Jun 26 2010

WM und so

Bitte sofort Teil 18: Spinne im Fussballfieber (aus der Kloß und Spinne Reihe von Volker Strübing) anschauen.

Und dann feiern über die bisher beste Zusammenfassung dieser ganzen WM Sache:

Man, wir leben in der Konsumgesellschaft. Wir sind Sisyphos auf einem Laufband, das angetrieben wird vom Perpetuum Mobile aus Bedürfnisweckung, Bedürfnisbefriedigung und Enttäuschung. Die besonderen Anläße sind das Schmiermittel dieser Maschine und der Ersatz für einen Sinn und ein Ziel. Ohne sie würde es Knirschen im Getriebe und früher oder später würde alles zusammen brechen.

Niemand kuckt gerne Fussball. Warum sollte jemand gerne Fussball kucken? Da sind nur ein paar 100 Millionen Menschen, die _glauben_, dass sie gerne Fussball kucken. Der Glauben an die Freuden des Fussballkuckens ist allerdings für deren Existenz genauso wenig Beweis oder auch nur Indiz, wie man aus dem Glauben einiger 100 Millionen Menschen an einen Gott  auf dessen Existenz schließen kann. … Das ist alles Selbstsuggestion, Massenhysterie und eine Gehirnwäsche gigantischen Ausmaßes. … Ein Gläubiger spürt auch die Liebe des Gottes, an den zu glauben er sich ausgesucht hat. Spaß am Fussball – so ein Quatsch. Was soll denn daran Spaß machen.

Grandiose weitere Folge einer nur empfehlenswerten Reihe! Wer sich noch nicht dort verloren hat: http://volkerstruebing.wordpress.com/klos-und-spinne/


Jun 21 2010

Mein bester Freund

Zeit für einen rant der grundständigen Art.

Es sei darauf hingewiesen, dass folgende Bemerkungen nur meine eigene Meinung widerspiegeln. Jegliche Annahme, dass ich hier allgemein gültige Aussagen treffe, will ich hiermit grundsätzlich in Frage stellen. Mir ist sehr wohl bewusst, dass meine Meinung an vielen Punkten nicht der Meinung von vielen anderen entspricht. Aber man darf ja zum Glück noch seine eigene Meinung haben.

Ich bin es extrem leid, mich immer wieder erklären zu müssen. Das muss ich nämlich ständig, so ungefähr fast immer, wenn man mit anderen Menschen zusammenkommt und das Anliegen weder Arbeit noch ein zukünftiges Projekt in der Entstehungsphase ist. Dennoch kann man selbst dort in Erklärungsnot kommen. Am häufigsten aber, wenn es um das Feiern oder Festlichkeiten geht.

Egal ob ich nun in Amsterdam oder Berlin die eigenen vier Wände verlasse, es begegnet mir immer wieder die gleiche Erklärungsnot. Die Erklärungsnot, die nicht einmal durch viele Jahre Konfrontation mit dieser Frage verschwindet, wie sonst eigentlich bei jeder anderen Frage. Man wird älter, und die Fragen bleiben sich recht ähnlich. Den meisten kann man also sehr gelassen entgegen blicken, angefangen bei “wie geht’s”, “wie läufts”, “was machste denn gerade” oder “na?”. Das bekommt man inzwischen je nach Lust und Laune entsprechend abgefertigt. Ohne feuchte Hände oder ein schlechtes Gewissen.

Nur eine Frage blieb über all die Jahre gleich und immer wieder aufs neue ein Fest (der eher unangenehmen Art). Und in den wenigsten Fällen wird sie überhaupt ausgesprochen, aber sie steht fast jedem, der dieses Fass aufmacht, ins Gesicht geschrieben. Dem, der mich im Club fragt, was ich trinken will und nicht “Bier” oder sonst ein alkoholisches Getränk als Antwort präsentiert bekommt. Oder dem, der mir in einer Runde den Wodka oder Wein weiterreicht und ich ihn wortlos weitergebe. Und das waren die harmlosesten Situationen. Kompliziert wird es im Ausland oder in familiären Kontexten. Der liebe Vater der Freundin, der nicht verstehen will, dass er keinen Verbündeten in dem Freund seiner Tochter hat. Im Ausland die Menschen, die jemanden, der keinen Alkohol trinkt, anscheinend noch nie kennen gelernt haben. Menschen aus dem Osten haben dafür definitiv kein Verständnis und sie ignorieren einfach fleissig alle voraus gegangen Erklärungen. Sie haben noch so fleissig genickt und zugestimmt, ihr eigenes Alkohol Problem analysiert, aber dann doch wieder einen Scharfen vor einen abgestellt. Genauso, wie in einem Griechenlokal zur Begrüßung erstmal ein kleines Gläschen gereicht wird, ohne dass man danach verlangen würde.

Es gibt ungefähr wirklich verdammt, verdammt viele Situationen, in der der Genuss von Alkohol vorgesehen ist und ich vermute, kaum einer ist sich dessen in irgend einer Weise bewusst, weil das kein kurzes Brainstorming wäre, die Sammlung ist unendlich lang. Und ich glaube, ich habe eine gewisse Vorstellung, was ein trockener Alkoholiker alltäglich durchmachen muss. Und ich vermute sehr, dass es absolut widerlich sein muss, sich penetrant immer wieder seiner Laster erinnern zu lassen. Sich ebenso immer wieder erklären zu müssen, eine Erklärung parat zu haben. Mich wundert die Erklärungsformel der Anonymen Alkoholiker nicht mehr, ich verstehe sie vielmehr als notwendiges Übel, um sich mehr Stress vom Leibe zu halten, weil definitiv: diese Erklärungsformel funktioniert wunderbar, man hat damit sofortiges Schweigen erzeugt und bekommt keine weitere Frage.

