Jul 20 2010

Berlin-Usedom Box

Es gibt nicht so viel, was mich so sehr begeistert (hat), dass ich gerne und komplett aus freien Stücken dafür Werbung machen würde. Deswegen ist das hier auch mehr ein Dankeschön, das mindeste was man nach solch einem Erlebnis machen kann. Aber gerne auch Werbung, wenn man es so verstehen will. In diesem Fall wüsste ich nichts dagegen einzuwenden.

Auf dem Weg von Joachimsthal nach Prenzlau liegt kurz vor Prenzlau auf der linken Seeseite Zollchow. Und dort steht direkt am Berlin-Usedom Radweg eine rot/orange Box, die Berlin-Usedom Box. Wenn man die vielen Websites zum Berlin-Usedom Radweg durch hat und dann irgendwann bei der Box gelandet ist, dann ist es allein schon ein optischer Augenschmaus und eine klare Botschaft für das Design verwöhnte Auge: hier bist du richtig. Wer solch ein Logo hat, muss auch im Rest irgendwie passen. Als dann um 23:30h die Buchungsbestätigung kam, war die Freude groß, eine Alternative zu den sonst sehr zahlreichen, gern ausgebuchten “Pensionen” und Hotels zu haben.

Denn es wird entlang des Radweges hauptsächlich deutsche Kultur gepflegt, das merkt man spätestens in einer der Pensionen oder einem der Restaurants, in denen man viel Fleisch ab 10 € bekommt. Aber ansonsten auch nicht so viel. Gerichte wie Kuhfladen, Pferdeäpfel und Hühnermist. Schön deftig, sorgt schnell und effektiv für einen vollen Magen. Aber die Karten der Restaurants sind so ziemlich überall gleich, es bleibt also die Wahl zwischen Steak, Schnitzel und vielleicht noch Fisch.

Wenn das also schon hinter einem liegt und dann in Zollchow an der Box hält, kann man sich freuen, inmitten deutscher Lebens- und Esskultur eine kleine Oase zu finden. Eine Oase voller Herzlichkeit, das vorne weg. Es ist schön, wenn man mit einem Lächeln begrüßt und willkommen geheißen wird.

Das was die zwei Schwestern dort aufgebaut haben, steckt voller Liebe und Idealismus, und das bekommt man ab dem Augenblick zu spüren, ab den man vom Rad abgestiegen ist.

Eine kleine Lampe und einen Schlüssel für eine der Boxen (falls man sich eine genommen hat und nicht den Zeltplatz benutzt). Dusche, Toilette und Abwaschbereich vorhanden, kein Strom in der Hütte. Kleine weiße Holzhütten auf einem kleinen Feld, mit Bett, Stühlen und einem kleinen Tisch und ein wenig Abstellplatz. Herrlich minimal. Das Fahrrad hat einen eigenen dicken Holzbalken zum anlehnen und ansperren. (Allein so ein Holzbalken kann mich schon unglaublich erfreuen, die perfekte Lösung, um ein Fahrrad schnell und sicher anzusperren. Das verstehen so wenig Menschen.)

Dann kurz in den See (ein paar m weiter) gesprungen, aber danach sollte man sich dann hinter die rote Box unter das Sonnensegel setzen und die Speisekarte anschauen. Und spätestens dann sollte es klar sein, dass man dort gut aufgehoben sein wird. Ich verrate keine Gerichte, es sind nämlich wenige, die zur Auswahl stehen. Aber egal ob Frühstück, Kaffe/Kuchen, Salat oder etwas für den großen Appetit: Es war alles vorzüglich, eine reines Gaumenfest. Denn so etwas hatte ich der Uckermark dann doch nicht mehr zugetraut. Das was man bestellt, kommt mit so viel Liebe angerichtet an den Platz, dass schon beim Anblick des Essens erfreuen lässt. Es war mir zwei Tage ein unglaublicher Gaumenschmaus. Nicht schwer wie die Steaks, leicht und vielseitig, auch ohne Fleisch. Minz- und Ingwertee dazu. Eine Speisekarte die mich an meine geliebte Schulkneipe Balazzo Brozzi erinnerte. Und die Preise darf man ebenso wenig verraten wie die Gerichte. Zu billig für das, was man bekommt. Man fühlt sich fast schon schlecht mit dem Preis, wenn man sich den Tag davor ein Steak für 12 € einverleibt hat.

