Jul 19 2009

Ralf

Ralf ist schmal, ordentlich sitzende Hose, ordentlich sitzendes Hemd. Vielleicht nicht die aktuellste Mode, aber Ralf ist emsig darum bemüht, ordentlich und gepflegt zu wirken. Er möchte als anständig gekleideter Mensch auftreten und wahrgenommen werden. Seine Arme sind muskulös, trotz der Statur, die er Hänfling nennt. Er würde gerne zunehmen, um wieder ein wenig stämmiger zu werden. Er erzählt von den Zeiten, als er alle Sätze, egal welche, egal wie oft, stemmen konnte. Ich kenne mich da nicht aus, muss nachfragen, was ein Satz überhaupt ist. Er erzählt von einem dicken Hals und ich stelle mir das an sich so gar nicht schön vor. Warum muss man als Mann einen dicken Hals haben? Ich versuche den Lebensentwurf Mann so zu verstehen, aber mir gelingt es immer wieder nicht mit Ralf.

Ralf, der sich um seine Mutter kümmert und um seinen Bruder. Der von seinem Vater immer in allen Ehren redet, der davon erzählt, wie und was ein Mann ist, und sich selbst aber ein ganz großes Stück weit davon entfernt sieht, als Mann gesehen werden will. Sein Vater würde ihm sagen: “wie, du kiffst? lass den Scheiss, das ist nicht gut…” und irgendwie setze ich in Gedanken dazu “oder es setzt eine Tracht Prügel, dass du nicht mehr weisst, wo oben und unten ist”. Ich habe noch nicht so richtig ein Gefühl für den Vater bekommen können. Ich erlebe nur Ralf, den Bruder und die Mutter.

Ralf war immer klar, gerade aus, wusste was er wollte, vielleicht nur nicht, wie er dahin kommen sollte. Er bezieht Hartz, zu Spitzenzeiten den Spitzensatz von 68 €. Wegen den Kürzungen. Die bekommt man, wenn man die Post ignoriert und sich nicht kümmert, das hat Ralf auch irgendwie schon kapiert, aber ein Mann hat ja nun mal selbst für sich zu sorgen. Und so lange er das kann, ist alles wunderbar. Dann lässt man auch das Arbeitsamt kürzen und wartet erst einmal ab, bis der Strom abgestellt ist und zum Schlafen braucht man ja kein Strom.

Als ich Ralf kennen lernte, war der Strom gerade weg und er wohnte mehr bei seinem Bruder, als bei sich zu Hause. Zusammen versuchten sie, ihre Dinge zu organisieren, Pläne aufzustellen, Ziele zu stecken, und sie dann leicht Utopien ähnelnd im Kopf zu verfolgen. Wenn die Stromschuldenbezahlung zum Plan passte, dann wurde sie auch irgendwie organisiert. Kürzungen sind auch etwas schwankendes, ein ewiges hin und her. Ralf hatte da auch noch eine Freundin, bei der er schlief und für sie immer fleißig kochte, da sie arbeiten ging.

Die Freundin wollte irgendwann nicht mehr von Ralf bekocht werden, also hatte Ralf jede Menge mehr zeit, sich um seine eigenen Projekte zu kümmern, was er auch irgendwann tat, nachdem er aus seinem leicht depressiven Loch wieder halbwegs heraus gekrochen war. Er zog wieder bei sich ein und nahm seinen Bruder gleich mit. Beide nahmen die Kürzungen so hin, man wusste ja, wie man seinem Mann stehen konnte.

Bis es Silvester 2008 kam. Da stritten sich Ralf und sein Bruder mit zwei anderen aus dem Haus. Und irgend jemand rief die Polizei, die darauf hin Ralf und seinen Bruder mitnahmen, und weil man schon dabei war, auch noch ein paar grüne Sträucher aus Ralfs Schlafzimmer.

So verbrachten die beiden Silverster auf der Wache und wurden aus der Zelle ins neue Jahr entlassen. Und an dem Punkt muss irgendetwas mit Ralf passiert sein, die darauf kommenden Monate waren ein bizarres Schauspiel, dem man beiwohnen durfte und in das man gleichzeitig auch irgendwie involviert war.

Ralf wirkte jedenfalls mit jedem Tag mehr wie aus der Spur geschossen. Unsicher, verwirrt, zersaust. Sich sicher, dass die Polizei noch hinter ihm her war, weshalb er unendliche Kilometer zu Fuss zurücklegte und auch immer wieder bei mir klingelte und kurz vorbeischaute, zeigen, wie anständig man lebt, anständige Freunde besucht. Ich bezweifelte irgendwann, dass die Polizei seinem Marathon überhaupt noch folgte, zwischen Friedhof, Freunden, der Wohnung seines Bruders, … .

Sein Bruder hätte sich wahrscheinlich selbst jemanden gewünscht, der ihn bei der Hand nimmt und sagt, dass und das machst du, statt dessen versuchte er Ralf zu erklären, was er wie tun sollte. Aber Ralf wurde komischer und unsicher. Mit jedem Gespräch mehr saß mir ein noch verwirrterer Ralf gegenüber.

