Das letzte Mal

Das letzte Mal Tränen in den Augen, als ich im Amsterdamer Concertgebouw bei Patrick Watson mit dem Koninklijk Concertgebouw “Light House” hörte (es war das erste Lied an dem Abend von Patrick mit Orchester). Und auch wenn man sich den Live Mitschnitt holt und auf einer guten Anlage anhört, der Moment in dem es zum ersten Mal kracht, das kommt nicht an. Vielleicht gerade noch im Ohr, aber nicht da, wo es einen Tränen aus den Augen schießen lässt. Das war ein verdammt majestätischer Moment, so ganz und gar, in dem alles von einem weggeschwommen oder alles auf einen eingeflutet ist, mitgerissen und weggespült wurde. (Trotzdem empfehle ich den Mitschnitt sehr!)

Die letzten Male voller Ratlosigkeit mit einem schreienden kleinen Bündel voller Emotionen vor sich. Und man verstand nur, dass all die bisherige Ratlosigkeit lächerlich war. Und man keinen blassen Schimmer hat, was das für  Fragen sein könnte, welche Realität, die so sehr quält. Ratlosigkeit auch darüber, ob es gut oder schlecht ist, dass all die anderen Mitmenschen (normalerweise) nicht schreien und wüten.

Das letzte Mal verzweifelt an einer Lebensrealität: vor einer Woche. Das tolle an Privatparties ist, man bekommt einen, nicht selten aufgehübschten, Einblick in das Leben von irgend jemanden. Wenn Oscar Wildes Versuchungs Zitat in der Küche an der Wand klebt, sollte man sich aber spätestens überlegen, ob man diesen Einblick wirklich aushalten kann. Beim Fachgespräch über den neuen Fernseher und dessen Zolleinheiten (sind das nun 37, oder 32) inklusive tollen Soundsystem, von dem man so gar nicht weiss, ob es nun 5.1, 7.1 oder am Ende nur Stereo ist, steckt man leider schon mittendrin im Lebensrealitäten Abgleich. Irgendwann werden dann wohl die Kinderbücher aus der untersten Etage in den mittleren Bereich des Buchregals wandern und die literarisch wertvollen Bücher weiter nach unten. Und wenn Besuch kommt, läuft man weiterhin mit Stöckelschuhen durch die eigene Wohnung. Der Realitäten Abgleich zwischen Wedding und Friedenau funktioniert in der Praxis nur sehr schwer. Es ist lange her, dass ich auf einer “Privatparty” war. Ich werde das nächste Mal wieder dem Wedding den Vorzug lassen. Das ist näher dran an meiner Realität.

Das letzte Mal alt gefühlt: stetig zunehmender Zustand. Zum Glück nimmt auch die Akzeptanz des Alterns stetig zu. Bartträger zu sein ist zwar gerade kein Ausdruck mehr davon, aber Bartträger bin ich nun auch schon fast 10 Jahre. Eat this, young hipsters. Die Revolution der Bärte bleibt aber Tatsache, auch wenn die hipster keine mehr tragen!

Das letzte Mal ohne Mütze: nach Stunden langen Suchen das langsame sich Abfinden mit der gefühlten Nacktheit. Auf der Strasse dann die Erkenntnis, dass Kopffreiheit und nackt sein in der Öffentlichkeit keine Option sind. So gar nicht. Absoluter Erkenntnisgewinn: man kann nie genug Mützen haben!

Das letzte Mal über Glück nachgedacht: als ich den (sonn)taz Artikel der letzten Ausgabe hinter mir hatte. Eine Frau lässt Ihre Glücklichkeit erforschen. Dabei hat die Frau, die ihre Glücklichkeit erforschen lässt schon den nahen Beigeschmack zu einem Realitätsabgleich, den man sich gar nicht erst antun sollte. Übrig bleibt dabei für mich nur die Frage, ob sie es nur gemacht hat, weil die taz den Auftrag dazu gegeben hat, oder ob sie das wirklich wissen wollte, wie glücklich sie ist. Wollte sie wirklich nur die Bestätigung abholen, dass sie scheisse glücklich zu sein hat, weil alles perfekt ist? Das interessiert mich dann doch schon fast mehr, als die Frage nach dem Glück an sich. Dazu kam zeitgleich der Hinweis auf ein Filmprojekt über Frauen um die 30 (http://www.indiegogo.com/RESTLESS). Der Film könnte seinem Namen ziemlich gut gerecht werden. Hat auch nicht zwingend Glück zum Thema. Spitzt nur so durch. An sich ist das schöne am Glück ja, dass daran scheitern. Das ist das Beste, was einem am Glück oder glücklich sein passieren kann. Und ich wünsche ganz vielen Menschen, an ihrer Vorstellung von Glück zu scheitern. Nicht aus Gehässigkeit, nein, ich glaube, das ist sehr gesund. So für den eigenen Horizont. Und man bekommt mit jedem Scheitern ein Stück mehr Zufriedenheit, oder “happiness”. In dem Sinn ein Film über sehr “gesunde” Frauen. Schön…