Wenn man dann mit runden Bauch noch eine Runde Entspannen will, gibt es Liegestühle oder Sitzkissenflächen und leckeren Kaffee/Kuchen oder Tee. Alles eher schlicht und einfach gemacht, aber eben schön und mit viel Idealismus. Ich fühlte mich sehr gut aufgehoben, ein wenig wie “coming home”. Man ist schnell in Gesprächen mit anderen Menschen, die dort vorbeikommen, verwickelt. Und die Begegnungen haben am Ende den gleichen Charme wie der Ort, an dem man sich trifft. (Das Frühstück bekommt auch eine Zeltnacht wieder wett gemacht!)

Der einzige Minuspunkt könnten die Mücken und Bremsen sein. Die sind ab 22h spätestens höchst aggressiv, aber zum Glück hängt in der Hütte ein Moskitonetz.

Wenn ihr euch also auf dem Weg macht: dort anhalten und die Seele baumeln lassen und den Gaumen verwöhnen! Geht auch gut einen ganzen Tag lang. Der Sternhagener See ist nebenan und paddeln ist auch möglich. Es ist fast schade, dann doch wieder gehen zu müssen. Es bleiben aber nur gute Erinnerungen.

Berlin-Usedom-Box

Vielen, vielen Dank an die Berlin-Usedom Box Betreiberinnen. Ich fühlte mich selten so herzlich aufgenommen wie bei euch. Ein Ort voller Ruhe und ohne Hektik. Ich wünsche euch sehr, dass euere Box weiterhin eine solche Perle am Berlin-Usedom Radweg bleibt und viele andere Menschen von Mai bis September bei euch vorbeischauen. Ich werde wieder vorbeikommen, ganz sicher…


Jul 20 2010

Berlin-Usedom Radweg

Wenn die Stadt kocht und brodelt setzt man sich einfach auf sein Rad, schnallt seine Satteltaschen an und macht sich auf nach Norden.

Berlin-Usedom Radweg

Durch den Barnim auf in die Uckermark, weiter bin ich leider noch nicht gekommen. Die über 100 KM bei meist über 30° reichten dann auch erst einmal aus, um neue Fahrraderweiterungen (dazu demnächst mehr) auszutesten. Belohnt wurde das Schwitzen durch optischen Augenschmaus geschwungener Linien. Und die Uckermark fühlte sich Temperatur bedingt auch wirklich wie die “Toskana des Nordens” an. Es gibt ein Fahrradkirche, mit zwei Flügeln und unendlich viele alte Häuser aus Back- oder Naturstein. Und auch einige verwirklichte Träume von Menschen die man nicht kennt. Man darf sie aber sozusagen von aussen bewundern. Wundervolle Seen, die unglaublich klar und sauber sind. Und Rastplätze mit leckeren Schorlen (ich empfehle unbedingt die rote Schorle zu nehmen).

Fahrradkirche

Fahrradkirche innen

Rastplatz

Man begrüßt sich brav gegenseitig auf dem Radweg und fährt lächelnden Autofahrern entgegen. Manchmal kann es passieren, dass auf einer Strasse nur zwei Autos in einer halben Stunden vorbei kommen. Und sobald man sich verfährt, wird man von Anwohnern sofort darüber aufgeklärt.

Und wenn man dann in der Berlin-Usedom Box ankommt, weiss man garantiert, warum man sich auf den Weg gemacht hat, aber dazu gleich mehr


Mai 30 2010

Eine Bahnfahrt mit Bonifatius Kiesewetter

Der Kopf ist schwer, die Nase zu, der Hals dicht. Nürnberg Hauptbahnhof, der Geruch von gegrillten Würstchen liegt in der Luft, es ist einigermaßen sonnig, der Bahnsteig ist leer. Auf einem Gepäckwagen sitzend rauche ich noch eine Zigarette, auch wenn sie nicht schmeckt. Natürlich nicht im gelben Käfig und prompt bekomme ich per Lautsprecheransage mitgeteilt, dass dies ein Nichtraucherbahnhof ist, und Rauchen nur im gelben Käfig möglich wäre. Hinterher schieben sie, dass man bitte sein Gepäck nicht unbeaufsichtigt lassen soll. Schizophrene Welt. Kein Mensch weit und breit und jeder Schritt ist ein verkehrter (ich bin für Gepäckaufbewahrungsschalter am gelben Käfig).

