Jun 26 2010

WM und so

Bitte sofort Teil 18: Spinne im Fussballfieber (aus der Kloß und Spinne Reihe von Volker Strübing) anschauen.

Und dann feiern über die bisher beste Zusammenfassung dieser ganzen WM Sache:

Man, wir leben in der Konsumgesellschaft. Wir sind Sisyphos auf einem Laufband, das angetrieben wird vom Perpetuum Mobile aus Bedürfnisweckung, Bedürfnisbefriedigung und Enttäuschung. Die besonderen Anläße sind das Schmiermittel dieser Maschine und der Ersatz für einen Sinn und ein Ziel. Ohne sie würde es Knirschen im Getriebe und früher oder später würde alles zusammen brechen.

Niemand kuckt gerne Fussball. Warum sollte jemand gerne Fussball kucken? Da sind nur ein paar 100 Millionen Menschen, die _glauben_, dass sie gerne Fussball kucken. Der Glauben an die Freuden des Fussballkuckens ist allerdings für deren Existenz genauso wenig Beweis oder auch nur Indiz, wie man aus dem Glauben einiger 100 Millionen Menschen an einen Gott  auf dessen Existenz schließen kann. … Das ist alles Selbstsuggestion, Massenhysterie und eine Gehirnwäsche gigantischen Ausmaßes. … Ein Gläubiger spürt auch die Liebe des Gottes, an den zu glauben er sich ausgesucht hat. Spaß am Fussball – so ein Quatsch. Was soll denn daran Spaß machen.

Grandiose weitere Folge einer nur empfehlenswerten Reihe! Wer sich noch nicht dort verloren hat: http://volkerstruebing.wordpress.com/klos-und-spinne/


Jun 21 2010

Mein bester Freund

Zeit für einen rant der grundständigen Art.

Es sei darauf hingewiesen, dass folgende Bemerkungen nur meine eigene Meinung widerspiegeln. Jegliche Annahme, dass ich hier allgemein gültige Aussagen treffe, will ich hiermit grundsätzlich in Frage stellen. Mir ist sehr wohl bewusst, dass meine Meinung an vielen Punkten nicht der Meinung von vielen anderen entspricht. Aber man darf ja zum Glück noch seine eigene Meinung haben.

Ich bin es extrem leid, mich immer wieder erklären zu müssen. Das muss ich nämlich ständig, so ungefähr fast immer, wenn man mit anderen Menschen zusammenkommt und das Anliegen weder Arbeit noch ein zukünftiges Projekt in der Entstehungsphase ist. Dennoch kann man selbst dort in Erklärungsnot kommen. Am häufigsten aber, wenn es um das Feiern oder Festlichkeiten geht.

Egal ob ich nun in Amsterdam oder Berlin die eigenen vier Wände verlasse, es begegnet mir immer wieder die gleiche Erklärungsnot. Die Erklärungsnot, die nicht einmal durch viele Jahre Konfrontation mit dieser Frage verschwindet, wie sonst eigentlich bei jeder anderen Frage. Man wird älter, und die Fragen bleiben sich recht ähnlich. Den meisten kann man also sehr gelassen entgegen blicken, angefangen bei “wie geht’s”, “wie läufts”, “was machste denn gerade” oder “na?”. Das bekommt man inzwischen je nach Lust und Laune entsprechend abgefertigt. Ohne feuchte Hände oder ein schlechtes Gewissen.

Nur eine Frage blieb über all die Jahre gleich und immer wieder aufs neue ein Fest (der eher unangenehmen Art). Und in den wenigsten Fällen wird sie überhaupt ausgesprochen, aber sie steht fast jedem, der dieses Fass aufmacht, ins Gesicht geschrieben. Dem, der mich im Club fragt, was ich trinken will und nicht “Bier” oder sonst ein alkoholisches Getränk als Antwort präsentiert bekommt. Oder dem, der mir in einer Runde den Wodka oder Wein weiterreicht und ich ihn wortlos weitergebe. Und das waren die harmlosesten Situationen. Kompliziert wird es im Ausland oder in familiären Kontexten. Der liebe Vater der Freundin, der nicht verstehen will, dass er keinen Verbündeten in dem Freund seiner Tochter hat. Im Ausland die Menschen, die jemanden, der keinen Alkohol trinkt, anscheinend noch nie kennen gelernt haben. Menschen aus dem Osten haben dafür definitiv kein Verständnis und sie ignorieren einfach fleissig alle voraus gegangen Erklärungen. Sie haben noch so fleissig genickt und zugestimmt, ihr eigenes Alkohol Problem analysiert, aber dann doch wieder einen Scharfen vor einen abgestellt. Genauso, wie in einem Griechenlokal zur Begrüßung erstmal ein kleines Gläschen gereicht wird, ohne dass man danach verlangen würde.

Es gibt ungefähr wirklich verdammt, verdammt viele Situationen, in der der Genuss von Alkohol vorgesehen ist und ich vermute, kaum einer ist sich dessen in irgend einer Weise bewusst, weil das kein kurzes Brainstorming wäre, die Sammlung ist unendlich lang. Und ich glaube, ich habe eine gewisse Vorstellung, was ein trockener Alkoholiker alltäglich durchmachen muss. Und ich vermute sehr, dass es absolut widerlich sein muss, sich penetrant immer wieder seiner Laster erinnern zu lassen. Sich ebenso immer wieder erklären zu müssen, eine Erklärung parat zu haben. Mich wundert die Erklärungsformel der Anonymen Alkoholiker nicht mehr, ich verstehe sie vielmehr als notwendiges Übel, um sich mehr Stress vom Leibe zu halten, weil definitiv: diese Erklärungsformel funktioniert wunderbar, man hat damit sofortiges Schweigen erzeugt und bekommt keine weitere Frage.

