Patrick Watson in der Passionskirche

Ein Abend Bauchgefühl. In einer Kirche, back to the roots sozusagen, ab auf die Empore, weil da der Überblick möglich war, auch wenn man auf die Details am rechten Rand verzichten musste. Und da saß man auf diesen Kirchen typischen Stühlen, nachdem man sich von den unteren Bänken umorientiert hatte, und bemerkte zum ersten Mal die riesige Schale mit den Tierkreiszeichen darauf, die an dünnen Stahlseilen unter der Decke hing. Der rot angestrahlte mit dem Jesus am Kreuz. Davor ein Schlagzeug, ein Flügel, Verstärker, Boxen. Menschen mit Bier,- und Bionadeflaschen. Nur rauchen durfte man nicht. Es fiel aber ausnahmsweise so gar nicht schwer, darauf zu verzichten, die Kulisse wirkte dafür genug…

So grundsätzlich hatte man also alles richtig gemacht, wirklich und das meine ich ganz ernst. Kirchen sind schon toll an sich. Sie haben auf jeden Fall ein mächtiges Gefühl, das sich meist auf einen selbst überträgt. Meist ein Raum voller Ehrfurcht, Ehrfurcht vor irgendwas, was sich nicht so wirklich fassen lässt. Ist das die Ehrfurcht vor dem Jesus an dem Kreuz? Oder die Ehrfurcht vor einem Gebäude, das meist vor langer Zeit von Menschen Hand gebaut wurde, ohne dabei die Werkzeuge von heute zu haben. Ehrfurcht, die sich meist in Ruhe ausdrückt, sobald man diesen Raum betreten hat. Meist sehr hohe Räume, jedes Geräusch wird darin mit Hall versehen und schwebt durch den Raum. Und man ist gefühlt irgendwie nie so ganz allein. Da ist der Messner, der Küster, der Pastor, der Pfarrer, Nonnen, Bischöfe, Dekane, Kirchenvorsteher, Gemeindeangehörige oder sonstige gläubige Menschen. Irgendjemand geistert immer herum, bleibt das Gefühl, wenn man eine Kirche, die meist tagsüber offen sind, betritt.

Es gibt aber auch Schlüssel für Kirchen, Schlüssel, die einem zu jedem Ort einer Kirche den Zutritt ermöglichen. Man könnte mit den Schlüssel die Glocken schellen lassen oder sich auf die Empore schleichen, ein paar Register ziehen, mit dem linken Fuss das ganze C drücken und erklingen lassen. Und sich dann vergnügen. Gotteslästerung habe ich, soweit man das als solche empfinden sollte, genug betrieben. Im Angesicht des Jesus im Spiegel. Kein Problem.

Und ich bin mir verdammt sicher, dass es für Patrick Watson nicht ohne Eindruck blieb, zu den Füßen eines gekreuzigten Jesus zu spielen. Er sagte auch irgendwann etwas dazu, was aber im Kirchenraum verhallte ohne verstanden werden zu können. Und man hatte das Gefühl, dass er das Konzert ähnlich genoss, wie man selbst.

Und wenn Bach zu Barock Zeiten der absolute Inbegriff von einem unglaublichen Gefühlsausdruck war (den man heutzutage vielleicht manchmal nachempfinden kann), dann finde ich Patrick Watson nicht so falsch vor dem Jesus sitzend. Den es war unglaublich großer Gefühlsausdruck. Eine Woge, die immer wieder durch den Raum schwappte, einen mitriss und vor allem eines: unentwegt lächeln lässt (mein rechter Sitznachbar kommentierte, dass er hoffe, dass mein Grinsen wieder verschwinden würde nach dem Konzert. Ich hoffte nicht…). Musik, die nicht wie Bach kompliziert zu einem findet, wenn überhaupt, sondern eher den direkten Weg zum Kopf und Bauch nimmt.

Und ich ging nicht ohne Erwartungshaltung in dieses Konzert, wobei ich mir schwer vorstellen konnte, dass sie enttäuscht werden würden. Ich erhoffte mir eher, dass es dem Erleben der neuen Cd “Wooden Arms” recht Nahe kommt. Da hatte ich nach dem ersten Song schon leicht feuchte Augen und war mir recht sicher, egal was danach noch kommen würde, es würde das Gefühlsmeer nur erweitern.

Eine faszienierende Band, ein wirklich unglaublicher Schlagzeuger, ebenso wie Patrick Watson ein Zappelphillip, der aber scheinbar eine Lösung für sich gefunden hat, und einfach alles bespielt, was ihm zwischen die Sticks kommt und das in einem unglaublichen Tempo mit einer vermuteten Vorliebe für die ungeraden Taktarten, den 7/8  durchpeitschend, das verträumt dahinschwimmende Spiel mit Glocken, Xylophon oder Kochtöpfen. Ein Bass Mützenmann, unterstützt von einem Kontrabass, (der alleine als Vorkonzert 4 Stücke spielte), die dafür sorgten, dass man im Meer der Bässe genug träumen konnte. Eine Geige, die sich vor mir versteckte und ein Gitarrist, der dem Rest in keiner Weise nachstand. Dazu ein Patrick Watson am Klavier. Und alle zusammen funktionierten so unglaublich, dass es einfach nur noch ein reines Fest war, dem man beiwohnen durfte. Soundcollagen, wabbernde Flächen in einem großen Raum, Wellen die sich aufbäumen und apprupt enden oder sich wieder zurückziehen um sich erneut aufzubauen. Im Mittelpunkt ein verspielter Watson, der Kopf schüttelnd und Bein stampfend sich immer weiter hineinsteigerte in eine Welt voller Rauschen. Musiker, die großen Spass miteinander haben, es genießen, miteinander zu spielen, und dabei so gut miteinander kommunizieren können, dass es immer ein Fluss bleibt.

Es wurde viel geklatscht, sie kamen wieder und wieder aus der Sakristei heraus. Es war schwer, das Gefühl und den Raum voller Emotionen loszulassen. Der Grinser stand aber immer noch im Gesicht und man ging mit ihm nach Hause. Und ich bin mir sicher, der sogenannte liebe Gott, der hatte auch ein Grinser im Gesicht stehen, und dachte sich, Patrick, Patrick, flipp nicht allzu sehr aus, wie er sich dann wohl bei Bach dachte, Johannes, Johannes, verspann dich nicht so sehr…

Gotteslästerung? Soso, ich würde ja sagen, wenn der liebe Gott das nicht gut finden würde… wäre er sogenannter Musik Nazi … und Gott soll ja ne geile Sau sein, wurde mir immer erzählt!

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