Denken lernen

Wer mich kennt, wird wissen, wie sehr ich über meine Schulzeit schimpfen kann. Auch wenn inzwischen die meisten kleinen Eindrücke inzwischen zu einer einheitlichen Emotion verschwommen ist. Es gibt wenig Dinge, an die ich mich gut erinnern kann, und die meisten von ihnen haben wiederum eigentlich nichts mit Unterricht im eigentlichen Sinne zu tun, mehr mit den Dingen, die man in 13 Jahren so nebenher, dazwischen oder mitten drin macht. Davon abgesehen, dass das in den meisten Fällen auch durchaus interessanter war, so gibt es zu mindestens eine Unterrichtsstunde, die sich in mein Hirn gebrannt hat.

Es war vermutlich in der 12. Jahrgangsstufe, Sozialkunde Leistungskurs. Man saß ja immer in verschiedenen Klassenzimmer, und in dieser Stunde saßen wir wohl in einem Klassenzimmer der 9./10. Klassen, ein fremdes Klassenzimmer mit Inventar, Plakaten an der Wand, unter dem Tisch Hefte und Bücher. Sozialkunde war immer so, dass man nicht genau wusste, was eigentlich in der nächsten Stunde passieren würde. Im Idealfall lies man es geschehen und versuchte sich so gut wie möglich darauf einzulassen. Wenn man das hinbekam, dann waren die Stunden meist ein Traum, ein absoluter Genuss. Eine Reise für eineinhalb Stunden in  eine andere Welt, aus der es schwer war, wieder zurück zu kommen und im “normalen” Schulalltag zu funktionieren.

Wenn der Lehrer etwas konnte, dann einen mitnehmen auf eine Reise durch die Irrungen der Gedanken. An sich ging es bestimmt sehr viel auch um “Sozialkunde”, Politik, Gesellschaft und all das. Aber eigentlich ging es die meiste Zeit darum, zu “denken”, und vielleicht dann noch Gedachtes in Worte zu fassen. Wenn man denkt, dass man von sich aus schon denken kann, dann denkt man am Ende falsch. Denken kann man lernen, und es braucht einen sehr begabten Lehrer, der versteht, wo man jemanden abholen und wie weit man ihn bringen kann. Und obwohl “denken” ein unglaublich schreckliches Wort ist, trifft es am Ende genau den Schmerz, den man durchleben muss, immer und immer wieder. Ein guter Lehrer kann mit einem Denk-Anstoß ein großes Gedankenkonstrukt zum Einsturz bringen indem er Zweifel an einem der Stützpfeiler sät. Und das hat dieser Sozialkunde Lehrer mit mir sehr gut hinbekommen, immer wieder.

Die besagte Stunde habe ich wahrscheinlich nur deshalb so gut im Kopf, weil es nicht so wirklich klappte in dieser Stunde. Ich fragte mich eineinhalb Stunden lang, was er denn nun von uns will, worauf er hinaus will. Nur Fragezeichen im Kopf (es muss ziemlich schrecklich für meine Mitstreiter gewesen sein, die das Erlebnis wohl des öfteren durchmachen mussten, 2 Jahre lang). Die Stunde begann jedenfalls mit einem sehr enthusiastischen Lehrer, der ein Plakat ausrollt. Darauf ein Hochglanzfoto von einem Mann in Anzug im Regen stehend, mit Regenschirm, einem Schwimmreifen mit Ente um den Bauch, einen Aktenkoffer und entweder nur in Badeshorts, oder doch mit normaler Hose, da bin ich mir unsicher.

Unsere Aufgabe war es dann, etwas _über_ diesen Menschen zu erzählen.

