Nov 29 2011

Unterwegs

Ich mag losfahren nicht. Weil ich schwer loslassen kann, vor allem von meinem Frieden mit dem Alltag. Weil es so viel gibt, an das man noch denken könnte, bevor man losgeht. Ich bin enorm schlecht darin, etwas einfach liegen zu lassen, unerledigt, es einfach warten zu lassen. Mit jedem Jahr muss man mehr akzeptieren, dass man nicht darum herum kommt, etwas liegen zu lassen, etwas zu vergessen. Das endete bei mir darin, dass ich nun dreimal schaue, ob ich das Fenster zugemacht habe und es vor der Tür schon nicht mehr weiss, ob ich das Fenster wirklich zugemacht habe. Weil ich all das, was man nur bei sich hat, schon so schwer überschauen kann. Zwei Feuer, viel zu viele Schlüssel, ein Geldbeutel, Tabak, Papierchen, Bonbons, Taschentücher, Mobiltelefon, Rucksack, Wasser, Computer, Ladegerät, USB Stick, Mütze, Jacke, Schuhe… und das ist mehr oder weniger nur die Grundausstattung. Ich kann Menschen verstehen, die nackt mit Jacke und Schuhen aus der Haustüre treten, sie haben meine volle Sympathie. Ich hoffe nur, dass ich mir das bis zur Demenz erspare…

Es gibt Menschen, die sind an dem Punkt wirklich komplett anders. Sie vergessen einfach alles und wissen das Glück auf ihrer Seite, zu mindestens in vielen Fällen. Zu mindestens erzeugt ihr Handeln diesen Eindruck. Mir bleibt da nur das Staunen, das stille Staunen. So habe ich zu mindestens sehr schnell gelernt, dass ich nur sehr selten zu den Menschen gehöre, die zu einem Zug rennen, noch weniger, hinter ihm her renne, während er schon losgefahren ist. Man findet sein Arrangement mit sich.

Ich habe nichts gegen das Fahren an sich, noch weniger gegen das Ankommen. Ich mag das Rauschen der Gedanken, während Bäume, Felder und Wissen an einem vorbei ziehen. Ich mag es sehr, wenn ich dabei in mir versinken kann, wenn man es schafft, seine Gedanken mitreisen zu lassen, anstatt sie zu Hause zu lassen. Ich hatte aber nie diesen RoadTrip Moment, indem man unbedingt ganz laut die Musik aufdrehen muss, weil gerade dieses eine Lied im Radio läuft. So ein Freiheits Moment Bild. Das klebt auch eher an dem Fortbewegungsmittel Automobil. Ich bin da ein verdammt schlechter Beifahrer, absolut ungeeignet für das Freiheitsempfinden in einem Auto. Ich hatte das nie, das ist ein blinder Fleck in meiner Biografie. Und inzwischen bin ich sowieso absolut ungeeignet dafür, könnte ja etwas passieren, während man da so ausflippt. Und frei fühle ich mich auch so gar nicht in einem Auto. Während man dann Beton Kilometer für Beton Kilometer dahin rasst und beim Überholen für einen kurzen Augenblick in all diese deutschen nach Freiheit schreienden Gesichter schauen kann. Ich würde das jedem Touristen in Deutschland nur empfehlen: Einen Spaziergang in einer Vorstadt und eine Fahrt über eine beliebige deutsche Autobahn. Es gibt wohl kaum weniger Augenblicke, wo man so ungemein tief in das Innerste von Menschen schauen kann. Danach hat man wenigstens auch darin Klarheit, dass wir wohl definitiv eher vom Affen abstammen, als von Gott geformt zu sein.

Und normalerweise schlafe ich nicht im Auto. Ich muss schon sehr fertig dafür sein, und zu lange in fremde, zum großen Teil leblose Gesichter geschaut haben. Oder ich hänge mit meinen Gedanken noch wo anders fest. Dann zähle ich Bäume oder die weis/schwarzen Pfeiler am Rand, systematisch immer im gleichen Abstand stehen, wahrscheinlich auf cm genau. Es ergibt sich auf jeden Fall ein sehr langsamer Beat daraus, der sehr einschläfernd sein kann. Und man hat sich immer wieder verzählt, wenn die kleinen Kilometeranzeigen kommen. Dann bleibt noch Stadt Land Fluss und Kennzeichen Raten in Gedanken zu spielen, angefangen bei den Städten. Gegen das Einschlafen, um sich wach zu halten. Sinnlose Beschäftigung, um die Kilometer zu überbrücken.