Meine Lust ist dennoch verschwindend gering, mich als trockenen Alkoholiker auszugeben. Das bin ich nicht und war ich nicht. Ja, die Droge ist mir nicht unbekannt, ich habe sie selbst von 14-16 erfolgreich viel konsumiert. Und unter viel kann man durchaus die bayerische Messlatte anlegen. Scharf war mir nie scharf genug, ab 80% (Strohkorn) fand ich es körperlich definitiv interessanter als der grenzenlosen Konsum von Bier und Wein, was mir nie wirklich schmecken wollte. Ich habe es definitiv nicht mit herben Getränken. Nicht ohne Grund ist mir eine Coke (Spezi!) jederzeit lieber als die Vorstellung eines süffigen kalten Weizens. Es gab in den letzten 10 Jahren keinen einzigen Moment, in dem ich Sehnsucht nach einem alkoholischen Getränk hatte. Keine Minute, keine Sekunde hatte ich etwas vermisst, es gibt genug nicht-alkoholische Getränke, die geschmacklich nichts vermissen lassen. Vermutlich bin ich da Kind geblieben. Aber  selbst das Radler im Sommer unter der Sonne schmeckt eben nach Bier, das wiederum hinterlässt immer einen schalen Nachgeschmack und schmeckt eben vor allem auch nach einem: Alkohol. Und den Geschmack bekomme ich inzwischen so gut heraus sondiert, dass ich mich durchaus an dem Vegetarier messen kann, der ein Essen, dass mit dem Fleischkochlöffel umgerührt wurde, nicht anrührt. Nazitum und so… aber ich habe jetzt noch nicht mit Essen, ergo Kuchen, Soßen, Pralinen und all dem Geschnodder angefangen.

Den Alkohol Geschmackssinn habe ich mir schon bei sogenannten Begrüßungsdrinks bestätigen lassen. Der Kellner, der versichert, dass da kein Alkohol drin wäre, nein, so gar nicht. Auf erneute Nachfrage dann aber doch ein Schuss Sekt drin war, aber wirklich, das sei nicht der Rede wert, nur so ein klitzekleines Tröpfchen. Und ich war froh, dass ich doch Recht hatte, einen ganzen Tisch um mich herum, der absolut davon überzeugt war, dass kein Alkohol enthalten wäre mir gegenüber. Inzwischen trinke ich es einfach und vertraue auf meine Geschmacksnerven. Das Nachfragen und Diskutieren erspare ich mir, das ist nur von Vorteil, wenn man von Anfang an eine komplizierte Atmosphäre schaffen will.

Was wiederum eine wunderbare Überführung ist: Überhaupt, man sollte es so wenig zum Thema machen, wie möglich. Weil alles andere führt nur zu sehr komplizierten Situationen, die man in den seltensten Fällen haben will. Im Idealfall ignoriert man das einfach und spielt mit, soweit es irgendwie möglich ist. Ein Arrangement zu finden für sich selbst, ist nicht immer unbedingt leicht. Egal, wie sehr man Fussball und Alkohol hasst, man muss sich arrangieren, irgendwie mitreden können, sonst bleibt man verdammt oft komplett aussen vor.

Man nehme eine ganze normale WG Party. Eine Wohnung vollgestopft mit Menschen, vorzugsweiße im Winter. Rauchen ist nur auf dem Balkon. Das ist absoluter fail nr. 1. Wo nicht geraucht wird, ist es meist nicht so ganz durch, da kann man frühestens um 1-2h zum Indoor Rauchen übergehen, weil alle genug im Kasten haben. Bis dahin ist aktives Trinken angesagt. Leitungswasser vs. Bier und andere alkoholischen Getränken. Man unterstehe sich, an der Cola zu bedienen. Die bösen Blicke der Cocktail Fraktion sind einem damit 100% sicher. Und spätestens ab dem zweiten Glas wird man darüber aufgeklärt, dass man die Coke noch für andere Dinge braucht. Also einfach mit Bionade einlaufen, das löst ein wenig das Problem.

Und wenn man dann mit jemanden redet, anstößt oder gefragt wird, was man trinken will, dann kommt es ganz schnell zu folgenden Gesprächen, vor allem mit Frauen irgendwie, Männer sind anscheinend dann doch von Natur aus mehr zweifelnder Natur, was weiss ich.

“Fährst du noch oder wie? – Naja, mit dem Rad und der BVG vielleicht? – Aha – Pause – Hast du wohl gestern zu sehr gefeiert? – Eigentlich nicht, ich trinke gewöhnlich kein Alkohol. – Wow, wirklich? – Schon, ja. – Krass, so gar kein Alkohol oder wie? – Ne, eigentlich nicht, schon so seit über 10 Jahren nicht. – Waaaaaas!? Das ist ja krass!!!1elf! – Pause – und warum machst du das so? Hast du mal schlechte Erfahrungen damit gemacht oder wie? (Ganz beliebte Frage im sozialen Umfeld – eine andere Version wäre: Aus Überzeugung oder wie? Nebenbei bemerkt, mich hat noch _nie_ jemand gefragt, ob ich denn dann so zum Islam tangiere, von wegen Bart und so. DAS fände ich mal naheliegend.)”

Und was soll man dann nun erzählen?
Ich habe ungefähr x verschiedene Antworten darauf parat. Und je nach Milieu funktionieren die auch entsprechend gut. Nur ist von da an so eine Art Schublade offen, in die man gepackt wird. Es gibt, vor allem bei Frauen, danach keine wirklich bohrenden Fragen mehr. Ich weiss ja nicht, ob da so ein Selbstreflexionsmoment einsetzt oder was auch immer daran interessant sein sollte, um sich weiter darüber zu unterhalten, oder ob ich doch ein wenig der Fähigkeit meines Vaters geerbt habe, gute Geschichten zu erfinden. Meine Lust auf weitere Ausführungen gehen inzwischen gegen absolut null. Weil es meiner Ansicht nach absolut Scheiss egal sein sollte, ob man nun trinkt, kifft, spritzt, whatever. Keiner will als Spiegel für einen anderen herhalten. Und warum gerade ich dann als Saubermannprojektionsfläche dienen muss, ist mir ein absolutes Rätsel. Es gibt wenigstens Männer, die auf die großartige Idee kommen, doch noch einmal nachzufragen, wie koscher das eigentlich dann so ist an sich. Aber wer mich in die saubere Schublade stecken will, why not, es soll mir eine Freude sein.

