Meine Generation

Meine Generation bezieht sich auf die Menschen, die sich am heutigen Tag rund um die 30 Jahre Grenze befindet. Wir sind keine Teenies mehr, also nehmen wir uns die Freiheit, Generationen nicht mehr in einzelnen Jahren wahrzunehmen. Meine Generation feiert nun 10 jährige Abifeiern, heiratet, bekommt Kinder, gründet Familien, hat Erfolg im Job. Wir sind junge Männer und Frauen und, wie mir erst vor kurzen wieder erzählt wurde, werden nun bis 40 Erwachsene. Noch sind wir aber frisch, unverbraucht, gut gebildet (Abitur+Studium) und am Ende mit einem Job, der uns von ausreichend bis gut verdienen lässt.

Ich würde mir nicht so viele Gedanken über meine Generation machen, wäre ich nicht von aussen dazu bewegt worden, mich aktiv mit ihr auseinander zu setzen. Normalerweise stoße ich nicht so explizit auf eine große Gruppe gleich alter Menschen. Das ist in meinem Alltag zum Glück eher nicht der Fall. Da ist das Problem eher, dass die meisten eine recht kongruente Vorstellung von Lebensgestaltung haben. Und wenn es um die Zugehörigkeit zu einer Generation gehen würde, dann würde ich mich eher zu der empfunden Generation von Nerds, Freaks und Computer afinen Menschen zählen. Doch ich bin und war auch Teil der Generation Abiturienten, die nun 10 jähriges “Jubiläum” feiern und im Lebensverwirklichungsabschnit Familie angekommen sind, was entsprechend mit Hochzeiten und Kindern zelebriert wird.

Wenn man das Glück hat, an solchen Veranstaltungen teilnehmen zu dürfen, sollte man auch mindestens einmal im Leben zusagen, jeweils separat für eine Art von Veranstaltungen. Ob man sich dann weitere Veranstaltungen aus einer dieser Reihen gibt, sei dahin gestellt. Aus reinem wissenschaftlich Interesse ist es jedenfalls schon interessant genug. Es mag auch behilflich sein, sich selbst einzusortieren.

Meine Generation, da kann ich sie sehr beruhigen, ist ganz normal. Unglaublich normal. Da ist nicht mal Krise. Bei keinem der BWLer, Juristen, angehenden Managern, Banklern, angehenden Doktoren, etc pp. Uns geht es gut. Wir haben feine Jobs, wir haben genug Geld um gut davon leben zu können. So viel Geld, dass wir sogar Kinder bekommen, sogar manch einer schon 4 (das ist immerhin über dem doppelten Durchschnitt). Und Familien gründen. Wieder nach Hause in die Heimat ziehen, wegen dem Kind und so. Weil da ja auch die Eltern sind. Und weil Kind und eigene Eltern toll sind. Da hat man auch jemanden, mit dem Cafe trinken gehen kann. Ansonsten müssen ja alle Befreundeten arbeiten. Meine Generation scheint keine Angst vor den eigenen Eltern zu haben. Zu mindestens freuen sich sehr viele Frauenvertreter, die ich sprechen durfte, nach Jahren im Ausland, in fremden Städten, auf die Heimat und ihre Eltern.

Wir nehmen das ernst mit den Traditionen. Wir pflegen sie, wenn wir Feste wie Hochzeiten feiern, dann lassen wir keine der Traditionen aus. Dann kleiden wir uns Männer alle im schwarz/weiss Anzug, die Frauen in hohen Schuhen und adretten Kleidern, essen sehr fein, trinken sehr viel Alkohol und lassen das Brautpaar komische Spiele spielen, während die restlichen Besucher sich den ganzen Abend inhaltlich um zwei Menschen drehen. Wir hören der Standesbeamte still zu, wenn sie Dinge erzählt, die all die Zeit vor der Hochzeit als null und nichtig erklärt. Wir protestieren auch nicht, wenn sie per Leierstimme darlegt, dass der Wechsel zu dem Name des Mannes unwiderruflich ist. Meine Generation weiss auch auf einer Hochzeit einen ordentlichen CO2 Fussabdruck zu hinterlassen, denn Genuss und sich etwas Gönnen, dass fangen wir gerade erst an zu verstehen und Tasten uns langsam aber vorsichtig in die noch nicht erschlossenen Spezialgebiete von Wein, Fleisch und sonstigen Gaumengenüssen vor.