Irgendwann ging Ralf in die Klinik und kam nach ein paar Tagen wieder heraus. Er kam kurz danach bei mir vorbei. Ich fragte Ralf, was er für Tabletten bekomme habe und wie es ihm überhaupt geht. Er zählte eine Latte von Tabletten auf, wie es ihm allerdings geht, war kaum mehr einzuschätzen. Ein weiteres Gespräch mit ihm hatte dann den heftigen Beigeschmack, einem schwer psychotischen Menschen gegenüber zu sitzen. Er versuchte mir immer die Differenz zwischen innen und aussen zu beschreiben, dass er nicht weiß, was so komisch ist, es sei ja eigentlich alles normal, die Uhr würde ticken, da würde es rascheln, dort würde dieses Geräusch sein. Er wolle doch nur normal sein, aber er weiss gerade nicht mehr, ob er normal ist, ob ihn alle verarschen, oder was auch immer. Er erzählte immer wieder von komischen flavours, über die er erst gar nicht erzählen wollte, weil man ihn ja dann sowieso nicht mehr ernst nimmt. Ich versuchte hinzuhören, versuchte zu verstehen. Ich triggerte Ralf einmal, in dem ich ihn fragte, wie es denn für ihn ohne seinen Hund wäre (der mit 12 Jahren vor sich hinkränkelt und hinkt). Sah Ralf einen impulsiven krampfartigen Weinanfall bekommen. Ich verstand in dem Augenblick, warum sein Bruder ihn ungern noch aus dem Hause lies. Es war schwer, den Anfall ruhig abklingen zu lassen und Ralf das Gefühl zu geben, dass das ok ist hier in diesem Raum, dass er sich darüber nicht sorgen brauche.

Ralf sendete die ganze Zeit eine Menge “Alarmsignale” aus. Sie wurden Tag für Tag mehr, sie wurden Klinikaufenthalt für Klinikaufenthalt nicht weniger, sondern eher das Gegenteil. Jeder Besuch von ihm endete eher noch mit mehr Sorgen. Und dem Gefühl, dass man sehr ratlos war, wo Ralf noch Hilfe bekommen könnte, die ihm hilft. Er baute weiterhin fleissig “Leidensdruck” auf. Irgendwie bekam Ralf auch so halbwegs mit, was mit ihm passierte, aber es lag erstmal kaum mehr in seinen Händen, darüber zu entscheiden.

Ralf weiß sehr gut heute, welches “Medikament” was mit ihm macht. Er hat eine ziemliche Bandbreite davon genommen und ist inzwischen ziemlich verwundert, was für Dinger er da in sich hineinschieben durfte, Tavor, Zyprexka, um nur ein paar davon zu nennen. Er ist glücklich, wenn eine halbe Ibu zum Schlafen ausreichen. Er hat keine Lust mehr auf flavours, deswegen kifft er auch nicht, weil das macht das nur extrem viel schlimmer. Und auf die flavours angesprochen, spricht er von Dingen, die er keinem anderen Menschen wünscht, die er kaum in Worte packen kann und von denen er überzeugt ist, dass andere sofort losrennen und sich einbuddeln würden, in der Hoffnung, dass niemand sie findet. Und das mit den flavours hat nach dem ersten Klinikaufenthalt angefangen (was sich wiederum mit meiner Wahrnehmung decken würde), und die Tabletten ziemlich komische Sachen mit ihm gemacht haben.

Ralf ist nun bei einem Berater, der sich darum kümmert, dass aus den 68 € für den Hund wieder ein Betrag ergibt, von dem er leben kann (Hartz soll ja den Lebensstandard sichern, immerhin für einen Hund scheint das im Fall der Fälle zu funktionieren!). Den Berater hat er sich selbst gesucht und er schimpft nicht auf die Kürzungen, er findet sie gerecht, sie passen zu seinem Bild, dass man etwas machen muss, ordentlich, anständig und normal sein muss, um keine Probleme zu bekommen. Ralf versucht das wirklich mit dem normal sein. Er versucht das wirklich mit aller Kraft, dafür muss man eigentlich nur wenige Worte mit ihm wechseln und ihn kurz ansehen. Er versucht es mit all seinen Mitteln.

Er mag keine Medikamente, er mag die ganze Pharmaindustrie nicht, Ralf ist irgendwie grün, obwohl er eigentlich grün ist, so gar nicht, was seine politischen und Gedankentraditionen betrifft. Aber er hat mal festgestellt, dass Hanfblätter im Schuh perfekt gegen Schweiss sind. Er mag Pflanzen und die Auseinandersetzung, wie sie leben und gedeihen. Ralf hat die besten Tipps parat, wenn es darum geht, kleine Fliegen aus der Pflanzenerde zu vertreiben, ohne jegliche Chemie, er mag künstliche Chemie nicht. Ralf hat auch ein System entwickelt, um mit dem ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen das möglichst Optimale herauszuholen. Immer wieder staunend habe ich mich über seine Kreativität wundern dürfen. Und mich fragen dürfen, warum es keinen Menschen gibt, keinen von den vielen, die diesem Menschen gegenüber saßen und ihm helfen sollten, die das Potential in Ihm entdeckten. Ihm zuhören im Idealfall, sich anhören, wie er sich all das vorgestellt hat, und wie er es gerne machen würde. Ralf würde sicherlich gerne Arbeiten, wenn die Arbeit ihm einen Sinn gibt, und ich würde vermuten, dass das nicht so schwer wäre, wenn man ihm zuhören würde.

