Buchstaben Liebe

Manche Dinge brennen sich ja in den Kopf ein. Vor allem, wenn der Input an der richtigen Stelle stattfand. Und man gab mir als Jugendlicher auf einem Segeltörn auf dem Ijsselmeer in einer schrulligen Kneipe mit einem kaputten, weissen Klavier darin eine sonderbaren Spruch mit auf den Weg. Ich bekam ihn allerdings erst, nachdem mich versammelte Reisemannschaft, hauptsächliche Erwachsene, dazu gebracht haben, auf dem kaputten Klavier ein Liedchen zu spielen. Und das brauchte durchaus ein wenig, weil ich sehr genau weiss, das mit dem Liedchen ist so eine Sache. Ich konnte damals Ballade pour Adeline von Richard Clayderman, weil es meiner Oma so sehr gefiel und es nicht schwer war. Aber Unterhaltungsmusik, selbst Ballade pour Adeline kam mir für Kneipenmusik verdammt fehl am Platz vor.

Zu Kneipenmusik hat man ja ein Bild im Kopf, und dazu gehörte es sich, dass man sich ans Klavier setzte und den Blues oder Jazz ertönen ließ. Aber ich am Klavier in dieser Kneipe ergab ein solch falsches Bild für mich, dass ich mich tunlichst dafür drückte, wie meist, wenn es darum geht, ein Liedchen zu spielen. Ist nicht so mein Fall, vor allem nicht, wenn ich weiss, dass wenn ich ein Stück gespielt habe, man mich danach fragt, ob ich noch etwas kann, was man so kennt. Und ich nur ganz ehrlich sagen könnte, nein, kann ich nicht, also nicht, wenn du Albumblatt für Elise oder Rondo ala Turca meinst, damit könnte ich noch dienen. Und Ragtime gut spielen ist auch eine Sache. Das ist alles nicht so einfach mit dem Liedchen, also ich fand das immer ziemlich kompliziert, und mein “nein, kann ich nicht” wirkte immer hochtrabend, obwohl es so nicht gemeint war. Ich würde gerne Liedchen spielen können, allein für solche Situationen. Es braucht dann keine Ausrede mehr, sondern man haut ein, zwei feine Ragtime in die Tasten, alle sind glücklich und man ist wieder frei.

An dem Abend war ich erst wieder frei, nachdem ich zwei Improvisationen am Klavier hinter mich gebracht hatte, inklusive der Frage dazwischen, ob ich noch was kann, was man kennt. Und weil ich mich ja so toll überwunden hatte, bekam ich zur Feier des Tages eines meiner ersten Biere, sogar in Gegenwart meines Vaters. Dafür hatte sich die Aktion also durchaus schon gelohnt. Aber besser war eben noch der Spruch: “Mit deinem Klavierspiel wirst du noch viele Frauenherzen erobern” (oder leicht ähnlich). Und ich hatte mich in all meinen jugendlichen Wahn gerade an einem Bier ergötzt. Das mit den Frauen tangierte mich erstmal sehr wenig, ausserdem war es definitiv ausserhalb meiner Vorstellungskraft, dass man Frauen oder vor allem Mädchen mit Klaviermusik mit Improvisationen nicht so sehr beeindruckt. Lieder, Pop, das rockte. Am Ende sogar noch besser Keyboard. Aber Klassik und so… neee, der Mann hatte das anscheinend auch noch nicht so ganz durchblickt. Und so blieb mir diese Aussage als schräge Aussage im Kopf hängen.

Ein paar Jahre später kann ich nur sagen, so unrecht hatte ich nicht mit meiner Vermutung. Und ich hätte mir die Bemerkung gar nicht merken sollen, schliesslich kam sie von einem, der fragte, ob ich noch etwas spielen könnte, was man so kennt. Vielleicht klappt das ja am Ende auch mit so Liedern, die man so kennt. Aber vielleicht auch nicht einmal damit.

Nicht das es das erste Mal gewesen wäre, dass ich einer Frau Musik gegeben habe. Nein, das habe ich schon oft und gerne gemacht. Ich war froh, wenn es ihnen vielleicht irgendwie gefiel, ich vermutete eher immer das volle Gegenteil. Es gibt ja so CDs im Regal, die will man lieber nicht von anderen entdeckt wissen: “Wasn das? – Ne lass mal – Mach ma rein  - Du hörst aber abgefahrenen Deprishit – Das von so nem Freund”. Ich wollte ja schon mich nicht schämen müssen für meine Musik, noch weniger wollte ich, dass sich jemand anders für meine Musik schämen müsste. Also verließ ich mich immer brav darauf, Aufnahmen nur Menschen zu geben, von denen ich wusste, dass sie mich so gut kannten, dass sie wussten, dass das Medium mir wichtig war, und am Ende einiges drin steckt von dem, den man kannte (und sie die CDs im Idealfall nicht in ihre normale Sammlung integrierten). An dem Punkt gab ich es dann auch gerne weiter, hatte dann doch immerhin gewissen symbolischen Wert, so eine eigene Aufnahme.