Dann ICE nach Berlin, reingehuscht auf den ersten freien Vierer, an dem nur ein älterer Mann saß. Wunderbar, das wird eine relaxte Fahrt. Und bis man müde ist, könnte man ja noch ein wenig arbeiten. Also Rechner raus, Ohrenstöpsel angelegt und losgelegt. Kurz darauf werde ich vom Mann gegenüber unterbrochen. Ob ich denn wüsste, wo der Speisewagen wäre. Klar, zwei Waggons hinter uns, über uns klebt ausserdem noch Messer und Gabel mit Pfeil in die Richtung. Er entschuldigt sich vielmals, zeigt auf seine Brille und ich meine nur lustig, werden doch keine 8 Dioptrien sein, oder?

Dann verschwand der Mann und ich konnte mich wieder meinem Monitor widmen. Doch der Alltag digitaler Reiseunterhaltung sollte diesmal nur von kurzer Dauer bleiben. Vom Speisewagen zurückgekehrt, war die nächste Feststellung, auf den Fahrplan schauend, dass der Zug dann wohl erst in Saalfeld halten würde. Ich warf einen Blick auf den Plan und Tatsache, der Zug hielt erst in Saalfeld. Toll, dann bleibt die Reise noch ruhiger als gedacht. Aber irgendwie muss ich bei diesem Gedanken mich schon in einem Gespräch verloren haben sozusagen. Zu mindestens blieb der Rechner der Rest der Fahrt im Ruhezustand vor mir stehen. Und ich bin kein bisschen böse darüber, denn das Gespräch, in dem ich mich durch zwei Auskünfte sozusagen hinein manövriert hatte, fing ab Erlangen/Lichtenfels an Fahrt aufzunehmen und das nahm eigentlich bis auf die halbe Stunde Dösen meinerseits keinen Abbruch.

Denn auf die Saalfeld Bemerkung folgte dann das Schnaufen und Stöhnen, wie lange das noch dauern würde und mit dem Flieger wäre man schwups schon da. Für 29,- €. Er ist ja (Club)Mitglied bei Air Berlin. Da kann er fliegen wann er will, das kostet immer so viel. Ich versteh zwar immer nicht, warum Menschen dann noch die Bahn benutzen, wenn sie in ihr sitzend nur über sie schimpfen. Aber soll ein jeder glücklich werden mit seiner Entscheidung und die Konsequenzen tragen (alle Autofahrer und Flieger mal an die Küste der USA zum Öl beseitigen schicken?) Mich stört es auch nicht allzusehr, 45,- € im 50er Club der Bahn für diese Strecke zu zahlen.

Ich fragte den Mann aber erst viel später, warum er denn dann den Zug genommen hat. Erst einmal die übliche Diskussion, dass Fliegen halt steuerlich fein besser gestellt ist als Bahnfahren. Wiederum rechnete ich nicht mit der Rückfrage, ob ich denn wüsste, woher das mit den Steuern käme. Davon abgesehen, dass ich annahm, dass die Fliegerei international relativ gut subventioniert wird, also am Ende überall Kerosinsteuer und das Ganze Thema entfällt, aber ehrlich, ich habe da keinen genauen Durchblick, und auf Franz Josef Strauß als Antwort wäre ich auch nicht gekommen. Und ob das wiederum als Antwort passt, bezweifle ich auch, aber dadurch hatten wir eine Brücke geschlagen und ein neues Fass aufgemacht. Wichtig war nur, dass der Name Strauß gefallen ist. Und wie immer bei diesem Namen, ich habe keine Ahnung was alle immer mit diesem Strauß haben. Irgendwas hat der Kerl mit Bayern am Hut, Politik. Aber Strauß hat mich bisher nicht wirklich tangiert, das war etwas, dass vor meiner Zeit lag, aber zu dicht noch an mir dran, um schon im Geschichtsschulbuch zu stehen (jaja, die waren auch eher alt).

Und Strauß, dass ist so ein Trigger Word. Eine Schublade, die aufklappt und in die man herrlich einsortieren kann. Den Namen Strauß nicht man nicht von ungefähr in den Mund, am Ende ist da doch eine gewisse Achtung, Ehrfurcht oder Verehrung für diesen Menschen vorhanden. Und Menschen, die Strauß verehren, dass sind so zu geschätzten 95% eher Menschen, mit denen ich mich schwer tue (und ich habe nun mal nachgelesen, ich verstehe nun auch warum!).

