Momente

Der Bienenschwarm im Kopf, die Stunden, die man im Bett verbringt, auf das erste Flugzeug wartend und hoffend, dass dann die Gewissheit einsetzt, dass der neue Tag beginnt und man endlich in den Schlaf findet. Es fehlt das Radfahren durch leere, weite Landschaften. Der Zug ist da kein wirklicher Ersatz dafür. Das Gefühl, aus eigener Kraft angetrieben die Weite zu erobern, muss warten auf leicht mildere Umstände. Und deshalb ist Fliegen auch keine Option. Gedanken reisen gerne langsam und Fahrrad fahren ist genau schnell genug, um den Gedanken leicht davon zu fahren, immer ein Stück voraus. Im Zug oder Auto verschwimmt das schon zu sehr und die Gedanken fliegen wie die Landschaft durch einen hindurch. Deshalb döst man auch gerne irgendwann ein.

Es ist Winter, man merkt es spätestens an den vielen Junkies, die sich nun an der Pankstr lieber unten im Bahnhof aufhalten, als oben auf der Straße. Man bekommt nun weitaus intensiver zu spüren, dass es nicht nur den einen gibt, der immer dasteht und nach Fahrscheinen fragt. Egal wann man in die U-Bahn steigt, eigentlich läuft er er immer im Aufgang herum. Immer gleich zugeballert, der glasige Blick durch einen hindurch oder einem vorbei. Er trägt keine Kapuze oder versteckt sich unter einer Mütze. Er hat nichts zu verbergen, wie die anderen, denen man selten ins Gesicht schauen kann. Er hat viel aufgegeben, nur noch nicht das Leben, noch steht er jeden Tag da und fragt nach Fahrscheinen. Winter ist keine gute Zeit für Junkies. Die BVG hat auch gleich den Zwischengang unter den Rolltreppen zugenagelt. Seit 3 Jahren stand ich immer wieder in dieser Video unbewachte Stelle, durchaus ein beliebter Aufenthaltsort ungewünschter Personen. Manchmal standen mit Kreide geschriebene Nachrichten auf dem Boden, zum Schluss roch es heftig nach Urin. Sie schlugen sich noch ein Loch in die Wand, dass gleich wieder mit einem dicken Brett zugenagelt wurde. Wer nicht vorher wusste, dass es dort einen Zwischengang gab, wird keinen vermissen. Nun müssen nur noch die Berliner Unterwelten Besucher damit klarkommen, von fertigen Gestalten nach Fahrscheinen gefragt zu werden. Es ist immer wieder ein schöne bizarres Bild, wenn die zwei Seiten Berlins aufeinaderkrachen. Weddinger erzählen, dass sich die Junkies immer mehr nach Wedding verlagern, am Kottbusser Tor ist man sie ja leid geworden, deshalb verschiebt man das Problem ein Stückchen weiter. In den Wedding will ja immer noch keiner, und wenn die, die dort sind, auch nicht mehr wollen, dann wird wohl weiter geschoben, weiter an den Rand, dorthin, wo man sie nicht jeden Tag sehen muss und nach Fahrkarten gefragt wird. Vor dem Penny Supermarkt werden Mitbewohner zur “Schlafmittelbeschaffung” im Penny, Weisswein 1,5L für 1,70€ losgeschickt. Das dumme Hausverbot hindert die alte Frau wohl daran. Ich vermute, dass es die Frau war, die früher immer im Penny saß und jeden Einkäufer mit einem Kommentar versah, oder der Bitte nach einem Joghurt. Das war, bevor im Penny dauerhaft Security Menschen sinnlos herumstanden, die mich immer leicht latent aggressiv machen, sobald ich sie nur sehe.

