuerung an, die Lüfter drehen nicht mehr, alles läuft heiss, die Serverfarm im Kopf produziert hübsche Fehlermeldungen, die es im ganzen Netzwerk systematisch verbreitet. Der Zugriff auf den Speicher wird extrem langsam und das Dateisystem ist sowieso schon hinüber, die 0er und 1er machen teilweise was sie wollen. Aber es ist ja nicht so, dass es keinen Notfallplan gibt. Shutdown -p now. Eine letzte Meldung erscheint im Hirn, nein, nicht “Hello World”, “schlaaaaaaafen”.

6h später reboot, und wenn du weisst, wie sich ein korruptes Dateisystem beim Systemstart anfühlt, dann bist du extrem nah an der feinen Art des Gliederschmerzes. Wenn du es schaffst, dass System soweit hochzufahren und dir sofort ein Schmerzmittel einzufahren, war es kein ganz so fieser Kollege, wenn das System aber sofort wieder abschaltet, try again in 6 hours, und starte dann lieber von einem anderen Laufwerk!

Die Datenschnippsel, die so im Speicher herumschwirren, während man darauf wartet, dass das Antivirenprogramm durchgelaufen ist, die hätte ich allzugerne irgendwo weggespeichert. Es ist schon komisch, wie sich der Körper und das Hirn  in solchen Fällen verhalten. Stöhnen kann durchaus befreiend sein, und die Vorstellung, wie regressiv  das eigentlich ist, ist glücklicherweise nicht existent in solch Augenblicken. Ich frage mich nur, wie der Körper das eigentlich so macht in der Potenz. Also, ein Virenbefall ist ja lächerlich, wie ist dass dann nur bei heftigen Hardwareschaden? Komische Vorstellung das.

Die Zahnschmerzen, die mein System dann irgendwie dauerhaft meldete, waren wohl eine korrupte Datei, die nicht mehr wiederhergestellt werden konnte. Ich entschloss mich letzt endlich dafür, dafür den Fachmann aufzusuchen. In meiner Vorstellung verband ich das stets mit der Metzgerei Abteilung. Mein Zahnarzt war immer leicht verwirrt, wenn ich ihm erklärte, dass mir schon klar sei, dass die Weissheitszähne herausgemetzgert werden müssten, aber er soll jetzt da bitte noch einmal was drauf schmieren, ich habe keinen Nerv gerade für die Metzgerabteilung. Er wiederholte dann mehrmals meinen Begriff mit angedeuteten Gänsefüsschen. Und nein, Metzgerabteilung wird der Zahnchirurgie nicht gerecht. Das ist eher die hochmoderne zivilisatorische Schlachtabteilung im produktiven und professionellen Setting angekommen. Da ist nichts mit Blut, das ist alles ganz nett und lieb gemacht, wenn auch hocheffizient organisiert. Reinkommen, Infobögen ausfüllen, Schufa Auskunfts Berächtigung ausfüllen… jaaaaa… richtig. Einverständniserklärung nennt sich das. Und das Wort machte mich dann doch stutzig, und ich erwarte dann so etwas wie: “Wir werden Ihnen wehtun und Sie werden Schmerzen haben. Jegliche Schäden sind nicht unsere Schuld…”. Aber nein, nach Absatz 2 breiigsten Beamtendeutsch fragte ich, was das eigentlich für eine “Einverständniserklärung” wäre – “Sie müssen das nicht unterschreiben” – “Ach so – aber das geht hier um Schufa und Co., sehe ich das richtig” – “Ja, aber bei Ihnen spielt das ja keine Rolle, das brauchen eigentlich nur Patienten mit hohen Beträgen” – “aah ja, na dann lassen wir das lieber”. Und ich verfluche mich jetzt, dass ich nicht gefragt habe, warum sie es mir dann überhaupt hingelegt hat und ob das dann einfach so jedem Patienten nach dem Patienteninfobogen (2 DINA4 Seiten) nachgereicht wird und überhaupt, was das eigentlich alles soll, ich brauche doch nur eine beschissen Zahn OP. Ich wunderte mich nur still und sah der Dame dabei zu, wie in meiner Akte dick “KEIN XYZ!” angemerkt wurde. Ansonsten wurde man im Schnellverfahren über das bevorstehende informiert. “Also, ihre Weissheitszähne müssen raus” – “deswegen bin ich da” – “gut, dann machen sie einen Termin”.