Ralf hat auch einen Arzt gefunden, der ihm immerhin zuzuhören scheint und mit ihm auf einer Ebene spricht. Mit ihm zusammen darf er nun seine Laufbahn des letzten halben Jahres aufarbeiten: “In ihrer Akte steht Ko-Abhängigkeit Alkohol – sie erzählen nie übers trinken, haben sie angegeben, dass sie trinken?” – “Ich hab einmal gesagt, dass ich gestern ein Bier getrunken hatte” – “Sie sollten mit solchen Aussagen in Zukunft vorsichtiger sein…”

Ralf will wieder ganz normal werden. Ganz normal ist ein Synonym für ihn geworden, dass sein Inneres sich einigermaßen mit dem Äußeren kongruent verhält und er möglichst keine flavours mehr hat. Und er will wieder ein wenig zunehmen, Krafttraining machen, und versuchen, ein Mann zu sein. Ralf hat aber auch schon ein Stück weit akzeptiert, was seine Diagnose ist. Er beschreibt es ungefähr so: “Mein Kopf war davor so voll, ich wusste so viel und konnte mich für so viel interessieren. Und nun ist da gefühlte Leere.”

Schizophrene Psychosen auf Grund von Drogeneinfluss. Das Grass ist ja heute auch weitaus stärker als früher und am Ende sowieso schon genmanipuliert. Das könnte man laut rufen und ein Haufen Fakten auf seiner Seite haben. Und dabei schön vergessen, dass es am Ende doch noch andere Aspekte gibt:

Der Klient hatte verstanden, dass er Hilfe braucht, dass er selbst alleine nicht mehr klar kommt. Deshalb ging er ins Krankenhaus. Dort verpassten sie ihm Tavor und Zyprexa und ließen ihn dumm grinsen. Sie fragten ihn am Ende nicht, was sich in der Zeit davor zugetragen hatte, was ihn, im Rückblick, ins Krankenhaus brachte. Sie fragten ihn wohl, ob er Drogen genommen hatte, und er antwortete, ein Bier gestern und ansonsten habe ich sehr viel gekifft. Es war egal, ob er mitten in einem Verfahren steckte, was seine Ängste mit ihm machten. Er wurde sediert, kategorisiert und hatte eine so schlechte Angehörigen Beratung, so dass der Bruder sich als Retter empfinden konnte, der seinen Bruder aus der Hölle befreit. Es wurde nicht gemeinsam geschaut, wie man wieder Boden unter den Füssen bekommt. Es wurden mehrere Chancen verpasst und der Klient war recht schnell passiver Spielball, der von Arzt zu Psychiater zu Klinikaufenthalt hin- und hergeworfen wurde.

Irgendwann war wohl der Leidensdruck zu gross und der Zufall wollte es, dass Ralf sich in all dem Kuddelmuddel aufraffte und Ordnung in die Sache brachte. Bis dahin waren aber wohl so einige Chancen vertan, ihm sozial begleitend wieder Boden unter die Füßen zu bringen. Und demjenigen, der mir entgegenhalten würde, dass es anscheinend den Crash brauchte, die Reinigung der Gedanken und des Körpers, möchte ich gerne entgegenhalten, dass wir davor noch einen Menschen hatten, der Träume hatte, die er gerne träumte und nicht von ihnen Angst hatte. Seine Träume passten nicht gut in die gesetzten Grenzen des Lebens, wie es ein normaler Mensch zu verbringen hat. Man machte es ihm nicht gerade leicht, ein normaler Mensch zu sein. Man gab ihm Stück für Stück zu verstehen, dass man sich nur dafür interessiert, ob er fleissig all seinen Auflagen Folge leistet. Keiner, der sich dafür interessierte, nach einer Perspektive zu suchen, einer, der Ralf sein bisheriges Leben beachtet, seine Träume, seine Fähigkeiten, das was er kann und will. Statt dessen lies man ihn da rein schliddern, wo er sich nun befindet. Ohne Träume und Perspektive, die Durchschlagkraft der Realität schmecken dürfend.

Es sind am Ende nur die kleinen feinen Unterschiede, die darüber unterscheiden, die Fähigkeiten eines zukünftigen möglichen Botanikers zur Geltung zu bringen, oder einen Menschen mit einer Diagnose, dem sein Leben durch den Sozialstaat ermöglicht wird, hervorzubringen. (Es sei bemerkt: ein Mensch, der sich mit der Produktion eines des wegweisenden Rohstoffes der Natur auskennt, der an Innovationen, die wir brauchen, mitarbeiten könnte!)

Ich schäme mich dabei für mich selbst, wie gelähmt zuzuschauen, und die unangenehme Last der Sorge verdrängt zu haben, weil man selbst keine Lösung sah, nicht in den Medikamenten, nicht in der Klinik, nicht in meiner Rolle als Freund.

Aber immer wieder habe ich auch so etwas wie halbe Fremdschämen in mir. Es kollidieren zwei Seiten, die ich beide kenne und in mir trage. Und es tut weh, zu hören und mitzuerleben, wie viel Pfusch getrieben wird und wie wenig über den schmalen Tellerrand hinausgeschaut wird. Und ich hoffe sehr, dass es ehemaligen Mitstreiter besser gelingen wird, dass sie zuhören, ertragen, (aus)halten und doch wieder loslassen können. Sich mit den Träumen und Perspektiven der Menschen gegenüber auseinander setzen, im Team gut zusammen arbeiten, um Menschen in solchen Situation eine Begleitung sein können und das gesellschaftliche und politische Spektrum ihrer Arbeit und wie sie sie tun einzuschätzen wissen und vor allem immer wieder aktiv in Frage stellen.

