Word!

Du redest, erzählst von den Neuigkeiten, was passiert ist und was passieren wird. Ich schaue dich dabei lange an, ohne etwas zu sagen, eigentlich mehr durch dich hindurch, als ob es hinter dir etwas zu sehen gibt, weit in der Ferne, hinter der Mauer. So lange, dass man denken könnte, ich wäre nicht wirklich bei der Sache und gedanklich irgendwo anders. Nach kurzer Zeit bist du irritiert, fängst an zu lachen und schaust mich dabei leicht verunsichert an. Der kurze Augenblick voll Unsicherheit währt nur Sekunden, bis du mir eine Frage stellst. Irgend eine, sie ist wahllos und willkürlich. Sie dient einzig der Rückversicherung.

Ich dachte noch lange über das Lachen nach, das so leicht unnatürlich und aufgesetzt klang. Es war nicht deine Art, Dinge mit einem Lachen zu untermalen. Es war kein Lachen, dass darauf aus war, mich zum mitlachen zu animieren. Es war eher ein Lachen in die Stille hinein, mit dem ganz leichten Geschmack von Hysterie und Panik. Zu mindestens stellte ich mir dieses Lachen in seiner Intensität gesteigert genau so vor.

Es gab nichts ausser deinen Worten und meine Anwesenheit, die dir Angst oder Panik hätte machen müssen. Ich weiss nicht, ob es die Unsicherheit der Worte wahren oder meine eventuelle Abwesenheit oder Ignoranz der Worte, die dich dazu veranlassten. Worte, die am Ende noch zu schwach waren um zu existieren, ohne dass sie gehört werden.

Ich saß in meinem Sessel und versuchte meinen Blick auf dich und diese Frage zu lenken. Ich versuchte dir eine Antwort zu geben, irgend eine, sie war so willkürlich, wie die Frage. In meinem Kopf fing sich während dessen alles an zu drehen, all die Zahnrädchen und Feinmechanik. Bilder wurden noch einmal zurück geholt, Gedanken blitzen dazu auf und ich verstand innerhalb kürzester Zeit sehr viele Dinge gar nicht. Ich verstand nicht die Angst, ich verstand nicht die Worte, weil sie mich nicht erreichten, trotzdem gab ich Antworten auf die Worte, wir betrieben Kommunikation, während ich durch dich hindurch schaute. Ich verstand nicht, warum Menschen das so machen, kommunizieren, Worte in den Raum stellen.

Und ich verstand nicht einmal, was mich auf die wahnsinnige Idee gebracht hatte, durch dich hindurch zu schauen. Ja, eigentlich war das ja das Problem, des Übels Anfang. Vielleicht auch die Langweile. Ich komme schnell auf dumme Ideen, bevor mir langweilig werden könnte. Das ist sozusagen ein Automatismus im Kopf, klick, Kopfkino. Warum Kopfkino in dem Fall aus der dummen Idee bestand, durch dich hindurch zu schauen, das ist auf jeden Fall eine gute Frage. Aber da ich deren Antwort sowieso nicht einmal erahne, kann ich mich erstmal um all die anderen Unklarheiten kümmern.

zB um diese Unklarheit zwischen Worten, die einer ausspricht damit sie ein anderer hört, ja am Ende in sich aufnimmt, verarbeitet und darauf reagiert. Da hat sich an sich nicht so viel geändert, seitdem wir auf der Welt sind. Ich sage Wu und zeige auf die Wurst und bekomme eine feine Scheibe Wurst. Funktioniert gnadenlos gut mit 1-3 Jahren. Später reicht dann eigentlich “Wurst” und man bekommt ohne darauf zu zeigen das selbe Ergebnis. Funktioniert auch bestimmt noch mit 30 Jahren, nur wird man leicht abnormal behandelt, wenn man sich hinstellt und einfach “Wu” sagt. Dann hagelt es Gegenfragen und kein Metzger dieser Welt würde einfach auf die Idee kommen, dass man eine Wurstscheibe haben will. Also müsste man am Ende doch wieder den Finger bemühen. Und wenn man sich hinstellt, “Wu” sagt und dann einfach durch ihn hindurch erwartungsvoll ins Land der Wu blickt… dann passieren am Ende sehr komische Dinge, Lachen, Wut, Verachtung…