Ich war entsetzlich müde und hing bei Q oder V fest, mir wollte keine Stadt einfallen und überlegte, ob ich dich nach langen Schweigen fragen sollte, ob dir dazu etwas einfällt. Ich weiss nicht mehr, ob ich dazu kam. Ich kann mich nur daran erinnern, dass du aus langen Schweigen heraus gefragt hast, ob ich dich damals denn geliebt hätte. Und ich hing immer noch bei Q und hatte große Mühe, mich darauf zu konzentrieren. Schon wieder hatte ich dabei versagt, diesen RoadTrip Moment abzustauben. Mir fiel nämlich so ziemlich genau nichts ein, was ich hätte antworten können, geschweige denn etwas gegen die Flut von Gedanken zu machen, die von links, rechts, oben und unten auf mich einschossen. Ich sagte dann erstmal nichts und schwieg, um für meine dumme Antwort Zeit zu schinden. RoadTrip wäre wohl ein: “hmm, schon ein wenig…” gewesen. Konsequentes Schweigen wäre am Ende auch noch passenderes, als das Gestammel, das ich dann von mir gab. Und wenn uns irgend ein Tourist in dem Augenblick überholt hätte, er hätte wohl in so ein Vorfahren-Gesicht geschaut…

Das Leben ist schon ein wenig, wie es in den Hollywood Filmen gezeigt wird. Man muss nur zwei beliebige Filme übereinander legen, und würde ziemlich nahe dran sein an der “Wirklichkeit”. Die Wahrscheinlichkeit, einen gemeinsamen RoadTrip Moment abzustauben ist aber dann wohl doch eher gering.

Ich weiss auch gar nicht, ob es gut ist oder war, all die Illusionen vom Christkind bis hin zur Liebe zu zersetzen. Illusionen sind schon hilfreich, bei Gesprächen, beim Miteinander Leben und all dem. Es ist schon eher penetrant unerträglich, sich vor Augen zu halten, welch unterschiedlichen Filme bei Menschen ablaufen. Aber wäre Liebe am Ende nicht so etwas, wie die Fähigkeit, all die Gedanken auszuhalten und ertragen zu können, die ein anderer hat oder hatte, in all der Zeit, in der man zusammen ist/war (oder nicht)? Ziemlich unerträglicher Gedanke an sich, aber da wo es weh tut, ist es nie verkehrt. Zu mindestens kommt das der Sache schon näher als was man “damals” unter Liebe meinte verstehen zu können (und man wird an dem Punkt bestimmt nur “schlauer”).

Man sollte nur den Spass nicht daran verlieren, sich von den Gegensätzen amüsieren zu lassen. An sich ist das ganz großes Kino. Und würde ich jemals einen RoadTrip Movie drehen dürfen, dann würde ich diese Szene darin unterbringen, zwei Deutsche, so ganz romantisch und verträumt. Sie: “hast du mich eigentlich damals geliebt?” Er mit der spontanen Antwort, nachdenklich und ohne jeden Zweifel in der Stimme: “Keine Ahnung, aber weisst du ne Stadt mit Q?”.

“Quedlinburg”.
Und man sieht das Auto friedlich in den Sonnenuntergang fahren.


Jul 15 2011

Das letzte Mal

Das letzte Mal Tränen in den Augen, als ich im Amsterdamer Concertgebouw bei Patrick Watson mit dem Koninklijk Concertgebouw “Light House” hörte (es war das erste Lied an dem Abend von Patrick mit Orchester). Und auch wenn man sich den Live Mitschnitt holt und auf einer guten Anlage anhört, der Moment in dem es zum ersten Mal kracht, das kommt nicht an. Vielleicht gerade noch im Ohr, aber nicht da, wo es einen Tränen aus den Augen schießen lässt. Das war ein verdammt majestätischer Moment, so ganz und gar, in dem alles von einem weggeschwommen oder alles auf einen eingeflutet ist, mitgerissen und weggespült wurde. (Trotzdem empfehle ich den Mitschnitt sehr!)

Die letzten Male voller Ratlosigkeit mit einem schreienden kleinen Bündel voller Emotionen vor sich. Und man verstand nur, dass all die bisherige Ratlosigkeit lächerlich war. Und man keinen blassen Schimmer hat, was das für  Fragen sein könnte, welche Realität, die so sehr quält. Ratlosigkeit auch darüber, ob es gut oder schlecht ist, dass all die anderen Mitmenschen (normalerweise) nicht schreien und wüten.