Wenn ich gewusst hätte, dass die eigentliche Zahnziehaktion nur 15 Minuten dauert, hätte ich darauf bestanden, dass man ihn sofort zieht. So lässt man sich Ibu verschreiben. Ganz gemäß dem Motto, wenn schon Pillen, dann richtig viele von ihnen, muss sich lohnen das ganze. Die OP verläuft dann höchst professionell, ordentlich viele Spritzen für ein ordentlich taubes Gefühl. Dann Tuch überlegen, Lampe voll in die Augen scheinen lassen, darauf bestehen, dass man die Augen geschlossen hält. Und dann metzgern. Und ja, wie, einfach brachial drauf los, also könnte man einen neuen Speedrecord aufstellen. Dabei wird einem gut mütterlich zugeredet: “ich weiss, dass ist komisch und drückt, wir haben es gleich, keine Sorge”. Und man liegt da und denkt sich, krasse Scheiße, voll falscher Film, man spürt kein Schmerz, man ahnt nur das Metzgern, hört es krachen und knirschen und wartet auf den Moment, wo es vorbei ist. Und ist glücklich, dass kein Radio läuft. 5 Minuten später soll man sich erholen und entspannen und dann aufstehen und zur Tür herausspazieren. Die Sonne strahlt, es laufen viel zu viele Menschen einem entgegen und man versucht das Erlebte irgendwo einzuordnen. Der Zahnarzt hat in 15 Minuten mind. 200 € gemacht, die Menschen stapeln sich im Wartezimmer und werden im 15 Minuten Takt durchgeschleust. Das Schmerzprogramm nach 4 Stunden lässt einen ahnen, was da eigentlich abging. Zeit für die dicken Pillen, die müde machen. Shutdown -p now. ASAP!!!

Ich würde ja gerne mal Werbetexter für Oralchirurgen sein: “Kommen Sie zu uns, wir ziehen Ihnen nicht nur ganz entspannt die Zähne, sondern auch gleich noch das Geld aus der Tasche – mit Einverständniserklärung natürlich!”. Oder wie wäre “Brauchen Sie mal wieder wirkliche Schmerzen? Dann sind Sie bei uns richtig! (empfiehlt sich sehr für Liebeskummerpatienten zur Erdung)”

Hach, was freue ich mich auf meine zweite Behandlung! Eine weitere Einheit großartiger körperlicher Selbsterfahrung…


Dez 15 2010

Momente

Der Bienenschwarm im Kopf, die Stunden, die man im Bett verbringt, auf das erste Flugzeug wartend und hoffend, dass dann die Gewissheit einsetzt, dass der neue Tag beginnt und man endlich in den Schlaf findet. Es fehlt das Radfahren durch leere, weite Landschaften. Der Zug ist da kein wirklicher Ersatz dafür. Das Gefühl, aus eigener Kraft angetrieben die Weite zu erobern, muss warten auf leicht mildere Umstände. Und deshalb ist Fliegen auch keine Option. Gedanken reisen gerne langsam und Fahrrad fahren ist genau schnell genug, um den Gedanken leicht davon zu fahren, immer ein Stück voraus. Im Zug oder Auto verschwimmt das schon zu sehr und die Gedanken fliegen wie die Landschaft durch einen hindurch. Deshalb döst man auch gerne irgendwann ein.