Die zukünftigen Manager (Rüstungsindustrie) sitzen mit Zigarre lässig im Garten, und unterhalten sich über die Welt und stellen fest, dass letzt endlich man nichts machen kann, weil sich das schon alles regeln wird, auch mit der Umweltverschmutzung, mit dem Öl, dem Benzin, und all den Dingen, die problematisch sind. Markt und Nachfrage regeln das, Technologie ebenso. Probleme werden wir lösen. Meine Generation ist voller Zuversicht und guter Dinge an diesem Punkt.

All die Sorgen um Schmerzensmänner, eine Generation ohne jegliches Traditionsbewusstsein, alles Käse. Dummes Geschwurbel. Und Emanzipation, das brauchen wir auch nicht mehr. Das Blumenmädchen bekommt auf der Hochzeit eine Barbie, der Blumenjunge einen Plastikbagger. Und Spielzeug kaufen wir entweder in der rosa Prinzessin Abteilung, oder der blauen Prinzabteilung. Wir haben uns dem Punkt dem Diktat der Industrie gebeugt.

Und natürlich sind wir anständige Christen. Zum größten Teil zu mindestens. Glauben und Religion nehmen wir durchaus ernst. Schließlich sind das ja die Grundpfeiler, auf denen wir selbst groß geworden sind.

Revolution liegt uns anscheinend nicht. Wir wählen Sicherheit. Und verlassen uns dabei auf die uns vorgelebten Bilder. Wir wissen an sich, dass sie nicht funktionieren müssen, aber wir treten immer wieder aufs neue an, zu beweisen, dass es so funktioniert und zu funktionieren hat. Wir haben verstanden, dass 30% Rendite Irrsinn sind, aber wir haben auch verstanden, dass wir nichts daran ändern werden, also sichern wir uns lieber schnell selbst die 30% Rendite.

Aufbegehren in diesem Context ist schon, keinen Anzug in schwarz weiss zu haben, die Traditionen nicht zu mögen, auch nicht die Bilder, die einem vorgelebt wurden, seine Kinder nicht in der Stadt der Eltern aufzuziehen, inneren Protest gegen das verspüren, was eine Standesbeamtin sagt, das Studium abgebrochen zu haben, selbstständig zu sein, keinen Alkohol zu trinken, keinen Kaffee zu trinken, Emanzipation als so wichtig empfindet, dass man im Kinderladen oder bei Kinderbüchern Verzweiflungsanfälle bekommt und auch, wenn man (am Ende als Idealist) der Zigarre schmökernde Runde auf die Frage, was man selbst noch so für Ziele hat, antwortet:  ”zu sterben, wie alle anderen hier Anwesenden”.  Mehr Kreativität gibt ein solcher Kontext nicht her, und vielleicht hat die Aussage wenigstens für ein klein wenig Verwirrung gesorgt. Aber sie ist doch an sich das passende Statement.

Meine Generation ist leider nicht sehr kreativ im Entwickeln von Alternativen. Eher im Leben von Alternativität als Lifestyle wenn dann. Und ja, ich bin sehr wohl ein Teil dieser Generation, das wurde mir noch einmal schmerzlich bewusst. Daran lässt sich nichts ändern, auch die Herkunft nicht. Es ist 2012, das Konzept der Inklusion ist noch immer nicht angekommen in den Köpfen, aktives Mitdenken und Empathie immer noch Mangelware. Meine Generation ist da leider keine Ausnahme. Kein ausreichender Mut, um Dinge endgültig zu hinterfragen und mit Traditionen zu brechen, nach neuen Möglichkeiten zu suchen, Traditionen neu zu definieren/neu zu leben und Veränderung als Grundprinzip anzuerkennen.

Das schmerzt, sehr. Aber es tut gut, in Berlin zu sein. In dieser Stadt verliert man wenigstens nicht ganz die Hoffnung…

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>