Das letzte Mal verzweifelt an einer Lebensrealität: vor einer Woche. Das tolle an Privatparties ist, man bekommt einen, nicht selten aufgehübschten, Einblick in das Leben von irgend jemanden. Wenn Oscar Wildes Versuchungs Zitat in der Küche an der Wand klebt, sollte man sich aber spätestens überlegen, ob man diesen Einblick wirklich aushalten kann. Beim Fachgespräch über den neuen Fernseher und dessen Zolleinheiten (sind das nun 37, oder 32) inklusive tollen Soundsystem, von dem man so gar nicht weiss, ob es nun 5.1, 7.1 oder am Ende nur Stereo ist, steckt man leider schon mittendrin im Lebensrealitäten Abgleich. Irgendwann werden dann wohl die Kinderbücher aus der untersten Etage in den mittleren Bereich des Buchregals wandern und die literarisch wertvollen Bücher weiter nach unten. Und wenn Besuch kommt, läuft man weiterhin mit Stöckelschuhen durch die eigene Wohnung. Der Realitäten Abgleich zwischen Wedding und Friedenau funktioniert in der Praxis nur sehr schwer. Es ist lange her, dass ich auf einer “Privatparty” war. Ich werde das nächste Mal wieder dem Wedding den Vorzug lassen. Das ist näher dran an meiner Realität.

Das letzte Mal alt gefühlt: stetig zunehmender Zustand. Zum Glück nimmt auch die Akzeptanz des Alterns stetig zu. Bartträger zu sein ist zwar gerade kein Ausdruck mehr davon, aber Bartträger bin ich nun auch schon fast 10 Jahre. Eat this, young hipsters. Die Revolution der Bärte bleibt aber Tatsache, auch wenn die hipster keine mehr tragen!

Das letzte Mal ohne Mütze: nach Stunden langen Suchen das langsame sich Abfinden mit der gefühlten Nacktheit. Auf der Strasse dann die Erkenntnis, dass Kopffreiheit und nackt sein in der Öffentlichkeit keine Option sind. So gar nicht. Absoluter Erkenntnisgewinn: man kann nie genug Mützen haben!

Das letzte Mal über Glück nachgedacht: als ich den (sonn)taz Artikel der letzten Ausgabe hinter mir hatte. Eine Frau lässt Ihre Glücklichkeit erforschen. Dabei hat die Frau, die ihre Glücklichkeit erforschen lässt schon den nahen Beigeschmack zu einem Realitätsabgleich, den man sich gar nicht erst antun sollte. Übrig bleibt dabei für mich nur die Frage, ob sie es nur gemacht hat, weil die taz den Auftrag dazu gegeben hat, oder ob sie das wirklich wissen wollte, wie glücklich sie ist. Wollte sie wirklich nur die Bestätigung abholen, dass sie scheisse glücklich zu sein hat, weil alles perfekt ist? Das interessiert mich dann doch schon fast mehr, als die Frage nach dem Glück an sich. Dazu kam zeitgleich der Hinweis auf ein Filmprojekt über Frauen um die 30 (http://www.indiegogo.com/RESTLESS). Der Film könnte seinem Namen ziemlich gut gerecht werden. Hat auch nicht zwingend Glück zum Thema. Spitzt nur so durch. An sich ist das schöne am Glück ja, dass daran scheitern. Das ist das Beste, was einem am Glück oder glücklich sein passieren kann. Und ich wünsche ganz vielen Menschen, an ihrer Vorstellung von Glück zu scheitern. Nicht aus Gehässigkeit, nein, ich glaube, das ist sehr gesund. So für den eigenen Horizont. Und man bekommt mit jedem Scheitern ein Stück mehr Zufriedenheit, oder “happiness”. In dem Sinn ein Film über sehr “gesunde” Frauen. Schön…

Das letzte Mal darüber nachgedacht – warum eigentlich: Irgendwann muss es mir gelungen sein, diese Frage als malträtierenden Hammer, der den Kopf mit jedem Schlag zu Brei verwandelt, loszuwerden. Sie quält mich zu mindestens nicht mehr und das empfinde ich eigentlich als sehr angenehm. Zu oft und jeden Tag aufs neue darf man sich mit dieser Frage auseinander setzen. Es reicht, in die Zeitung zu schauen um an der Frage “warum eigentlich” zu verzweifeln. Es reicht der Blick auf das eigene Leben und das von anderen Menschen. Es reicht, von meiner Wohnungstür bis zu einer U-Bahn zu gehen, es reicht nur ein Minimum von diesem Irrsinn wahrzunehmen, um sich für eine lange Zeit in der dunklen Kammer zurückzuziehen und die warum Frage an sich nagen zu lassen. Solange der Mensch noch müde wird, wird das nicht klappen mit einer perfekt Antwort auf das warum. Die Chance, dass es am nächsten Tag, ausgeschlafen oder nicht, eine neue Antwort gibt, ist nicht so gering. Und nein, man muss nicht jeden Tag eine neue Antwort finden, aber es reicht mir als Antrieb, um aufzustehen. Mich verwundert eher, wie viele Menschen bei einer Antwort oder der Suche nach der perfekten Antwort hängen bleiben. Bleibt noch die bohrende Frage, warum wir Menschen so viel Dummheit in uns tragen, die werde ich nicht los…

Das letzte Mal gescheitert: dauerhafter Zustand an sich. Ich scheitere ja schon massiv an dem Faktor Zeit.