Es gab nur einen Augenblick, in dem ich mir gewünscht habe, dass meine Musik ausreicht, um jemanden zu einem “hallo”, einem “ja” oder “nein” oder  irgend einen Wort zu verlocken. Einmal, wo ich mich an den Spruch aus der Holland Kneipe erinnerte und dachte, es wäre schön, wenn es nun so wäre. Ich es mir für einen kurzen Augenblick wünschte, dass der, der es sagte, wirklich meiner Musik zugehört hatte und deswegen diesen Spruch losgelassen hatte.

Was würde ich denjenigen sagen, der mir erzählt, dass er sich in meine Musik verliebt hat? Ich würde sagen, großartig, freu dich über deine Gabe, den passenden Input erfolgreich herauszusuchen, um dir eine gewünschte Konstruktion von Gedanken, Vorstellungen, ja sogar Gefühlen(!) zu ermöglichen. Und würde es weit von mir weg halten, dass solch Liebe am Ende mit mir persönlich zu tun haben sollte. Weil ich weiss ja teilweise selbst so gar nicht, was ich fühle, ausdrücke, an Gedanken, Emotionen und sonstigen Input in meine Musik hineinstecke, welche Gedanken gerade durch den Kopf geflitzt sind, und welche nicht. Ich weiss nicht einmal, wie es sich angehört habe, weil man ein schlechter Zuhörer ist, wenn man gerade selbst spielt. Man weiss eigentlich so ziemlich wenig über das was dabei raus kommt. Mindestens genauso wenig wie über sich selbst. Das bleibt schön kongruent. Was also dann eine weitere Person damit anfängt, sei erstmal fein ihr selbst überlassen.

Text, Worte, Buchstaben.

Ich weiss nicht, wie es für jemanden ist, der am Ende schreibt, wie ich Klavier spiele. Musik ist nicht für die Ewigkeit geschaffen an sich, die Haltbarkeit ist so erstmal extrem gering, ein Ton so lang wie ein Ton, eine Melodie so lang, wie die Melodie. Buchstaben, so lange nicht einfach gesprochen, stehen da, können noch einmal gelesen werden, schon während des Schreibens, was das Schreiben ja schon wieder Ändern könnte. Aber ich vermute, der Schreibfluss ist nicht so sehr anders zum Spielfluss. Und wenn man es “aufnimmt”, konserviert, kann man danach erstaunt feststellen, was man da wieder geschaffen hat.

Und weil ich ein ähnliches Statement von einer Autorin über Text & Liebe vermutete, unterliess ich es je, es anzubringen. Bestimmt kann man Texte mögen, ja sogar lieben. Sich in Buchstaben und Worten wiederfinden, in ihnen schwimmen und sich treiben lassen, frohlocken über die anscheinende passende Wahrnehmung des Anderen, sich gehen zu lassen bis zu dem Punkt, an dem man denkt, diese Worte können nur für einen geschrieben worden sein. Bestimmung und so… Text in der gleichen Sprache hat gegenüber Musik die Eigenschaft erstmal eindeutig zu scheinen. Worte sind in ihrer Bedeutung festgelegt, man hat diese erlernt, weiss sogar um so manches nettes Sprachspielchen. Wenn es nur so eindeutig wäre, hätte wohl keine einzige Interpretationshilfe verfasst werden müssen. Trotzdem kann man vor Liebe schön blind für andere Interpretationen ausser der eigenen sein.

Das letzte Mal “verliebt sein” sein, hatte ich in diesem Sinn mit Texten, nicht irgendwelchen, Worten einer Frau, unschuldig und fleissig ins Internet gestellt. Offen für die Konstruktionen vieler. Und ich genoss das sehr teilzuhaben an Gedanken, Lebensströmen, Emotionen. Gab mich den Worten hin und verlor mich sehr in ihnen. Sie weckten in mir eine unglaubliche Bandbreite an Gefühlen, ein schönes Feuerwerk, dem ich mich frei hingeben konnte, schließlich waren es nur Worte, willig und bereit sich einen anzuschmeicheln (ohja, Musik kann das bestimmt auch sehr gut). Jeder Satz ließ es in mir sprudeln. Stunden vor einem leeren Kommentarfenster, weil man es in keiner Weise gefasst bekommt, was man eigentlich sagen wollen würde, ohne dumme sinnlose Worte hinzuzufügen, wo sie doch überflüssig erscheinen, weil das Kunstwerk schon fertig ist und wundervoll so ist. Man würde gerne aber einmal mehr sagen als “danke”, “wunderschön” oder sonst einen knappen Ausdruck von Dankbarkeit oder Respekt.

