Mai 30 2009

Patrick Watson in der Passionskirche

Ein Abend Bauchgefühl. In einer Kirche, back to the roots sozusagen, ab auf die Empore, weil da der Überblick möglich war, auch wenn man auf die Details am rechten Rand verzichten musste. Und da saß man auf diesen Kirchen typischen Stühlen, nachdem man sich von den unteren Bänken umorientiert hatte, und bemerkte zum ersten Mal die riesige Schale mit den Tierkreiszeichen darauf, die an dünnen Stahlseilen unter der Decke hing. Der rot angestrahlte mit dem Jesus am Kreuz. Davor ein Schlagzeug, ein Flügel, Verstärker, Boxen. Menschen mit Bier,- und Bionadeflaschen. Nur rauchen durfte man nicht. Es fiel aber ausnahmsweise so gar nicht schwer, darauf zu verzichten, die Kulisse wirkte dafür genug…

So grundsätzlich hatte man also alles richtig gemacht, wirklich und das meine ich ganz ernst. Kirchen sind schon toll an sich. Sie haben auf jeden Fall ein mächtiges Gefühl, das sich meist auf einen selbst überträgt. Meist ein Raum voller Ehrfurcht, Ehrfurcht vor irgendwas, was sich nicht so wirklich fassen lässt. Ist das die Ehrfurcht vor dem Jesus an dem Kreuz? Oder die Ehrfurcht vor einem Gebäude, das meist vor langer Zeit von Menschen Hand gebaut wurde, ohne dabei die Werkzeuge von heute zu haben. Ehrfurcht, die sich meist in Ruhe ausdrückt, sobald man diesen Raum betreten hat. Meist sehr hohe Räume, jedes Geräusch wird darin mit Hall versehen und schwebt durch den Raum. Und man ist gefühlt irgendwie nie so ganz allein. Da ist der Messner, der Küster, der Pastor, der Pfarrer, Nonnen, Bischöfe, Dekane, Kirchenvorsteher, Gemeindeangehörige oder sonstige gläubige Menschen. Irgendjemand geistert immer herum, bleibt das Gefühl, wenn man eine Kirche, die meist tagsüber offen sind, betritt.

Es gibt aber auch Schlüssel für Kirchen, Schlüssel, die einem zu jedem Ort einer Kirche den Zutritt ermöglichen. Man könnte mit den Schlüssel die Glocken schellen lassen oder sich auf die Empore schleichen, ein paar Register ziehen, mit dem linken Fuss das ganze C drücken und erklingen lassen. Und sich dann vergnügen. Gotteslästerung habe ich, soweit man das als solche empfinden sollte, genug betrieben. Im Angesicht des Jesus im Spiegel. Kein Problem.

Und ich bin mir verdammt sicher, dass es für Patrick Watson nicht ohne Eindruck blieb, zu den Füßen eines gekreuzigten Jesus zu spielen. Er sagte auch irgendwann etwas dazu, was aber im Kirchenraum verhallte ohne verstanden werden zu können. Und man hatte das Gefühl, dass er das Konzert ähnlich genoss, wie man selbst.

Und wenn Bach zu Barock Zeiten der absolute Inbegriff von einem unglaublichen Gefühlsausdruck war (den man heutzutage vielleicht manchmal nachempfinden kann), dann finde ich Patrick Watson nicht so falsch vor dem Jesus sitzend. Den es war unglaublich großer Gefühlsausdruck. Eine Woge, die immer wieder durch den Raum schwappte, einen mitriss und vor allem eines: unentwegt lächeln lässt (mein rechter Sitznachbar kommentierte, dass er hoffe, dass mein Grinsen wieder verschwinden würde nach dem Konzert. Ich hoffte nicht…). Musik, die nicht wie Bach kompliziert zu einem findet, wenn überhaupt, sondern eher den direkten Weg zum Kopf und Bauch nimmt.

Und ich ging nicht ohne Erwartungshaltung in dieses Konzert, wobei ich mir schwer vorstellen konnte, dass sie enttäuscht werden würden. Ich erhoffte mir eher, dass es dem Erleben der neuen Cd “Wooden Arms” recht Nahe kommt. Da hatte ich nach dem ersten Song schon leicht feuchte Augen und war mir recht sicher, egal was danach noch kommen würde, es würde das Gefühlsmeer nur erweitern.