Das letzte Mal einen Blogeintrag verfassen: ist über vier Monate her (siehe letzter Absatz).

Das letzte Mal ruhigen Kopfes ins Bett gegangen: verbinde ich eher mit Erinnerungen an meine Kindheit. Aber vielleicht ist das auch nur verklärte Schönbildmalerei. Man könnte ja ansonsten eher den Eindruck bekommen, ist gar nicht so…


Mrz 2 2011

shutdown -p now

Es mag mich immer wieder verwundern, zu welchen Höchstleistungen der menschliche Körper in der Lage ist. 40° Fieber mit Gliederschmerzen der feinen Art und Weissheitszahn OP gehören aber definitiv zu den aussergewöhnlichen Momenten körperplicher Selbsterfahrung, der ich meine vollste Hochachtung aussprechen muss.

Fieber ist dabei eher der fiese Kollege, der sich schon gemütlich in den eigenen 4 Wänden eingerichtet hat und durch konsequentes Verbreiten von Viren das funktionierende Netzwerk Körper zu gravierenden Fehlfunktionen verleitet. Das fängt bei der Temperatursteuerung an, die Lüfter drehen nicht mehr, alles läuft heiss, die Serverfarm im Kopf produziert hübsche Fehlermeldungen, die es im ganzen Netzwerk systematisch verbreitet. Der Zugriff auf den Speicher wird extrem langsam und das Dateisystem ist sowieso schon hinüber, die 0er und 1er machen teilweise was sie wollen. Aber es ist ja nicht so, dass es keinen Notfallplan gibt. Shutdown -p now. Eine letzte Meldung erscheint im Hirn, nein, nicht “Hello World”, “schlaaaaaaafen”.

6h später reboot, und wenn du weisst, wie sich ein korruptes Dateisystem beim Systemstart anfühlt, dann bist du extrem nah an der feinen Art des Gliederschmerzes. Wenn du es schaffst, dass System soweit hochzufahren und dir sofort ein Schmerzmittel einzufahren, war es kein ganz so fieser Kollege, wenn das System aber sofort wieder abschaltet, try again in 6 hours, und starte dann lieber von einem anderen Laufwerk!

Die Datenschnippsel, die so im Speicher herumschwirren, während man darauf wartet, dass das Antivirenprogramm durchgelaufen ist, die hätte ich allzugerne irgendwo weggespeichert. Es ist schon komisch, wie sich der Körper und das Hirn  in solchen Fällen verhalten. Stöhnen kann durchaus befreiend sein, und die Vorstellung, wie regressiv  das eigentlich ist, ist glücklicherweise nicht existent in solch Augenblicken. Ich frage mich nur, wie der Körper das eigentlich so macht in der Potenz. Also, ein Virenbefall ist ja lächerlich, wie ist dass dann nur bei heftigen Hardwareschaden? Komische Vorstellung das.

