Kräusellocken, Schokoriegel und ein weißer Handschuh

Es ist früh, viel zu früh. Die Zeit, wo anständige Menschen noch im Bett liegen. Der Kunde wartet in der Ferne, so hetzt man zum Bus, zahlt 2,10 € für die Fahrt zum Bahnhof. Dort angekommen noch das obligatorische warme Croissant oder die warme Laugenbrezel, nicht die vom Pappstand für wenig Geld, sondern die für 1 €. Die kann was, würde manch einer sagen. Schmeckt einfach besser. Fehlt nur noch das Getränk. Und man wundert sich zwar immer wieder, was so ein Liter Wasser an einem Bahnhof doch kosten kann, aber ich habe es mir abgewöhnt, darüber nachzudenken. Ich wollte ja schließlich etwas zu trinken und das Abfüllen zu Hause fiel flach wegen der Hetze. Also 2,40 € für den Liter Wasser, das schmeckt dann auch schon fast wie Goldwasser.

Zum Zug der 20 € kostet, einsteigen, pünktlich, welch Überraschung. Leere Abteile, zu früh für das Studenten Publikum, nur hier und da eine Person, von der man ahnt, dass sie arbeiten gehen wird, nicht hier in Berlin, sondern in einer fernen Stadt. Fensterplatz und die Jacke ausziehen, der Zug rollt an.

Und hält kurz darauf in Berlin Zoologischer Garten. Ich schaue aus dem Fenster, den wenigen Menschen beim Ein- und Aussteigen zu. Dann ist der Bahnsteig leer. Übrig bleibt nur der alte Mann auf der modernen hölzernen Bank. Grüne Armee Jacke, ein Mütze auf dem Kopf, wie ich sie selbst gerne trage, darunter braungraue Locken, die sich leicht unter dem Mützenrand herauswagen. Vollbart, doch kein Rauschebart, ein ordentlicher Vollbart.

Er sitzt da, als ob ihn niemand sehen könnte, obwohl ihn aus dem Zug heraus durchaus einige Augenpaare anvisieren könnten. Doch es könnte auch sein, dass niemand an ihm hängen bleibt, ausser meine Wenigkeit. Denn er zieht nicht den Blick auf sich, er verschwimmt vielmehr in dem ganzen Setting Bahnhof, ist wie ein Schatten oder am Ende gar nicht vorhanden. Dann stand er langsam auf und ging zum Abfalleimer neben der Bank, aber mit so unendlich kleinen humpelnden, fast hüpfenden Schritten, nein, vielmehr sah es schon fast aus wie ein Tanz, einer der sehr weh tun musste, aber mit aller Würde aufgeführt wurde. Dann blieb er eine Zeit lang über dem Abfall gebeugt und fummelte an etwas herum. Es mochte nicht zu seinem Anblick passen, dass er in den Abfalleimern nach Pfandflaschen schaute. Doch irgendwann drehte er sich langsam in die Richtung des Zuges und man konnte zuerst den weißen Handschuh sehen, den er an der linken Hand trug. Er tanzte langsam zurück zur Bank und setzte sich wieder.

Und dann führte er den weißen Handschuh zum Mund und biss herzhaft von etwas ab. Zurück blieb ein angebissener Schokoriegel in der Hand. Und ein genussvoll kauendes Gesicht. Mit schönen Vollbart, Kräusellocken und lachenden Augen unter der Mütze.

Es war ein tolles Bild, voller Zufriedenheit.

Ein zufriedener Mensch an einem Ort, wo er nicht sein darf, der später einmal mehr aus dem Gebäude mit dem Hinweis auf Hausverbot vertrieben wird. Der so fast überhaupt nicht anwesend schien, weil ihn niemand sehen musste. Alle anderen in meinem Abteil starrten auf ihre teuren Displays, aßen ihre teuer ergatterten Speisen und Getränke und blickten meist nicht zufrieden drein.

Es wäre ein Mensch, den ich heute und früher gerne die Tür geöffnet hätte. In einem Pfarrhaus ist das so eine Sache mit der Tür und den Menschen davor. Die langjährigen festen Gemeindemitglieder, ja die stehen gerne gleich nachdem man die Tür geöffnet hat im Haus und warten dann auf die Abfertigung. Im Idealfall schließen sie noch vor der ersten Kontaktaufnahme die Tür hinter sich. Auch eine Art für Tatsachen zu sorgen. Lieber waren mir da doch die Menschen, die meist immer vor der Türschwelle stehen blieben. Klingelten, sich umdrehten, und sich vor den Absatz stellten, ca einen halben Meter von der Tür entfernt. Man musste dann meist die Tür selbst öffnen, auf den Summer reagierten sie nicht. Dann stand man automatisch über ihnen und fragte, um was es denn gehe.