Meine Lust ist dennoch verschwindend gering, mich als trockenen Alkoholiker auszugeben. Das bin ich nicht und war ich nicht. Ja, die Droge ist mir nicht unbekannt, ich habe sie selbst von 14-16 erfolgreich viel konsumiert. Und unter viel kann man durchaus die bayerische Messlatte anlegen. Scharf war mir nie scharf genug, ab 80% (Strohkorn) fand ich es körperlich definitiv interessanter als der grenzenlosen Konsum von Bier und Wein, was mir nie wirklich schmecken wollte. Ich habe es definitiv nicht mit herben Getränken. Nicht ohne Grund ist mir eine Coke (Spezi!) jederzeit lieber als die Vorstellung eines süffigen kalten Weizens. Es gab in den letzten 10 Jahren keinen einzigen Moment, in dem ich Sehnsucht nach einem alkoholischen Getränk hatte. Keine Minute, keine Sekunde hatte ich etwas vermisst, es gibt genug nicht-alkoholische Getränke, die geschmacklich nichts vermissen lassen. Vermutlich bin ich da Kind geblieben. Aber  selbst das Radler im Sommer unter der Sonne schmeckt eben nach Bier, das wiederum hinterlässt immer einen schalen Nachgeschmack und schmeckt eben vor allem auch nach einem: Alkohol. Und den Geschmack bekomme ich inzwischen so gut heraus sondiert, dass ich mich durchaus an dem Vegetarier messen kann, der ein Essen, dass mit dem Fleischkochlöffel umgerührt wurde, nicht anrührt. Nazitum und so… aber ich habe jetzt noch nicht mit Essen, ergo Kuchen, Soßen, Pralinen und all dem Geschnodder angefangen.

Den Alkohol Geschmackssinn habe ich mir schon bei sogenannten Begrüßungsdrinks bestätigen lassen. Der Kellner, der versichert, dass da kein Alkohol drin wäre, nein, so gar nicht. Auf erneute Nachfrage dann aber doch ein Schuss Sekt drin war, aber wirklich, das sei nicht der Rede wert, nur so ein klitzekleines Tröpfchen. Und ich war froh, dass ich doch Recht hatte, einen ganzen Tisch um mich herum, der absolut davon überzeugt war, dass kein Alkohol enthalten wäre mir gegenüber. Inzwischen trinke ich es einfach und vertraue auf meine Geschmacksnerven. Das Nachfragen und Diskutieren erspare ich mir, das ist nur von Vorteil, wenn man von Anfang an eine komplizierte Atmosphäre schaffen will.

Was wiederum eine wunderbare Überführung ist: Überhaupt, man sollte es so wenig zum Thema machen, wie möglich. Weil alles andere führt nur zu sehr komplizierten Situationen, die man in den seltensten Fällen haben will. Im Idealfall ignoriert man das einfach und spielt mit, soweit es irgendwie möglich ist. Ein Arrangement zu finden für sich selbst, ist nicht immer unbedingt leicht. Egal, wie sehr man Fussball und Alkohol hasst, man muss sich arrangieren, irgendwie mitreden können, sonst bleibt man verdammt oft komplett aussen vor.

Man nehme eine ganze normale WG Party. Eine Wohnung vollgestopft mit Menschen, vorzugsweiße im Winter. Rauchen ist nur auf dem Balkon. Das ist absoluter fail nr. 1. Wo nicht geraucht wird, ist es meist nicht so ganz durch, da kann man frühestens um 1-2h zum Indoor Rauchen übergehen, weil alle genug im Kasten haben. Bis dahin ist aktives Trinken angesagt. Leitungswasser vs. Bier und andere alkoholischen Getränken. Man unterstehe sich, an der Cola zu bedienen. Die bösen Blicke der Cocktail Fraktion sind einem damit 100% sicher. Und spätestens ab dem zweiten Glas wird man darüber aufgeklärt, dass man die Coke noch für andere Dinge braucht. Also einfach mit Bionade einlaufen, das löst ein wenig das Problem.

Und wenn man dann mit jemanden redet, anstößt oder gefragt wird, was man trinken will, dann kommt es ganz schnell zu folgenden Gesprächen, vor allem mit Frauen irgendwie, Männer sind anscheinend dann doch von Natur aus mehr zweifelnder Natur, was weiss ich.

“Fährst du noch oder wie? – Naja, mit dem Rad und der BVG vielleicht? – Aha – Pause – Hast du wohl gestern zu sehr gefeiert? – Eigentlich nicht, ich trinke gewöhnlich kein Alkohol. – Wow, wirklich? – Schon, ja. – Krass, so gar kein Alkohol oder wie? – Ne, eigentlich nicht, schon so seit über 10 Jahren nicht. – Waaaaaas!? Das ist ja krass!!!1elf! – Pause – und warum machst du das so? Hast du mal schlechte Erfahrungen damit gemacht oder wie? (Ganz beliebte Frage im sozialen Umfeld – eine andere Version wäre: Aus Überzeugung oder wie? Nebenbei bemerkt, mich hat noch _nie_ jemand gefragt, ob ich denn dann so zum Islam tangiere, von wegen Bart und so. DAS fände ich mal naheliegend.)”

Und was soll man dann nun erzählen?
Ich habe ungefähr x verschiedene Antworten darauf parat. Und je nach Milieu funktionieren die auch entsprechend gut. Nur ist von da an so eine Art Schublade offen, in die man gepackt wird. Es gibt, vor allem bei Frauen, danach keine wirklich bohrenden Fragen mehr. Ich weiss ja nicht, ob da so ein Selbstreflexionsmoment einsetzt oder was auch immer daran interessant sein sollte, um sich weiter darüber zu unterhalten, oder ob ich doch ein wenig der Fähigkeit meines Vaters geerbt habe, gute Geschichten zu erfinden. Meine Lust auf weitere Ausführungen gehen inzwischen gegen absolut null. Weil es meiner Ansicht nach absolut Scheiss egal sein sollte, ob man nun trinkt, kifft, spritzt, whatever. Keiner will als Spiegel für einen anderen herhalten. Und warum gerade ich dann als Saubermannprojektionsfläche dienen muss, ist mir ein absolutes Rätsel. Es gibt wenigstens Männer, die auf die großartige Idee kommen, doch noch einmal nachzufragen, wie koscher das eigentlich dann so ist an sich. Aber wer mich in die saubere Schublade stecken will, why not, es soll mir eine Freude sein.

Solche und andere dumme Unterhaltungen hat man dann, bis die Stöcke aus den Ärschen verschwinden, der Pegel passt, und alles so langsam einen Sinn macht. Wunderbar, dann kann man rauchend und grinsend durch die Wohnung eiern und seinen Spass mit den eingepegelten Leuten haben. Doch Alkohol alleine hat ein relativ kurzes Peak, es ist meist schneller vorbei, als es eigentlich wirklich angefangen hat. Ab 5 wird es in den WGs oft trostlos und langsam leer. Der harte Kern der noch durch die Wohnung fällt, den Blickwinkel auf ein Minimum zusammengeschrumpft, Bierflasche links und rechts mitnehmend. Mir tut das immer ein wenig weh, dass schale Bier, dass zwischen die Dielen fließt. Der Teppich mit den Brand,- und Rotweinflecken. (Ich bin Raucher und habe es noch _nie_ geschafft, ein Brandfleck in einen Teppich zu setzen.) Es ist ja meist nicht die eigene Wohnung, aber es bleibt mir ein Rätsel, wie man sich so zusammenrichten kann, dass man so etwas nicht mehr mitbekommt.