Die Zahnschmerzen, die mein System dann irgendwie dauerhaft meldete, waren wohl eine korrupte Datei, die nicht mehr wiederhergestellt werden konnte. Ich entschloss mich letzt endlich dafür, dafür den Fachmann aufzusuchen. In meiner Vorstellung verband ich das stets mit der Metzgerei Abteilung. Mein Zahnarzt war immer leicht verwirrt, wenn ich ihm erklärte, dass mir schon klar sei, dass die Weissheitszähne herausgemetzgert werden müssten, aber er soll jetzt da bitte noch einmal was drauf schmieren, ich habe keinen Nerv gerade für die Metzgerabteilung. Er wiederholte dann mehrmals meinen Begriff mit angedeuteten Gänsefüsschen. Und nein, Metzgerabteilung wird der Zahnchirurgie nicht gerecht. Das ist eher die hochmoderne zivilisatorische Schlachtabteilung im produktiven und professionellen Setting angekommen. Da ist nichts mit Blut, das ist alles ganz nett und lieb gemacht, wenn auch hocheffizient organisiert. Reinkommen, Infobögen ausfüllen, Schufa Auskunfts Berächtigung ausfüllen… jaaaaa… richtig. Einverständniserklärung nennt sich das. Und das Wort machte mich dann doch stutzig, und ich erwarte dann so etwas wie: “Wir werden Ihnen wehtun und Sie werden Schmerzen haben. Jegliche Schäden sind nicht unsere Schuld…”. Aber nein, nach Absatz 2 breiigsten Beamtendeutsch fragte ich, was das eigentlich für eine “Einverständniserklärung” wäre – “Sie müssen das nicht unterschreiben” – “Ach so – aber das geht hier um Schufa und Co., sehe ich das richtig” – “Ja, aber bei Ihnen spielt das ja keine Rolle, das brauchen eigentlich nur Patienten mit hohen Beträgen” – “aah ja, na dann lassen wir das lieber”. Und ich verfluche mich jetzt, dass ich nicht gefragt habe, warum sie es mir dann überhaupt hingelegt hat und ob das dann einfach so jedem Patienten nach dem Patienteninfobogen (2 DINA4 Seiten) nachgereicht wird und überhaupt, was das eigentlich alles soll, ich brauche doch nur eine beschissen Zahn OP. Ich wunderte mich nur still und sah der Dame dabei zu, wie in meiner Akte dick “KEIN XYZ!” angemerkt wurde. Ansonsten wurde man im Schnellverfahren über das bevorstehende informiert. “Also, ihre Weissheitszähne müssen raus” – “deswegen bin ich da” – “gut, dann machen sie einen Termin”.

Wenn ich gewusst hätte, dass die eigentliche Zahnziehaktion nur 15 Minuten dauert, hätte ich darauf bestanden, dass man ihn sofort zieht. So lässt man sich Ibu verschreiben. Ganz gemäß dem Motto, wenn schon Pillen, dann richtig viele von ihnen, muss sich lohnen das ganze. Die OP verläuft dann höchst professionell, ordentlich viele Spritzen für ein ordentlich taubes Gefühl. Dann Tuch überlegen, Lampe voll in die Augen scheinen lassen, darauf bestehen, dass man die Augen geschlossen hält. Und dann metzgern. Und ja, wie, einfach brachial drauf los, also könnte man einen neuen Speedrecord aufstellen. Dabei wird einem gut mütterlich zugeredet: “ich weiss, dass ist komisch und drückt, wir haben es gleich, keine Sorge”. Und man liegt da und denkt sich, krasse Scheiße, voll falscher Film, man spürt kein Schmerz, man ahnt nur das Metzgern, hört es krachen und knirschen und wartet auf den Moment, wo es vorbei ist. Und ist glücklich, dass kein Radio läuft. 5 Minuten später soll man sich erholen und entspannen und dann aufstehen und zur Tür herausspazieren. Die Sonne strahlt, es laufen viel zu viele Menschen einem entgegen und man versucht das Erlebte irgendwo einzuordnen. Der Zahnarzt hat in 15 Minuten mind. 200 € gemacht, die Menschen stapeln sich im Wartezimmer und werden im 15 Minuten Takt durchgeschleust. Das Schmerzprogramm nach 4 Stunden lässt einen ahnen, was da eigentlich abging. Zeit für die dicken Pillen, die müde machen. Shutdown -p now. ASAP!!!

Ich würde ja gerne mal Werbetexter für Oralchirurgen sein: “Kommen Sie zu uns, wir ziehen Ihnen nicht nur ganz entspannt die Zähne, sondern auch gleich noch das Geld aus der Tasche – mit Einverständniserklärung natürlich!”. Oder wie wäre “Brauchen Sie mal wieder wirkliche Schmerzen? Dann sind Sie bei uns richtig! (empfiehlt sich sehr für Liebeskummerpatienten zur Erdung)”

Hach, was freue ich mich auf meine zweite Behandlung! Eine weitere Einheit großartiger körperlicher Selbsterfahrung…


Dez 15 2010

Momente

Der Bienenschwarm im Kopf, die Stunden, die man im Bett verbringt, auf das erste Flugzeug wartend und hoffend, dass dann die Gewissheit einsetzt, dass der neue Tag beginnt und man endlich in den Schlaf findet. Es fehlt das Radfahren durch leere, weite Landschaften. Der Zug ist da kein wirklicher Ersatz dafür. Das Gefühl, aus eigener Kraft angetrieben die Weite zu erobern, muss warten auf leicht mildere Umstände. Und deshalb ist Fliegen auch keine Option. Gedanken reisen gerne langsam und Fahrrad fahren ist genau schnell genug, um den Gedanken leicht davon zu fahren, immer ein Stück voraus. Im Zug oder Auto verschwimmt das schon zu sehr und die Gedanken fliegen wie die Landschaft durch einen hindurch. Deshalb döst man auch gerne irgendwann ein.