Solche und andere dumme Unterhaltungen hat man dann, bis die Stöcke aus den Ärschen verschwinden, der Pegel passt, und alles so langsam einen Sinn macht. Wunderbar, dann kann man rauchend und grinsend durch die Wohnung eiern und seinen Spass mit den eingepegelten Leuten haben. Doch Alkohol alleine hat ein relativ kurzes Peak, es ist meist schneller vorbei, als es eigentlich wirklich angefangen hat. Ab 5 wird es in den WGs oft trostlos und langsam leer. Der harte Kern der noch durch die Wohnung fällt, den Blickwinkel auf ein Minimum zusammengeschrumpft, Bierflasche links und rechts mitnehmend. Mir tut das immer ein wenig weh, dass schale Bier, dass zwischen die Dielen fließt. Der Teppich mit den Brand,- und Rotweinflecken. (Ich bin Raucher und habe es noch _nie_ geschafft, ein Brandfleck in einen Teppich zu setzen.) Es ist ja meist nicht die eigene Wohnung, aber es bleibt mir ein Rätsel, wie man sich so zusammenrichten kann, dass man so etwas nicht mehr mitbekommt.

Und genau das ist der eigentliche Rant Grund.
Nein ich verstehe es nicht und ich habe kein Verständnis dafür. Es macht mich mitunter verdammt aggressiv, als Anwesender zu dieser Gattung Mensch zu gehören. Wie schon erwähnt, ich habe getrunken. Ich habe mich an dem versucht, was mir vorgelebt wurde. Habe Alkohol auf meinen Schädel angesetzt, doch das, was ich bei vielen anderen beobachtete, wollte bei mir nicht klappen. Und ich versuchte es fleissig, auf eine sehr kranke Art und Weise. Mein Schädel war immer auf dem Hals, Blackouts fährt man vielleicht ab 2 Promille, ich weiss nicht, ich habe es nicht geschafft. Der Kopf rotierte immer weiter. Und es wäre mir ein verdammter Genuss gewesen, dass man ihn mit Alkohol zum Stoppen bringt. Ausschalten und vergessen. Die viel gepriesene enthemmende Wirkung. Das wollte alles bei mir nicht wirklich. Und ja, man kann seinen Kopf versuchen denken zu lassen, dass man nun enthemmt sei und sich so verhält, wie es andere enthemmte Menschen um einen herum tun. Aber da ist so unglaublich verkehrt in sich…

Ja, ich finde es schwachsinnig, das Verbrechen unter Alkoholeinfluss anders bewertet werden. Darin sehe ich keinerlei Sinn und keine Veranlassung, es zu tun. Unzurechnungsfähigkeit sollte definitiv an andere Faktoren gebunden sein. So ist es nur eine Methode, billig wegzukommen. Und das ekelt mich definitiv an. An dem Punkt sollte man vielleicht auch einmal ansetzen, wenn man es wirklich mal ernst meinen würde mit dem Vorgehen gegen Gewalt gegen Kinder bis hin zu dem, was man hierzulande unter “Kinderpornografie” versteht (aber jeglicher Gebrauch dieses Wortes schon die Denke anzeigt, dass das Kind das am Ende ja noch selbst wollte…)Die gesamte gesetzliche Behandlung von Alkohol ist absolut lächerlich. Warum sollte man unter Alkoholeinfluss fahren dürfen, wenn man unter keinem anderen Drogeneinfluss Auto fahren darf? Und nein, sollen sie ruhig betrunken fahren. Ich vertraue sowieso keinem Autofahrer. Man ist im Verkehr auf die Regeln und vor allem auf die eigene Vorsicht angewiesen. Das ist das Spiel, das können wir gerne so spielen. Pass auf dich auf, egal auf welcher Seite und denk vor allem an die Anderen, die schwachen und ungeschützten Spielmitglieder. Ich hab nichts gegen, ich habe aber etwas gegen inkonsequente Regeln. Die machen nur die falsche Tür auf. Und übernimm Verantwortung für dein Handeln.

Das sollte grundsätzlich die Hauptspielregel sein. Denk auch einmal an die anderen. Und Alkohol ist an dem Punkt absoluter Oberfail. Ich habe mich definitiv mit vielen Menschen beschäftigt, die irgendwie unter irgendeinen Drogeneinfluss standen. Und keine Droge ist genau an diesem Punkt so widerlich (vielleicht Kokain mit Alkohol kombiniert) im Zusammenspiel mit der Natur vieler Menschen. Alkohol ist penetrant und macht Menschen penetrant, ich würde durchaus sagen, penetrant dumm, aber vor allem eins: Alkohol ist eine absolute Ich-Bezogene Droge. Obwohl sie eigentlich meist im Kollektiv konsumiert wird, treten unter Alkoholeinfluss verdammt, verdammt oft die Egos zu Tage und präsentieren sich im hässlichsten Gewand. Und bei verdammt vielen Menschen tritt der am Ende sowieso verstümmelte Sinn für andere Menschen um einen herum komplett in den Hintergrund. Und das ist widerlich. Das ist einfach meist verdammt unschön anzuschauen und mitzubekommen und mit einer enormen Portion Fremdscham versehen. Und das verstehe ich nicht. Warum es so sein muss, warum Enthemmung eine verdammte Konstruktion sein muss, die man auf der Tanzfläche in Form von ratternden Rädchen im Hirn bei vielen Männern beobachten kann. Es ist billig und es ist schlecht, und es gibt keine Schmerzgrenze dabei. Ein völlig zugedröhnter Mann kann eine ganze Tanzfläche leer fegen ohne mitzubekommen, wie sehr sein Verhalten langweilt. Und es wird akzeptiert. Keiner haut ihm aufs Maul. Das verstehe ich nicht. Es gibt aber Gründe, warum früher und auch noch heute in gewissen Gegenden an Holzpfähle gebunden einen feinsten Drogencocktail eingefahren bekommen. Die wissen schon, warum sie diese Männer nicht frei herumspringen lassen. Das ist Selbst,- aber vor allem auch Gemeinschaftsschutz.

Nein, ich habe nichts gegen Enthemmung und Ekstase. Das geht voll in Ordnung. Aber ich habe auch nichts gegen gegenseitige Rücksichtnahme und eine weite Wahrnehmung, keinen Tunnelblick. Das würde auch voll in Ordnung gehen. Generell, so ganz generell. Leider auch abgesehen von den Drogen. Ich vermisse den weiten Blick generell. Es gibt so einige Menschen, die das ganz gut hinbekommen mit dem weiten Blick, dafür liebe ich sie.