Und genau das ist der eigentliche Rant Grund.
Nein ich verstehe es nicht und ich habe kein Verständnis dafür. Es macht mich mitunter verdammt aggressiv, als Anwesender zu dieser Gattung Mensch zu gehören. Wie schon erwähnt, ich habe getrunken. Ich habe mich an dem versucht, was mir vorgelebt wurde. Habe Alkohol auf meinen Schädel angesetzt, doch das, was ich bei vielen anderen beobachtete, wollte bei mir nicht klappen. Und ich versuchte es fleissig, auf eine sehr kranke Art und Weise. Mein Schädel war immer auf dem Hals, Blackouts fährt man vielleicht ab 2 Promille, ich weiss nicht, ich habe es nicht geschafft. Der Kopf rotierte immer weiter. Und es wäre mir ein verdammter Genuss gewesen, dass man ihn mit Alkohol zum Stoppen bringt. Ausschalten und vergessen. Die viel gepriesene enthemmende Wirkung. Das wollte alles bei mir nicht wirklich. Und ja, man kann seinen Kopf versuchen denken zu lassen, dass man nun enthemmt sei und sich so verhält, wie es andere enthemmte Menschen um einen herum tun. Aber da ist so unglaublich verkehrt in sich…

Ja, ich finde es schwachsinnig, das Verbrechen unter Alkoholeinfluss anders bewertet werden. Darin sehe ich keinerlei Sinn und keine Veranlassung, es zu tun. Unzurechnungsfähigkeit sollte definitiv an andere Faktoren gebunden sein. So ist es nur eine Methode, billig wegzukommen. Und das ekelt mich definitiv an. An dem Punkt sollte man vielleicht auch einmal ansetzen, wenn man es wirklich mal ernst meinen würde mit dem Vorgehen gegen Gewalt gegen Kinder bis hin zu dem, was man hierzulande unter “Kinderpornografie” versteht (aber jeglicher Gebrauch dieses Wortes schon die Denke anzeigt, dass das Kind das am Ende ja noch selbst wollte…)Die gesamte gesetzliche Behandlung von Alkohol ist absolut lächerlich. Warum sollte man unter Alkoholeinfluss fahren dürfen, wenn man unter keinem anderen Drogeneinfluss Auto fahren darf? Und nein, sollen sie ruhig betrunken fahren. Ich vertraue sowieso keinem Autofahrer. Man ist im Verkehr auf die Regeln und vor allem auf die eigene Vorsicht angewiesen. Das ist das Spiel, das können wir gerne so spielen. Pass auf dich auf, egal auf welcher Seite und denk vor allem an die Anderen, die schwachen und ungeschützten Spielmitglieder. Ich hab nichts gegen, ich habe aber etwas gegen inkonsequente Regeln. Die machen nur die falsche Tür auf. Und übernimm Verantwortung für dein Handeln.

Das sollte grundsätzlich die Hauptspielregel sein. Denk auch einmal an die anderen. Und Alkohol ist an dem Punkt absoluter Oberfail. Ich habe mich definitiv mit vielen Menschen beschäftigt, die irgendwie unter irgendeinen Drogeneinfluss standen. Und keine Droge ist genau an diesem Punkt so widerlich (vielleicht Kokain mit Alkohol kombiniert) im Zusammenspiel mit der Natur vieler Menschen. Alkohol ist penetrant und macht Menschen penetrant, ich würde durchaus sagen, penetrant dumm, aber vor allem eins: Alkohol ist eine absolute Ich-Bezogene Droge. Obwohl sie eigentlich meist im Kollektiv konsumiert wird, treten unter Alkoholeinfluss verdammt, verdammt oft die Egos zu Tage und präsentieren sich im hässlichsten Gewand. Und bei verdammt vielen Menschen tritt der am Ende sowieso verstümmelte Sinn für andere Menschen um einen herum komplett in den Hintergrund. Und das ist widerlich. Das ist einfach meist verdammt unschön anzuschauen und mitzubekommen und mit einer enormen Portion Fremdscham versehen. Und das verstehe ich nicht. Warum es so sein muss, warum Enthemmung eine verdammte Konstruktion sein muss, die man auf der Tanzfläche in Form von ratternden Rädchen im Hirn bei vielen Männern beobachten kann. Es ist billig und es ist schlecht, und es gibt keine Schmerzgrenze dabei. Ein völlig zugedröhnter Mann kann eine ganze Tanzfläche leer fegen ohne mitzubekommen, wie sehr sein Verhalten langweilt. Und es wird akzeptiert. Keiner haut ihm aufs Maul. Das verstehe ich nicht. Es gibt aber Gründe, warum früher und auch noch heute in gewissen Gegenden an Holzpfähle gebunden einen feinsten Drogencocktail eingefahren bekommen. Die wissen schon, warum sie diese Männer nicht frei herumspringen lassen. Das ist Selbst,- aber vor allem auch Gemeinschaftsschutz.

Nein, ich habe nichts gegen Enthemmung und Ekstase. Das geht voll in Ordnung. Aber ich habe auch nichts gegen gegenseitige Rücksichtnahme und eine weite Wahrnehmung, keinen Tunnelblick. Das würde auch voll in Ordnung gehen. Generell, so ganz generell. Leider auch abgesehen von den Drogen. Ich vermisse den weiten Blick generell. Es gibt so einige Menschen, die das ganz gut hinbekommen mit dem weiten Blick, dafür liebe ich sie.

