shutdown -p now

Es mag mich immer wieder verwundern, zu welchen Höchstleistungen der menschliche Körper in der Lage ist. 40° Fieber mit Gliederschmerzen der feinen Art und Weissheitszahn OP gehören aber definitiv zu den aussergewöhnlichen Momenten körperplicher Selbsterfahrung, der ich meine vollste Hochachtung aussprechen muss.

Fieber ist dabei eher der fiese Kollege, der sich schon gemütlich in den eigenen 4 Wänden eingerichtet hat und durch konsequentes Verbreiten von Viren das funktionierende Netzwerk Körper zu gravierenden Fehlfunktionen verleitet. Das fängt bei der Temperatursteuerung an, die Lüfter drehen nicht mehr, alles läuft heiss, die Serverfarm im Kopf produziert hübsche Fehlermeldungen, die es im ganzen Netzwerk systematisch verbreitet. Der Zugriff auf den Speicher wird extrem langsam und das Dateisystem ist sowieso schon hinüber, die 0er und 1er machen teilweise was sie wollen. Aber es ist ja nicht so, dass es keinen Notfallplan gibt. Shutdown -p now. Eine letzte Meldung erscheint im Hirn, nein, nicht “Hello World”, “schlaaaaaaafen”.

6h später reboot, und wenn du weisst, wie sich ein korruptes Dateisystem beim Systemstart anfühlt, dann bist du extrem nah an der feinen Art des Gliederschmerzes. Wenn du es schaffst, dass System soweit hochzufahren und dir sofort ein Schmerzmittel einzufahren, war es kein ganz so fieser Kollege, wenn das System aber sofort wieder abschaltet, try again in 6 hours, und starte dann lieber von einem anderen Laufwerk!

Die Datenschnippsel, die so im Speicher herumschwirren, während man darauf wartet, dass das Antivirenprogramm durchgelaufen ist, die hätte ich allzugerne irgendwo weggespeichert. Es ist schon komisch, wie sich der Körper und das Hirn  in solchen Fällen verhalten. Stöhnen kann durchaus befreiend sein, und die Vorstellung, wie regressiv  das eigentlich ist, ist glücklicherweise nicht existent in solch Augenblicken. Ich frage mich nur, wie der Körper das eigentlich so macht in der Potenz. Also, ein Virenbefall ist ja lächerlich, wie ist dass dann nur bei heftigen Hardwareschaden? Komische Vorstellung das.

Die Zahnschmerzen, die mein System dann irgendwie dauerhaft meldete, waren wohl eine korrupte Datei, die nicht mehr wiederhergestellt werden konnte. Ich entschloss mich letzt endlich dafür, dafür den Fachmann aufzusuchen. In meiner Vorstellung verband ich das stets mit der Metzgerei Abteilung. Mein Zahnarzt war immer leicht verwirrt, wenn ich ihm erklärte, dass mir schon klar sei, dass die Weissheitszähne herausgemetzgert werden müssten, aber er soll jetzt da bitte noch einmal was drauf schmieren, ich habe keinen Nerv gerade für die Metzgerabteilung. Er wiederholte dann mehrmals meinen Begriff mit angedeuteten Gänsefüsschen. Und nein, Metzgerabteilung wird der Zahnchirurgie nicht gerecht. Das ist eher die hochmoderne zivilisatorische Schlachtabteilung im produktiven und professionellen Setting angekommen. Da ist nichts mit Blut, das ist alles ganz nett und lieb gemacht, wenn auch hocheffizient organisiert. Reinkommen, Infobögen ausfüllen, Schufa Auskunfts Berächtigung ausfüllen… jaaaaa… richtig. Einverständniserklärung nennt sich das. Und das Wort machte mich dann doch stutzig, und ich erwarte dann so etwas wie: “Wir werden Ihnen wehtun und Sie werden Schmerzen haben. Jegliche Schäden sind nicht unsere Schuld…”. Aber nein, nach Absatz 2 breiigsten Beamtendeutsch fragte ich, was das eigentlich für eine “Einverständniserklärung” wäre – “Sie müssen das nicht unterschreiben” – “Ach so – aber das geht hier um Schufa und Co., sehe ich das richtig” – “Ja, aber bei Ihnen spielt das ja keine Rolle, das brauchen eigentlich nur Patienten mit hohen Beträgen” – “aah ja, na dann lassen wir das lieber”. Und ich verfluche mich jetzt, dass ich nicht gefragt habe, warum sie es mir dann überhaupt hingelegt hat und ob das dann einfach so jedem Patienten nach dem Patienteninfobogen (2 DINA4 Seiten) nachgereicht wird und überhaupt, was das eigentlich alles soll, ich brauche doch nur eine beschissen Zahn OP. Ich wunderte mich nur still und sah der Dame dabei zu, wie in meiner Akte dick “KEIN XYZ!” angemerkt wurde. Ansonsten wurde man im Schnellverfahren über das bevorstehende informiert. “Also, ihre Weissheitszähne müssen raus” – “deswegen bin ich da” – “gut, dann machen sie einen Termin”.

