Ralf

Ralf ist schmal, ordentlich sitzende Hose, ordentlich sitzendes Hemd. Vielleicht nicht die aktuellste Mode, aber Ralf ist emsig darum bemüht, ordentlich und gepflegt zu wirken. Er möchte als anständig gekleideter Mensch auftreten und wahrgenommen werden. Seine Arme sind muskulös, trotz der Statur, die er Hänfling nennt. Er würde gerne zunehmen, um wieder ein wenig stämmiger zu werden. Er erzählt von den Zeiten, als er alle Sätze, egal welche, egal wie oft, stemmen konnte. Ich kenne mich da nicht aus, muss nachfragen, was ein Satz überhaupt ist. Er erzählt von einem dicken Hals und ich stelle mir das an sich so gar nicht schön vor. Warum muss man als Mann einen dicken Hals haben? Ich versuche den Lebensentwurf Mann so zu verstehen, aber mir gelingt es immer wieder nicht mit Ralf.

Ralf, der sich um seine Mutter kümmert und um seinen Bruder. Der von seinem Vater immer in allen Ehren redet, der davon erzählt, wie und was ein Mann ist, und sich selbst aber ein ganz großes Stück weit davon entfernt sieht, als Mann gesehen werden will. Sein Vater würde ihm sagen: “wie, du kiffst? lass den Scheiss, das ist nicht gut…” und irgendwie setze ich in Gedanken dazu “oder es setzt eine Tracht Prügel, dass du nicht mehr weisst, wo oben und unten ist”. Ich habe noch nicht so richtig ein Gefühl für den Vater bekommen können. Ich erlebe nur Ralf, den Bruder und die Mutter.

Ralf war immer klar, gerade aus, wusste was er wollte, vielleicht nur nicht, wie er dahin kommen sollte. Er bezieht Hartz, zu Spitzenzeiten den Spitzensatz von 68 €. Wegen den Kürzungen. Die bekommt man, wenn man die Post ignoriert und sich nicht kümmert, das hat Ralf auch irgendwie schon kapiert, aber ein Mann hat ja nun mal selbst für sich zu sorgen. Und so lange er das kann, ist alles wunderbar. Dann lässt man auch das Arbeitsamt kürzen und wartet erst einmal ab, bis der Strom abgestellt ist und zum Schlafen braucht man ja kein Strom.

Als ich Ralf kennen lernte, war der Strom gerade weg und er wohnte mehr bei seinem Bruder, als bei sich zu Hause. Zusammen versuchten sie, ihre Dinge zu organisieren, Pläne aufzustellen, Ziele zu stecken, und sie dann leicht Utopien ähnelnd im Kopf zu verfolgen. Wenn die Stromschuldenbezahlung zum Plan passte, dann wurde sie auch irgendwie organisiert. Kürzungen sind auch etwas schwankendes, ein ewiges hin und her. Ralf hatte da auch noch eine Freundin, bei der er schlief und für sie immer fleißig kochte, da sie arbeiten ging.

Die Freundin wollte irgendwann nicht mehr von Ralf bekocht werden, also hatte Ralf jede Menge mehr zeit, sich um seine eigenen Projekte zu kümmern, was er auch irgendwann tat, nachdem er aus seinem leicht depressiven Loch wieder halbwegs heraus gekrochen war. Er zog wieder bei sich ein und nahm seinen Bruder gleich mit. Beide nahmen die Kürzungen so hin, man wusste ja, wie man seinem Mann stehen konnte.

Bis es Silvester 2008 kam. Da stritten sich Ralf und sein Bruder mit zwei anderen aus dem Haus. Und irgend jemand rief die Polizei, die darauf hin Ralf und seinen Bruder mitnahmen, und weil man schon dabei war, auch noch ein paar grüne Sträucher aus Ralfs Schlafzimmer.

So verbrachten die beiden Silverster auf der Wache und wurden aus der Zelle ins neue Jahr entlassen. Und an dem Punkt muss irgendetwas mit Ralf passiert sein, die darauf kommenden Monate waren ein bizarres Schauspiel, dem man beiwohnen durfte und in das man gleichzeitig auch irgendwie involviert war.