Und ja, es gibt Menschen, die verlieren selbst heftigste zugedröhnt mit Alkohol diesen Sinn nicht. Die während einer Küchenausklingparty als erste hören, wenn sich der Nachbar im Hof beschwert und die Musik leiser macht, während alle anderen sich volltrunken beschweren und wieder aufdrehen. Das sind auch die Menschen, die mitbekommen, wenn einer/eine vor lauter Enthemmung sich zurückzieht und irgendwann kotzt, der Wasser und Eimer bringt, der sitzen bleibt, bis dieses fertige Etwas friedlich schläft, während alle anderen schlafen. Und es freut mich wirklich, wenn ich so etwas erleben darf. Leider sind es am Ende oft auch die, die dem Alkohol sehr verfallen sind. Die schon weit über die Enthemmung hinausgeschossen sind. Klarer Level generell. Aber das ist nicht zwingend, es gibt auch Menschen mit generell freien Wesen. Vor ihnen ziehe ich meinen Hut so tief ich kann!

Ich habe nichts gegen Alkohol, genauso wenig wie ich zum größten Teil keine Vorbehalte gegen andere Drogen habe. Ich habe nur etwas dagegen, wie Menschen mit dieser Droge umgehen. Und in den aller meisten Fällen kotzt es mich verdammt an, wenn Alkohol alleine im Spiel ist. Ja, ich mag all die anderen Druffies für ihre Art zu zelebrieren und feiern, und es ist mir 10 Mal lieber, Pillen- und Pappenheiner um mich herum zu haben, als eine vollgedröhnter Alkigruppe.

Menschen verhalten sich unter Alkoholeinfluss im Regelfall ausserdem verdammt durchschaubar. Oder am Ende ist das nur Teil des Enthemmungsspiels.

Und ja, auch wenn Doktoren unter Alkoholeinfluss feiern, ist das auch ein absoluter fail. Der Stock sitzt schon ein wenig tiefer, und da braucht es obendrauf noch billige Animationsmusik: “Könnt ihr nicht was mit mehr bums spielen? – Ne, Bumsmusik haben wir nicht, wir haben nur Techno. – Nee, also Bumsen ist jetzt schon ein anderes Thema, das meinte ich auch nicht gerade, obwohl ich das auch schon länger nicht mehr getan habe… – sehr hilfreich, wenn man sich dann zu seinem jüngeren Bruder umdrehen und fragen kann, ob er denn Bumsmusik für die unterfickte Dame haben würde (gewünschte Bumsmusik war übrigens Nena – 99 Luftballons, die Dame torkelnd)” – Nein, so eine junge Doktorandin, die zu späteren Stunde noch lallend verteilter Menge tiefer blicken ließ, wie die Welt hinter der PrinzessinEgoBrille so aussieht, das löst nur noch Kotzreiz in mir aus, vor allem wenn man mir dann noch meine kongeniale Zusammenfassung ihrer Frage übel nimmt. Da kann ich gut und gern auf all diese Enthemmung verzichten. Lieber bekomme ich mit, was um mich herum passiert, auch wenn es ein kotzender Mensch ist. Und brenne mir solche Momente ein. Sie lassen Menschen dann doch besser einschätzen, auf was man sich so im Extremfall vorbereiten müsste.

Drogen sind nicht das Problem, es ist das Problem, wie mit ihnen umgegangen wird. Und der Umgang mit der Droge Alkohol, den finde ich über alle Geschmackskomponenten hinweg so widerlich im Nachgeschmack, dass ich in mir keinerlei Veranlassung finden kann, zum Glas zu greifen. Mit der Ausnahme von wenigen Jahren mein gesamtes Leben war das bisher so, und ich sehe an dem Punkt keinerlei Änderungsbedarf. Und inzwischen bin ich mir darüber hinaus auch noch sicher, dass die Alkohol Fraktion nicht einmal ordentlich feiern kann. Der Rausch mag schon in Ordnung sein, wie ihn die Menschen zelebrieren, wundert mich einfach nur _sehr_.

Es ist nicht mein Problem, dass all die Menschen Drogen nehmen, auch viel Alkohol. Ich weiss, dass man das aber ebenso mit Anstand machen kann, wie jede andere Droge. Ich freue mich über ein tief grinsendes Gesicht, hinter dem Feierlaune steckt mehr als über eine Bierdusche. Das ist mir dann doch irgendwie sympathischer.

Und weil ich auf der nächsten Party einfach unbeschwert Bionade trinken will ohne ranten zu müssen, soll es hier als grundsätzliches Statement erhalten bleiben. Nicht das ich noch jemand sagen muss, dass der Grund für meine Ablehnung das Verhalten meines Gegenübers ist, man solle sich ruhig mal nur einen Abend lang selbst beobachten und dann noch einmal gemeinsam reden…

Das geht aber nicht?
Ach, ihr Flaschen :)

Cheers & ChinChin


Mrz 29 2010

Sehnsucht

“Es wäre so schön, wenn wir uns wieder öfter sehen würden, so wie früher…” – Es ist nicht unbedingt genau dieser Satz gewesen, der mir im Kopf hängen blieb, wichtiger war mir die Reaktion. Es war eine Erklärung, warum diese Sehnsucht schön ist, aber wenig bringt in der Realität. Das Leben hat sich eben geändert, man ist nicht mehr jung und ungebunden, sondern hat Kinder, Arbeit, Verpflichtungen. Man könne doch einfach froh über die Begegnungen sein, zu denen es noch kommt und es wird halt nicht mehr so werden, wie es einmal war…

Diese Worte könnten viele so oder ähnlich gesagt haben. Ich hörte sie zum ersten Mal in dieser Form von meiner Mutter auf einem Familienfest. Und eigentlich blieb mir mehr im Kopf, wie diese Worte auf eine Sehnsucht trafen und sie, wahrscheinlich nicht zum ersten Mal, zum Kampf aufforderte. Es brauchte nicht lang, bis der Kampf vorbei war und man einem bekannten Menschen dabei zusehen konnte, wie in ihm etwas zerbrach. Etwas, das man nur schlecht kitten kann, ein fragiles Gebilde an sich, auch Tränen sind kein guter Kleber.

Es gibt eine unglaublich große Menge von Sehnsucht auf dieser Welt, würde man Sehnsucht irgendwie illuminieren können, es wäre unerträglich hell auf dieser Welt. Oft scheint mir Sehnsucht aber eher dunkel, die sich zB gut hinter einer Sonnenbrille verstecken lässt. Und würde sich am Ende eher leicht “mollig” anhören, wenn man sie erklingen lassen würde, vielleicht mit einer großen Portion Tragik versehen. Manchmal ist Sehnsucht so verworren, dass man gar nicht so wirklich direkt über sie sprechen kann, sondern sich mehr so um sie herum hangelt, sozusagen um sie herumschleicht und wie einem fernen Konzert lauschen würde.