Das Blog wird spätestens ab dem 1.1.2011 nur noch ab 18 Jahren sein und schämen sollte man sich, wenn man es vor 22h besucht! Das ist vor allem für all die Jugendlichen wichtig, die hier landen, nachdem sie “ich bin unterfickt” oder “meine lust ist schneller vorbei als bei meinem freund” suchen (strike! Google verlinkt dazu wohl ja mal genau den passenden Artikel!). Bei dem Thema unterfickt bin ich ja sozusagen nachweislich Kompetenzanlaufstelle, dass dürfte also mindestens schon langen um dann nach drohender Gesetzeslage (man suche nach JMSTV – ansonsten Wikipedia dazu) unter schwert Jugend gefährdend fallen dürfte. Und ich kann nur schwer glauben, dass gerade die CDU das Gesetz aushebeln wird. Dafür klingt es schon viel zu toll: Jugendmedienschutz-Staatsvertrag. Es wird sehr viel Mist dazu geschreibens. Letzt endlich kann ich es nicht fassen, dass unsere lieben Politiker glauben, mit so einem schwachsinnigen Gesetz irgendetwas zu erreichen, als noch eine angespanntere Atmosphäre. Medienkompetenz entsteht gerade da, wo nicht hingeschaut wird. Ich erinnere mich zu gerne an die Comicodyseen jeden Samstag morgen vor dem verbotenen Fernseher, den wir nicht selbst bedienen sollten. Dazu gehörte auch die Angst bei Ronja Räubertochter, wo man an sich wohl noch zu jung für war (der große Bruder nur nicht). Und Steven Kings “Es” hat man auch verdaut bekommen. Ich erinnere mich noch zu gut, wie meine Mutter eine CD meines kleinen Bruders mit schön widerlichen Porn konfeszierte. Da war wohl alles dabei, was es so braucht, Tiere inklusive. Das wurde dann ein wenig eskaliert und es gab in mehreren Familien Stunk deswegen. Am meisten haben die Jungs aber doch vor dem Monitor gelernt. Wenn die Eltern dann noch erklären würden, dass die Menschen es am Ende für Geld getan haben und warum Menschen auf dieser Welt sich entscheiden, so etwas überhaupt zu tun, von dem freiwilligen Motiv bis zu all den Strukturen auf dieser Welt, die Menschen dazu bewegt, zwingt, sich so etwas anzutun, ja, das wäre eine großartige Leistung. Ich kann aber verstehen, dass Eltern nicht unbedingt adhoc eine Erklärung für all diese komischen Dinge auf dieser Welt haben und so nur die Schelte übrigbleibt. Wie will man das alles auch einem Jugendlichen auf einen Schlag beibringen, was man über Jahre an “Medienkompetenzerfahrung” gesammelt hat? Medienkompetenz entsteht da, wo sich ein Jugendlicher mit Medien auseinander setzt. Und das machen sie wahrscheinlich sowieso fast perfekt von alleine, wenn man sie entsprechend lässt, es braucht am Ende auch gar nicht allzu viel Kontrolle dabei. Lieber sollten die Eltern ausschlafen und die Kinder machen lassen. Und beim Frühstück vielleicht mal nachfragen, was die Maus, die Mangafiguren oder whatever heute früh wieder tolles angestellt haben. Ich setze sehr auf das Gefühl des Kindes, dass es schon weiss, was es sehen will, oder nicht. Und ausgeschlafene Eltern, die dann auch mal Lust auf zusammen Spielen haben. Das Kind kommt nicht drum herum, sich selbst seinen Weg durch die Medien schlagen zu müssen. Es ist zum Glück nicht nur Blümchenwiese, alles andere wäre auch langweilig.

Ansonsten war Max Cooper in Berlin, sehr unspektakulär an einem Donnerstag. Es war nicht gut besucht, aber es war verdammt großartig. Sehr! Und da es von Minimal zu Minimal nicht so weit ist, sei noch auf folgende Doku von Arte hingewiesen: Michael Nyman, a composer in progress (Danke für den Link, er war ein wunderbares Wiederaufleben einer Begeisterung!). Und ich möchte unbedingt den Film haben: Love Train (durchklicken). Und falls mir mal jemand etwas schenken wollen würde: http://www.mnrecords.com/ – bei der Collection wäre ich dabei. Und die Man with a movie camera DVDs wollte ich auch schon immer (hierhier und hier). Ich hoffe, die anderen Vertov Filme gibt es auch irgendwann mal…  Überhaupt ist viel gute Musik ein guter Trost für dunkle Zeiten. Und ja, dunkle Zeiten sind es. Man könnte momentan sehr oft über die Menschen, vor allem die, die sich mächtig fühlen, verzweifeln. Es stinkt überall nach Angstschweiss von ihnen und das versaut die gute kalte Winterluft.

Umso schöner die stillen Momente in der Nacht, während Berlins Häuser unter einer Schneedecke eingegraben liegen. Perfekt, um die Gedanken nachts rasen zu lassen… bis wieder die Flugzeuge donnern…

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