Verliebte Menschen kommen bekanntlich auf die bescheuertesten Ideen. Und meine war, wenn man es schon in Worten nicht hinbekommt, dann vielleicht ja wenigstens in Form von Musik. Also spielte ich so lange, bis ich etwas hatte, das ich nicht ganz unpassend fand. Ein einfaches Stück, leise und ruhig, kurz und nicht ausufernd, sich auf einen Ausdruck versuchend zu begrenzend. Und ich bezog es auf einen Text. Weil einfach so Musik, das würde ja irgendwie in der Luft hängen. Es war aber ein Text aus einer Reihe und ich war noch nicht müde genug und so war irgendwann Musik zu einer Reihe von Texten auf meiner Festplatte. Ich gab mir Mühe, jeder Text wurde in mehreren Versionen bespielt und ich versucht das herauszunehmen, dass irgendwie am besten zu dem Gefühl passte, das der Text in mir hinterlassen hatte.

Ich hörte die Lieder wieder und wieder an. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich mit meiner aufgenommenen Musik so intensiv beschäftigte. Ich suchte selbst, was man in meiner Musik finden könnte. Stellte mir vor, wie das wohl wäre, Musik zu seinen eigen Texten zu bekommen und verwarf die Idee immer wieder, diese CD je auf Reisen zu schicken. War es überhaupt schon Frevel, Text in eigener Musik umsetzen zu wollen? War es nicht Wahnsinn, zu glauben, dass diese Musik zu dem Text passt? Warum überhaupt machst du das eigentlich?

Es war irgendwann eine Idee gewesen, Danke zu sagen, für all die Liebe (in Worten gepackt) und zu zeigen, dass es etwas mit einem macht. Das sollte schön sein, weil es an sich ja unglaublich schön und aufregend war. Und irgendwie war es dann doch ganz schön viel Arbeit geworden. Konservierte Musik. Eine Tonart verewigt für die Zukunft.

Ich war nie derjenige, der viel Aufwand für nichts macht. Ich schickte also die CD auf Reisen und erfuhr irgendwann auf Nachfrage, dass sie so ungefähr gerade angekommen war aber noch nicht “gehört”. Danach blieb das Kommentarfeld weiß, der Senden Button wurde nie benötigt.

Und so gut ich damit leben kann, irgendeine Musik irgendwo hinzustellen und keinen Kommentar darauf zu bekommen, machte es mich diesmal leicht wahnsinnig. Und ich hasste den Holland Mensch dafür, was er gesagt hatte und ich hasste auch all diejenigen, die gerne das hörten, was man kennt. Weil auf ein Liedchen bekommt man dann doch eine Antwort, so etwas wie: “toll, das habe ich schon ewig nicht mehr gehört” oder  ”das hast du aber gut gespielt”. Auch ein eigenes Liedchen mit Text und Gesang, das würde man kommentieren, weil es eine verständliche Aussage enthält. Musik ohne Gesang enthält erstmal keine direkte Aussage für Menschen, die sich danach orientieren, während ich immer wieder positiv überrascht bin, wenn der Text zu meinem Musikgefühlerlebnis passt und der Text dann doch meist sehr egal ist.

Ich weiss nicht, ob der Text fehlte, ob es Ekel an dem Frevel war, sich an eigenen Texten zu vergehen, oder es lediglich eine CD ist, die man besser nie im normalen Regal hat, wegen den Freunden und so… oder es zu viele Möglichkeiten gab, meine Musik zu hören, oder Sachen darin, die letzt endlich das Kommentarfeld leer ließen.

Ich hatte dann erstmal ein Problem mit einer Tonart, die sich mir ab dann konsequent verweigerte. Und Texte von ihr hatten einen neuen Blickwinkel, manches wirkte anders, man wurde härter im Urteil, sah Wiederholungen und Fehler, die man früher mit Wonne genoss.