Es ist Winter, man merkt es spätestens an den vielen Junkies, die sich nun an der Pankstr lieber unten im Bahnhof aufhalten, als oben auf der Straße. Man bekommt nun weitaus intensiver zu spüren, dass es nicht nur den einen gibt, der immer dasteht und nach Fahrscheinen fragt. Egal wann man in die U-Bahn steigt, eigentlich läuft er er immer im Aufgang herum. Immer gleich zugeballert, der glasige Blick durch einen hindurch oder einem vorbei. Er trägt keine Kapuze oder versteckt sich unter einer Mütze. Er hat nichts zu verbergen, wie die anderen, denen man selten ins Gesicht schauen kann. Er hat viel aufgegeben, nur noch nicht das Leben, noch steht er jeden Tag da und fragt nach Fahrscheinen. Winter ist keine gute Zeit für Junkies. Die BVG hat auch gleich den Zwischengang unter den Rolltreppen zugenagelt. Seit 3 Jahren stand ich immer wieder in dieser Video unbewachte Stelle, durchaus ein beliebter Aufenthaltsort ungewünschter Personen. Manchmal standen mit Kreide geschriebene Nachrichten auf dem Boden, zum Schluss roch es heftig nach Urin. Sie schlugen sich noch ein Loch in die Wand, dass gleich wieder mit einem dicken Brett zugenagelt wurde. Wer nicht vorher wusste, dass es dort einen Zwischengang gab, wird keinen vermissen. Nun müssen nur noch die Berliner Unterwelten Besucher damit klarkommen, von fertigen Gestalten nach Fahrscheinen gefragt zu werden. Es ist immer wieder ein schöne bizarres Bild, wenn die zwei Seiten Berlins aufeinaderkrachen. Weddinger erzählen, dass sich die Junkies immer mehr nach Wedding verlagern, am Kottbusser Tor ist man sie ja leid geworden, deshalb verschiebt man das Problem ein Stückchen weiter. In den Wedding will ja immer noch keiner, und wenn die, die dort sind, auch nicht mehr wollen, dann wird wohl weiter geschoben, weiter an den Rand, dorthin, wo man sie nicht jeden Tag sehen muss und nach Fahrkarten gefragt wird. Vor dem Penny Supermarkt werden Mitbewohner zur “Schlafmittelbeschaffung” im Penny, Weisswein 1,5L für 1,70€ losgeschickt. Das dumme Hausverbot hindert die alte Frau wohl daran. Ich vermute, dass es die Frau war, die früher immer im Penny saß und jeden Einkäufer mit einem Kommentar versah, oder der Bitte nach einem Joghurt. Das war, bevor im Penny dauerhaft Security Menschen sinnlos herumstanden, die mich immer leicht latent aggressiv machen, sobald ich sie nur sehe.