Eine faszienierende Band, ein wirklich unglaublicher Schlagzeuger, ebenso wie Patrick Watson ein Zappelphillip, der aber scheinbar eine Lösung für sich gefunden hat, und einfach alles bespielt, was ihm zwischen die Sticks kommt und das in einem unglaublichen Tempo mit einer vermuteten Vorliebe für die ungeraden Taktarten, den 7/8  durchpeitschend, das verträumt dahinschwimmende Spiel mit Glocken, Xylophon oder Kochtöpfen. Ein Bass Mützenmann, unterstützt von einem Kontrabass, (der alleine als Vorkonzert 4 Stücke spielte), die dafür sorgten, dass man im Meer der Bässe genug träumen konnte. Eine Geige, die sich vor mir versteckte und ein Gitarrist, der dem Rest in keiner Weise nachstand. Dazu ein Patrick Watson am Klavier. Und alle zusammen funktionierten so unglaublich, dass es einfach nur noch ein reines Fest war, dem man beiwohnen durfte. Soundcollagen, wabbernde Flächen in einem großen Raum, Wellen die sich aufbäumen und apprupt enden oder sich wieder zurückziehen um sich erneut aufzubauen. Im Mittelpunkt ein verspielter Watson, der Kopf schüttelnd und Bein stampfend sich immer weiter hineinsteigerte in eine Welt voller Rauschen. Musiker, die großen Spass miteinander haben, es genießen, miteinander zu spielen, und dabei so gut miteinander kommunizieren können, dass es immer ein Fluss bleibt.

Es wurde viel geklatscht, sie kamen wieder und wieder aus der Sakristei heraus. Es war schwer, das Gefühl und den Raum voller Emotionen loszulassen. Der Grinser stand aber immer noch im Gesicht und man ging mit ihm nach Hause. Und ich bin mir sicher, der sogenannte liebe Gott, der hatte auch ein Grinser im Gesicht stehen, und dachte sich, Patrick, Patrick, flipp nicht allzu sehr aus, wie er sich dann wohl bei Bach dachte, Johannes, Johannes, verspann dich nicht so sehr…

Gotteslästerung? Soso, ich würde ja sagen, wenn der liebe Gott das nicht gut finden würde… wäre er sogenannter Musik Nazi … und Gott soll ja ne geile Sau sein, wurde mir immer erzählt!


Mai 24 2009

Bauchgefühl, Baby!

Man sollte den Rat der Eltern folgen, sollte man. Bauchgefühl. Mann. Yeah, Baby! Und ich fühlte mich unglaublich erwachsen, als ich zurück fragte, ob man denn dann noch einen Tipp in Petto hat, wie das denn genau gehen soll, oder könnte, eine Idee, vielleicht. Erwachsen, weil man wusste, dass das diese Art von Fragen an Eltern ist, bei denen man nie und nimmer eine vernünftige Antwort bekommt, bei denen man schon beim Fragen zu spüren bekommt, dass das mal wieder eine Frage sein wird, die man sich brav selbst beantworten darf.

Wenn der Herr Doktor den Bauch massiert, dann schmerzt das meist ungemein, und es bleibt ein drei tägiger Muskelkater der besonderen Art. Er schaut dann immer sorgenvoll und erzählt fleißig skurrile Geschichten dabei während man sich selbst in Mordgelüsten hin- und herwindet. “Ich kann auch nur meinen kleinen Finger nehmen” … und das Bauchgefühl schmerzte immer noch genug. Bauchgefühl. Jaja.

Wenn im Club der Bass den Magen arbeiten lässt, das ist sozusagen auch Bauchgefühl, jaja. Schläge im mindestens 120 Bpm Takt. Die sitzen im Idealfall genau in der Magengrube und breiten sich dann wabbernd in den Rest des Körpers aus, lassen Füsse stampfen und den Kopf in die Klemme nehmen.

Ansonsten, grummelt er, wenn er nach Nahrung schreit. Auch Bauchgefühl.

Beim Rest des Ganzen sitzt das Bauchgefühl brav im Kopf. Und hofft, das der untere Teil brav Ruhe gibt.

Anders wüsste ich auch nicht, wie man das meiste ertragen sollte. Ich wüsste nicht einmal, wie ich mit Bauchgefühl ohne mehrmaligen Kotzreiz so etwas wie eine Topmodel Final Show im Fernsehen überleben sollte. Und sie bekommen es wirklich hin, trotz all ihrer Werbeausreizungen und möglichst dämlichen Textkommentaren, so etwas wie Empathie zu erzeugen. Das ist so groß inszeniertes Drama Theater, dass es nur noch rein orgastisch daher kommt. Darauf folgende Interviewsendungen sind eine wundervolle Bloßstellung dieser Bauch/Hirnpenetration der besonderen Art. Nachdem alle abgespritzt haben und das Konfetti flog (nein, nein, unbedingt die Musik laut anlassen, sonst klappt das nicht!), wirkt das wie eine Frau im Bett, die danach hyperaktiv herum hüpfen würde: “Das war so toll, ich kann es immer noch nicht fassen” – “Können wir noch einmal das Publikum hören?” – keiner gröllt (Muskelerschlaffung vielleicht).