Und ja, es gibt Menschen, die verlieren selbst heftigste zugedröhnt mit Alkohol diesen Sinn nicht. Die während einer Küchenausklingparty als erste hören, wenn sich der Nachbar im Hof beschwert und die Musik leiser macht, während alle anderen sich volltrunken beschweren und wieder aufdrehen. Das sind auch die Menschen, die mitbekommen, wenn einer/eine vor lauter Enthemmung sich zurückzieht und irgendwann kotzt, der Wasser und Eimer bringt, der sitzen bleibt, bis dieses fertige Etwas friedlich schläft, während alle anderen schlafen. Und es freut mich wirklich, wenn ich so etwas erleben darf. Leider sind es am Ende oft auch die, die dem Alkohol sehr verfallen sind. Die schon weit über die Enthemmung hinausgeschossen sind. Klarer Level generell. Aber das ist nicht zwingend, es gibt auch Menschen mit generell freien Wesen. Vor ihnen ziehe ich meinen Hut so tief ich kann!

Ich habe nichts gegen Alkohol, genauso wenig wie ich zum größten Teil keine Vorbehalte gegen andere Drogen habe. Ich habe nur etwas dagegen, wie Menschen mit dieser Droge umgehen. Und in den aller meisten Fällen kotzt es mich verdammt an, wenn Alkohol alleine im Spiel ist. Ja, ich mag all die anderen Druffies für ihre Art zu zelebrieren und feiern, und es ist mir 10 Mal lieber, Pillen- und Pappenheiner um mich herum zu haben, als eine vollgedröhnter Alkigruppe.

Menschen verhalten sich unter Alkoholeinfluss im Regelfall ausserdem verdammt durchschaubar. Oder am Ende ist das nur Teil des Enthemmungsspiels.

Und ja, auch wenn Doktoren unter Alkoholeinfluss feiern, ist das auch ein absoluter fail. Der Stock sitzt schon ein wenig tiefer, und da braucht es obendrauf noch billige Animationsmusik: “Könnt ihr nicht was mit mehr bums spielen? – Ne, Bumsmusik haben wir nicht, wir haben nur Techno. – Nee, also Bumsen ist jetzt schon ein anderes Thema, das meinte ich auch nicht gerade, obwohl ich das auch schon länger nicht mehr getan habe… – sehr hilfreich, wenn man sich dann zu seinem jüngeren Bruder umdrehen und fragen kann, ob er denn Bumsmusik für die unterfickte Dame haben würde (gewünschte Bumsmusik war übrigens Nena – 99 Luftballons, die Dame torkelnd)” – Nein, so eine junge Doktorandin, die zu späteren Stunde noch lallend verteilter Menge tiefer blicken ließ, wie die Welt hinter der PrinzessinEgoBrille so aussieht, das löst nur noch Kotzreiz in mir aus, vor allem wenn man mir dann noch meine kongeniale Zusammenfassung ihrer Frage übel nimmt. Da kann ich gut und gern auf all diese Enthemmung verzichten. Lieber bekomme ich mit, was um mich herum passiert, auch wenn es ein kotzender Mensch ist. Und brenne mir solche Momente ein. Sie lassen Menschen dann doch besser einschätzen, auf was man sich so im Extremfall vorbereiten müsste.

Drogen sind nicht das Problem, es ist das Problem, wie mit ihnen umgegangen wird. Und der Umgang mit der Droge Alkohol, den finde ich über alle Geschmackskomponenten hinweg so widerlich im Nachgeschmack, dass ich in mir keinerlei Veranlassung finden kann, zum Glas zu greifen. Mit der Ausnahme von wenigen Jahren mein gesamtes Leben war das bisher so, und ich sehe an dem Punkt keinerlei Änderungsbedarf. Und inzwischen bin ich mir darüber hinaus auch noch sicher, dass die Alkohol Fraktion nicht einmal ordentlich feiern kann. Der Rausch mag schon in Ordnung sein, wie ihn die Menschen zelebrieren, wundert mich einfach nur _sehr_.

Es ist nicht mein Problem, dass all die Menschen Drogen nehmen, auch viel Alkohol. Ich weiss, dass man das aber ebenso mit Anstand machen kann, wie jede andere Droge. Ich freue mich über ein tief grinsendes Gesicht, hinter dem Feierlaune steckt mehr als über eine Bierdusche. Das ist mir dann doch irgendwie sympathischer.

Und weil ich auf der nächsten Party einfach unbeschwert Bionade trinken will ohne ranten zu müssen, soll es hier als grundsätzliches Statement erhalten bleiben. Nicht das ich noch jemand sagen muss, dass der Grund für meine Ablehnung das Verhalten meines Gegenübers ist, man solle sich ruhig mal nur einen Abend lang selbst beobachten und dann noch einmal gemeinsam reden…

Das geht aber nicht?
Ach, ihr Flaschen :)

Cheers & ChinChin


Mai 30 2010

Eine Bahnfahrt mit Bonifatius Kiesewetter

Der Kopf ist schwer, die Nase zu, der Hals dicht. Nürnberg Hauptbahnhof, der Geruch von gegrillten Würstchen liegt in der Luft, es ist einigermaßen sonnig, der Bahnsteig ist leer. Auf einem Gepäckwagen sitzend rauche ich noch eine Zigarette, auch wenn sie nicht schmeckt. Natürlich nicht im gelben Käfig und prompt bekomme ich per Lautsprecheransage mitgeteilt, dass dies ein Nichtraucherbahnhof ist, und Rauchen nur im gelben Käfig möglich wäre. Hinterher schieben sie, dass man bitte sein Gepäck nicht unbeaufsichtigt lassen soll. Schizophrene Welt. Kein Mensch weit und breit und jeder Schritt ist ein verkehrter (ich bin für Gepäckaufbewahrungsschalter am gelben Käfig).

Dann ICE nach Berlin, reingehuscht auf den ersten freien Vierer, an dem nur ein älterer Mann saß. Wunderbar, das wird eine relaxte Fahrt. Und bis man müde ist, könnte man ja noch ein wenig arbeiten. Also Rechner raus, Ohrenstöpsel angelegt und losgelegt. Kurz darauf werde ich vom Mann gegenüber unterbrochen. Ob ich denn wüsste, wo der Speisewagen wäre. Klar, zwei Waggons hinter uns, über uns klebt ausserdem noch Messer und Gabel mit Pfeil in die Richtung. Er entschuldigt sich vielmals, zeigt auf seine Brille und ich meine nur lustig, werden doch keine 8 Dioptrien sein, oder?