Ich konnte meine Utopie davon, meinen Traum und dessen Vorstellungen davon innerhalb dieses Systems nicht aufrecht erhalten. Statt dessen beschleicht mich immer wieder das Gefühl, dass wir falsch denken, nicht komplett, aber wir sollten vielleicht ein paar Dinge von einer anderen oder vielen anderen Seiten sehen…  Menschen wie Ralf wäre am Ende mehr damit geholfen.

Immerhin, er hat schon wieder ein leicht veschmitztes Lächeln beim Abschied.

Unkraut vergeht nicht, und das ist gut so, schliesslich sind es intelligente Gewächse!


Mrz 11 2009

wir sind anscheinend noch nicht soweit

Ein Thema, um sich die Finger zu verbrennen.

Es gibt also Menschen auf dieser Welt, in unserer Gesellschaft, mitten unter uns, über die man redet, wenn man über Gewalt, Misshandlung oder Vergewaltigung von Kindern redet. Und diese Menschen schaffen es durch ihre Handlungen enorm viel Emotionen in Menschen zu erzeugen. Es reicht, davon zu hören, und der Magen fängt an, sich zu verkrampfen bis umzustülpen.

Und vorneweg, egal welche Handlung, sie ist zu verurteilen, sie ist widerlich und verachtet Leben, das vieler, weil es am Ende mehr Opfer gibt, als man denkt. Und es ist absolut richtig, diese Menschen zu verurteilen, aber, bitte bitte, in einem demokratischen Verfahren.

So sehr man das herrschende demokratische  Prinzip (was oft wie keines wirkt) hassen mag, an der Stelle der Verurteilung finde ich es eine enorme menschliche Errungenschaft. Denn es macht Sinn, dass sich jemand mit den mindestens zwei Seiten beschäftigt, und wenigstens versucht, ein möglichst “neutrales” Urteil zu fällen. Neutralität immerhin als Anspruch, auch wenn man weiß, dass man ihr nur schwer gerecht werden kann. Wie sollte ein Urteilender frei von dem Einfluss der Gesellschaft sein, in der er lebt. Von Medien bis allen anderen prägenden Institutionen abgesehen, kein Mensch ist alleine, man unterhält sich, so wie ich auch heute.

Ich habe an anderer Stelle einmal geschrieben, dass es schwer verständlich ist, wie das mit dem Strafmaß ist. Und die makabren Erfahrungen eines Freundes im Kopf, bin ich so gar nicht derjenige, der der Meinung ist, dass die “Bestrafung”/Verurteilung von Menschen, die sich an Kindern vergangen haben, in einem guten Verhältnis zu anderen Verurteilungen steht. Es könnte Hohn in den Augen der Opfer sein…

Doch bin ich auch generell nicht ein Freund des Wegsperrsystems. Das hat für mich wahrlich etwas mit Verdrängung zu tun. Was soll es es bringen, Menschen alleine wegzusperren? Was soll es bringen, ausser dass diese Menschen noch verspulter im Kopf werden, als sie es sowieso sind. Einem Menschen mit depressiven Hang würde man ja am Ende auch erst einmal raten, unter die Menschen zu gehen. Und da ja eigentlich so etwas wie “Resozialisierung” oder “Wiedereingliederung in die Gesellschaft” am Ende dabei heraus kommen soll. Weil ein lebenslänglich ist in Deutschland ja auch vergänglich. Wenn wir also einen Menschen wieder zum “funktionierenden Teil unserer Gesellschaft” machen wollen, dann könnte man am Ende mehr tun, als nur wegzusperren… in der Psychatrie ist man immerhin schon ein wenig weiter heutzutage. Man schickt sich an, diesem Auftrag irgendwie nachzukommen.

Bei Menschen, die sich an Kindern vergehen, ja aber, da wollen wir das ja gar nicht. Die soll man doch bitte wegsperren, für immer, schade, dass die Todesstrafe nicht mehr gibt, aber dann sollte man sie immerhin kastrieren. Solche Menschen haben auf jeden Fall kein Recht mehr, unter uns zu leben, überhaupt zu leben.

Das sind Aussagen, die man dann hört. Mit einer absoluten Überzeugung dahinter.

Und es schreit in mir, auch wenn ich bei diesem Thema nicht unbedingt die Gegenseite vertreten will, so muss ich doch vehement widersprechen, weil, verdammt, es nun doch nicht so einfach ist.

Ich verstehe, dass für Eltern das ganze Thema ein unglaublicher Trigger sein muss. Da gehen alle Antennen an und das ist wundervoll so. Das ist ein große Errungenschaft zu früheren Zeiten. Ich bin sehr froh darüber. Die Vorstellung, dass dem eigenen Kind solches widerfahren könnte, ein absoluter Alptraum.

Aufgewachsen in einem pazifistischen Elternhaus, bin ich selbst nur ein einziges Mal mit tätlicher Gewalt in der Familie konfrontiert gewesen. Meine Mutter hatte mir eine gewischt. Soweit ich mich daran erinnern kann, war die Situation gut chaotisch, meine Mutter mit dem kleinen Bruder beschäftigt, weil ich dem am Ende davor weh getan hatte. Wie auch immer, es gab eine Watsche, um wieder ein bisschen Ordnung ins Chaos zu bringen. Hat funktioniert einigermaßen für den Moment, dafür dürfte wohl meine Mutter weitaus mehr Stürme in sich ertragen, mit Scham und Schuld und Erklärungen kämpfen. Es belastete meine Beziehung zur Mutter nicht so sehr, ich hatte das aus dem aktuellen Gedächtnis einigermaßen drängen können, weil ich das Gegenteil auch sofort wieder spüren durfte. Ausserdem konnte ich auf eine “sichere Bindung”, wie man es wohl schimpfen würde, zurückgreifen. Es blieb etwas übrig, verblasste nicht wie andere Kindheitserinnerungen. Was mögen also viele Schläge der eigenen Eltern für Spuren hinterlassen…