Das Glasperlenspiel (natürlich inkl. Stufengedicht) von Hesse lieferte mir in meiner Jugendhitze zusätzliche Befeuerung, dass voran der richtige Blickwinkel sein sollte. Wenn das Herz gesundet, dann nur, wenn man weiter geht. Und auch wenn man zum Ende wieder am Anfang ankommt, so war es doch bestimmt die Reise wert. Und ich hatte irgendwie grundsätzlich schon akzeptiert, dass es nicht ohne das etwas zu Bruch gehen wird, von statten gehen wird.

Ich hatte mir nie vorstellen können, wie viel auf einer Reise eines Menschen in seinen ersten 30 Jahren kaputt gehen kann und wie schwer es uns allen fällt, den Blick nach vorne zu richten. Es macht einen schweigsam, man hört mehr den Melodien zu, die die Worte drum herum ergeben. Manchmal sind sie tieftraurig und manchmal unglaublich vor Freude tanzend. Man weiss, dass es sich ändern wird, wieder, irgendwann anders sein wird. Man weiss aber auch um die tiefe Sehnsucht, die unter all dem liegt und an sich nur schwer zu hören ist. Es ist schwer, ihr zu begegnen, weil es für sie keine Worte gibt und man inzwischen auch definitiv weiss, dass es nur bescheurte Worthülsen für solche Momente gibt, man muss nur die Hülsen als Tanz um das eigentliche herum betrachten.

Nein, es wird nicht alles gut, es wird alles maximal anders. Und das ist wenigstens gut so. Alles andere wäre unerträglich.

Sehnsucht ist wertvoll, aber es ist verdammt schwer, an ihr zu gesunden.


Jan 12 2010

Buchstaben Liebe

Manche Dinge brennen sich ja in den Kopf ein. Vor allem, wenn der Input an der richtigen Stelle stattfand. Und man gab mir als Jugendlicher auf einem Segeltörn auf dem Ijsselmeer in einer schrulligen Kneipe mit einem kaputten, weissen Klavier darin eine sonderbaren Spruch mit auf den Weg. Ich bekam ihn allerdings erst, nachdem mich versammelte Reisemannschaft, hauptsächliche Erwachsene, dazu gebracht haben, auf dem kaputten Klavier ein Liedchen zu spielen. Und das brauchte durchaus ein wenig, weil ich sehr genau weiss, das mit dem Liedchen ist so eine Sache. Ich konnte damals Ballade pour Adeline von Richard Clayderman, weil es meiner Oma so sehr gefiel und es nicht schwer war. Aber Unterhaltungsmusik, selbst Ballade pour Adeline kam mir für Kneipenmusik verdammt fehl am Platz vor.

Zu Kneipenmusik hat man ja ein Bild im Kopf, und dazu gehörte es sich, dass man sich ans Klavier setzte und den Blues oder Jazz ertönen ließ. Aber ich am Klavier in dieser Kneipe ergab ein solch falsches Bild für mich, dass ich mich tunlichst dafür drückte, wie meist, wenn es darum geht, ein Liedchen zu spielen. Ist nicht so mein Fall, vor allem nicht, wenn ich weiss, dass wenn ich ein Stück gespielt habe, man mich danach fragt, ob ich noch etwas kann, was man so kennt. Und ich nur ganz ehrlich sagen könnte, nein, kann ich nicht, also nicht, wenn du Albumblatt für Elise oder Rondo ala Turca meinst, damit könnte ich noch dienen. Und Ragtime gut spielen ist auch eine Sache. Das ist alles nicht so einfach mit dem Liedchen, also ich fand das immer ziemlich kompliziert, und mein “nein, kann ich nicht” wirkte immer hochtrabend, obwohl es so nicht gemeint war. Ich würde gerne Liedchen spielen können, allein für solche Situationen. Es braucht dann keine Ausrede mehr, sondern man haut ein, zwei feine Ragtime in die Tasten, alle sind glücklich und man ist wieder frei.

An dem Abend war ich erst wieder frei, nachdem ich zwei Improvisationen am Klavier hinter mich gebracht hatte, inklusive der Frage dazwischen, ob ich noch was kann, was man kennt. Und weil ich mich ja so toll überwunden hatte, bekam ich zur Feier des Tages eines meiner ersten Biere, sogar in Gegenwart meines Vaters. Dafür hatte sich die Aktion also durchaus schon gelohnt. Aber besser war eben noch der Spruch: “Mit deinem Klavierspiel wirst du noch viele Frauenherzen erobern” (oder leicht ähnlich). Und ich hatte mich in all meinen jugendlichen Wahn gerade an einem Bier ergötzt. Das mit den Frauen tangierte mich erstmal sehr wenig, ausserdem war es definitiv ausserhalb meiner Vorstellungskraft, dass man Frauen oder vor allem Mädchen mit Klaviermusik mit Improvisationen nicht so sehr beeindruckt. Lieder, Pop, das rockte. Am Ende sogar noch besser Keyboard. Aber Klassik und so… neee, der Mann hatte das anscheinend auch noch nicht so ganz durchblickt. Und so blieb mir diese Aussage als schräge Aussage im Kopf hängen.

Ein paar Jahre später kann ich nur sagen, so unrecht hatte ich nicht mit meiner Vermutung. Und ich hätte mir die Bemerkung gar nicht merken sollen, schliesslich kam sie von einem, der fragte, ob ich noch etwas spielen könnte, was man so kennt. Vielleicht klappt das ja am Ende auch mit so Liedern, die man so kennt. Aber vielleicht auch nicht einmal damit.

Nicht das es das erste Mal gewesen wäre, dass ich einer Frau Musik gegeben habe. Nein, das habe ich schon oft und gerne gemacht. Ich war froh, wenn es ihnen vielleicht irgendwie gefiel, ich vermutete eher immer das volle Gegenteil. Es gibt ja so CDs im Regal, die will man lieber nicht von anderen entdeckt wissen: “Wasn das? – Ne lass mal – Mach ma rein  - Du hörst aber abgefahrenen Deprishit – Das von so nem Freund”. Ich wollte ja schon mich nicht schämen müssen für meine Musik, noch weniger wollte ich, dass sich jemand anders für meine Musik schämen müsste. Also verließ ich mich immer brav darauf, Aufnahmen nur Menschen zu geben, von denen ich wusste, dass sie mich so gut kannten, dass sie wussten, dass das Medium mir wichtig war, und am Ende einiges drin steckt von dem, den man kannte (und sie die CDs im Idealfall nicht in ihre normale Sammlung integrierten). An dem Punkt gab ich es dann auch gerne weiter, hatte dann doch immerhin gewissen symbolischen Wert, so eine eigene Aufnahme.