Das Blog wird spätestens ab dem 1.1.2011 nur noch ab 18 Jahren sein und schämen sollte man sich, wenn man es vor 22h besucht! Das ist vor allem für all die Jugendlichen wichtig, die hier landen, nachdem sie “ich bin unterfickt” oder “meine lust ist schneller vorbei als bei meinem freund” suchen (strike! Google verlinkt dazu wohl ja mal genau den passenden Artikel!). Bei dem Thema unterfickt bin ich ja sozusagen nachweislich Kompetenzanlaufstelle, dass dürfte also mindestens schon langen um dann nach drohender Gesetzeslage (man suche nach JMSTV – ansonsten Wikipedia dazu) unter schwert Jugend gefährdend fallen dürfte. Und ich kann nur schwer glauben, dass gerade die CDU das Gesetz aushebeln wird. Dafür klingt es schon viel zu toll: Jugendmedienschutz-Staatsvertrag. Es wird sehr viel Mist dazu geschreibens. Letzt endlich kann ich es nicht fassen, dass unsere lieben Politiker glauben, mit so einem schwachsinnigen Gesetz irgendetwas zu erreichen, als noch eine angespanntere Atmosphäre. Medienkompetenz entsteht gerade da, wo nicht hingeschaut wird. Ich erinnere mich zu gerne an die Comicodyseen jeden Samstag morgen vor dem verbotenen Fernseher, den wir nicht selbst bedienen sollten. Dazu gehörte auch die Angst bei Ronja Räubertochter, wo man an sich wohl noch zu jung für war (der große Bruder nur nicht). Und Steven Kings “Es” hat man auch verdaut bekommen. Ich erinnere mich noch zu gut, wie meine Mutter eine CD meines kleinen Bruders mit schön widerlichen Porn konfeszierte. Da war wohl alles dabei, was es so braucht, Tiere inklusive. Das wurde dann ein wenig eskaliert und es gab in mehreren Familien Stunk deswegen. Am meisten haben die Jungs aber doch vor dem Monitor gelernt. Wenn die Eltern dann noch erklären würden, dass die Menschen es am Ende für Geld getan haben und warum Menschen auf dieser Welt sich entscheiden, so etwas überhaupt zu tun, von dem freiwilligen Motiv bis zu all den Strukturen auf dieser Welt, die Menschen dazu bewegt, zwingt, sich so etwas anzutun, ja, das wäre eine großartige Leistung. Ich kann aber verstehen, dass Eltern nicht unbedingt adhoc eine Erklärung für all diese komischen Dinge auf dieser Welt haben und so nur die Schelte übrigbleibt. Wie will man das alles auch einem Jugendlichen auf einen Schlag beibringen, was man über Jahre an “Medienkompetenzerfahrung” gesammelt hat? Medienkompetenz entsteht da, wo sich ein Jugendlicher mit Medien auseinander setzt. Und das machen sie wahrscheinlich sowieso fast perfekt von alleine, wenn man sie entsprechend lässt, es braucht am Ende auch gar nicht allzu viel Kontrolle dabei. Lieber sollten die Eltern ausschlafen und die Kinder machen lassen. Und beim Frühstück vielleicht mal nachfragen, was die Maus, die Mangafiguren oder whatever heute früh wieder tolles angestellt haben. Ich setze sehr auf das Gefühl des Kindes, dass es schon weiss, was es sehen will, oder nicht. Und ausgeschlafene Eltern, die dann auch mal Lust auf zusammen Spielen haben. Das Kind kommt nicht drum herum, sich selbst seinen Weg durch die Medien schlagen zu müssen. Es ist zum Glück nicht nur Blümchenwiese, alles andere wäre auch langweilig.

Ansonsten war Max Cooper in Berlin, sehr unspektakulär an einem Donnerstag. Es war nicht gut besucht, aber es war verdammt großartig. Sehr! Und da es von Minimal zu Minimal nicht so weit ist, sei noch auf folgende Doku von Arte hingewiesen: Michael Nyman, a composer in progress (Danke für den Link, er war ein wunderbares Wiederaufleben einer Begeisterung!). Und ich möchte unbedingt den Film haben: Love Train (durchklicken). Und falls mir mal jemand etwas schenken wollen würde: http://www.mnrecords.com/ – bei der Collection wäre ich dabei. Und die Man with a movie camera DVDs wollte ich auch schon immer (hierhier und hier). Ich hoffe, die anderen Vertov Filme gibt es auch irgendwann mal…  Überhaupt ist viel gute Musik ein guter Trost für dunkle Zeiten. Und ja, dunkle Zeiten sind es. Man könnte momentan sehr oft über die Menschen, vor allem die, die sich mächtig fühlen, verzweifeln. Es stinkt überall nach Angstschweiss von ihnen und das versaut die gute kalte Winterluft.