Und ich erwähnte bisher nur die Handgreiflichkeit, die psychische und emotionale Kindesmisshandlung ist da noch gar nicht enthalten. Und wenn die Statistik stimmt, dann widerfährt jedem 10. Kind irgend eine Art von Misshandlung. Und das sind dann doch verdammt viele. Das trifft dann nicht nur die Kinder, die gestorben sind, die Extremfälle. Das ist die traurigste Eisbergspitze…

Wenn man also die Spitze verbannen will, warum schiebt man dann nicht den ganzen Berg hinterher? Also jedes 10. Elternpaar könnte dann am Ende weggesperrt, oder kastriert, oder sonstwie verurteilt werden. Das wären dann aber schon einige Menschen, die wir wegsperren müssten, um all das Böse aus unser Gesellschaft zu verbannen. Und wer weiß, am Ende ist “das Böse” dann immer noch nicht weg? (Es könnte aber eine möglich Lösung des Klimaproblems sein, alles menschlich Böse wegzusperren. Der letzte schmeißt den Schlüssel weg. Traumbedingungen für Natur zur Regeneration)

War meine Mutter also vom Bösen besessen, in dem Augenblick, in dem sie mir eine auf die Backe gab? Vermutlich nicht, es gibt dafür sicher eine logische Erklärung, wie es dazu kommen konnte, dass die ganzen wohl erlernten Konfliktbewältigungsstrategien versagten und es einen Impuls für etwas gab. Würde man nun genau nachfragen und nachhaken, woher dieser Impuls kommen könnte, welche Bilder in dem Menschen sind (Erinnerungen, Erlebnisse, Erfahrungen), würde man am Ende vielleicht noch ein wenig besser verstehen, wer oder was dafür verantwortlich sein könnte.

Eine Warnung vorneweg. Das Nachhaken und Fragen könnte unangenehm sein. Man könnte hören, dass man früher selbst so gezüchtigt wurde, und wenn man ein guter Zuhörer ist, hört man vielleicht Geschichten, die man eigentlich nie hätte hören wollen. Da gehen einem Kind aus pazifistischen Elternhaus die Augen und Ohren über, wenn man hört, wie es in anderen Elternhäusern zuging, von Menschen, die alltäglich um einen sind. Wenn dann der Gürtel kommt, dreht sich bei mir auch schon der Magen um…

Man versucht also einen Impuls zu verstehen. Doch irgendwann hören die meisten auf, etwas verstehen zu wollen. Sie verurteilen dann gerne. Und ich würde mich trauen zu behaupten, dass diejenigen, die am heftigsten verurteilen, selbst Opfer waren. Das Täter-Opfer System multipliziert sich gerne weiter, hat man irgendwann mal verstanden, von aussen besehen jedenfalls, nicht von innen, da multipliziert man fleißig.

Um also den netten Teufelskreis zu durchbrechen ist das wohl am häufigsten eingesetzte Mittel: das Verstehen. Nur was man versteht, kann man am Ende auch ändern. So arbeiten die mir bekannten Therapien allesamt. Sie versuchen zu verstehen, etwas zu greifen, um ihm mächtig zu werden. Manchmal ist es nur eine Ahnung, die einen ein wenig mehr verstehen lässt.

Für die meisten Kindesmisshandlungen wird man mit dem Mittel des Verstehens auch relativ weit kommen, dass was wir aber nicht verstehen, weil es sich uns versperrt, dass macht Angst. Und egal ob es um Kindervernachlässigung geht oder schwere Misshandlungen, Inzucht, Vergewaltigungen, es ist schwer, zu verstehen, was einen Menschen dazu bringen kann. Man will es auch nicht verstehen…

An dem Punkt treten wir gerne selbst in einen inneren Konflikt. Das Hinterfragen stößt am Ende an sehr unbewusst vorhandene Ängste oder auch unbewusste Bilder, Phantasien, Vorstellungen. Es ist wohl ein rechter Hammer von Argument, aber es gibt viele Menschen, die das Argument an solchen Punkten anbringen. Und so dumm finde ich es nicht: Eine vollkommen rasierte Vagina ist nicht unbedingt so von der Natur bisher angelegt (Die Fachbiologen kommen nun bestimmt mit, Evolution, Haare gibt es bald gar nicht mehr – ich beziehe mich aber auf die Gegenwart, die haarig ist, im wahrsten Sinne des Wortes!). Aber eine rasierte Vagina kommt dem Erscheinungsbild des kindlichen weiblichen Geschlechtteils durchaus näher, als mit viel Busch darum herum (Und ich will mich damit nicht direkt an der Opfer-Täter Problematik bezüglich dieses Themas beschäftigen – könnte man sicherlich, allein auf der Symbolik Ebene).

Nein, wir leben sicherlich nicht einer Gesellschaft, die ein hohe Kindheitsideal hat. Bestimmt nicht. Und dieser Fakt könnte uns wohl auch so gar nicht beim Verstehen helfen. Aber vielleicht ist es dann doch ein Puzzlestück… und immerhin eines, bei dem sich ein jeder, egal ob Mann oder Frau fragen kann, was er da macht, bzw mit sich machen lässt.