Dann verschwand der Mann und ich konnte mich wieder meinem Monitor widmen. Doch der Alltag digitaler Reiseunterhaltung sollte diesmal nur von kurzer Dauer bleiben. Vom Speisewagen zurückgekehrt, war die nächste Feststellung, auf den Fahrplan schauend, dass der Zug dann wohl erst in Saalfeld halten würde. Ich warf einen Blick auf den Plan und Tatsache, der Zug hielt erst in Saalfeld. Toll, dann bleibt die Reise noch ruhiger als gedacht. Aber irgendwie muss ich bei diesem Gedanken mich schon in einem Gespräch verloren haben sozusagen. Zu mindestens blieb der Rechner der Rest der Fahrt im Ruhezustand vor mir stehen. Und ich bin kein bisschen böse darüber, denn das Gespräch, in dem ich mich durch zwei Auskünfte sozusagen hinein manövriert hatte, fing ab Erlangen/Lichtenfels an Fahrt aufzunehmen und das nahm eigentlich bis auf die halbe Stunde Dösen meinerseits keinen Abbruch.

Denn auf die Saalfeld Bemerkung folgte dann das Schnaufen und Stöhnen, wie lange das noch dauern würde und mit dem Flieger wäre man schwups schon da. Für 29,- €. Er ist ja (Club)Mitglied bei Air Berlin. Da kann er fliegen wann er will, das kostet immer so viel. Ich versteh zwar immer nicht, warum Menschen dann noch die Bahn benutzen, wenn sie in ihr sitzend nur über sie schimpfen. Aber soll ein jeder glücklich werden mit seiner Entscheidung und die Konsequenzen tragen (alle Autofahrer und Flieger mal an die Küste der USA zum Öl beseitigen schicken?) Mich stört es auch nicht allzusehr, 45,- € im 50er Club der Bahn für diese Strecke zu zahlen.

Ich fragte den Mann aber erst viel später, warum er denn dann den Zug genommen hat. Erst einmal die übliche Diskussion, dass Fliegen halt steuerlich fein besser gestellt ist als Bahnfahren. Wiederum rechnete ich nicht mit der Rückfrage, ob ich denn wüsste, woher das mit den Steuern käme. Davon abgesehen, dass ich annahm, dass die Fliegerei international relativ gut subventioniert wird, also am Ende überall Kerosinsteuer und das Ganze Thema entfällt, aber ehrlich, ich habe da keinen genauen Durchblick, und auf Franz Josef Strauß als Antwort wäre ich auch nicht gekommen. Und ob das wiederum als Antwort passt, bezweifle ich auch, aber dadurch hatten wir eine Brücke geschlagen und ein neues Fass aufgemacht. Wichtig war nur, dass der Name Strauß gefallen ist. Und wie immer bei diesem Namen, ich habe keine Ahnung was alle immer mit diesem Strauß haben. Irgendwas hat der Kerl mit Bayern am Hut, Politik. Aber Strauß hat mich bisher nicht wirklich tangiert, das war etwas, dass vor meiner Zeit lag, aber zu dicht noch an mir dran, um schon im Geschichtsschulbuch zu stehen (jaja, die waren auch eher alt).

Und Strauß, dass ist so ein Trigger Word. Eine Schublade, die aufklappt und in die man herrlich einsortieren kann. Den Namen Strauß nicht man nicht von ungefähr in den Mund, am Ende ist da doch eine gewisse Achtung, Ehrfurcht oder Verehrung für diesen Menschen vorhanden. Und Menschen, die Strauß verehren, dass sind so zu geschätzten 95% eher Menschen, mit denen ich mich schwer tue (und ich habe nun mal nachgelesen, ich verstehe nun auch warum!).

Wir waren gerade an Erlangen vorbei und bei Strauß angekommen, kein gutes Zeichen, mal schauen, wie wir da wieder gut rauskommen. Und bevor mein Gegenüber zu viel an Strauß denkt, frage ich doch einfach mal, was er denn früher gemacht habe, wenn er jetzt im Air Berlin PensionärsClub ist. Eine Berufsbezeichnung bekam ich dann nicht zu hören. Innenministerium war dann so ein Wort, aber auch nicht so wirklich, vielleicht auch Sicherheit und so Deutschland generell, also halt eher einer derjenigen, die halt die Drecksarbeit machen, wenn sich zwei Politiker zum Schnickschnack treffen und im Hintergrund von anderen Menschen fleissig verhandelt wird. Und dann fielen Namen über Namen, die ich alle nur schwer zuordnen konnte, und ich war auch erst einmal ein wenig beschäftigt, diesen ungenauen Brei irgendwo einzusortieren. Man kann sich ja mal kurz überlegen, wie sehr man gerade zum Narren gehalten wird. Aber ok, schauen wir einmal. Immerhin saß mir da jemand gegenüber, der langsam in Fahrt zu kommen schien, und es purzelte nur so an kleinen Anekdoten und Geschichten. Und weil wir gerade Richtung Osten fuhren, und er da anscheinend Dinge erlebt haben will, die man eigentlich gar nicht wissen will, aber er auch nur sehr gut im Anreißen solcher Anekdoten war. Treuhandfonds, Birthler, der Bayernkredit an den Osten (“Sonst wäre der doch schon längst davor pleite gewesen. Und so konnte sich dann Kohl später fein inszenieren” – ich muss das nochmals aus der Bayern Perspektive betrachten, kann da nichts dazu sagen – anyone information about that?)

Darüber hinaus ist er anscheinend schwer Lyrik verliebt. Zu mindestens blieb das gesamte Gespräch konstant untersetzt von Gedichten, einfach eingefädelt, aus ihm heraus sprudelnd. Und spätestens nach dem 10 Schiller, Göthe oder sonstigen Zitat war ich schon leicht verwundert, was der Mensch da mir gegenüber wohl noch so alles aus seinem Kopf heraus kramt. Und irgendwann verlegte er sich dann auch auf sehr erheiternde, “retrovaginale”, wie er sie nannte, Gedichte aus Deutschland. Man suche einfach einmal nach “Die Moralgeschichte des Bonifatius Kiesewetter” oder nach Gedichten über “Frau Wirtin”.