Umso schöner die stillen Momente in der Nacht, während Berlins Häuser unter einer Schneedecke eingegraben liegen. Perfekt, um die Gedanken nachts rasen zu lassen… bis wieder die Flugzeuge donnern…


Okt 2 2010

Ich würde gerne…

Ich würde dir manchmal gerne sagen, dass du nur lachen musst. Dass jede Träne überflüssig ist, und nicht nötig. Dass es einfach ist, und nicht kompliziert oder am Ende sogar schwer. Dass du nur träumen musst, und der Rest sich von alleine ergibt. Dass dein Vertrauen in andere Menschen nicht enttäuscht werden wird.

Ich würde dir manchmal auch gerne einfach nur zuhören, während du lachst, und dich nicht von Sorgen und Kummer zerfressen lässt. Dir dieses Gefühl wieder ermöglichen, dass du irgendwann auf deinem Weg des “Erwachsen werden” verloren hast. Dass das Leben unbeschwert und fröhlich sein kann, die verbrachten Tage, die hinter einem liegen, keinen Ballast auf den Schultern bilden, und die kommenden Tage keine Sorgen bereiten, sondern weit weg sind und erst dann anfangen, wenn man aufwacht.

Ich würde dir gerne einfach nur dabei zuschauen, wie du durch dein Leben tanzt, ohne dabei an die Konsequenzen deines Handelns denken zu müssen. Ich würde dir wirklich gerne sagen, mache die Augen zu und schlaf einfach ein, morgen ist ein neuer Tag, frei von jeglicher Last und Erwartung, frei, um von dir erlebt und erobert zu werden.

Ich würde dir eigentlich auch gerne sagen, dass es sich lohnt zu glauben. An irgendetwas, sei es den lieben Gott, die Menschen, dich oder an die Liebe. Vielleicht auch, dass es sich lohnt, zu kämpfen.

All das würde ich manchmal wirklich gerne, aber mir fehlen die Worte, um es dir sagen. Und es ist nicht so, dass ich nicht genügend Worte in mir habe, aber immer, wenn ich versuche so etwas zu sagen, kommt das Gegenteil davon aus mir heraus, vielleicht weil es ansonsten einem Verrat an meinem eigenen Leben gleich kommen würde.

So schweige ich und höre zu, wenn du traurig oder voll Kummer und Sorgen bist. Ich höre mich Sätze sagen, wie: “das ist auch nicht so einfach” oder “da musst man durch”. Ich überlege, wie man dir etwas von dem Kummer und den Sorgen nehmen könnte, bleibe aber Ideen- und Ratlos. Und ich falle immer wieder darauf zurück, dass man Kummer und Sorgen niemanden abnehmen kann, genauso wenig, wie man für andere den Toilettengang verrichten kann. Ich stehe nicht so auf Lügen und Illusionen…

Ich versuche ein Gespräch über Träume zu vermeiden und wenn das Thema den Begriff Vertrauen kreuzt, bin ich nicht wirklich derjenige, der für andere Menschen einsteht, zu schwer wiegt wahrscheinlich der eigene Ballast an Enttäuschung und der Ahnung, dass man genauso Mensch ist. Und bzgl dem unbeschwerte Gefühl der Kindheit: wir dürfen uns nun eben glücklich schätzen, wenn wir es bei Kindern beobachten dürfen. Ich weiß dabei aber nicht einmal, ob es sonderlich fair den Kindern gegenüber ist, es ihnen möglichst lang zu erhalten.

Und das mit dem Glauben, dass ist auch nicht gerade so einfach wie es scheint. Der liebe Gott und ich haben uns einmal auf dem Balkon recht einseitig gestritten, mein Vater konnte das nicht wirklich ausgleichen, ausser mir Verständnis dafür zu verschaffen, dass man schon an etwas glauben darf und kann, aber die Gründe dafür nicht wirklich erfassbar sein werden und der Glaube an sich oft mit einer komischen Erwartungshaltung belastet ist. Und ja, man kann auch an die Liebe glauben, aber über nichts kann man sich so prächtig streiten, wie dieses Wort, das sehr schnell in einem Leben überstrapaziert wird. Und letzt endlich bleiben mir Menschen leicht unverständlich, die allzu sehr an die Liebe glauben. Das hat letzt endlich den gleichen Geschmack, wie die “Gott/Glauben” Sache. Es braucht auch sehr viel Hass, wo viel Liebe sein soll…