Es passiert des öfteren, dass ich mich an einem Redeschwall eines anderen ergötzen darf, eher seltener verfalle ich selbst in einen. Und wenn ich mir dann selbst zuhöre, welche Worte ich wähle, welche Sätze ich stricke, dann merke ich sehr oft, dass ich es genauso mache wie die vielen anderen. Ich reihe Buchstaben an Worte und diese zu Sätzen. Und wenn ich nach viel zu vielen Sätzen kurz innehalte und versuche, durch mich selbst hindurchzuschauen, frage ich mich sehr oft, warum ich das erzählt habe, warum genau das, warum diese sinnlose Einzelheit, die für nichts steht, keine Erkenntnis, keine große Frage, nicht einmal am Ende etwas über einen selbst aussagen könnte, mit Aussagekraft, nein, der Erkenntnisgewinn dabei so ungemein gering ist. Ich mag mich dann meist nicht mehr wirklich reden hören, würde frohlocken über jemanden, der durch mich hindurch schaut und mich lachen lässt. Hysterisch, weil es passen würde. Anstatt dem leeren Blick begegne ich nickenden Gesichtern.

Es ist selten geworden und lange her, dass ich für Worte und deren empfundenes Verständnis brannte. Ein Hesse Gedicht den Nagel mit einem Hammerschlag versenkt. In einem Gespräch mit einem guten Freund unglaubliche empfundene Horizonterweiterung stattfindet. Worte sind komplexer geworden, nicht an Bedeutungsgewalt, sondern an Konnotationen. Worte werden manchmal einfach so sinnlos ausgeleert und manchmal mit unglaublicher Gewalt an Hintergedanken an den Mann gebracht. Man hat gelernt, die Wortspiele mitzuspielen, hat irgendwann genügend Kälte ergattert um sich von Worten nicht mehr schocken zu lassen und auf deren Konnotationen zu achten, wurde immer besser im zwischen den Zeilen lesen, auf all die verschiedenen Arten, wie man dies tun kann.

Man hat die Erwartung abgelegt, dass Worte irgendetwas erklären, in keiner Weise sind sie gute Abbildungen von Gedanken, die einem im Kopf geistern. Und das Worte mir etwas erklären, von der Annahme bin ich weit entfernt. Worte sind flüchtig, bieg- und wandelbar. Man kann sie nutzen, aus- und benutzen. Man muss keine Angst mehr vor ihnen haben, wenn man einmal durch den Wahnsinn gegangen ist und in ihm alle Wörter so unglaublich verkehrt wurden.

Vielleicht fangen viele deshalb nun an, Kinder dabei zu begleiten, Worte zu erlernen. Die Wurstsache. Bis man zu den Fragen kommt, die man nicht erklären kann. Dafür wird man sich eine Ausrede einfallen lassen müssen. So etwas wie, dass kann man so genau nicht beschreiben, oder, da gibt es viele Antworten darauf. Aber es wird der Zeitpunkt, wo man in Worten jemanden erklärt, dass man es nicht in Worten erklären kann. Und vielleicht ist das der Zeitpunkt, wo man dann gewöhnlich ruhiger wird, was die Worte betrifft. So ein Wort wie Liebe, darf dann einfach die komische nicht definierbare Hülse für irgendetwas sein, muss nicht mehr in einem brennen als Wort, das man mit Gefühlen befüllen muss. Es ist übervoll, sogar an Konnotationen. Es kann passieren, dass einem langweilig wird, wenn darüber gesprochen wird, und man anfängt abwesend durch den anderen hindurchzuschauen um irgendwo anders etwas zu finden, etwas ausserhalb der Worte, und wenn es ein hysterischer Lacher ist.

Stille und stilles Handeln ist etwas extrem wundervolles. Die beste Grundlage für Kommunikation einer anderen Art.
Es braucht “nur” die Abwesenheit von Angst. Und Worte sind bestimmt der dümmste Grund, Angst zu haben…

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