Ralf wirkte jedenfalls mit jedem Tag mehr wie aus der Spur geschossen. Unsicher, verwirrt, zersaust. Sich sicher, dass die Polizei noch hinter ihm her war, weshalb er unendliche Kilometer zu Fuss zurücklegte und auch immer wieder bei mir klingelte und kurz vorbeischaute, zeigen, wie anständig man lebt, anständige Freunde besucht. Ich bezweifelte irgendwann, dass die Polizei seinem Marathon überhaupt noch folgte, zwischen Friedhof, Freunden, der Wohnung seines Bruders, … .

Sein Bruder hätte sich wahrscheinlich selbst jemanden gewünscht, der ihn bei der Hand nimmt und sagt, dass und das machst du, statt dessen versuchte er Ralf zu erklären, was er wie tun sollte. Aber Ralf wurde komischer und unsicher. Mit jedem Gespräch mehr saß mir ein noch verwirrterer Ralf gegenüber.

Irgendwann ging Ralf in die Klinik und kam nach ein paar Tagen wieder heraus. Er kam kurz danach bei mir vorbei. Ich fragte Ralf, was er für Tabletten bekomme habe und wie es ihm überhaupt geht. Er zählte eine Latte von Tabletten auf, wie es ihm allerdings geht, war kaum mehr einzuschätzen. Ein weiteres Gespräch mit ihm hatte dann den heftigen Beigeschmack, einem schwer psychotischen Menschen gegenüber zu sitzen. Er versuchte mir immer die Differenz zwischen innen und aussen zu beschreiben, dass er nicht weiß, was so komisch ist, es sei ja eigentlich alles normal, die Uhr würde ticken, da würde es rascheln, dort würde dieses Geräusch sein. Er wolle doch nur normal sein, aber er weiss gerade nicht mehr, ob er normal ist, ob ihn alle verarschen, oder was auch immer. Er erzählte immer wieder von komischen flavours, über die er erst gar nicht erzählen wollte, weil man ihn ja dann sowieso nicht mehr ernst nimmt. Ich versuchte hinzuhören, versuchte zu verstehen. Ich triggerte Ralf einmal, in dem ich ihn fragte, wie es denn für ihn ohne seinen Hund wäre (der mit 12 Jahren vor sich hinkränkelt und hinkt). Sah Ralf einen impulsiven krampfartigen Weinanfall bekommen. Ich verstand in dem Augenblick, warum sein Bruder ihn ungern noch aus dem Hause lies. Es war schwer, den Anfall ruhig abklingen zu lassen und Ralf das Gefühl zu geben, dass das ok ist hier in diesem Raum, dass er sich darüber nicht sorgen brauche.

Ralf sendete die ganze Zeit eine Menge “Alarmsignale” aus. Sie wurden Tag für Tag mehr, sie wurden Klinikaufenthalt für Klinikaufenthalt nicht weniger, sondern eher das Gegenteil. Jeder Besuch von ihm endete eher noch mit mehr Sorgen. Und dem Gefühl, dass man sehr ratlos war, wo Ralf noch Hilfe bekommen könnte, die ihm hilft. Er baute weiterhin fleissig “Leidensdruck” auf. Irgendwie bekam Ralf auch so halbwegs mit, was mit ihm passierte, aber es lag erstmal kaum mehr in seinen Händen, darüber zu entscheiden.

Ralf weiß sehr gut heute, welches “Medikament” was mit ihm macht. Er hat eine ziemliche Bandbreite davon genommen und ist inzwischen ziemlich verwundert, was für Dinger er da in sich hineinschieben durfte, Tavor, Zyprexka, um nur ein paar davon zu nennen. Er ist glücklich, wenn eine halbe Ibu zum Schlafen ausreichen. Er hat keine Lust mehr auf flavours, deswegen kifft er auch nicht, weil das macht das nur extrem viel schlimmer. Und auf die flavours angesprochen, spricht er von Dingen, die er keinem anderen Menschen wünscht, die er kaum in Worte packen kann und von denen er überzeugt ist, dass andere sofort losrennen und sich einbuddeln würden, in der Hoffnung, dass niemand sie findet. Und das mit den flavours hat nach dem ersten Klinikaufenthalt angefangen (was sich wiederum mit meiner Wahrnehmung decken würde), und die Tabletten ziemlich komische Sachen mit ihm gemacht haben.