Wir waren gerade an Erlangen vorbei und bei Strauß angekommen, kein gutes Zeichen, mal schauen, wie wir da wieder gut rauskommen. Und bevor mein Gegenüber zu viel an Strauß denkt, frage ich doch einfach mal, was er denn früher gemacht habe, wenn er jetzt im Air Berlin PensionärsClub ist. Eine Berufsbezeichnung bekam ich dann nicht zu hören. Innenministerium war dann so ein Wort, aber auch nicht so wirklich, vielleicht auch Sicherheit und so Deutschland generell, also halt eher einer derjenigen, die halt die Drecksarbeit machen, wenn sich zwei Politiker zum Schnickschnack treffen und im Hintergrund von anderen Menschen fleissig verhandelt wird. Und dann fielen Namen über Namen, die ich alle nur schwer zuordnen konnte, und ich war auch erst einmal ein wenig beschäftigt, diesen ungenauen Brei irgendwo einzusortieren. Man kann sich ja mal kurz überlegen, wie sehr man gerade zum Narren gehalten wird. Aber ok, schauen wir einmal. Immerhin saß mir da jemand gegenüber, der langsam in Fahrt zu kommen schien, und es purzelte nur so an kleinen Anekdoten und Geschichten. Und weil wir gerade Richtung Osten fuhren, und er da anscheinend Dinge erlebt haben will, die man eigentlich gar nicht wissen will, aber er auch nur sehr gut im Anreißen solcher Anekdoten war. Treuhandfonds, Birthler, der Bayernkredit an den Osten (“Sonst wäre der doch schon längst davor pleite gewesen. Und so konnte sich dann Kohl später fein inszenieren” – ich muss das nochmals aus der Bayern Perspektive betrachten, kann da nichts dazu sagen – anyone information about that?)

Darüber hinaus ist er anscheinend schwer Lyrik verliebt. Zu mindestens blieb das gesamte Gespräch konstant untersetzt von Gedichten, einfach eingefädelt, aus ihm heraus sprudelnd. Und spätestens nach dem 10 Schiller, Göthe oder sonstigen Zitat war ich schon leicht verwundert, was der Mensch da mir gegenüber wohl noch so alles aus seinem Kopf heraus kramt. Und irgendwann verlegte er sich dann auch auf sehr erheiternde, “retrovaginale”, wie er sie nannte, Gedichte aus Deutschland. Man suche einfach einmal nach “Die Moralgeschichte des Bonifatius Kiesewetter” oder nach Gedichten über “Frau Wirtin”.

Da sind richtig schön versaute Teile dabei, und ich bekam während der Fahrt so einige von ihnen vorgetragen. Und das war definitiv weitaus besser, als sie im Netz einfach zu lesen. Der Mann gab sich nämlich schwer Mühe, die Gedichte auch entsprechend vorzutragen und es war ihm ein wahrer Genuss, mit den Gedichten zu spielen. Auf die Frage, wie er denn zu den Gedichten kam, weil es scheint ja auch ein wenig komisch, so neben Goethe und Schiller, solche Gedichte zu stellen, bekam ich dann langsam ein wenig mehr Einblick. Sein Vater, Jurist in Leipzig hatte manchmal gerne einen zu viel im Kasten und der Sohn musste dann Vatern aus dem Weine nach Hause holen. Das tat er gerne und sperrte dabei seine Lauscher so weit auf, wie nur möglich. Denn die Verse, die er da lernte, waren dann wohl doch andere, als in der Schule. Und Gedichte konnte er sich schon immer nach einmal lesen auswendig. Er hatte auch noch Russisch und Latein in der Schule, das Russisch gehe ihm inzwischen aber so ziemlich flöten, Latein läuft aber noch ganz gut. Und ich fing an, ihm das sogar abzunehmen.

Vor der Mauer dann nach Westdeutschland, und von dort aus nach Berlin. Inzwischen ist er am Chiemsee gelandet, wegen der Frau, die wollte da hin. Aber er will eigentlich wieder weg. 3 Meter Schnee 6 Monate lang ist nichts für ihn, für den Hund vielleicht, aber die Schipperei nervt ihn. Er kann Berlinern, Sächseln, Hauptdialekt wäre aber schon eher der Wiesbadener. Und sächsisch klingt eher gekünstelt, mit richtigen Sachsen brauche er das nicht mehr machen, die fühlen sich dann eher verarscht. Ich beneide ja Menschen, die es so ungemein mit Sprache haben und denen das so zufliegt. Die Gabe ist mir so gar nicht gegeben…

Er erzählte von Reisen, Tauchen auf den Malediven, das er schon Jahre lang mit seiner Clique macht. Und segeln… und…