Es gab nur einen Augenblick, in dem ich mir gewünscht habe, dass meine Musik ausreicht, um jemanden zu einem “hallo”, einem “ja” oder “nein” oder  irgend einen Wort zu verlocken. Einmal, wo ich mich an den Spruch aus der Holland Kneipe erinnerte und dachte, es wäre schön, wenn es nun so wäre. Ich es mir für einen kurzen Augenblick wünschte, dass der, der es sagte, wirklich meiner Musik zugehört hatte und deswegen diesen Spruch losgelassen hatte.

Was würde ich denjenigen sagen, der mir erzählt, dass er sich in meine Musik verliebt hat? Ich würde sagen, großartig, freu dich über deine Gabe, den passenden Input erfolgreich herauszusuchen, um dir eine gewünschte Konstruktion von Gedanken, Vorstellungen, ja sogar Gefühlen(!) zu ermöglichen. Und würde es weit von mir weg halten, dass solch Liebe am Ende mit mir persönlich zu tun haben sollte. Weil ich weiss ja teilweise selbst so gar nicht, was ich fühle, ausdrücke, an Gedanken, Emotionen und sonstigen Input in meine Musik hineinstecke, welche Gedanken gerade durch den Kopf geflitzt sind, und welche nicht. Ich weiss nicht einmal, wie es sich angehört habe, weil man ein schlechter Zuhörer ist, wenn man gerade selbst spielt. Man weiss eigentlich so ziemlich wenig über das was dabei raus kommt. Mindestens genauso wenig wie über sich selbst. Das bleibt schön kongruent. Was also dann eine weitere Person damit anfängt, sei erstmal fein ihr selbst überlassen.

Text, Worte, Buchstaben.

Ich weiss nicht, wie es für jemanden ist, der am Ende schreibt, wie ich Klavier spiele. Musik ist nicht für die Ewigkeit geschaffen an sich, die Haltbarkeit ist so erstmal extrem gering, ein Ton so lang wie ein Ton, eine Melodie so lang, wie die Melodie. Buchstaben, so lange nicht einfach gesprochen, stehen da, können noch einmal gelesen werden, schon während des Schreibens, was das Schreiben ja schon wieder Ändern könnte. Aber ich vermute, der Schreibfluss ist nicht so sehr anders zum Spielfluss. Und wenn man es “aufnimmt”, konserviert, kann man danach erstaunt feststellen, was man da wieder geschaffen hat.

Und weil ich ein ähnliches Statement von einer Autorin über Text & Liebe vermutete, unterliess ich es je, es anzubringen. Bestimmt kann man Texte mögen, ja sogar lieben. Sich in Buchstaben und Worten wiederfinden, in ihnen schwimmen und sich treiben lassen, frohlocken über die anscheinende passende Wahrnehmung des Anderen, sich gehen zu lassen bis zu dem Punkt, an dem man denkt, diese Worte können nur für einen geschrieben worden sein. Bestimmung und so… Text in der gleichen Sprache hat gegenüber Musik die Eigenschaft erstmal eindeutig zu scheinen. Worte sind in ihrer Bedeutung festgelegt, man hat diese erlernt, weiss sogar um so manches nettes Sprachspielchen. Wenn es nur so eindeutig wäre, hätte wohl keine einzige Interpretationshilfe verfasst werden müssen. Trotzdem kann man vor Liebe schön blind für andere Interpretationen ausser der eigenen sein.

Das letzte Mal “verliebt sein” sein, hatte ich in diesem Sinn mit Texten, nicht irgendwelchen, Worten einer Frau, unschuldig und fleissig ins Internet gestellt. Offen für die Konstruktionen vieler. Und ich genoss das sehr teilzuhaben an Gedanken, Lebensströmen, Emotionen. Gab mich den Worten hin und verlor mich sehr in ihnen. Sie weckten in mir eine unglaubliche Bandbreite an Gefühlen, ein schönes Feuerwerk, dem ich mich frei hingeben konnte, schließlich waren es nur Worte, willig und bereit sich einen anzuschmeicheln (ohja, Musik kann das bestimmt auch sehr gut). Jeder Satz ließ es in mir sprudeln. Stunden vor einem leeren Kommentarfenster, weil man es in keiner Weise gefasst bekommt, was man eigentlich sagen wollen würde, ohne dumme sinnlose Worte hinzuzufügen, wo sie doch überflüssig erscheinen, weil das Kunstwerk schon fertig ist und wundervoll so ist. Man würde gerne aber einmal mehr sagen als “danke”, “wunderschön” oder sonst einen knappen Ausdruck von Dankbarkeit oder Respekt.

Verliebte Menschen kommen bekanntlich auf die bescheuertesten Ideen. Und meine war, wenn man es schon in Worten nicht hinbekommt, dann vielleicht ja wenigstens in Form von Musik. Also spielte ich so lange, bis ich etwas hatte, das ich nicht ganz unpassend fand. Ein einfaches Stück, leise und ruhig, kurz und nicht ausufernd, sich auf einen Ausdruck versuchend zu begrenzend. Und ich bezog es auf einen Text. Weil einfach so Musik, das würde ja irgendwie in der Luft hängen. Es war aber ein Text aus einer Reihe und ich war noch nicht müde genug und so war irgendwann Musik zu einer Reihe von Texten auf meiner Festplatte. Ich gab mir Mühe, jeder Text wurde in mehreren Versionen bespielt und ich versucht das herauszunehmen, dass irgendwie am besten zu dem Gefühl passte, das der Text in mir hinterlassen hatte.

Ich hörte die Lieder wieder und wieder an. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich mit meiner aufgenommenen Musik so intensiv beschäftigte. Ich suchte selbst, was man in meiner Musik finden könnte. Stellte mir vor, wie das wohl wäre, Musik zu seinen eigen Texten zu bekommen und verwarf die Idee immer wieder, diese CD je auf Reisen zu schicken. War es überhaupt schon Frevel, Text in eigener Musik umsetzen zu wollen? War es nicht Wahnsinn, zu glauben, dass diese Musik zu dem Text passt? Warum überhaupt machst du das eigentlich?