Das letzte Mal darüber nachgedacht – warum eigentlich: Irgendwann muss es mir gelungen sein, diese Frage als malträtierenden Hammer, der den Kopf mit jedem Schlag zu Brei verwandelt, loszuwerden. Sie quält mich zu mindestens nicht mehr und das empfinde ich eigentlich als sehr angenehm. Zu oft und jeden Tag aufs neue darf man sich mit dieser Frage auseinander setzen. Es reicht, in die Zeitung zu schauen um an der Frage “warum eigentlich” zu verzweifeln. Es reicht der Blick auf das eigene Leben und das von anderen Menschen. Es reicht, von meiner Wohnungstür bis zu einer U-Bahn zu gehen, es reicht nur ein Minimum von diesem Irrsinn wahrzunehmen, um sich für eine lange Zeit in der dunklen Kammer zurückzuziehen und die warum Frage an sich nagen zu lassen. Solange der Mensch noch müde wird, wird das nicht klappen mit einer perfekt Antwort auf das warum. Die Chance, dass es am nächsten Tag, ausgeschlafen oder nicht, eine neue Antwort gibt, ist nicht so gering. Und nein, man muss nicht jeden Tag eine neue Antwort finden, aber es reicht mir als Antrieb, um aufzustehen. Mich verwundert eher, wie viele Menschen bei einer Antwort oder der Suche nach der perfekten Antwort hängen bleiben. Bleibt noch die bohrende Frage, warum wir Menschen so viel Dummheit in uns tragen, die werde ich nicht los…

Das letzte Mal gescheitert: dauerhafter Zustand an sich. Ich scheitere ja schon massiv an dem Faktor Zeit.

Das letzte Mal einen Blogeintrag verfassen: ist über vier Monate her (siehe letzter Absatz).

Das letzte Mal ruhigen Kopfes ins Bett gegangen: verbinde ich eher mit Erinnerungen an meine Kindheit. Aber vielleicht ist das auch nur verklärte Schönbildmalerei. Man könnte ja ansonsten eher den Eindruck bekommen, ist gar nicht so…

3 thoughts on “Das letzte Mal

  • Martin le_marton P sagt:

    Guten Abend lieber Mister 912 Finger,

    ich beobachte in letzter Zeit immer öfter, wie mein Blick an Kindern hängen bleibt. Wie ich sie bewundere für ihre Ernsthaftigkeit und ihre totale Offenheit. Solange Schauspiel noch fremd ist, solange der eigene Wille noch nicht dem Über-Ich an die Leine gegeben wurde, ja, solange dürfen sie sich noch hingeben und ihren Herzen folgen.
    Darauf kehre ich in meine rational human adult Sicht zurück und sehe all die Regeln und Regale. Dann beschließe ich, auf manche Dinge zu scheißen und höre schon die Straßenbahn kommen.

    Du scheinst versöhnter mit dir und der Welt zu sein. Da wird mein Bauch gleich ganz warm und ich sende dir rutsch durch jede Portfilterung ein sonniges Laserlächeln mitten in dein Home-Verzeichnis.

    Schau :-)

  • sanne sagt:

    Was würde sich an deinem Leben ändern, wenn man dir die “perfekte” Antwort darauf gäbe, warum wir Menschen so viel Dummheit in uns tragen?

  • @le_marton: versöhnter ist ein großes Wort. müde wäre auch so ein Wort, was mir dazu noch einfallen würde. Ich weiss gar nicht, ob ich mich mit der Welt versöhnen will. Klingt nach zu wenig Reibung, oder?

    @sanne: Zum Glück weiss ich, dass es darauf keine perfekte Antwort gibt! ;) Wahrscheinlich nicht einmal die Illusion einer Antwort. Ohne Dummheit, kein Scheitern. Am Ende wäre ein Antwort darauf eine absolute Evolutionsbremse, vielleicht würde sich dann gar nichts mehr ändern? Yes we can be stupid…

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