Ich hab keine Kinder, ich muss keine Angst davor haben, was mit ihnen passieren könnte… vielleicht habe ich auch keine Kinder, weil ich am meisten Angst vor mir selbst habe. Ich sage ungern, dass ich es anders machen würde, als meine eigenen Eltern (und ich habe auch nicht sehr viel Grund dazu!), weil ich weiß, dass ich gar nicht anders kann. Ich kann nur um meine Bilder, meine Erfahrungen, meine Erlebnisse wissen, das, was mich prägte. Ich kann wissen, wie meine Konfliktbewältigungsstrategien aussehen. Ich kann, wenn ich mich sehr gut kenne, wissen, wann ich auf mich aufpassen muss, damit nicht etwas passiert, was ich nicht will. Kenne die Alarmzeichen und weiß dann zu handeln. Ich weiß aber nicht um meinen Impuls, ich wurde bisher nicht allzusehr genötigt von Kindern…

Das ist das, was man mit Menschen auch versucht zusammen zu erarbeiten, die mit ihren Impulsen in negativer Art und Weise  Bekanntschaft machen durfte. Daran kann ich kaum etwas Falsches entdecken. Nur unterstützenswert.

Trauriger finde ich, dass es heutzutage wirklich noch die Ansicht gibt, dass irgendwelchen Menschen ihr Lebensrecht per Verurteilung abgesprochen werden kann, Homosexualität eine Krankheit oder ein Gendeffekt ist und man meilenweit von dem Willen des Verstehens entfernt zu sein scheint. Das tut fast schon weh…

Verstehen heißt auch, Nicht-Verstehen akzeptieren zu können, dass es nicht immer eine genaue Antwort oder Erklärung geben muss.

Es bleibt immerhin die Antwort: wir sind anscheinend noch nicht soweit…


Mai 21 2008

für meinen freund…

… der das hier nicht einfach lesen kann. Ich muss es ihm erst ausdrucken, per Brief an ein Postfach schicken, und hoffen, dass dieser Brief auch wirklich ankommt und nichts enthält, was irgendwelche Menschen, wahrscheinlich irgendwo in Deutschland in einem Büro sitzend, für unpassend erklären. Sie lesen dann diesen Brief Zeile für Zeile, Wort für Wort, auf der Suche nach irgendwas, vielleicht einem Grund, der es erlauben würde, ihn für unpassend zu erklären. Dann würde der Brief wahrscheinlich konfisziert werden und irgendwo herumliegen, bis ihn mein Freund irgendwann sehr viel später, lesen könnte.

Irgendwann begegnet man der Frage, was das wohl für Menschen sein mögen, die solch Briefe lesen, Zeile für Zeile, Wort für Wort. Wie gehen die damit um, wie verdauen die eigentlich all das Gelesene? Gehen die wie Therapeuten in Supervision und sprechen über all das, was sie da lesen? All die Gefühle, all die Geschichten, all die Intimitäten oder Halb-Intimitäten? Liest da einer immer die gleichen Briefe, oder wird das irgendwie anonymisiert behandelt, also mit einem gut ausgeklügelten “Shufffle” System?

Eigentlich müssten diese Menschen ja auch unter uns sein, vielleicht begegnen sie uns morgens auf dem Weg zur Arbeit? Vielleicht wir sehen einander in die Augen, vielleicht nicken wir einander zu, sozusagen als freundliche Geste. Vielleicht erzählen diese Menschen auch ab und an ihren Freunden die ein oder andere Geschichte, so wie das zB auch die Therapeuten tun, also natürlich tun sie es NICHT, aber es passieren ja so unglaublich viele dumme Dinge auf dieser Welt, und die Substanz solcher Geschichten kann ja in sich drängend sein. Wenn da also vielleicht gar keine Supervision stattfindet?

Aber irgendwie hab ich noch nie von jemanden gehört, dass er wiederum einen Briefeleser als Freund hat. So was bekommt man irgendwie nie erzählt, da gibt es Ingenieure, Architekten, Juristen, Künstler, Sekretärinnen, Schornsteinfeger, die Nerds, nein, was es nicht alles gibt. Aber Briefeleser, nein, das hab ich noch nicht gehört. Ich weiß auch gar nicht, ob das ein angenehmer Beruf wäre. Also ich wüsste ja zum Beispiel schon durchaus, warum ich ein Therapeuten Dasein eher kritisch gegenüber stehe. Briefe sind ja noch schlechtere Gesprächspartner als Menschen. Briefe sind nur herrlich für Konstruktionen. Also was ich schon alles aus Briefen heraus gelesen habe. Briefe von Frauen zB. … unglaublich. Da reicht ein Satz für ein Schloss von Gedanken. Also mit Briefen kann man sich wunderbar zerfleischen finde ich. Aber die Briefeleser haben dann bestimmt eine ganz große Portion von der so genannten “Berufsprofessionalität” weg. Die lesen das mit dem analytischem Auge, dem nichts entgeht, und trotzdem immer die abstrakte Neutralität gewahrt bleibt.

Und wie viele Briefeleser gibt es wohl nun hier in Deutschland, die Briefe wie diese an meinen Freund, der weit weg in einer klitzekleinen Zelle hockt, 23 Stunden am Tag, lesen? 100? 1000? 10000? Hmmmm… will man es wirklich wissen? (Haben sich das nicht Menschen schon immer gefragt, ob sie etwas so wirklich wissen wollen?)