Es ist Winter, man merkt es spätestens an den vielen Junkies, die sich nun an der Pankstr lieber unten im Bahnhof aufhalten, als oben auf der Straße. Man bekommt nun weitaus intensiver zu spüren, dass es nicht nur den einen gibt, der immer dasteht und nach Fahrscheinen fragt. Egal wann man in die U-Bahn steigt, eigentlich läuft er er immer im Aufgang herum. Immer gleich zugeballert, der glasige Blick durch einen hindurch oder einem vorbei. Er trägt keine Kapuze oder versteckt sich unter einer Mütze. Er hat nichts zu verbergen, wie die anderen, denen man selten ins Gesicht schauen kann. Er hat viel aufgegeben, nur noch nicht das Leben, noch steht er jeden Tag da und fragt nach Fahrscheinen. Winter ist keine gute Zeit für Junkies. Die BVG hat auch gleich den Zwischengang unter den Rolltreppen zugenagelt. Seit 3 Jahren stand ich immer wieder in dieser Video unbewachte Stelle, durchaus ein beliebter Aufenthaltsort ungewünschter Personen. Manchmal standen mit Kreide geschriebene Nachrichten auf dem Boden, zum Schluss roch es heftig nach Urin. Sie schlugen sich noch ein Loch in die Wand, dass gleich wieder mit einem dicken Brett zugenagelt wurde. Wer nicht vorher wusste, dass es dort einen Zwischengang gab, wird keinen vermissen. Nun müssen nur noch die Berliner Unterwelten Besucher damit klarkommen, von fertigen Gestalten nach Fahrscheinen gefragt zu werden. Es ist immer wieder ein schöne bizarres Bild, wenn die zwei Seiten Berlins aufeinaderkrachen. Weddinger erzählen, dass sich die Junkies immer mehr nach Wedding verlagern, am Kottbusser Tor ist man sie ja leid geworden, deshalb verschiebt man das Problem ein Stückchen weiter. In den Wedding will ja immer noch keiner, und wenn die, die dort sind, auch nicht mehr wollen, dann wird wohl weiter geschoben, weiter an den Rand, dorthin, wo man sie nicht jeden Tag sehen muss und nach Fahrkarten gefragt wird. Vor dem Penny Supermarkt werden Mitbewohner zur “Schlafmittelbeschaffung” im Penny, Weisswein 1,5L für 1,70€ losgeschickt. Das dumme Hausverbot hindert die alte Frau wohl daran. Ich vermute, dass es die Frau war, die früher immer im Penny saß und jeden Einkäufer mit einem Kommentar versah, oder der Bitte nach einem Joghurt. Das war, bevor im Penny dauerhaft Security Menschen sinnlos herumstanden, die mich immer leicht latent aggressiv machen, sobald ich sie nur sehe.