Es war irgendwann eine Idee gewesen, Danke zu sagen, für all die Liebe (in Worten gepackt) und zu zeigen, dass es etwas mit einem macht. Das sollte schön sein, weil es an sich ja unglaublich schön und aufregend war. Und irgendwie war es dann doch ganz schön viel Arbeit geworden. Konservierte Musik. Eine Tonart verewigt für die Zukunft.

Ich war nie derjenige, der viel Aufwand für nichts macht. Ich schickte also die CD auf Reisen und erfuhr irgendwann auf Nachfrage, dass sie so ungefähr gerade angekommen war aber noch nicht “gehört”. Danach blieb das Kommentarfeld weiß, der Senden Button wurde nie benötigt.

Und so gut ich damit leben kann, irgendeine Musik irgendwo hinzustellen und keinen Kommentar darauf zu bekommen, machte es mich diesmal leicht wahnsinnig. Und ich hasste den Holland Mensch dafür, was er gesagt hatte und ich hasste auch all diejenigen, die gerne das hörten, was man kennt. Weil auf ein Liedchen bekommt man dann doch eine Antwort, so etwas wie: “toll, das habe ich schon ewig nicht mehr gehört” oder  ”das hast du aber gut gespielt”. Auch ein eigenes Liedchen mit Text und Gesang, das würde man kommentieren, weil es eine verständliche Aussage enthält. Musik ohne Gesang enthält erstmal keine direkte Aussage für Menschen, die sich danach orientieren, während ich immer wieder positiv überrascht bin, wenn der Text zu meinem Musikgefühlerlebnis passt und der Text dann doch meist sehr egal ist.

Ich weiss nicht, ob der Text fehlte, ob es Ekel an dem Frevel war, sich an eigenen Texten zu vergehen, oder es lediglich eine CD ist, die man besser nie im normalen Regal hat, wegen den Freunden und so… oder es zu viele Möglichkeiten gab, meine Musik zu hören, oder Sachen darin, die letzt endlich das Kommentarfeld leer ließen.

Ich hatte dann erstmal ein Problem mit einer Tonart, die sich mir ab dann konsequent verweigerte. Und Texte von ihr hatten einen neuen Blickwinkel, manches wirkte anders, man wurde härter im Urteil, sah Wiederholungen und Fehler, die man früher mit Wonne genoss.

Und mit jeder dieser Feststellungen musste ich mehr und mehr über mich grinsen. Und über die Liebe. Und ich wunderte mich durchaus immer mehr, was in mich gefahren ist, dass ich mich in Texten und Worten so verlieren konnte, so sehr, wie sich manch einer zu einen anderen Menschen hingezogen fühlt und es am Ende auch Liebe nennt (nein, ich führe jetzt keine fiesen Negativbeispiele auf). Ich habe es ja bekanntlich nicht so mit all der Liebesdadelei und das war mir ein definitiv ein tolles Lehrstück. Nicht dafür, wie wahnsinnig ich bin, nein, die neue Erkenntnis war eher, dass man das mit der Liebe am Ende nicht so sehr eng sehen muss. Und ich noch weniger verstehe, warum es gerade in einer Beziehung so oft um das Thema geht. Liebe ist so wackelig und flüchtig wie die Konstruktion dahinter. Und wenn man Menschen Liebe zugesteht, sollte man bei Text, Bild, Musik, Film sowieso keine Ausnahme machen. Dann ist Liebe endlich mal wieder etwas bereicherndes und positiv besetztes. Kein so schlechter Deal. An sich könnten wir dann fast mehr von solcher Liebe brauchen, es könnte gar nicht genug geben…

Wäre es ein weiser Mann gewesen in Holland, hätte er gesagt, deine Musik könnte anderen vielleicht helfen, zu träumen und ihren Kopf zum Riesen zu benutzen. Manch Frau wird es vielleicht auch gefallen, sich darin fallen zu lassen und zu vergessen. Aber lerne lieber noch ein paar Liedchen, wenn du mal beeindrucken willst.

Ich legte mir das Prinzip auf, keiner Frau mehr ungefragt Musik von mir zu geben – viel zu viel Kitsch!  Und anstatt eines Entschudligungsbriefs wanderte die CD irgendwann bereinigt ins Netz. Allein um den Faktor Frust etwas entgegen zu setzen, um der Musik etwas von ihrem Glanz und ihrer Last zu nehmen, die vielleicht denjenigen, für den sie gespielt war, zu sehr erdrückt hat, wer weiss das schon (Den Entschuldigungsbrief verwarf ich, weil ich nicht in der Lage war, sinnvolle Worte zu finden). Es gibt nur zwei Menschen, die dazu nun noch eine andere Konstruktion haben könnten, als jeder andere Mensch. Diesen Zusammenhang will ich ihm auch nicht nehmen. Und selbst diese vier Ohren werden Unterschiedliches hören.

Ich blieb bei der Yann Tiersen Methode, und veränderte den Kontext von Musik. Auch wenn ich mir bei dem Herrn Komponist durchaus fragte, ob er es nicht einfach nur aus profitablen Gründen so macht. Aber grundsätzlich finde ich schon durchaus, ist die Musik frei für die Konstruktionen derer, die sie hören (auch wenn man bei “Candle in the wind” immer an Lady Di denken wird – ist aber Text!).

Ich forderte dazu auf, doch das Kommentarfeld zu benutzen, um davon zu erzählen, was man selbst für Geschichte(n) im Kopf hatte, als man es hörte. Es blieb leer bis auf eine Ausnahme. obwohl mich sehr interessiert hätte, was die anderen mit der Musik anfangen. Ich bekam ein Video zu einem der Lieder, die Musik war unterlegt mit Szenen und Schnippseln aus “City of Angels”. Die Bilder schwimmen zu der Musik dahin. Es freute mich sehr, meine Musik zu schauen. Ich hätte es gerne kommentiert, etwas dazu gesagt. Es war aber … ein leeres Kommentarfeld.


Okt 30 2009

Scheiß auf anstrengend oder nicht

Man könnte auf der Suche nach der Antwort sein, oder überhaupt einer Antwort. Oder man ist sich noch nicht so gänzlich sicher, was die Frage eigentlich ist. Man könnte meinen, man wird vernünftiger, je älter man wird, aber es könnte vielleicht trotzdem der Eindruck entstehen, dass jedes Jahr mehr die Unvernunft nur vermehrt. Wahrscheinlich wäre die Erwartung, dass das eigene Chaos sich mit den Jahren klärt und durch Klarheit ersetzt wird. Nur könnte auch die Erkenntnis mit den Jahren wachsen, dass Erwartungen eher enttäuscht als erfüllt werden.