Da sind richtig schön versaute Teile dabei, und ich bekam während der Fahrt so einige von ihnen vorgetragen. Und das war definitiv weitaus besser, als sie im Netz einfach zu lesen. Der Mann gab sich nämlich schwer Mühe, die Gedichte auch entsprechend vorzutragen und es war ihm ein wahrer Genuss, mit den Gedichten zu spielen. Auf die Frage, wie er denn zu den Gedichten kam, weil es scheint ja auch ein wenig komisch, so neben Goethe und Schiller, solche Gedichte zu stellen, bekam ich dann langsam ein wenig mehr Einblick. Sein Vater, Jurist in Leipzig hatte manchmal gerne einen zu viel im Kasten und der Sohn musste dann Vatern aus dem Weine nach Hause holen. Das tat er gerne und sperrte dabei seine Lauscher so weit auf, wie nur möglich. Denn die Verse, die er da lernte, waren dann wohl doch andere, als in der Schule. Und Gedichte konnte er sich schon immer nach einmal lesen auswendig. Er hatte auch noch Russisch und Latein in der Schule, das Russisch gehe ihm inzwischen aber so ziemlich flöten, Latein läuft aber noch ganz gut. Und ich fing an, ihm das sogar abzunehmen.

Vor der Mauer dann nach Westdeutschland, und von dort aus nach Berlin. Inzwischen ist er am Chiemsee gelandet, wegen der Frau, die wollte da hin. Aber er will eigentlich wieder weg. 3 Meter Schnee 6 Monate lang ist nichts für ihn, für den Hund vielleicht, aber die Schipperei nervt ihn. Er kann Berlinern, Sächseln, Hauptdialekt wäre aber schon eher der Wiesbadener. Und sächsisch klingt eher gekünstelt, mit richtigen Sachsen brauche er das nicht mehr machen, die fühlen sich dann eher verarscht. Ich beneide ja Menschen, die es so ungemein mit Sprache haben und denen das so zufliegt. Die Gabe ist mir so gar nicht gegeben…

Er erzählte von Reisen, Tauchen auf den Malediven, das er schon Jahre lang mit seiner Clique macht. Und segeln… und…

Irgendwann fragte ich ihn, warum er denn nun eigentlich Bahn gefahren wäre. Und es kam wirklich die Bonusantwort: Man hätte ihm geraten, die Strecke nach Leipzig mal mit dem Zug zu fahren, das wäre von der Natur so herrlich. Während dessen donnerten wir durch grüne Landschaften mit kleinen Dörfern und an Bächen und Flüssen vorbei, Saalfeld rückte näher… Und ich konnte nur noch hinzufügen, dass man sich an dem Punkt ja eigentlich auch nicht beschweren konnte. Dann fragte ich ihn noch, ob man im Flugzeug auf Viererplätzen sitzen kann und mit wem man so reisst. Er erzählte von den Business Kaspern mit aufgeblasenen Köpfen, in denen nur heiße Luft wäre. Gespräche gibt es wohl eher keine. Was ich mir kaum vorstellen konnte, diesem Menschen gegenüber sitzend. Aber vielleicht kann man ja im Flugzeug wirklich keine dummen Fragen stellen. So etwas wie, wo ist denn hier das Speiseabteil. Oder, ob das Flugzeug jetzt wirklich noch in Lichtenfels hält. Und als er mir dann noch die Anekdote erzählte, wie er einem Business Kasper, der sich über die Stewardess beschwerte, ins Gesicht sagte, er solle doch lieber mal auf die Toilette onanieren gehen, dann wäre er auch mal entspannter, schließlich hätte hier keiner ein Problem ausser er, ja das glaubte ich ihm auch sofort. Dieser Mensch eine halbe Stunde ohne Kommunikation muss wahrlich zu sehr verrückten Dingen fähig sein.

Geschätzte 70 Jahre alt, einen Sohn, der doppelt so alt ist wie ich. Glatze und einen weißen Bart. Er mag keinen Wein, obwohl er sich schon gut damit auskennen würde, aber er ist ein Trinker, Bier das Getränk seiner Wahl. Berliner Doppelbock wäre fantastisch, überhaupt scheint er Berlin zu mögen, da kann man gut essen und auch nicht schlecht leben. Er ist froh, dass er seine Schäfchen im Trocknen hat, weil für die Welt sieht er eher schwarz. Dafür hat er sein Leben zu oft die Lauscher aufgestellt und zu viele perverse Dinge erlebt…

Als wir nach Leipzig kommen, verabschieden wir uns, er sagt noch, dass er sich sicher ist, dass wir uns wieder sehen. Ich hebe ihm seinen Koffer herunter und bekomme noch zwei Verse, einen deftiger als den anderen, ins Ohr geflüstert. Dann läuft er grinsend zur Tür, dreht sich immer wieder um, zwinkert mit den Augen und grinst verschmitzt. Auf meine Frage, wie er denn heißen würde, bekam ich keine Antwort. Beim nächsten Bier dann …

Er läuft in Leipzig auf dem Bahnsteig an meinem Fenster vorbei, grinst mich noch einmal an, und macht einen Grußzeichen mit Daumen- und Zeigefinger zu einem Kreis geformt. Für was auch immer es genau steht, es passt zu ihm und der Situation und überhaupt. bene halt.

Das war eine gute Fahrt. Und dieser Text nur ein Festhalten eines nicht nach aussen mitteilbaren Erlebnis. Und um ihn zu widersprechen. Nein, ich erzähle nicht, was für einen verrückten Menschen ich kennen gelernt habe. Ich kann versuchen, in Worte zu fassen, was für  ein wirklich inspirierendes Gespräch ich erlebt und was für einen einnehmenden Menschen mit einem großen Gedanken- und Erlebnisreichtum ich begegnen durfte. Ich kann es ihm leider in dieser Form nicht zukommen lassen.

Bevor ich es also vergesse festzuhalten… und um seiner Aussage gerecht zu werden, dass der Computer ja “ohne Feedback” sei. Und auch wenn es in mir heftig Widerspruch erzeugte, schwieg ich. Ein Tagebuch ist auch ohne Feedback. So lange, bis jemand darin liest. Und das wird spätestens nach dem Tod passieren, des öfteren schon davor… eigentlich muss man sich damit beim Schreiben abgefunden haben. Und würde man etwas nicht schreiben, weil es nach dem Tod irgend jemand lesen kann? Man macht sich beim Schreiben darüber keine Gedanken. Man schreibt…  und Feedback ist überall oder nirgendwo.