Es bleibt nicht viel übrig, was man eigentlich noch sagen könnte oder wollen würde. Es bleibt ein Schweigen und eine Zurückhaltung. Und die Einsicht, dass es grober Unfug wäre, dir das nehmen zu wollen, was dein Leben ist, war und sein wird. Nein, es wird wohl nicht einfacher, am Ende eher schwerer und komplizierter. Vielleicht gleicht der unbeschwerte Tanz auch mehr einem tollwütigen Herumgespringe zwischen den Grenzen, die man zu verschieben versucht. Und auch wenn das Lachen seltener wird, es ist schwer bis unmöglich, es ganz zu verlernen, genauso wie das mit dem nicht Nicht-Glauben hinhaut, man glaubt dann ja immerhin an das Nicht-Glauben.

Wenn man Menschen lieben oder hassen kann, dann genau wegen den Drang es immer wieder zu versuchen, zu glauben, lieben, kämpfen, träumen, lachen, weinen oder ganz einfach, zu leben. Und an dieser Versuchung immer wieder neu zu verzweifeln. Das ist so verdammt ehrlich und direkt. Und das ist wunderbar so.

Dir das alles “ersparen” zu wollen, würde das unmöglich machen. Deswegen schweige ich lieber (ich bin selbst weit davon entfernt, passende  Antworten für mich zu haben) oder entgegne mit Worten, die zwar ehrlich sind, aber keinerlei Trost bieten. Nehmen könnte ich dir nur ein Stück ehrliches Leben und ich finde es wertvoller ein Stück von diesem stillschweigend miterleben zu dürfen. Es ist so ein großes Geschenk.


Sep 20 2010

Pianocity Berlin

Irgendwann war einmal eine Idee, die man eigentlich ganz gut fand, doch je mehr Nächte man darüber schlief, desto mehr Bedenken kamen einen. Noch dazu war das Problem der Durchführung nicht einfach ohne eigenen Aktionismus durchführbar. So bleiben Ideen gerne liegen, und liegen. Wenn man sie allerdings nicht vergessen kann, sollte man sie dann vielleicht doch einmal Realität werden lassen.

Das als knapper Hintergrund, wie es dazu kam, dass ich mich im Frühling auf pianocity-berlin.com angemeldet habe. Mir erschien es allzu praktisch, sich sozusagen dazu zu zwingen (zu lassen), die ursprüngliche Idee endlich in die Tat umzusetzen. An Pianocity Berlin entzückte mich die Idee, Berliner Klaviere gebündelt erklingen zu lassen. Es erinnerte mich ein wenig an die Berliner Klaviere, die man dieses Jahr in Berlin in den Parks finden konnte. Beides fand ich unglaublich charmant. Dass Pianocity Berlin nun auch ein Web 2.0 Festival ist, nunja, so ist das wohl heutzutage, es braucht halt auch einen leicht faden Beigeschmack (ist das eigentlich nicht schon voll Web 3.0, vom Netz zurück ins real life und so?)

So kann man sich nun durch sehr viele Videos klicken und irgendwelchen Pianisten dabei zusehen, wie sie komische Dinge in eine Kamera erzählen und ihr Können demonstrieren. Und wenn man es lieber geordnet hat, dann klickt man sich durch das Programm und bekommt dort die über 70 Pianisten, die an den zwei Tagen (23./24. Oktober) spielen werden. Kann man ganz schick auch nach Stadtteilen und Tagen filtern. Natürlich kann man sich dann auch eine Karte für 5,- € kaufen und an einem der Konzerte teilnehmen, sich in irgend ein fremdes Zimmer setzen und Klaviermusik lauschen, das ist sozusagen die Idee von Pianocity Berlin. Und ich finde, sie haben durchaus ziemlich interessante Leute angesammelt (wem es unter dem Dach mit 15 anderen zu eng ist, der ist vielleicht bei Simon James Phillips am Samstag 17h mit 150 PLätzen besser aufgehoben). Es lohnt sich auf jeden Fall, im Programm zu stöbern!