Wenn ich gewusst hätte, dass die eigentliche Zahnziehaktion nur 15 Minuten dauert, hätte ich darauf bestanden, dass man ihn sofort zieht. So lässt man sich Ibu verschreiben. Ganz gemäß dem Motto, wenn schon Pillen, dann richtig viele von ihnen, muss sich lohnen das ganze. Die OP verläuft dann höchst professionell, ordentlich viele Spritzen für ein ordentlich taubes Gefühl. Dann Tuch überlegen, Lampe voll in die Augen scheinen lassen, darauf bestehen, dass man die Augen geschlossen hält. Und dann metzgern. Und ja, wie, einfach brachial drauf los, also könnte man einen neuen Speedrecord aufstellen. Dabei wird einem gut mütterlich zugeredet: “ich weiss, dass ist komisch und drückt, wir haben es gleich, keine Sorge”. Und man liegt da und denkt sich, krasse Scheiße, voll falscher Film, man spürt kein Schmerz, man ahnt nur das Metzgern, hört es krachen und knirschen und wartet auf den Moment, wo es vorbei ist. Und ist glücklich, dass kein Radio läuft. 5 Minuten später soll man sich erholen und entspannen und dann aufstehen und zur Tür herausspazieren. Die Sonne strahlt, es laufen viel zu viele Menschen einem entgegen und man versucht das Erlebte irgendwo einzuordnen. Der Zahnarzt hat in 15 Minuten mind. 200 € gemacht, die Menschen stapeln sich im Wartezimmer und werden im 15 Minuten Takt durchgeschleust. Das Schmerzprogramm nach 4 Stunden lässt einen ahnen, was da eigentlich abging. Zeit für die dicken Pillen, die müde machen. Shutdown -p now. ASAP!!!

Ich würde ja gerne mal Werbetexter für Oralchirurgen sein: “Kommen Sie zu uns, wir ziehen Ihnen nicht nur ganz entspannt die Zähne, sondern auch gleich noch das Geld aus der Tasche – mit Einverständniserklärung natürlich!”. Oder wie wäre “Brauchen Sie mal wieder wirkliche Schmerzen? Dann sind Sie bei uns richtig! (empfiehlt sich sehr für Liebeskummerpatienten zur Erdung)”

Hach, was freue ich mich auf meine zweite Behandlung! Eine weitere Einheit großartiger körperlicher Selbsterfahrung…

One thought on “shutdown -p now

  • Leander sagt:

    Das -p flag für shutdown kenne ich noch gar nicht :)
    steht das für “Pain” ?
    Ob ein shutdown -h wirklich zu empfehlen ist is fraglich, da braucht man evtl. externe Hilfe zum rebooten.
    Ansonsten vielleicht mal shutdown -s probieren.

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