Unterwegs

Ich mag losfahren nicht. Weil ich schwer loslassen kann, vor allem von meinem Frieden mit dem Alltag. Weil es so viel gibt, an das man noch denken könnte, bevor man losgeht. Ich bin enorm schlecht darin, etwas einfach liegen zu lassen, unerledigt, es einfach warten zu lassen. Mit jedem Jahr muss man mehr akzeptieren, dass man nicht darum herum kommt, etwas liegen zu lassen, etwas zu vergessen. Das endete bei mir darin, dass ich nun dreimal schaue, ob ich das Fenster zugemacht habe und es vor der Tür schon nicht mehr weiss, ob ich das Fenster wirklich zugemacht habe. Weil ich all das, was man nur bei sich hat, schon so schwer überschauen kann. Zwei Feuer, viel zu viele Schlüssel, ein Geldbeutel, Tabak, Papierchen, Bonbons, Taschentücher, Mobiltelefon, Rucksack, Wasser, Computer, Ladegerät, USB Stick, Mütze, Jacke, Schuhe… und das ist mehr oder weniger nur die Grundausstattung. Ich kann Menschen verstehen, die nackt mit Jacke und Schuhen aus der Haustüre treten, sie haben meine volle Sympathie. Ich hoffe nur, dass ich mir das bis zur Demenz erspare…

Es gibt Menschen, die sind an dem Punkt wirklich komplett anders. Sie vergessen einfach alles und wissen das Glück auf ihrer Seite, zu mindestens in vielen Fällen. Zu mindestens erzeugt ihr Handeln diesen Eindruck. Mir bleibt da nur das Staunen, das stille Staunen. So habe ich zu mindestens sehr schnell gelernt, dass ich nur sehr selten zu den Menschen gehöre, die zu einem Zug rennen, noch weniger, hinter ihm her renne, während er schon losgefahren ist. Man findet sein Arrangement mit sich.

Ich habe nichts gegen das Fahren an sich, noch weniger gegen das Ankommen. Ich mag das Rauschen der Gedanken, während Bäume, Felder und Wissen an einem vorbei ziehen. Ich mag es sehr, wenn ich dabei in mir versinken kann, wenn man es schafft, seine Gedanken mitreisen zu lassen, anstatt sie zu Hause zu lassen. Ich hatte aber nie diesen RoadTrip Moment, indem man unbedingt ganz laut die Musik aufdrehen muss, weil gerade dieses eine Lied im Radio läuft. So ein Freiheits Moment Bild. Das klebt auch eher an dem Fortbewegungsmittel Automobil. Ich bin da ein verdammt schlechter Beifahrer, absolut ungeeignet für das Freiheitsempfinden in einem Auto. Ich hatte das nie, das ist ein blinder Fleck in meiner Biografie. Und inzwischen bin ich sowieso absolut ungeeignet dafür, könnte ja etwas passieren, während man da so ausflippt. Und frei fühle ich mich auch so gar nicht in einem Auto. Während man dann Beton Kilometer für Beton Kilometer dahin rasst und beim Überholen für einen kurzen Augenblick in all diese deutschen nach Freiheit schreienden Gesichter schauen kann. Ich würde das jedem Touristen in Deutschland nur empfehlen: Einen Spaziergang in einer Vorstadt und eine Fahrt über eine beliebige deutsche Autobahn. Es gibt wohl kaum weniger Augenblicke, wo man so ungemein tief in das Innerste von Menschen schauen kann. Danach hat man wenigstens auch darin Klarheit, dass wir wohl definitiv eher vom Affen abstammen, als von Gott geformt zu sein.

Und normalerweise schlafe ich nicht im Auto. Ich muss schon sehr fertig dafür sein, und zu lange in fremde, zum großen Teil leblose Gesichter geschaut haben. Oder ich hänge mit meinen Gedanken noch wo anders fest. Dann zähle ich Bäume oder die weis/schwarzen Pfeiler am Rand, systematisch immer im gleichen Abstand stehen, wahrscheinlich auf cm genau. Es ergibt sich auf jeden Fall ein sehr langsamer Beat daraus, der sehr einschläfernd sein kann. Und man hat sich immer wieder verzählt, wenn die kleinen Kilometeranzeigen kommen. Dann bleibt noch Stadt Land Fluss und Kennzeichen Raten in Gedanken zu spielen, angefangen bei den Städten. Gegen das Einschlafen, um sich wach zu halten. Sinnlose Beschäftigung, um die Kilometer zu überbrücken.

Ich war entsetzlich müde und hing bei Q oder V fest, mir wollte keine Stadt einfallen und überlegte, ob ich dich nach langen Schweigen fragen sollte, ob dir dazu etwas einfällt. Ich weiss nicht mehr, ob ich dazu kam. Ich kann mich nur daran erinnern, dass du aus langen Schweigen heraus gefragt hast, ob ich dich damals denn geliebt hätte. Und ich hing immer noch bei Q und hatte große Mühe, mich darauf zu konzentrieren. Schon wieder hatte ich dabei versagt, diesen RoadTrip Moment abzustauben. Mir fiel nämlich so ziemlich genau nichts ein, was ich hätte antworten können, geschweige denn etwas gegen die Flut von Gedanken zu machen, die von links, rechts, oben und unten auf mich einschossen. Ich sagte dann erstmal nichts und schwieg, um für meine dumme Antwort Zeit zu schinden. RoadTrip wäre wohl ein: “hmm, schon ein wenig…” gewesen. Konsequentes Schweigen wäre am Ende auch noch passenderes, als das Gestammel, das ich dann von mir gab. Und wenn uns irgend ein Tourist in dem Augenblick überholt hätte, er hätte wohl in so ein Vorfahren-Gesicht geschaut…

Das Leben ist schon ein wenig, wie es in den Hollywood Filmen gezeigt wird. Man muss nur zwei beliebige Filme übereinander legen, und würde ziemlich nahe dran sein an der “Wirklichkeit”. Die Wahrscheinlichkeit, einen gemeinsamen RoadTrip Moment abzustauben ist aber dann wohl doch eher gering.

Ich weiss auch gar nicht, ob es gut ist oder war, all die Illusionen vom Christkind bis hin zur Liebe zu zersetzen. Illusionen sind schon hilfreich, bei Gesprächen, beim Miteinander Leben und all dem. Es ist schon eher penetrant unerträglich, sich vor Augen zu halten, welch unterschiedlichen Filme bei Menschen ablaufen. Aber wäre Liebe am Ende nicht so etwas, wie die Fähigkeit, all die Gedanken auszuhalten und ertragen zu können, die ein anderer hat oder hatte, in all der Zeit, in der man zusammen ist/war (oder nicht)? Ziemlich unerträglicher Gedanke an sich, aber da wo es weh tut, ist es nie verkehrt. Zu mindestens kommt das der Sache schon näher als was man “damals” unter Liebe meinte verstehen zu können (und man wird an dem Punkt bestimmt nur “schlauer”).

Man sollte nur den Spass nicht daran verlieren, sich von den Gegensätzen amüsieren zu lassen. An sich ist das ganz großes Kino. Und würde ich jemals einen RoadTrip Movie drehen dürfen, dann würde ich diese Szene darin unterbringen, zwei Deutsche, so ganz romantisch und verträumt. Sie: “hast du mich eigentlich damals geliebt?” Er mit der spontanen Antwort, nachdenklich und ohne jeden Zweifel in der Stimme: “Keine Ahnung, aber weisst du ne Stadt mit Q?”.

“Quedlinburg”.
Und man sieht das Auto friedlich in den Sonnenuntergang fahren.

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