Und damit wären wir wieder bei der ursprünglichen Idee. Und bei der Idee ging es nicht nur um Klaviermusik, sondern auch um Bilder, Fotos von Jan Michalko um genau zu sein. So ungefähr, weil Jan sich immer beschwert, dass ich nie öffentlich spiele. Mache ich, wenn ich zu deinen Bildern spielen darf, war mein Einwand. Das würde mir immerhin ermöglichen, einmal ordentlich Danke zu sagen, weil Fotos und das, was beim Schauen auf Fotos in einem passiert, das bekomme ich nie so wirklich in Worte gefasst, ausser vielleicht der Aussage, dass dieses oder jenes Foto wirklich ein tolles Foto ist. Diese Idee ist nun schon ein gute Weile lang “in Planung” gewesen. Am 23. Oktober um 21h wäre es nun soweit. Und da wir beide im Wedding zu Hause sind, vertreten wir damit den Stadtteil Wedding, wahrscheinlich auf die eher entspannte Art und Weise, ohne ausgedrucktes Programm und in ganz alltäglicher Kleidung, in kleiner gemütlichen Runde.

Wer also Lust darauf hat, das Klavier, dem man hier vielleicht schon einmal zugehört hat, ohne digitale Verarbeitung dazwischen zu hören, und/oder Fotos von Jan im neuen Kontext zu erleben, es wäre nun die Möglichkeit gegeben…

Piano City Berlin


Jul 20 2010

Berlin-Usedom Box

Es gibt nicht so viel, was mich so sehr begeistert (hat), dass ich gerne und komplett aus freien Stücken dafür Werbung machen würde. Deswegen ist das hier auch mehr ein Dankeschön, das mindeste was man nach solch einem Erlebnis machen kann. Aber gerne auch Werbung, wenn man es so verstehen will. In diesem Fall wüsste ich nichts dagegen einzuwenden.

Auf dem Weg von Joachimsthal nach Prenzlau liegt kurz vor Prenzlau auf der linken Seeseite Zollchow. Und dort steht direkt am Berlin-Usedom Radweg eine rot/orange Box, die Berlin-Usedom Box. Wenn man die vielen Websites zum Berlin-Usedom Radweg durch hat und dann irgendwann bei der Box gelandet ist, dann ist es allein schon ein optischer Augenschmaus und eine klare Botschaft für das Design verwöhnte Auge: hier bist du richtig. Wer solch ein Logo hat, muss auch im Rest irgendwie passen. Als dann um 23:30h die Buchungsbestätigung kam, war die Freude groß, eine Alternative zu den sonst sehr zahlreichen, gern ausgebuchten “Pensionen” und Hotels zu haben.

Denn es wird entlang des Radweges hauptsächlich deutsche Kultur gepflegt, das merkt man spätestens in einer der Pensionen oder einem der Restaurants, in denen man viel Fleisch ab 10 € bekommt. Aber ansonsten auch nicht so viel. Gerichte wie Kuhfladen, Pferdeäpfel und Hühnermist. Schön deftig, sorgt schnell und effektiv für einen vollen Magen. Aber die Karten der Restaurants sind so ziemlich überall gleich, es bleibt also die Wahl zwischen Steak, Schnitzel und vielleicht noch Fisch.

Wenn das also schon hinter einem liegt und dann in Zollchow an der Box hält, kann man sich freuen, inmitten deutscher Lebens- und Esskultur eine kleine Oase zu finden. Eine Oase voller Herzlichkeit, das vorne weg. Es ist schön, wenn man mit einem Lächeln begrüßt und willkommen geheißen wird.