Man hörte dann die wildesten Geschichten, bis man sie fragte, ob sie wegen den Einkaufsgutschein gekommen sind oder wie man ihnen helfen könnte. Viele wollten Geld und gingen wieder, wenn man sagte, dass man das nicht bieten kann. Manche nahmen das Angebot an, sich etwas zu Essen zu machen, manche nahmen noch zwei Dosen Ravioli mit. Wenige machten auch Gartenarbeit, um sich Geld zu verdienen.

Aber es gab auch ganz ruhige, die keine Geschichten erzählte, die nur sauber gepflegt und mit einem ganz eigenen Stil vor einem standen und gerne jedes Angebot der Hilfe still annahmen. Man stand dann still neben ihnen, während man ihnen Wurstbrote schmierte. Ich war dumm, ich fragte sie nie nach ihrer Geschichte, aber ich glaube, sie wäre meist eine wirklich erlebte Geschichte gewesen.

Es waren damals schon Menschen, die man nur vor unserer Tür traf, sonst nie. Man wusste nicht, wo sie schliefen, wohin sie gehen, woher sie kamen. Nur selten kam einer mehrmals. Man sah sie nicht in der Stadt, sie waren nicht existent. Anders als in Berlin, wo man immer wieder konfrontiert wird, wo das Verlassen der Wohnung dem Öffnen der Tür damals ähnlich ist. Aber auch in Berlin sind sie fast nicht existent, auch wenn sie vor einem auf der Holzbank sitzen und demonstrativ einen Schokoriegel genießen. Sie sehen uns nicht, weil eine teure Scheibe zwischen uns ist. Und wir sehen sie nicht, weil wir mit all den teuren Scheiben und Fenstern in unserer Realität beschäftigt sind.

An diesem Tag trennten einige Euros mich hinter der Scheibe von dem Menschen auf der Holzbank. Das Zugticket, das Wasser, die Laugenbrezel, das Busticket. Aber nicht nur das, es braucht schon den Anschluss an die eigene Realität per Mobilfunk, Laptop und Bahninfomonitor. Es braucht eigentlich beschissen viele Euros, um Teil der Realität zu sein, in der man lebt. Coffee-to-go mit vier Spritzern verschiedener Geschmacksbeigaben. Schokoriegel? Das ist doch schon fast zu langweilig um ein Geschmacksfeuerwerk im Mund zu entfachen.

Ich war mir sicher, dass wenn mir ein kleines Kind gegenüber gesessen wäre, hätte es von seiner Begleitung Aufmerksamkeit für diesen Mann eingefordert, hätte vielleicht gefragt, warum er denn so komisch geht. Die Begleitung hätte dann wahrscheinlich versucht, die Sache mit Armut und den Bettlern auf der Strasse zu erklären. Irgendwann wäre der Zug losgefahren und das Kind hätte eine Brezel bekommen, um sich von den Bildern abzulenken. Genauso, wie man immer noch beobachten kann, wie Kinder schnell weitergezogen werden, wenn sie sich für etwas interessieren, dass in ihrer Realität noch stattfindet und existiert und dem sie sich so wundervoll natürlich nähern könnten und nicht so verbaute Sichtweisen haben wie wir, der Mitleidsmodus nicht kurz anspringt, sie nicht kurz nach dem Kleingeld kramen um es wieder vergessen zu können.

Der Mann mit Vollbart, Kräusellocken, grüner Jacke und Mütze kaute gerade genussvoll den letzten Bissen seines Schokoriegels, stand dann auf und suchte seine Tüten zusammen, während sich die Türen schlossen. Der Zug nahm langsam an Fahrt auf, während der alte Mann ebenso langsam in die andere Richtung davontanzte. Zurück blieb der Eindruck eines spontan zufriedenen und glücklichen Menschen, das Bild eines wunderschönen Genussmoments, der so paradoxe Bilder in sich vereinte.

Ich blieb sitzen ohne danke oder hallo zu sagen, fuhr weiter und habe mir die Möglichkeit, eine Geschichte bei einem Essen erzählen zu lassen, somit genommen. Ich nahm mir aber vor, dass nachzuholen, zur Not mit einem anderen stillen Schatten in dieser Welt, der meinen Weg sicherlich kreuzen wird… es reicht, wenn ich ihn sehen will…

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