Und wir starrten alle auf das Hochglanzdruckplakat und schwiegen. Irgendwann erbarmte sich eine Mitschülerin und beschrieb, was sie auf dem Plakat sah. Einen Mann, im Businessanzug im Regen stehend. Ein Aktenkoffer und einem Regenschirm in der Hand. Nur der Schwimmring wollte so gar nicht ins Bild passen. Der Lehrer blieb hartnäckig und fragte weiter, ja aber, erzählen sie etwas über den Menschen. Und wieder war es still. Eine andere versuchte es erneut. Wieder der Hinweis, dass das nicht die “richtige Antwort” war. Der Lehrer wurde mit jeder Wiederholung der Frage ungeduldiger, als drängte es in ihm, als wäre es ihm unvorstellbar, dass einem zu diesem Fotoplakat nichts einfällt. Zum Schluss hatte jeder von uns sich an einer Antwort versucht, und keiner war irgendwie “richtig gelegen”.

Heut wüsste ich, die perfekte Antwort auf die Frage wäre “Manfred Mustermann” von Blumentopf, leider war das Lied zu diesem Zeitpunkt maximal in einem der Köpfe von Blumentopf. Und wir waren zu jung, wir hängten uns selbst noch Plakate in unser Zimmer, die wir irgendwie cool fanden, aber uns eigentlich nie wirklich Gedanken darüber gemacht haben, was ein solches Plakat über einen selbst erzählt, in welche Schublade es einen packt und vor allem, dass ein Plakat am Ende so viel Auskunft geben kann, zu mindestens so viel, dass man sich am Ende einen fiktiven Lebenslauf beim Anschauen zusammen basteln kann. Wir steckten noch in den Teenieschuhen und waren zu sehr mit uns beschäftigt. Uns ging es darum, was wir sehen, nicht was wir sehen könnten. Wir waren gerade dabei, das erste mal aktiv an einem Lebenslauf zu arbeiten, ihn selbst zu gestalten.

Als der Lehrer merkte, dass er mit seinen Fragen ins Leere lief, fing er zu reden an, es sprudelte aus ihm heraus. Er versuchte eine Haltung zu erklären, die man Menschen gegenüber einnehmen kann. Eine gedankliche Haltung. Und das Beispiel, dass mir bis heute im Kopf hängen blieb, dass war das Beispiel der Vorgärten. Er erzählte, dass das einer seiner Lieblingsbeschäftigungen wäre: durch Straßen an Vorgärten von Häusern vorbeizugehen und sich daraufhin ein “Bild” zu formen über die Menschen, die in dem Haus dahinter lebten. Und er wusste diese gedankliche Beschäftigung sehr gut weiter auszuschmücken. Trotzdem blieb es mir fremd. Ich verstand zwar ab dem Vergleich mit den Vorgärten,  um was es ihm bei der ganzen Stunde und Fragerei so gegangen sein könnte. Aber ich war noch meilenweit davon entfernt, die Faszination zu erkennen.

Wirklich klick, machte es erst Jahre später. Als ich mit dem Fahrrad durch die Siedlungen hinter Reinickendorf nach Norden raus fuhr. Ich schaute und merkte, dass ich genau das machte, von dem mein Sozialkundelehrer damals so fasziniert gewesen war. Gedankensport sozusagen. Und je mehr ich darüber nachdachte, merkte ich, dass ich diesen Sport eigentlich permanent machte. Das permanente Apothekerschubladenregistrierschränkchen. Schublade auf, Schublade zu, die ganze Zeit ist das Hirn damit beschäftigt Bilder in passende Schubladen zu stecken. Schubladen, aus denen sich innerhalb von Sekunden fiktive Lebensläufe erstellen lassen. Jedes Bild, jeder Eindruck erweitert das Spiel. Jedes Lebensjahr mehr bereichert die Möglichkeiten, verdeutlicht Kombinationsmöglichkeiten, reiht Brüche in eine Systematik ein und man gewinnt vor allem an Überblick.