Das was die zwei Schwestern dort aufgebaut haben, steckt voller Liebe und Idealismus, und das bekommt man ab dem Augenblick zu spüren, ab den man vom Rad abgestiegen ist.

Eine kleine Lampe und einen Schlüssel für eine der Boxen (falls man sich eine genommen hat und nicht den Zeltplatz benutzt). Dusche, Toilette und Abwaschbereich vorhanden, kein Strom in der Hütte. Kleine weiße Holzhütten auf einem kleinen Feld, mit Bett, Stühlen und einem kleinen Tisch und ein wenig Abstellplatz. Herrlich minimal. Das Fahrrad hat einen eigenen dicken Holzbalken zum anlehnen und ansperren. (Allein so ein Holzbalken kann mich schon unglaublich erfreuen, die perfekte Lösung, um ein Fahrrad schnell und sicher anzusperren. Das verstehen so wenig Menschen.)

Dann kurz in den See (ein paar m weiter) gesprungen, aber danach sollte man sich dann hinter die rote Box unter das Sonnensegel setzen und die Speisekarte anschauen. Und spätestens dann sollte es klar sein, dass man dort gut aufgehoben sein wird. Ich verrate keine Gerichte, es sind nämlich wenige, die zur Auswahl stehen. Aber egal ob Frühstück, Kaffe/Kuchen, Salat oder etwas für den großen Appetit: Es war alles vorzüglich, eine reines Gaumenfest. Denn so etwas hatte ich der Uckermark dann doch nicht mehr zugetraut. Das was man bestellt, kommt mit so viel Liebe angerichtet an den Platz, dass schon beim Anblick des Essens erfreuen lässt. Es war mir zwei Tage ein unglaublicher Gaumenschmaus. Nicht schwer wie die Steaks, leicht und vielseitig, auch ohne Fleisch. Minz- und Ingwertee dazu. Eine Speisekarte die mich an meine geliebte Schulkneipe Balazzo Brozzi erinnerte. Und die Preise darf man ebenso wenig verraten wie die Gerichte. Zu billig für das, was man bekommt. Man fühlt sich fast schon schlecht mit dem Preis, wenn man sich den Tag davor ein Steak für 12 € einverleibt hat.

Wenn man dann mit runden Bauch noch eine Runde Entspannen will, gibt es Liegestühle oder Sitzkissenflächen und leckeren Kaffee/Kuchen oder Tee. Alles eher schlicht und einfach gemacht, aber eben schön und mit viel Idealismus. Ich fühlte mich sehr gut aufgehoben, ein wenig wie “coming home”. Man ist schnell in Gesprächen mit anderen Menschen, die dort vorbeikommen, verwickelt. Und die Begegnungen haben am Ende den gleichen Charme wie der Ort, an dem man sich trifft. (Das Frühstück bekommt auch eine Zeltnacht wieder wett gemacht!)

Der einzige Minuspunkt könnten die Mücken und Bremsen sein. Die sind ab 22h spätestens höchst aggressiv, aber zum Glück hängt in der Hütte ein Moskitonetz.

Wenn ihr euch also auf dem Weg macht: dort anhalten und die Seele baumeln lassen und den Gaumen verwöhnen! Geht auch gut einen ganzen Tag lang. Der Sternhagener See ist nebenan und paddeln ist auch möglich. Es ist fast schade, dann doch wieder gehen zu müssen. Es bleiben aber nur gute Erinnerungen.

Berlin-Usedom-Box

Vielen, vielen Dank an die Berlin-Usedom Box Betreiberinnen. Ich fühlte mich selten so herzlich aufgenommen wie bei euch. Ein Ort voller Ruhe und ohne Hektik. Ich wünsche euch sehr, dass euere Box weiterhin eine solche Perle am Berlin-Usedom Radweg bleibt und viele andere Menschen von Mai bis September bei euch vorbeischauen. Ich werde wieder vorbeikommen, ganz sicher…