 

Ich habe viel nachgedacht, seitdem mein Freund dort in dieser Zelle sitzt. Ein halbes Jahr hatte ich nun schon Zeit nachzudenken. Und man versteht viele Dinge einmal neu sehr viel anders, von denen man glaubte, sie eigentlich wertzuschätzen. 

Es ist eine große Freiheit, das lesen zu können, was man lesen will, dann wann man es lesen will, einen Brief schreiben zu können, wann man will, mit dem Inhalt, den man schreiben will, ohne eine imaginierte Person sich dazu zu denken, die nicht dazu gehört. 

Eine ungemein viel größere Freiheit ist es, das tun zu können, was man gerade tun will. Nach draussen gehen zu können, wenn man will, in die Sonne schauen, wann man will. Sich selbst einzusperren, wenn man das will. 

 

Und nach einem halben Jahr kann ich nur sagen, dass es absolut unvorstellbar bleibt. Es bleibt unvorstellbar, dass mein Freund irgendwo zwischen vier engen, fremden Wänden lebt. Durch ein kleines Fenster mit Gittern manchmal wohl die Sonne erahnen kann. Man kann sofort bei sich selbst beobachten, wie sich der Gedanke abspaltet und zu einer Parallelwelt wird. Die passt nicht zu der Realität, in der man tagtäglich leben darf. Es passt nicht zu der Sonne, in die man schaut, es passt nicht dazu, wenn man sich zwischen vielen Menschen in die U-Bahn schiebt. Es passt nicht in diese tolle Welt, in der alles passt, sogar wenn die U-Bahn mal streikt. Man muss sich zwingen, es zu verdrängen, weil es einem ansonsten einen dauerhaften brainfuck verpasst. Man würde sich dann nur bei jedem zweiten Menschen fragen müssen, ob er auch ein Briefeleser ist. Und paranoid bin ich ungern.

Jetzt wird es unglaublich viele Menschen geben, die sagen, dass diese Orte, die manch einer nett Knast nennt, oder Gefängnis, oder… dass sie Sinn machen, weil es Menschen gibt, die dort hin gehören, genauso wie es Menschen gibt, die in die Klappse, pardon, Psychatrie gehören. Menschen, die nicht in diese Gesellschaft passen wollen, bzw die Existenz der Gesellschaft gefährden, weil sie sich an gesteckte Grenzen nicht halten wollen. Menschen, die nicht problemlos “funktionieren”. Die nicht passen. Anecken. 

Und sie werden es wohl schwer als Argument zählen lassen, wenn man ihnen erklärt:
Nehmen wir an, sie sind jung, dynamisch, erfolgreich, haben eine Frau, Kinder und einen gut bezahlten Job. Alles läuft wie am Schnürchen, vielleicht am Ende manchmal zu glatt, aber an sich, man soll ja nicht unzufrieden sein. Die Firma ging dann nur pleite, sie verloren ihren Job, wurden Hartz 4, haben schon einige Bewerbungen verschickt, aber meist kam es nicht zu einem Bewerbungsgespräch. Sie blieben zu Hause, weil all ihre Freunde am Tag arbeiteten. Sie kümmerten sich um das Haus, holten Nachmittags die Kinder von der Schule ab. Das war auch alles nicht so das Problem, ein Problem wurde dann eher erst, dass die Freunde immer nur vom Job erzählten, während man selbst nicht mehr wirklich etwas zu erzählen hatte, ausser dass die Nachmittagstalkshows wirklich hohl sind. Also ließ man das lieber mit den Freunden, das war zu peinlich für das Ego. Irgendwie versumpfte man ein wenig in sich, wusste nicht so recht was mit sich anzufangen, wohin die Lebensreise gehen sollte. Die Freundin ging wieder zur Arbeit. Im Bett lief sowieso nichts mehr, weil er mit jedem Tag zu Hause anscheinend gefühlt an Attraktivität verlor. Als die Freundin sich dann irgendwann zur Trennung entschloss, weil sie da jemand neuen kennengelernt hatte, war das ein heftiger Schlag, dass sie die Kinder mitnahm umso mehr. 

Und ab dem Punkt bitte einfach weiterspinnen, in der Psychologie nennt man das Zusammenkommen verschiedener kritischer Faktoren, oder Häufung, die irgendwann die Schwere der “Störung” ausmacht.

Wie viele solch kritischer Faktoren wird es also brauchen, damit sie, du oder ich die Diagnose “Störung” wegbekommen würde? Die Kritiker würden natürlich sagen, soweit kommt es ja gar nicht, man kennt sich ja, ausserdem hat man ja ein soziales Netz. Wirklich? Haben wir alle das? Das funktionierende soziale Netz, wenn wir einmal durchdrehen? 

Ich würde sagen, nein, weil kein soziales Netz in Deutschland so gut sein kann. Deswegen haben wir meiner Ansicht nach Gefängnisse, Psychatrien, Behinderteneinrichtungen, Senioren- und Kinderheime und all die Orte, wo Menschen in einer kleiner Parallelwelt leben. Weil wir Menschen es nicht anders aushalten, nicht anders funktionieren können, als um den Preis des Vedrängens nicht zahlen zu müssen. Wir müssen Verdrängen, um zu funktionieren. Und je besser wir funktionieren sollen, desto mehr müssen wir Verdrängen. 