Bauchgefühl, Baby. Und Drama.

Es erscheint mir eher eine reine Notwendigkeit, das Bauchgefühl in den Kopf zu verlagern. Schutzmassnahme. In einer Welt voller Dramen. Und weil wir es nicht ertragen, uns den eigentlichen Dramen zu widmen, inszenieren wir am laufenden Meter künstliche Dramen und schicken Sie hinaus in die Welt. Die können wir dann auch als DVD kaufen und zu Hause anschauen. Den kleinen Superorgasmus im perfekten Remake. Anschauen, explodieren, milde lächeln und zufrieden sein.

Bauchgefühl… ist mir noch am nähesten, wenn ich durch die Strassen laufe und andere Menschen kurz sehe, während sie mit ihrem eigenen Drama unbewusst oder bewusst beschäftigt sind. Ihre Meter hohen Wände und Schutzwälle um sich haben. Man kennt seinen eigenen und ahnt die anderen.

Man weiß um das Bauchgefühl, man versteht, warum die Mutter bei der Frage ins Witzeln verfällt. Wir alle wissen um das Bauchgefühl, wissen um den Schmerz, der da sitzen könnte. Wir wissen um die Macht des Kopfes. Und wir glauben daran und sorgen dafür, dass es so bleibt… (ansonsten würde ja alle am Ende den Fernseher ausgeschalten lassen, keine anderen Drogen mehr konsumieren und ganz unbedingt freie tolle Menschen sein).


Mai 11 2009

frag nicht, wenn du eine Antwort haben willst …

Vielleicht passt die Frage “warum machst du das?” so ungemein gut zu einem 50., dass irgendjemand dafür sorgen muss, dass sie gestellt wird. Und ich glaube, wenn ich mir die Frage dann irgendwann für mich stellen dürfte, ich wüsste genauso wenig eine kluge Antwort darauf, wie ich es denn jetzt wüsste. Vielleicht ist mit 50 Lebensjahren auch das Verhältnis zum Leben noch viel mehr verquerer, im Sinne von irgendwie dann doch leicht unverständlich an sich aber irgendwie so wie es eben ist. Und vielleicht reicht dann schon die Frage aus, warum man denn eigentlich (noch) so lebt, um einen schwer nachdenklich zu stimmen. Vielleicht würde man nach einer schnellen Antwort suchend auf dieses “tja…” stossen und sich dabei denken, dass das wirklich eine verdammt gute Frage ist an sich. Und mit 50 nimmt einem dann ja auch niemand mehr übel, wenn man mal ein paar Tage mit diesem “tja…” so vor sich hin lebt und nach drei Tagen es noch mal mit einem kleinen Seufzer zwischen glücklich und traurig wiederholt und sich dann erst einmal eine Zigarette anzündet, obwohl man ja eigentlich gar nicht mehr unbedingt raucht…

Das “warum” impliziert einen “Sinn”. Und es wird dann mit 50 Menschen geben, die mir sagen können, siehste, du bist kein Schritt weiter, du machst dir immer noch über gleichen Schrott wie vor zig Jahren Gedanken. Ist das nicht Sinn genug?

Ganz sicher, ich werde dann mindestens innerlich grinsen…

Es gibt nichts zu feiern, aber eine Bitte. Mich würde etwas interessieren: Gedanken und Emotionen.

Im erlenten Ductus:

“Dürfte ich Sie einladen sich mit mir zusammen auf eine Musik einzulassen. Entspannen sie sich, machen sie es sich bequem, nehmen Sie die Brille ab und schließen Sie die Augen, wenn es Ihnen hilft zu sich zu finden. Versuchen Sie während des Hörens sich den verschiedenen Ebenen zuzuwenden. Was macht der Körper, die Gedanken und ihre Gefühle/Emotionen… wir werden später nicht in den Stuhlkreis zusammen kommen, aber sie dürfen zur Tastatur greifen und mir ein zwei Wörter schreiben, was sie “gehört” haben. Muss wirklich keine Geschichte sein, Wörter reichen… falls sich irgend etwas festhalten lässt, ich wäre brennend daran interessiert… gegen die Geschichte dazu habe ich aber auch nichts… info [ at ] 912finger.de”

Wäre ich sehr dankbar für… hier als zip ansonsten per flash.

Das folgende ist mit einem Hang zu Es-Dur/C-Moll.

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