Das Blog wird spätestens ab dem 1.1.2011 nur noch ab 18 Jahren sein und schämen sollte man sich, wenn man es vor 22h besucht! Das ist vor allem für all die Jugendlichen wichtig, die hier landen, nachdem sie “ich bin unterfickt” oder “meine lust ist schneller vorbei als bei meinem freund” suchen (strike! Google verlinkt dazu wohl ja mal genau den passenden Artikel!). Bei dem Thema unterfickt bin ich ja sozusagen nachweislich Kompetenzanlaufstelle, dass dürfte also mindestens schon langen um dann nach drohender Gesetzeslage (man suche nach JMSTV – ansonsten Wikipedia dazu) unter schwert Jugend gefährdend fallen dürfte. Und ich kann nur schwer glauben, dass gerade die CDU das Gesetz aushebeln wird. Dafür klingt es schon viel zu toll: Jugendmedienschutz-Staatsvertrag. Es wird sehr viel Mist dazu geschreibens. Letzt endlich kann ich es nicht fassen, dass unsere lieben Politiker glauben, mit so einem schwachsinnigen Gesetz irgendetwas zu erreichen, als noch eine angespanntere Atmosphäre. Medienkompetenz entsteht gerade da, wo nicht hingeschaut wird. Ich erinnere mich zu gerne an die Comicodyseen jeden Samstag morgen vor dem verbotenen Fernseher, den wir nicht selbst bedienen sollten. Dazu gehörte auch die Angst bei Ronja Räubertochter, wo man an sich wohl noch zu jung für war (der große Bruder nur nicht). Und Steven Kings “Es” hat man auch verdaut bekommen. Ich erinnere mich noch zu gut, wie meine Mutter eine CD meines kleinen Bruders mit schön widerlichen Porn konfeszierte. Da war wohl alles dabei, was es so braucht, Tiere inklusive. Das wurde dann ein wenig eskaliert und es gab in mehreren Familien Stunk deswegen. Am meisten haben die Jungs aber doch vor dem Monitor gelernt. Wenn die Eltern dann noch erklären würden, dass die Menschen es am Ende für Geld getan haben und warum Menschen auf dieser Welt sich entscheiden, so etwas überhaupt zu tun, von dem freiwilligen Motiv bis zu all den Strukturen auf dieser Welt, die Menschen dazu bewegt, zwingt, sich so etwas anzutun, ja, das wäre eine großartige Leistung. Ich kann aber verstehen, dass Eltern nicht unbedingt adhoc eine Erklärung für all diese komischen Dinge auf dieser Welt haben und so nur die Schelte übrigbleibt. Wie will man das alles auch einem Jugendlichen auf einen Schlag beibringen, was man über Jahre an “Medienkompetenzerfahrung” gesammelt hat? Medienkompetenz entsteht da, wo sich ein Jugendlicher mit Medien auseinander setzt. Und das machen sie wahrscheinlich sowieso fast perfekt von alleine, wenn man sie entsprechend lässt, es braucht am Ende auch gar nicht allzu viel Kontrolle dabei. Lieber sollten die Eltern ausschlafen und die Kinder machen lassen. Und beim Frühstück vielleicht mal nachfragen, was die Maus, die Mangafiguren oder whatever heute früh wieder tolles angestellt haben. Ich setze sehr auf das Gefühl des Kindes, dass es schon weiss, was es sehen will, oder nicht. Und ausgeschlafene Eltern, die dann auch mal Lust auf zusammen Spielen haben. Das Kind kommt nicht drum herum, sich selbst seinen Weg durch die Medien schlagen zu müssen. Es ist zum Glück nicht nur Blümchenwiese, alles andere wäre auch langweilig.

Ansonsten war Max Cooper in Berlin, sehr unspektakulär an einem Donnerstag. Es war nicht gut besucht, aber es war verdammt großartig. Sehr! Und da es von Minimal zu Minimal nicht so weit ist, sei noch auf folgende Doku von Arte hingewiesen: Michael Nyman, a composer in progress (Danke für den Link, er war ein wunderbares Wiederaufleben einer Begeisterung!). Und ich möchte unbedingt den Film haben: Love Train (durchklicken). Und falls mir mal jemand etwas schenken wollen würde: http://www.mnrecords.com/ – bei der Collection wäre ich dabei. Und die Man with a movie camera DVDs wollte ich auch schon immer (hierhier und hier). Ich hoffe, die anderen Vertov Filme gibt es auch irgendwann mal…  Überhaupt ist viel gute Musik ein guter Trost für dunkle Zeiten. Und ja, dunkle Zeiten sind es. Man könnte momentan sehr oft über die Menschen, vor allem die, die sich mächtig fühlen, verzweifeln. Es stinkt überall nach Angstschweiss von ihnen und das versaut die gute kalte Winterluft.

Umso schöner die stillen Momente in der Nacht, während Berlins Häuser unter einer Schneedecke eingegraben liegen. Perfekt, um die Gedanken nachts rasen zu lassen… bis wieder die Flugzeuge donnern…


Okt 2 2010

Ich würde gerne…

Ich würde dir manchmal gerne sagen, dass du nur lachen musst. Dass jede Träne überflüssig ist, und nicht nötig. Dass es einfach ist, und nicht kompliziert oder am Ende sogar schwer. Dass du nur träumen musst, und der Rest sich von alleine ergibt. Dass dein Vertrauen in andere Menschen nicht enttäuscht werden wird.

Ich würde dir manchmal auch gerne einfach nur zuhören, während du lachst, und dich nicht von Sorgen und Kummer zerfressen lässt. Dir dieses Gefühl wieder ermöglichen, dass du irgendwann auf deinem Weg des “Erwachsen werden” verloren hast. Dass das Leben unbeschwert und fröhlich sein kann, die verbrachten Tage, die hinter einem liegen, keinen Ballast auf den Schultern bilden, und die kommenden Tage keine Sorgen bereiten, sondern weit weg sind und erst dann anfangen, wenn man aufwacht.

Ich würde dir gerne einfach nur dabei zuschauen, wie du durch dein Leben tanzt, ohne dabei an die Konsequenzen deines Handelns denken zu müssen. Ich würde dir wirklich gerne sagen, mache die Augen zu und schlaf einfach ein, morgen ist ein neuer Tag, frei von jeglicher Last und Erwartung, frei, um von dir erlebt und erobert zu werden.

