Über das Vergessen

Es wäre falsch zu sagen, ich könnte es gar nicht. Manchmal frage ich mich eher, ob ich nicht im Gegenteil ungemein vergesslich bin. Ich schließe ein Fenster, und frage mich kurz darauf, ob ich es wirklich geschlossen habe. Ich packe ein Netzteil in den Rucksack, und schaue kurz darauf noch einmal nach, ob es wirklich schon im Rucksack ist.

Es wäre aber auch falsch, Vergesslichkeit mit Vergessen in einen Topf zu werfen. Und ich muss inzwischen oft an Verdrängen denken, wenn ich dem Wort Vergessen begegne. Man lehrte mich, dass Verdrängen ein unglaublich positiver und gesunder Mechanismus ist, lebensnotwendig. Und mir gefällt das Wort weitaus besser als Vergessen, weil es schon vom Wort aktiver schmeckt und nicht die Absolutheit in sich trägt.

Im Verdrängen bin ich dennoch kein Meister, vielleicht hat das wiederum mit der Erkenntnis zu tun, dass der Wunsch, etwas wie bei einem Computer per Tastendruck löschen zu können, eigentlich dumm ist. Eine schöne Vorstellung, ein verklärtes Bild. Die meisten Löschvorgänge an einem Computer löschen meist erst einmal nicht viel mehr, als die Darstellung der gelöschten Datei in dem System, in dem man sich gerade befindet. Auf der Festplatte liegt danach immer noch das herum, was man so elegant per Knopfdruck löschen, von seiner Welt verbannen wollte. Der Wunsch nach dem Zauberknopf beachtet dabei nicht, dass wir Menschen Computer bauen. Und selbst an dem Punkt des Vergessens sind sie uns in gewisser Weise ungemein ähnlich. Sie vergessen so lange nicht, bis man wieder an die genau selbe Speicherstelle etwas neues hinschreibt. Und weil Computer so menschlich sind, braucht es dann am Ende auch den Norton Doktor, um die Fragmentierung in Griff zu bekommen. Ich will gar nicht wissen, wie fragmentiert mein Kopfspeicher in 20 Jahren sein würde…

Vielleicht lebt es sich am Ende einfacher, wenn man daran glaubt, dass Dateien weg sind, wenn man sie gelöscht hat. Vielleicht funktioniert das gezielte Überschreiben von Daten dann besser. Denn bei einem menschlichen Hirn sprechen wir ja nicht von Giga- oder Terabytes, sondern welche Menge an Informationen sich in unserem Hirn speichern lässt, ist wohl eher eine ganz andere Dimension (und wir benutzen ja bekanntlich nur knapp 20% des Möglichen aktiv). Also eigentlich gibt es Unmengen von Speicherkapazitäten um Erfahrungen, Erlebnisse, Gefühle, Emotionen, Hören, Riechen, Sehen, Schmecken, Fühlen, Bilder und Eindrücke aus diesen Eindrücken, abzuspeichern. Unmengen von Ordnern und Kategorien, die man schaffen und befüllen kann. Platz genug, um jeder Erfahrung einen eigenen Speicherplatz zuzuordnen. Man muss nicht an Platz sparen, man kann fein redundant seine Daten wegschreiben.

Mir wird manchmal schwindelig von den Eindrücken, die ich weggespeichert habe. Es reicht ein bekanntes Klingelschild, es reicht die Stimme, es reicht der Geruch, um wieder bei dem zu landen, was man vielleicht doch verdrängt hatte. Man sieht und spürt Veränderungen, man bekommt sie mit, aber sie ändern nichts an dem, was man irgendwann einmal versucht hat zu verdrängen. Es sind Augenblicke, in denen mir Unmengen von Worten und Eindrücken durch den Kopf fliegen und ich kein einziges sinnvolles Wort herausbekomme. Ich bin schnell wieder mittendrin in dem, was ich verdrängen wollte. Aber ich übe mich in Akzeptanz meiner Unfähigkeit und glaube an die Realität.

* nebenbei bzgl Realität (bis zum Ende bitte!):

yezzz, genau!

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>