Wir müssen es einfach schlichtweg ignorieren, dass auch wir diejenigen sein könnten, die einmal durchdrehen könnten. Wir müssen einfach schlichtweg verdrängen, was in uns ebenso ist. Wir müssen sozusagen ein Hochleistung vollbringen, wir müssen nämlich verdrängen, dass wir auch nur Menschen sind. Wir sind sozusagen alle Übermenschen, wir funktionieren, machen nichts falsches, sind gnadenlos perfekt, und suchtartiges Verhalten ist uns grundsätzlich fern, sowie gegen gesteckte Grenzen aufzubegehren.

Mein Vater erzählte mir einmal, dass man sich früher vor Gericht für seine geschriebene Verweigerung erklären musste. Da wurde man dann gefragt, was man machen würde, wenn die Freundin neben einem angegriffen werden würden. Natürlich die Polizei rufen und bis dahin meditieren um nicht selbst zu eskalieren. Und wenn man sich ehrlicher Weiße eine gewaltvolle Verteidigung vorstellen konnte, hatte man schon verloren. Ich persönlich frage mich bis heute, wie man rein gedanklich allein die Benutzung von Feuerwaffen ausschließen wollen würde. Also rein gedanklich kann ich nur konstruieren, dass es die Wahrscheinlichkeit der Benutzung geben könnte. 

 

Und nun die eigentliche Frage, würden sie wirklich wissen, was sie machen würden, wenn all die Stricke, auf die sich verlassen haben, reißen? Würden sie wissen, wo sie anzurufen müssten, wenn sie in absoluter Verzweiflung stecken? Wenn sie keiner mehr versteht, nicht einmal sie selbst? Und wenn dieser Zustand länger andauert als zwei Tage?

Würden sie von selbst ins Gefängnis oder die Psychatrie gehen?
Nein?

Komisch… 

Da bringen wir doch genau diese Menschen hin, die nicht von selbst auf die Idee gekommen sind und erwarten uns irgendetwas davon?!? Und sie können sich eigentlich sicher sein, sie haben auch das Potential dazu, weil sie auch nur ein Mensch sind, wie ich, mein Freund, und all die anderen Menschen auf diesem Planeten. 

 

Ohja, mein Freund muss also etwas schlimmes getan haben, jaja, er muss ja nicht ohne Grund dort sein. Er hat immerhin nicht zwei Minderjährige vergewaltigt und ist nach einem halben Jahr wieder auf Bewährung draussen, wie es einem seiner Zellengenossen erging. Nein, für mehrere Jahre muss das schon schlimmer wiegen. 

Ich würde ja sagen, dass schlimmste, was er gemacht hat, war, für eine gute Zeit lang ein gutes Stück sich selbst zu verlieren. Er hat niemanden umgebracht, er hat niemanden verletzt. Vielleicht hat er zu viele Wände bemalt, war ein Linker, der in einer konspirative Gemeinschaft steckte, vielleicht hat er zu viele Mp3s im Netz verteilt, mit Hasch zu tun, Reifen von dicken Mercedes aufgestochen und Jeeps abgefackelt. Könnte so alles sein. 

Mein Freund hat zwei Minderjährige Kinder. Ich glaube, das hat ihm in dem Zusammenhang schwer Kopfzerbrechen bereitet. Und das wird mir wohl ebenso keiner erklären können. Wie das zusammengeht. 

 

Und nein, ich verstehe es nicht, und ich will es nicht verstehen, auch nicht akzeptieren. Das ist das Land in dem ich lebe, die Gesellschaft, in der ich aufgewachsen bin. Und es macht mich unglaublich traurig, auf diese Art ein Stück mehr erfahren zu dürfen, in was für einer Gesellschaft ich lebe, um welchen Preis sie funktioniert, mit welcher Willkür, mit welch Uninteresse an dem Menschen als Individuum. Zu welchem Preis werden da Exempel statuiert, das ist unglaublich. Und es macht wütend, unglaublich wütend.

 

Eine Gesellschaft voller Menschen, die wahrscheinlich zum größten Teil selbst nicht einmal weiß, was sie machen würden, wenn für sie einmal alles nicht mehr passt. Dafür gibt es keine vorgespeicherte Rufnummer im Handy, da hilft kaum freundschaftlicher Rat, da können Freunde noch so große Freunde sein. Da haben wir nur die kollektive Selbstsicherheit, dass es ja gar nicht so weit kommen würde…

Und wenn dann doch wieder einer durchgedreht ist, und zwei Minderjährige die Opfer sind, dann wird das groß in den Zeitungen stehen, damit wir alle wissen, was wir zu verdrängen haben. Nebenbei bemerkt, gibt es in Berlin ein Programm der Begleitung genau für solche Menschen (Kein Täter werden), die erkannt haben, was ihre “Störung” ist. Schade, dass so etwa als mutig empfunden wird und nur als Experiment läuft. 

Ein zu schöne Vorstellung, dass so etwas mal ganz normal sein wird. Menschen sollten dabei unterstützt werden, sich selbst besser zu verstehen. An sich zu verstehen.

So lange ein Staat Menschen wegsperrt, wird er Aggression schüren. Traurig, dass wir so unglaublich langsam im Verstehen sind.

Mein Freund hat also viel Zeit nachzudenken. Das tut er. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass man zwischen vier engen Wänden sehr anders versteht. Vielleicht versteht man noch viel weniger, als man so schon nicht versteht. 

 

Soviel habe ich endgültig verstanden: es wird Zeit, dass wir mit dem Verdrängen bewusster umgehen! (Ein Paradox in sich, ich weiß)