Ich würde dir eigentlich auch gerne sagen, dass es sich lohnt zu glauben. An irgendetwas, sei es den lieben Gott, die Menschen, dich oder an die Liebe. Vielleicht auch, dass es sich lohnt, zu kämpfen.

All das würde ich manchmal wirklich gerne, aber mir fehlen die Worte, um es dir sagen. Und es ist nicht so, dass ich nicht genügend Worte in mir habe, aber immer, wenn ich versuche so etwas zu sagen, kommt das Gegenteil davon aus mir heraus, vielleicht weil es ansonsten einem Verrat an meinem eigenen Leben gleich kommen würde.

So schweige ich und höre zu, wenn du traurig oder voll Kummer und Sorgen bist. Ich höre mich Sätze sagen, wie: “das ist auch nicht so einfach” oder “da musst man durch”. Ich überlege, wie man dir etwas von dem Kummer und den Sorgen nehmen könnte, bleibe aber Ideen- und Ratlos. Und ich falle immer wieder darauf zurück, dass man Kummer und Sorgen niemanden abnehmen kann, genauso wenig, wie man für andere den Toilettengang verrichten kann. Ich stehe nicht so auf Lügen und Illusionen…

Ich versuche ein Gespräch über Träume zu vermeiden und wenn das Thema den Begriff Vertrauen kreuzt, bin ich nicht wirklich derjenige, der für andere Menschen einsteht, zu schwer wiegt wahrscheinlich der eigene Ballast an Enttäuschung und der Ahnung, dass man genauso Mensch ist. Und bzgl dem unbeschwerte Gefühl der Kindheit: wir dürfen uns nun eben glücklich schätzen, wenn wir es bei Kindern beobachten dürfen. Ich weiß dabei aber nicht einmal, ob es sonderlich fair den Kindern gegenüber ist, es ihnen möglichst lang zu erhalten.

Und das mit dem Glauben, dass ist auch nicht gerade so einfach wie es scheint. Der liebe Gott und ich haben uns einmal auf dem Balkon recht einseitig gestritten, mein Vater konnte das nicht wirklich ausgleichen, ausser mir Verständnis dafür zu verschaffen, dass man schon an etwas glauben darf und kann, aber die Gründe dafür nicht wirklich erfassbar sein werden und der Glaube an sich oft mit einer komischen Erwartungshaltung belastet ist. Und ja, man kann auch an die Liebe glauben, aber über nichts kann man sich so prächtig streiten, wie dieses Wort, das sehr schnell in einem Leben überstrapaziert wird. Und letzt endlich bleiben mir Menschen leicht unverständlich, die allzu sehr an die Liebe glauben. Das hat letzt endlich den gleichen Geschmack, wie die “Gott/Glauben” Sache. Es braucht auch sehr viel Hass, wo viel Liebe sein soll…

Es bleibt nicht viel übrig, was man eigentlich noch sagen könnte oder wollen würde. Es bleibt ein Schweigen und eine Zurückhaltung. Und die Einsicht, dass es grober Unfug wäre, dir das nehmen zu wollen, was dein Leben ist, war und sein wird. Nein, es wird wohl nicht einfacher, am Ende eher schwerer und komplizierter. Vielleicht gleicht der unbeschwerte Tanz auch mehr einem tollwütigen Herumgespringe zwischen den Grenzen, die man zu verschieben versucht. Und auch wenn das Lachen seltener wird, es ist schwer bis unmöglich, es ganz zu verlernen, genauso wie das mit dem nicht Nicht-Glauben hinhaut, man glaubt dann ja immerhin an das Nicht-Glauben.

Wenn man Menschen lieben oder hassen kann, dann genau wegen den Drang es immer wieder zu versuchen, zu glauben, lieben, kämpfen, träumen, lachen, weinen oder ganz einfach, zu leben. Und an dieser Versuchung immer wieder neu zu verzweifeln. Das ist so verdammt ehrlich und direkt. Und das ist wunderbar so.

Dir das alles “ersparen” zu wollen, würde das unmöglich machen. Deswegen schweige ich lieber (ich bin selbst weit davon entfernt, passende  Antworten für mich zu haben) oder entgegne mit Worten, die zwar ehrlich sind, aber keinerlei Trost bieten. Nehmen könnte ich dir nur ein Stück ehrliches Leben und ich finde es wertvoller ein Stück von diesem stillschweigend miterleben zu dürfen. Es ist so ein großes Geschenk.