Sehnsucht

“Es wäre so schön, wenn wir uns wieder öfter sehen würden, so wie früher…” – Es ist nicht unbedingt genau dieser Satz gewesen, der mir im Kopf hängen blieb, wichtiger war mir die Reaktion. Es war eine Erklärung, warum diese Sehnsucht schön ist, aber wenig bringt in der Realität. Das Leben hat sich eben geändert, man ist nicht mehr jung und ungebunden, sondern hat Kinder, Arbeit, Verpflichtungen. Man könne doch einfach froh über die Begegnungen sein, zu denen es noch kommt und es wird halt nicht mehr so werden, wie es einmal war…

Diese Worte könnten viele so oder ähnlich gesagt haben. Ich hörte sie zum ersten Mal in dieser Form von meiner Mutter auf einem Familienfest. Und eigentlich blieb mir mehr im Kopf, wie diese Worte auf eine Sehnsucht trafen und sie, wahrscheinlich nicht zum ersten Mal, zum Kampf aufforderte. Es brauchte nicht lang, bis der Kampf vorbei war und man einem bekannten Menschen dabei zusehen konnte, wie in ihm etwas zerbrach. Etwas, das man nur schlecht kitten kann, ein fragiles Gebilde an sich, auch Tränen sind kein guter Kleber.

Es gibt eine unglaublich große Menge von Sehnsucht auf dieser Welt, würde man Sehnsucht irgendwie illuminieren können, es wäre unerträglich hell auf dieser Welt. Oft scheint mir Sehnsucht aber eher dunkel, die sich zB gut hinter einer Sonnenbrille verstecken lässt. Und würde sich am Ende eher leicht “mollig” anhören, wenn man sie erklingen lassen würde, vielleicht mit einer großen Portion Tragik versehen. Manchmal ist Sehnsucht so verworren, dass man gar nicht so wirklich direkt über sie sprechen kann, sondern sich mehr so um sie herum hangelt, sozusagen um sie herumschleicht und wie einem fernen Konzert lauschen würde.

Das Glasperlenspiel (natürlich inkl. Stufengedicht) von Hesse lieferte mir in meiner Jugendhitze zusätzliche Befeuerung, dass voran der richtige Blickwinkel sein sollte. Wenn das Herz gesundet, dann nur, wenn man weiter geht. Und auch wenn man zum Ende wieder am Anfang ankommt, so war es doch bestimmt die Reise wert. Und ich hatte irgendwie grundsätzlich schon akzeptiert, dass es nicht ohne das etwas zu Bruch gehen wird, von statten gehen wird.

Ich hatte mir nie vorstellen können, wie viel auf einer Reise eines Menschen in seinen ersten 30 Jahren kaputt gehen kann und wie schwer es uns allen fällt, den Blick nach vorne zu richten. Es macht einen schweigsam, man hört mehr den Melodien zu, die die Worte drum herum ergeben. Manchmal sind sie tieftraurig und manchmal unglaublich vor Freude tanzend. Man weiss, dass es sich ändern wird, wieder, irgendwann anders sein wird. Man weiss aber auch um die tiefe Sehnsucht, die unter all dem liegt und an sich nur schwer zu hören ist. Es ist schwer, ihr zu begegnen, weil es für sie keine Worte gibt und man inzwischen auch definitiv weiss, dass es nur bescheurte Worthülsen für solche Momente gibt, man muss nur die Hülsen als Tanz um das eigentliche herum betrachten.

Nein, es wird nicht alles gut, es wird alles maximal anders. Und das ist wenigstens gut so. Alles andere wäre unerträglich.

Sehnsucht ist wertvoll, aber es ist verdammt schwer, an ihr zu gesunden.

2 thoughts on “Sehnsucht

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