Scheiß auf anstrengend oder nicht

Man könnte auf der Suche nach der Antwort sein, oder überhaupt einer Antwort. Oder man ist sich noch nicht so gänzlich sicher, was die Frage eigentlich ist. Man könnte meinen, man wird vernünftiger, je älter man wird, aber es könnte vielleicht trotzdem der Eindruck entstehen, dass jedes Jahr mehr die Unvernunft nur vermehrt. Wahrscheinlich wäre die Erwartung, dass das eigene Chaos sich mit den Jahren klärt und durch Klarheit ersetzt wird. Nur könnte auch die Erkenntnis mit den Jahren wachsen, dass Erwartungen eher enttäuscht als erfüllt werden.

Aber man wird an einem Punkt mit jedem Jahr mehr schlauer. Das Ding mit der Freiheit. Früher liebte man den Spruch: “Zahme Vögel singen von Freiheit, wilde Vögel fliegen”. Das schrieb man sich auf ein Blatt Papier und hing es sich in den Schrank, weil man es anderswo gelesen und für gut und richtig befunden hatte. Man fühlt sich dabei unglaublich wild und frei, bereit zum abheben, die Abneigung spürend, je das Lied von der Freiheit trällern zu müssen. Fliegen, das war der Plan. Und alles, was dem im Wege stand, musste beseitigt werden. Und man fühlte sich freier, wenn man mit etwas brach. Ein Gesetz, eine Vorschrift, eine Regel, die Moral und das Gewissen. Da war es immer kurz, das Kribbel Gefühl, die Endorphinen Ausschüttung, der passende Flow um die Flügel auszubreiten und abzuheben.

Das klingt gut und genauso muss man das eigentlich sofort unbedingt jetzt machen. Es gibt da nur einen Einwand, der an sich recht simpel ist: es ist nicht ganz so einfach. Man stelle sich das mal vor, lauter kleine freie Vögel, die in den Kindergarten stürmen, oder Schule. Das funktioniert an dem Punkt dann ja nur noch, wenn es dort einen Grund gäbe, überhaupt hinzugehen, weil die Regel oder Vorschrift ja nicht funktionieren würde. Und auf das Gewissen und die Moral der jungen freien Vögel zu setzen… ich weiß ja nicht. Man müsste sozusagen noch einmal darüber nachdenken, was dann eigentlich die Frage wäre und nicht wie die Antwort ausschaut. (Wenn die Frage nämlich die Frage nach dem Grund wäre, dann könnten wir schon einmal mit der Entkernung aller Schulhäuser anfangen. Wände sind vielleicht ja doch nur versinnbildlichte Freiheitsbegrenzung.)

Und es muss doch verdammt noch einmal funktionieren. Alles andere wäre doch schlimm. Wir brauchen Übersicht und Klarheit. Chaos ist doch kein Zustand.

Die erste Aufgabe meines Sozialkundelehrer war, sich einmal auszumalen, wie das denn wäre, wenn so 10 Leute auf einer Insel stranden würde, wie das ablaufen könnte. Und wir waren alle zusammen ziemlich schnell dabei, uns Gedanken darüber zu machen, welche Regeln und Vorschriften es für ein geordnetes Leben bräuchte. Nein, wir dachten nicht darüber nach, aus welchem Bereich wir die Chillarea machen, wo die Kochecke hinkommen würde und wann man welche Party feiert. Bevor wir die Küche errichtet hatten, hatten wir schon unseren eignen Knast gedanklich gebaut, in den potentielle Störer abgeschoben werden könnten. Das Gewaltmonopol war sowieso schon abgesegnet.

Wir machten ganz genau, was wir die ganze Zeit immerzu machen: Die Freiheit eingrenzen, um Leben zu können, nach Antworten suchen, anstatt nach Fragen. Wir singen lieber als zu fliegen. Jeder macht das, ich, du, wir, alle. Ich kenne keinen, der es nicht macht. Ich kenne viele, die wahre Konstrukteurmeister sind, was das eigene Gefängnis betrifft. Aber ich kenne einige, die immerhin immer mal wieder versuchen, mit den Flügeln zu flattern. Wir bleiben aber meist brav in unseren Käfigen hocken, obwohl die Tür weit offen steht. Weil uns von zu viel Freiheit gerne schnell schlecht wird. Das ist wie auf dem 5 oder besser 10 Meter Springturm im Schwimmbad zu stehen. Das erste Mal sollte man nicht nach unten schauen, sondern springen. Irgendwann kann man auch die Abgründe, die man von oben sieht, genießen, und darin eintauchen. Und es gibt keinen, der dir die Angst nehmen kann, außer du selbst.

“So frei sein wie ein Vogel”… ich bezweifle, dass Vögel per se frei sind, nur weil sie fliegen können. Man kann bestimmt auch fliegend von der Freiheit singen. Und wenn Vögel ein wenig ähnlich ticken wie wir Menschen, dann dürfte ihnen das ewige Futter suchen, für Nachwuchs suchen und so herumfliegen irgendwann gehörig auf den Sack gehen.

Ich habe viel gekämpft um meine eigene Freiheit. Mit der Schule, meinen Eltern, Freunden, Vorschriften, Regeln und Gesetze gebrochen. Die Moral musste daran glauben und das Gewissen gebrochen werden. Genug Kampf, um mich zu trauen, die Behauptung aufzustellen, dass Freiheit ihren Preis hat. Vor allem den der Kompromissbereitschaft. Ich habe gelernt, gut damit zu leben, auch keine einzugehen, oder den Weg des minimalsten Kompromiss zu gehen. Ich suche nicht mehr so sehr nach Antworten, wenn ich noch nicht einmal die Frage kenne. Aber mir blieb auch  nicht die Erkenntnis erspart, dass man um sein eigenes Gefängnis kaum herumkommt, weil es ungemein schwer ist, sich selbst zu überraschen. Es war schon zu spät, als man den Spruch damals auf ein Blatt Papier schrieb und aufhing. Man erkannte damals nicht, dass man dabei das Lied von der Freiheit schon summte.

Irgendwann sollte man dann aber doch Antworten haben, Klarheit haben und vernünftig sein. Alles andere wäre doch anstrengend sonst.

Und genau das ist der Punkt: I’m an addict!

Das mit dem Kribbeln und so… wenn man einmal geflogen ist und es noch so kurz gewesen sein sollte… die Chaossehnsucht… das Unverständnis, wenn man anderen Menschen gegenüber sitzt… dem Flow, mit der man der Frau im Arbeitsamt mit dem Schild an der Tür “Bitte warten, bis sie aufgerufen werden” begegnet (also dem Verständnis der Unverständnis)… das Fehlen von Antworten genießen… der Klang der Melodien, wenn man voll auf Freiheit Klavier spielt…

Scheiß auf anstrengend oder nicht, mehr davon!

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