Und mit jeder dieser Feststellungen musste ich mehr und mehr über mich grinsen. Und über die Liebe. Und ich wunderte mich durchaus immer mehr, was in mich gefahren ist, dass ich mich in Texten und Worten so verlieren konnte, so sehr, wie sich manch einer zu einen anderen Menschen hingezogen fühlt und es am Ende auch Liebe nennt (nein, ich führe jetzt keine fiesen Negativbeispiele auf). Ich habe es ja bekanntlich nicht so mit all der Liebesdadelei und das war mir ein definitiv ein tolles Lehrstück. Nicht dafür, wie wahnsinnig ich bin, nein, die neue Erkenntnis war eher, dass man das mit der Liebe am Ende nicht so sehr eng sehen muss. Und ich noch weniger verstehe, warum es gerade in einer Beziehung so oft um das Thema geht. Liebe ist so wackelig und flüchtig wie die Konstruktion dahinter. Und wenn man Menschen Liebe zugesteht, sollte man bei Text, Bild, Musik, Film sowieso keine Ausnahme machen. Dann ist Liebe endlich mal wieder etwas bereicherndes und positiv besetztes. Kein so schlechter Deal. An sich könnten wir dann fast mehr von solcher Liebe brauchen, es könnte gar nicht genug geben…

Wäre es ein weiser Mann gewesen in Holland, hätte er gesagt, deine Musik könnte anderen vielleicht helfen, zu träumen und ihren Kopf zum Riesen zu benutzen. Manch Frau wird es vielleicht auch gefallen, sich darin fallen zu lassen und zu vergessen. Aber lerne lieber noch ein paar Liedchen, wenn du mal beeindrucken willst.

Ich legte mir das Prinzip auf, keiner Frau mehr ungefragt Musik von mir zu geben – viel zu viel Kitsch!  Und anstatt eines Entschudligungsbriefs wanderte die CD irgendwann bereinigt ins Netz. Allein um den Faktor Frust etwas entgegen zu setzen, um der Musik etwas von ihrem Glanz und ihrer Last zu nehmen, die vielleicht denjenigen, für den sie gespielt war, zu sehr erdrückt hat, wer weiss das schon (Den Entschuldigungsbrief verwarf ich, weil ich nicht in der Lage war, sinnvolle Worte zu finden). Es gibt nur zwei Menschen, die dazu nun noch eine andere Konstruktion haben könnten, als jeder andere Mensch. Diesen Zusammenhang will ich ihm auch nicht nehmen. Und selbst diese vier Ohren werden Unterschiedliches hören.

Ich blieb bei der Yann Tiersen Methode, und veränderte den Kontext von Musik. Auch wenn ich mir bei dem Herrn Komponist durchaus fragte, ob er es nicht einfach nur aus profitablen Gründen so macht. Aber grundsätzlich finde ich schon durchaus, ist die Musik frei für die Konstruktionen derer, die sie hören (auch wenn man bei “Candle in the wind” immer an Lady Di denken wird – ist aber Text!).

Ich forderte dazu auf, doch das Kommentarfeld zu benutzen, um davon zu erzählen, was man selbst für Geschichte(n) im Kopf hatte, als man es hörte. Es blieb leer bis auf eine Ausnahme. obwohl mich sehr interessiert hätte, was die anderen mit der Musik anfangen. Ich bekam ein Video zu einem der Lieder, die Musik war unterlegt mit Szenen und Schnippseln aus “City of Angels”. Die Bilder schwimmen zu der Musik dahin. Es freute mich sehr, meine Musik zu schauen. Ich hätte es gerne kommentiert, etwas dazu gesagt. Es war aber … ein leeres Kommentarfeld.

2 thoughts on “Buchstaben Liebe

  • ursel sagt:

    Was vermisse ich ich heute noch am meisten in unserem Haus am neumühlweg? die Musik die aus deinem Zimmer kam. Konnte mich mit ihr wunderbar identifizieren. Sie bereicherte mich. Jetzt ist sie fort.
    Ich kann sie mir aber nicht per CD anhören macht mich schrecklich traurig. Sie liegt in mir. Konserviert. Vielleicht deshalb so wenig Kommentare.
    In Liebe mama

  • Alfred sagt:

    Vielleicht sind manche auch einfach verärgert darüber, sich in einem 2-3(4,5?)-deutigem öffentlichen Beitrag wieder zu finden, statt persönliche nicht öffentliche und möglichst eindeutige Worte zu erhalten.

    Man versteht manchmal nicht, warum etwas einen öffentlichen Beitrag wert ist, aber kein persönliches Wort…

    Aber das will der Blogger ja absolut nicht begreifen ;)

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