Aber man wird an einem Punkt mit jedem Jahr mehr schlauer. Das Ding mit der Freiheit. Früher liebte man den Spruch: “Zahme Vögel singen von Freiheit, wilde Vögel fliegen”. Das schrieb man sich auf ein Blatt Papier und hing es sich in den Schrank, weil man es anderswo gelesen und für gut und richtig befunden hatte. Man fühlt sich dabei unglaublich wild und frei, bereit zum abheben, die Abneigung spürend, je das Lied von der Freiheit trällern zu müssen. Fliegen, das war der Plan. Und alles, was dem im Wege stand, musste beseitigt werden. Und man fühlte sich freier, wenn man mit etwas brach. Ein Gesetz, eine Vorschrift, eine Regel, die Moral und das Gewissen. Da war es immer kurz, das Kribbel Gefühl, die Endorphinen Ausschüttung, der passende Flow um die Flügel auszubreiten und abzuheben.

Das klingt gut und genauso muss man das eigentlich sofort unbedingt jetzt machen. Es gibt da nur einen Einwand, der an sich recht simpel ist: es ist nicht ganz so einfach. Man stelle sich das mal vor, lauter kleine freie Vögel, die in den Kindergarten stürmen, oder Schule. Das funktioniert an dem Punkt dann ja nur noch, wenn es dort einen Grund gäbe, überhaupt hinzugehen, weil die Regel oder Vorschrift ja nicht funktionieren würde. Und auf das Gewissen und die Moral der jungen freien Vögel zu setzen… ich weiß ja nicht. Man müsste sozusagen noch einmal darüber nachdenken, was dann eigentlich die Frage wäre und nicht wie die Antwort ausschaut. (Wenn die Frage nämlich die Frage nach dem Grund wäre, dann könnten wir schon einmal mit der Entkernung aller Schulhäuser anfangen. Wände sind vielleicht ja doch nur versinnbildlichte Freiheitsbegrenzung.)

Und es muss doch verdammt noch einmal funktionieren. Alles andere wäre doch schlimm. Wir brauchen Übersicht und Klarheit. Chaos ist doch kein Zustand.

Die erste Aufgabe meines Sozialkundelehrer war, sich einmal auszumalen, wie das denn wäre, wenn so 10 Leute auf einer Insel stranden würde, wie das ablaufen könnte. Und wir waren alle zusammen ziemlich schnell dabei, uns Gedanken darüber zu machen, welche Regeln und Vorschriften es für ein geordnetes Leben bräuchte. Nein, wir dachten nicht darüber nach, aus welchem Bereich wir die Chillarea machen, wo die Kochecke hinkommen würde und wann man welche Party feiert. Bevor wir die Küche errichtet hatten, hatten wir schon unseren eignen Knast gedanklich gebaut, in den potentielle Störer abgeschoben werden könnten. Das Gewaltmonopol war sowieso schon abgesegnet.

Wir machten ganz genau, was wir die ganze Zeit immerzu machen: Die Freiheit eingrenzen, um Leben zu können, nach Antworten suchen, anstatt nach Fragen. Wir singen lieber als zu fliegen. Jeder macht das, ich, du, wir, alle. Ich kenne keinen, der es nicht macht. Ich kenne viele, die wahre Konstrukteurmeister sind, was das eigene Gefängnis betrifft. Aber ich kenne einige, die immerhin immer mal wieder versuchen, mit den Flügeln zu flattern. Wir bleiben aber meist brav in unseren Käfigen hocken, obwohl die Tür weit offen steht. Weil uns von zu viel Freiheit gerne schnell schlecht wird. Das ist wie auf dem 5 oder besser 10 Meter Springturm im Schwimmbad zu stehen. Das erste Mal sollte man nicht nach unten schauen, sondern springen. Irgendwann kann man auch die Abgründe, die man von oben sieht, genießen, und darin eintauchen. Und es gibt keinen, der dir die Angst nehmen kann, außer du selbst.

“So frei sein wie ein Vogel”… ich bezweifle, dass Vögel per se frei sind, nur weil sie fliegen können. Man kann bestimmt auch fliegend von der Freiheit singen. Und wenn Vögel ein wenig ähnlich ticken wie wir Menschen, dann dürfte ihnen das ewige Futter suchen, für Nachwuchs suchen und so herumfliegen irgendwann gehörig auf den Sack gehen.

Ich habe viel gekämpft um meine eigene Freiheit. Mit der Schule, meinen Eltern, Freunden, Vorschriften, Regeln und Gesetze gebrochen. Die Moral musste daran glauben und das Gewissen gebrochen werden. Genug Kampf, um mich zu trauen, die Behauptung aufzustellen, dass Freiheit ihren Preis hat. Vor allem den der Kompromissbereitschaft. Ich habe gelernt, gut damit zu leben, auch keine einzugehen, oder den Weg des minimalsten Kompromiss zu gehen. Ich suche nicht mehr so sehr nach Antworten, wenn ich noch nicht einmal die Frage kenne. Aber mir blieb auch  nicht die Erkenntnis erspart, dass man um sein eigenes Gefängnis kaum herumkommt, weil es ungemein schwer ist, sich selbst zu überraschen. Es war schon zu spät, als man den Spruch damals auf ein Blatt Papier schrieb und aufhing. Man erkannte damals nicht, dass man dabei das Lied von der Freiheit schon summte.

Irgendwann sollte man dann aber doch Antworten haben, Klarheit haben und vernünftig sein. Alles andere wäre doch anstrengend sonst.

Und genau das ist der Punkt: I’m an addict!

Das mit dem Kribbeln und so… wenn man einmal geflogen ist und es noch so kurz gewesen sein sollte… die Chaossehnsucht… das Unverständnis, wenn man anderen Menschen gegenüber sitzt… dem Flow, mit der man der Frau im Arbeitsamt mit dem Schild an der Tür “Bitte warten, bis sie aufgerufen werden” begegnet (also dem Verständnis der Unverständnis)… das Fehlen von Antworten genießen… der Klang der Melodien, wenn man voll auf Freiheit Klavier spielt…

Scheiß auf anstrengend oder nicht, mehr davon!