Irgendwann fragte ich ihn, warum er denn nun eigentlich Bahn gefahren wäre. Und es kam wirklich die Bonusantwort: Man hätte ihm geraten, die Strecke nach Leipzig mal mit dem Zug zu fahren, das wäre von der Natur so herrlich. Während dessen donnerten wir durch grüne Landschaften mit kleinen Dörfern und an Bächen und Flüssen vorbei, Saalfeld rückte näher… Und ich konnte nur noch hinzufügen, dass man sich an dem Punkt ja eigentlich auch nicht beschweren konnte. Dann fragte ich ihn noch, ob man im Flugzeug auf Viererplätzen sitzen kann und mit wem man so reisst. Er erzählte von den Business Kaspern mit aufgeblasenen Köpfen, in denen nur heiße Luft wäre. Gespräche gibt es wohl eher keine. Was ich mir kaum vorstellen konnte, diesem Menschen gegenüber sitzend. Aber vielleicht kann man ja im Flugzeug wirklich keine dummen Fragen stellen. So etwas wie, wo ist denn hier das Speiseabteil. Oder, ob das Flugzeug jetzt wirklich noch in Lichtenfels hält. Und als er mir dann noch die Anekdote erzählte, wie er einem Business Kasper, der sich über die Stewardess beschwerte, ins Gesicht sagte, er solle doch lieber mal auf die Toilette onanieren gehen, dann wäre er auch mal entspannter, schließlich hätte hier keiner ein Problem ausser er, ja das glaubte ich ihm auch sofort. Dieser Mensch eine halbe Stunde ohne Kommunikation muss wahrlich zu sehr verrückten Dingen fähig sein.

Geschätzte 70 Jahre alt, einen Sohn, der doppelt so alt ist wie ich. Glatze und einen weißen Bart. Er mag keinen Wein, obwohl er sich schon gut damit auskennen würde, aber er ist ein Trinker, Bier das Getränk seiner Wahl. Berliner Doppelbock wäre fantastisch, überhaupt scheint er Berlin zu mögen, da kann man gut essen und auch nicht schlecht leben. Er ist froh, dass er seine Schäfchen im Trocknen hat, weil für die Welt sieht er eher schwarz. Dafür hat er sein Leben zu oft die Lauscher aufgestellt und zu viele perverse Dinge erlebt…

Als wir nach Leipzig kommen, verabschieden wir uns, er sagt noch, dass er sich sicher ist, dass wir uns wieder sehen. Ich hebe ihm seinen Koffer herunter und bekomme noch zwei Verse, einen deftiger als den anderen, ins Ohr geflüstert. Dann läuft er grinsend zur Tür, dreht sich immer wieder um, zwinkert mit den Augen und grinst verschmitzt. Auf meine Frage, wie er denn heißen würde, bekam ich keine Antwort. Beim nächsten Bier dann …

Er läuft in Leipzig auf dem Bahnsteig an meinem Fenster vorbei, grinst mich noch einmal an, und macht einen Grußzeichen mit Daumen- und Zeigefinger zu einem Kreis geformt. Für was auch immer es genau steht, es passt zu ihm und der Situation und überhaupt. bene halt.

Das war eine gute Fahrt. Und dieser Text nur ein Festhalten eines nicht nach aussen mitteilbaren Erlebnis. Und um ihn zu widersprechen. Nein, ich erzähle nicht, was für einen verrückten Menschen ich kennen gelernt habe. Ich kann versuchen, in Worte zu fassen, was für  ein wirklich inspirierendes Gespräch ich erlebt und was für einen einnehmenden Menschen mit einem großen Gedanken- und Erlebnisreichtum ich begegnen durfte. Ich kann es ihm leider in dieser Form nicht zukommen lassen.

Bevor ich es also vergesse festzuhalten… und um seiner Aussage gerecht zu werden, dass der Computer ja “ohne Feedback” sei. Und auch wenn es in mir heftig Widerspruch erzeugte, schwieg ich. Ein Tagebuch ist auch ohne Feedback. So lange, bis jemand darin liest. Und das wird spätestens nach dem Tod passieren, des öfteren schon davor… eigentlich muss man sich damit beim Schreiben abgefunden haben. Und würde man etwas nicht schreiben, weil es nach dem Tod irgend jemand lesen kann? Man macht sich beim Schreiben darüber keine Gedanken. Man schreibt…  und Feedback ist überall oder nirgendwo.

Ich würde mir wirklich wünschen, dass, vorausgesetzt ich wäre auch mal so alt mit weissen Bart und so, ich genau diese dumme Frage zu dem Speisewagen einen jungen Mann mir gegenüber fragen würde. Und dann auch ein paar lustige Stories drauflegen könnte… und beim Aussteigen mit den Augen zwinkern…

Ganz großes Kino Leben!