Ralf ist nun bei einem Berater, der sich darum kümmert, dass aus den 68 € für den Hund wieder ein Betrag ergibt, von dem er leben kann (Hartz soll ja den Lebensstandard sichern, immerhin für einen Hund scheint das im Fall der Fälle zu funktionieren!). Den Berater hat er sich selbst gesucht und er schimpft nicht auf die Kürzungen, er findet sie gerecht, sie passen zu seinem Bild, dass man etwas machen muss, ordentlich, anständig und normal sein muss, um keine Probleme zu bekommen. Ralf versucht das wirklich mit dem normal sein. Er versucht das wirklich mit aller Kraft, dafür muss man eigentlich nur wenige Worte mit ihm wechseln und ihn kurz ansehen. Er versucht es mit all seinen Mitteln.

Er mag keine Medikamente, er mag die ganze Pharmaindustrie nicht, Ralf ist irgendwie grün, obwohl er eigentlich grün ist, so gar nicht, was seine politischen und Gedankentraditionen betrifft. Aber er hat mal festgestellt, dass Hanfblätter im Schuh perfekt gegen Schweiss sind. Er mag Pflanzen und die Auseinandersetzung, wie sie leben und gedeihen. Ralf hat die besten Tipps parat, wenn es darum geht, kleine Fliegen aus der Pflanzenerde zu vertreiben, ohne jegliche Chemie, er mag künstliche Chemie nicht. Ralf hat auch ein System entwickelt, um mit dem ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen das möglichst Optimale herauszuholen. Immer wieder staunend habe ich mich über seine Kreativität wundern dürfen. Und mich fragen dürfen, warum es keinen Menschen gibt, keinen von den vielen, die diesem Menschen gegenüber saßen und ihm helfen sollten, die das Potential in Ihm entdeckten. Ihm zuhören im Idealfall, sich anhören, wie er sich all das vorgestellt hat, und wie er es gerne machen würde. Ralf würde sicherlich gerne Arbeiten, wenn die Arbeit ihm einen Sinn gibt, und ich würde vermuten, dass das nicht so schwer wäre, wenn man ihm zuhören würde.

Ralf hat auch einen Arzt gefunden, der ihm immerhin zuzuhören scheint und mit ihm auf einer Ebene spricht. Mit ihm zusammen darf er nun seine Laufbahn des letzten halben Jahres aufarbeiten: “In ihrer Akte steht Ko-Abhängigkeit Alkohol – sie erzählen nie übers trinken, haben sie angegeben, dass sie trinken?” – “Ich hab einmal gesagt, dass ich gestern ein Bier getrunken hatte” – “Sie sollten mit solchen Aussagen in Zukunft vorsichtiger sein…”

Ralf will wieder ganz normal werden. Ganz normal ist ein Synonym für ihn geworden, dass sein Inneres sich einigermaßen mit dem Äußeren kongruent verhält und er möglichst keine flavours mehr hat. Und er will wieder ein wenig zunehmen, Krafttraining machen, und versuchen, ein Mann zu sein. Ralf hat aber auch schon ein Stück weit akzeptiert, was seine Diagnose ist. Er beschreibt es ungefähr so: “Mein Kopf war davor so voll, ich wusste so viel und konnte mich für so viel interessieren. Und nun ist da gefühlte Leere.”

Schizophrene Psychosen auf Grund von Drogeneinfluss. Das Grass ist ja heute auch weitaus stärker als früher und am Ende sowieso schon genmanipuliert. Das könnte man laut rufen und ein Haufen Fakten auf seiner Seite haben. Und dabei schön vergessen, dass es am Ende doch noch andere Aspekte gibt:

Der Klient hatte verstanden, dass er Hilfe braucht, dass er selbst alleine nicht mehr klar kommt. Deshalb ging er ins Krankenhaus. Dort verpassten sie ihm Tavor und Zyprexa und ließen ihn dumm grinsen. Sie fragten ihn am Ende nicht, was sich in der Zeit davor zugetragen hatte, was ihn, im Rückblick, ins Krankenhaus brachte. Sie fragten ihn wohl, ob er Drogen genommen hatte, und er antwortete, ein Bier gestern und ansonsten habe ich sehr viel gekifft. Es war egal, ob er mitten in einem Verfahren steckte, was seine Ängste mit ihm machten. Er wurde sediert, kategorisiert und hatte eine so schlechte Angehörigen Beratung, so dass der Bruder sich als Retter empfinden konnte, der seinen Bruder aus der Hölle befreit. Es wurde nicht gemeinsam geschaut, wie man wieder Boden unter den Füssen bekommt. Es wurden mehrere Chancen verpasst und der Klient war recht schnell passiver Spielball, der von Arzt zu Psychiater zu Klinikaufenthalt hin- und hergeworfen wurde.