Aber manchmal gibt es Momente, in denen ich mir wünschte, dass es nicht irgendwann klick gemacht hätte, dass ich weiterhin aus den Sozialkundestunden mit großen Fragezeichen in mir heraus gegangen wäre und mich besser darauf verlegt hätte, den Lehrer einen abgefahrenen Freak, der auf irgendwelchen komischen Drogenräuschen unterwegs ist, zu schimpfen (so ähnlich stand das in einigen Abizeitungen). Obwohl es mir auch schwer fällt, vorzustellen, dass andere Menschen durch die Welt gehen, ohne diese Wahrnehmung, dass ihnen etwas fehlt, dass ich habe oder kann. Es fällt mir zu mindestens schwer zu akzeptieren, dass dies so sein könnte. Ich glaub nur, dass es Menschen gibt, die diesen “Sinn” verstumpfen lassen oder er nie richtig geweckt wurde. Oder sie lassen ihn sehr bewusst verstumpfen, weil es ihnen ansonsten nicht möglich ist, in einer Stadt zu (über)leben. Dennoch keimt immer wieder die Idee auf, dass man doch in einem solchen Plakat nur ein Businesskasperl sehen könnte, der komisch mit einer Schwimmente dasteht. Keine gescheiterte Karriere, keine Entscheidungen die an ihm zehren und ihm das Gefühl geben, wieder eine Kind sein zu wollen. Kein Ausbruch aus dem System der Erwartungshaltung. Keine Deutung des Schwimmreifens als Rettungsanker, der ihn über Wasser halten sollte, dafür aber viel zu klein und nur Kind gerecht ist. Nur ein Bild, so eins, dass man sich als Teenie irgendwo hinhängt, weil es irgendwie cool kommt. Oder abgefahren.

Berlin ist ziemlich häufig wie ein Sammelbecken für mögliche Motive von Plakaten für Sozialkundelehrer. Man müsste sich zwar ab und an einen Schwimmreifen hinzudenken, bzw hinzu “photoshoppen”, aber ansonsten kann man hier das Vorgartenspiel auf sehr engen Raum mit einem Überangebot von Reizen spielen. Ein großer Ameisenhaufen.

In einem Podcast hatte neulich jemand erwähnt, dass er Ameisen nicht versteht, warum die wie lang laufen, die einen so, die anderen so und überhaupt, wie sie ihren Weg finden. Er würde sich das gerne mal einem Podcast erklären lassen. Ich frage mich nun, mit wem müsste man denn einen Podcast machen, der einem einen Menschenhaufen erklärt bekommt, der von leicht aussen auch nicht viel anders wirkt. Und mich würde interessieren, ob sich Ameisen Gedanken über das Glück machen, während sie so hin und herlaufen. Und meinen Sozialkundelehrer würde ich fragen, warum er aufs Land gezogen ist. Vielleicht auch, wie er mit den Schmerzen umgeht, die man manchmal, oder auch häufiger hat, wenn man sich denkend einlässt auf andere. Und wie man Empathie als erstrebenswertes Ziel aufrecht erhalten kann.

Denn jedes Lebensjahr mehr, jede Erfahrung mehr, jeder höhere Grad an Komplexität von Einordnungsmöglichkeiten bringt nicht zwangsweise von sich aus mehr Leichtigkeit und Heiterkeit mit sich. Der Businesskasper im Regen ist da noch eine sehr harmlose Darstellung von Menschlichkeit. Es gibt nicht nur Schönes in Lebensläufen, dort wo es spannend wird, ist es auch oft schwer auszuhalten. Und der Bruch zwischen Fassade und Innen ist oft unglaublich gewaltig.

Dennoch war diese eine Stunde Sozialkundeunterricht ohne jeden Vergleich im Rest der ganzen Schullaufbahn. Ich bin sehr dankbar für sie. Für die ganzen zwei Jahre Sozialkundeunterricht. Ich habe in dieser einen Stunde mehr fürs Leben gelernt als in einem der Schuljahre davor. Auch wenn ich damals noch nichts damit anzufangen wusste.

Danke dafür, Herr Dr. D.

Anmerkung: Herr Dr. D. war der einzige in meiner Schullaufbahn, der alle Schülerinnen aufforderte, ins Netz zu gehen und dort auch selbst etwas zu machen/zu schreiben: “das ist so einfach, das kann jeder”. Das war zu Zeiten, in denen es keine Blogsoftware gab und Internetseiten mit Golive 3-4 erstellt wurden.

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