Ich würde mir wirklich wünschen, dass, vorausgesetzt ich wäre auch mal so alt mit weissen Bart und so, ich genau diese dumme Frage zu dem Speisewagen einen jungen Mann mir gegenüber fragen würde. Und dann auch ein paar lustige Stories drauflegen könnte… und beim Aussteigen mit den Augen zwinkern…

Ganz großes Kino Leben!


Mrz 29 2010

Sehnsucht

“Es wäre so schön, wenn wir uns wieder öfter sehen würden, so wie früher…” – Es ist nicht unbedingt genau dieser Satz gewesen, der mir im Kopf hängen blieb, wichtiger war mir die Reaktion. Es war eine Erklärung, warum diese Sehnsucht schön ist, aber wenig bringt in der Realität. Das Leben hat sich eben geändert, man ist nicht mehr jung und ungebunden, sondern hat Kinder, Arbeit, Verpflichtungen. Man könne doch einfach froh über die Begegnungen sein, zu denen es noch kommt und es wird halt nicht mehr so werden, wie es einmal war…

Diese Worte könnten viele so oder ähnlich gesagt haben. Ich hörte sie zum ersten Mal in dieser Form von meiner Mutter auf einem Familienfest. Und eigentlich blieb mir mehr im Kopf, wie diese Worte auf eine Sehnsucht trafen und sie, wahrscheinlich nicht zum ersten Mal, zum Kampf aufforderte. Es brauchte nicht lang, bis der Kampf vorbei war und man einem bekannten Menschen dabei zusehen konnte, wie in ihm etwas zerbrach. Etwas, das man nur schlecht kitten kann, ein fragiles Gebilde an sich, auch Tränen sind kein guter Kleber.

Es gibt eine unglaublich große Menge von Sehnsucht auf dieser Welt, würde man Sehnsucht irgendwie illuminieren können, es wäre unerträglich hell auf dieser Welt. Oft scheint mir Sehnsucht aber eher dunkel, die sich zB gut hinter einer Sonnenbrille verstecken lässt. Und würde sich am Ende eher leicht “mollig” anhören, wenn man sie erklingen lassen würde, vielleicht mit einer großen Portion Tragik versehen. Manchmal ist Sehnsucht so verworren, dass man gar nicht so wirklich direkt über sie sprechen kann, sondern sich mehr so um sie herum hangelt, sozusagen um sie herumschleicht und wie einem fernen Konzert lauschen würde.

Das Glasperlenspiel (natürlich inkl. Stufengedicht) von Hesse lieferte mir in meiner Jugendhitze zusätzliche Befeuerung, dass voran der richtige Blickwinkel sein sollte. Wenn das Herz gesundet, dann nur, wenn man weiter geht. Und auch wenn man zum Ende wieder am Anfang ankommt, so war es doch bestimmt die Reise wert. Und ich hatte irgendwie grundsätzlich schon akzeptiert, dass es nicht ohne das etwas zu Bruch gehen wird, von statten gehen wird.

Ich hatte mir nie vorstellen können, wie viel auf einer Reise eines Menschen in seinen ersten 30 Jahren kaputt gehen kann und wie schwer es uns allen fällt, den Blick nach vorne zu richten. Es macht einen schweigsam, man hört mehr den Melodien zu, die die Worte drum herum ergeben. Manchmal sind sie tieftraurig und manchmal unglaublich vor Freude tanzend. Man weiss, dass es sich ändern wird, wieder, irgendwann anders sein wird. Man weiss aber auch um die tiefe Sehnsucht, die unter all dem liegt und an sich nur schwer zu hören ist. Es ist schwer, ihr zu begegnen, weil es für sie keine Worte gibt und man inzwischen auch definitiv weiss, dass es nur bescheurte Worthülsen für solche Momente gibt, man muss nur die Hülsen als Tanz um das eigentliche herum betrachten.

Nein, es wird nicht alles gut, es wird alles maximal anders. Und das ist wenigstens gut so. Alles andere wäre unerträglich.

Sehnsucht ist wertvoll, aber es ist verdammt schwer, an ihr zu gesunden.


Mrz 11 2010

Word!

Du redest, erzählst von den Neuigkeiten, was passiert ist und was passieren wird. Ich schaue dich dabei lange an, ohne etwas zu sagen, eigentlich mehr durch dich hindurch, als ob es hinter dir etwas zu sehen gibt, weit in der Ferne, hinter der Mauer. So lange, dass man denken könnte, ich wäre nicht wirklich bei der Sache und gedanklich irgendwo anders. Nach kurzer Zeit bist du irritiert, fängst an zu lachen und schaust mich dabei leicht verunsichert an. Der kurze Augenblick voll Unsicherheit währt nur Sekunden, bis du mir eine Frage stellst. Irgend eine, sie ist wahllos und willkürlich. Sie dient einzig der Rückversicherung.

Ich dachte noch lange über das Lachen nach, das so leicht unnatürlich und aufgesetzt klang. Es war nicht deine Art, Dinge mit einem Lachen zu untermalen. Es war kein Lachen, dass darauf aus war, mich zum mitlachen zu animieren. Es war eher ein Lachen in die Stille hinein, mit dem ganz leichten Geschmack von Hysterie und Panik. Zu mindestens stellte ich mir dieses Lachen in seiner Intensität gesteigert genau so vor.

Es gab nichts ausser deinen Worten und meine Anwesenheit, die dir Angst oder Panik hätte machen müssen. Ich weiss nicht, ob es die Unsicherheit der Worte wahren oder meine eventuelle Abwesenheit oder Ignoranz der Worte, die dich dazu veranlassten. Worte, die am Ende noch zu schwach waren um zu existieren, ohne dass sie gehört werden.