Irgendwann war wohl der Leidensdruck zu gross und der Zufall wollte es, dass Ralf sich in all dem Kuddelmuddel aufraffte und Ordnung in die Sache brachte. Bis dahin waren aber wohl so einige Chancen vertan, ihm sozial begleitend wieder Boden unter die Füßen zu bringen. Und demjenigen, der mir entgegenhalten würde, dass es anscheinend den Crash brauchte, die Reinigung der Gedanken und des Körpers, möchte ich gerne entgegenhalten, dass wir davor noch einen Menschen hatten, der Träume hatte, die er gerne träumte und nicht von ihnen Angst hatte. Seine Träume passten nicht gut in die gesetzten Grenzen des Lebens, wie es ein normaler Mensch zu verbringen hat. Man machte es ihm nicht gerade leicht, ein normaler Mensch zu sein. Man gab ihm Stück für Stück zu verstehen, dass man sich nur dafür interessiert, ob er fleissig all seinen Auflagen Folge leistet. Keiner, der sich dafür interessierte, nach einer Perspektive zu suchen, einer, der Ralf sein bisheriges Leben beachtet, seine Träume, seine Fähigkeiten, das was er kann und will. Statt dessen lies man ihn da rein schliddern, wo er sich nun befindet. Ohne Träume und Perspektive, die Durchschlagkraft der Realität schmecken dürfend.

Es sind am Ende nur die kleinen feinen Unterschiede, die darüber unterscheiden, die Fähigkeiten eines zukünftigen möglichen Botanikers zur Geltung zu bringen, oder einen Menschen mit einer Diagnose, dem sein Leben durch den Sozialstaat ermöglicht wird, hervorzubringen. (Es sei bemerkt: ein Mensch, der sich mit der Produktion eines des wegweisenden Rohstoffes der Natur auskennt, der an Innovationen, die wir brauchen, mitarbeiten könnte!)

Ich schäme mich dabei für mich selbst, wie gelähmt zuzuschauen, und die unangenehme Last der Sorge verdrängt zu haben, weil man selbst keine Lösung sah, nicht in den Medikamenten, nicht in der Klinik, nicht in meiner Rolle als Freund.

Aber immer wieder habe ich auch so etwas wie halbe Fremdschämen in mir. Es kollidieren zwei Seiten, die ich beide kenne und in mir trage. Und es tut weh, zu hören und mitzuerleben, wie viel Pfusch getrieben wird und wie wenig über den schmalen Tellerrand hinausgeschaut wird. Und ich hoffe sehr, dass es ehemaligen Mitstreiter besser gelingen wird, dass sie zuhören, ertragen, (aus)halten und doch wieder loslassen können. Sich mit den Träumen und Perspektiven der Menschen gegenüber auseinander setzen, im Team gut zusammen arbeiten, um Menschen in solchen Situation eine Begleitung sein können und das gesellschaftliche und politische Spektrum ihrer Arbeit und wie sie sie tun einzuschätzen wissen und vor allem immer wieder aktiv in Frage stellen.

Ich konnte meine Utopie davon, meinen Traum und dessen Vorstellungen davon innerhalb dieses Systems nicht aufrecht erhalten. Statt dessen beschleicht mich immer wieder das Gefühl, dass wir falsch denken, nicht komplett, aber wir sollten vielleicht ein paar Dinge von einer anderen oder vielen anderen Seiten sehen…  Menschen wie Ralf wäre am Ende mehr damit geholfen.

Immerhin, er hat schon wieder ein leicht veschmitztes Lächeln beim Abschied.

Unkraut vergeht nicht, und das ist gut so, schliesslich sind es intelligente Gewächse!

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