Ich saß in meinem Sessel und versuchte meinen Blick auf dich und diese Frage zu lenken. Ich versuchte dir eine Antwort zu geben, irgend eine, sie war so willkürlich, wie die Frage. In meinem Kopf fing sich während dessen alles an zu drehen, all die Zahnrädchen und Feinmechanik. Bilder wurden noch einmal zurück geholt, Gedanken blitzen dazu auf und ich verstand innerhalb kürzester Zeit sehr viele Dinge gar nicht. Ich verstand nicht die Angst, ich verstand nicht die Worte, weil sie mich nicht erreichten, trotzdem gab ich Antworten auf die Worte, wir betrieben Kommunikation, während ich durch dich hindurch schaute. Ich verstand nicht, warum Menschen das so machen, kommunizieren, Worte in den Raum stellen.

Und ich verstand nicht einmal, was mich auf die wahnsinnige Idee gebracht hatte, durch dich hindurch zu schauen. Ja, eigentlich war das ja das Problem, des Übels Anfang. Vielleicht auch die Langweile. Ich komme schnell auf dumme Ideen, bevor mir langweilig werden könnte. Das ist sozusagen ein Automatismus im Kopf, klick, Kopfkino. Warum Kopfkino in dem Fall aus der dummen Idee bestand, durch dich hindurch zu schauen, das ist auf jeden Fall eine gute Frage. Aber da ich deren Antwort sowieso nicht einmal erahne, kann ich mich erstmal um all die anderen Unklarheiten kümmern.

zB um diese Unklarheit zwischen Worten, die einer ausspricht damit sie ein anderer hört, ja am Ende in sich aufnimmt, verarbeitet und darauf reagiert. Da hat sich an sich nicht so viel geändert, seitdem wir auf der Welt sind. Ich sage Wu und zeige auf die Wurst und bekomme eine feine Scheibe Wurst. Funktioniert gnadenlos gut mit 1-3 Jahren. Später reicht dann eigentlich “Wurst” und man bekommt ohne darauf zu zeigen das selbe Ergebnis. Funktioniert auch bestimmt noch mit 30 Jahren, nur wird man leicht abnormal behandelt, wenn man sich hinstellt und einfach “Wu” sagt. Dann hagelt es Gegenfragen und kein Metzger dieser Welt würde einfach auf die Idee kommen, dass man eine Wurstscheibe haben will. Also müsste man am Ende doch wieder den Finger bemühen. Und wenn man sich hinstellt, “Wu” sagt und dann einfach durch ihn hindurch erwartungsvoll ins Land der Wu blickt… dann passieren am Ende sehr komische Dinge, Lachen, Wut, Verachtung…

Es passiert des öfteren, dass ich mich an einem Redeschwall eines anderen ergötzen darf, eher seltener verfalle ich selbst in einen. Und wenn ich mir dann selbst zuhöre, welche Worte ich wähle, welche Sätze ich stricke, dann merke ich sehr oft, dass ich es genauso mache wie die vielen anderen. Ich reihe Buchstaben an Worte und diese zu Sätzen. Und wenn ich nach viel zu vielen Sätzen kurz innehalte und versuche, durch mich selbst hindurchzuschauen, frage ich mich sehr oft, warum ich das erzählt habe, warum genau das, warum diese sinnlose Einzelheit, die für nichts steht, keine Erkenntnis, keine große Frage, nicht einmal am Ende etwas über einen selbst aussagen könnte, mit Aussagekraft, nein, der Erkenntnisgewinn dabei so ungemein gering ist. Ich mag mich dann meist nicht mehr wirklich reden hören, würde frohlocken über jemanden, der durch mich hindurch schaut und mich lachen lässt. Hysterisch, weil es passen würde. Anstatt dem leeren Blick begegne ich nickenden Gesichtern.

Es ist selten geworden und lange her, dass ich für Worte und deren empfundenes Verständnis brannte. Ein Hesse Gedicht den Nagel mit einem Hammerschlag versenkt. In einem Gespräch mit einem guten Freund unglaubliche empfundene Horizonterweiterung stattfindet. Worte sind komplexer geworden, nicht an Bedeutungsgewalt, sondern an Konnotationen. Worte werden manchmal einfach so sinnlos ausgeleert und manchmal mit unglaublicher Gewalt an Hintergedanken an den Mann gebracht. Man hat gelernt, die Wortspiele mitzuspielen, hat irgendwann genügend Kälte ergattert um sich von Worten nicht mehr schocken zu lassen und auf deren Konnotationen zu achten, wurde immer besser im zwischen den Zeilen lesen, auf all die verschiedenen Arten, wie man dies tun kann.

Man hat die Erwartung abgelegt, dass Worte irgendetwas erklären, in keiner Weise sind sie gute Abbildungen von Gedanken, die einem im Kopf geistern. Und das Worte mir etwas erklären, von der Annahme bin ich weit entfernt. Worte sind flüchtig, bieg- und wandelbar. Man kann sie nutzen, aus- und benutzen. Man muss keine Angst mehr vor ihnen haben, wenn man einmal durch den Wahnsinn gegangen ist und in ihm alle Wörter so unglaublich verkehrt wurden.

Vielleicht fangen viele deshalb nun an, Kinder dabei zu begleiten, Worte zu erlernen. Die Wurstsache. Bis man zu den Fragen kommt, die man nicht erklären kann. Dafür wird man sich eine Ausrede einfallen lassen müssen. So etwas wie, dass kann man so genau nicht beschreiben, oder, da gibt es viele Antworten darauf. Aber es wird der Zeitpunkt, wo man in Worten jemanden erklärt, dass man es nicht in Worten erklären kann. Und vielleicht ist das der Zeitpunkt, wo man dann gewöhnlich ruhiger wird, was die Worte betrifft. So ein Wort wie Liebe, darf dann einfach die komische nicht definierbare Hülse für irgendetwas sein, muss nicht mehr in einem brennen als Wort, das man mit Gefühlen befüllen muss. Es ist übervoll, sogar an Konnotationen. Es kann passieren, dass einem langweilig wird, wenn darüber gesprochen wird, und man anfängt abwesend durch den anderen hindurchzuschauen um irgendwo anders etwas zu finden, etwas ausserhalb der Worte, und wenn es ein hysterischer Lacher ist.

Stille und stilles Handeln ist etwas extrem wundervolles. Die beste Grundlage für Kommunikation einer anderen Art.
Es braucht “nur” die Abwesenheit von Angst. Und Worte sind bestimmt der dümmste Grund, Angst zu haben…