Das mit den Männern und den Gefühlen…

Blogs sind Orte zum Ausprobieren, wie zB eine Schülerzeitung auch. Und auch mit Schülerzeitungen ist das so ein Ding. Ich erinnere mich lebhaft daran, wie es einer Gruppe von sehr jungen “Männern” versuchte, alles bis dahin dagewesene in den Schatten zu stellen. Eine feine Schülerzeitung im Offset Druck auf Glanzpapier anstatt aus der eigenen Schuldruckerei. Mit einigen Seiten und richtigen Artikeln, Meinung am Ende, Redaktionskonferenzen und alledem. Die Erstausgabe bekam dann sogar einen Preis. Irgendwann fuhr ich aus Lust und Laune auf ein Schülerzeitungsseminar und lernte, wie das geht, über irgendetwas innerhalb kürzester Zeit mit einer begrenzten Anzahl an Zeichen etwas aufs Papier zu bringen. In drei Tagen wurde eine Zeitung von 30 Menschen aus dem Boden gestampft und man hatte genug Artikel geschrieben und sich von fiesen Professionellen reintreiben lassen, bis der Kopf nur rauchte. 

Das Seminar war das letzte und einzige, dass ich jemals bezüglich des Schreibens besucht habe. Und mir lag auch nicht so viel daran, zu irgendetwas irgendetwas zu schreiben. Aber man wurde recht schnell dahin gebracht, wie das so funktioniert, wie man managt. Und es waren in der Schülerzeitung alles hauptsächlich “Männer”, die gemanagt haben. “Frauen” schrieben Artikel über Schul interne Dinge, Exkursionen, Projekttagen, was da immer anstatt. Männer wurden wohl auch darin bestärkt, sich in diese Rolle hineinzufinden. Und in Schreibseminare bekamen sowohl Mann als Frau das Schreiben von irgendetwas über irgendetwas beigebracht.

Das Schreiben über Gefühle… Tagebücher schreiben, das ging sowieso nicht. Und ich wüsste nicht, wann das im Deutschunterricht dran war. 7 Klasse? Man verzeihe mir mein Gedächtnis. Aber soweit ich glaube, waren Gefühle in Textanalysen eher höchst unangebracht. Mein Deutschlehrer kritisierte am meisten an meiner Abiklausur, dass darin eine persönliche Anrede an den Autor des zu analysierenden Textes enthalten war. Eine, die das Gefühl von Entrüstung zum Ausdruck bringen sollte. Auf die Zeile war ich besonders stolz, sie war leider nur 4 Punkte wert. Und insgeheim fand mein Deutschlehrer sie vielleicht doch gut, aber er fand es scheiße, dass ich mir damit meine Note versaute, weil ich die formellen Dinge nicht beachtet habe. Ich grinste und war glücklich. 4 Punkte waren mehr als nötig um sich von dem Lehrer freudig zu verabschieden und in die Sonne zu spazieren.

Gefühle sind zu managen. Über sie zu schreiben… am Ende eine Unsicherheit.

Und das mit dem managen. Emotionen und Gefühle und all das. Ich merke zu mindestens an mir, wie es sich mit den Vorbildern verhält, die man da in sich trägt. Ich wäre vorsichtig, es so auf andere Männer zu übertragen, aber wo möglich gibt es Parallelen. 

Als Beispiel möge das Begräbnis meiner Oma dienen. Es war mein Vater, der mir die Nachricht von dem Tod überbrachte. Er saß neben mir im Bett als ich aufwachte. Das Gefühl sprang einem mitten ins Gesicht. Vater sitzt nicht einfach so neben einem im Bett und weckt einen. Er sagte dann das, was das Gefühl schon sagte. Er nahm mich in den Arm und ließ mich weinen. Später waren wir drei Kinder im Wohnzimmer, während Vater und Mutter im Esszimmer die Begräbnisformalitäten erledigten. Mein Vater war ruhig, er bekam das gemanagt, es bebte nicht allzu sehr in ihm, die Schale war stabil und strahlte Ruhe aus. In der Mutter bebte es, die verlorene Mutter trieb ihr immer wieder Tränen in die Augen. Sie wirkte gebrochen. Es vergingen wenige Tage, ich wurde von einer Klausur in der Schule auf die Beerdigung gefahren. Dann saß ich direkt vor einem Sarg, ich hätte meine Hand auflegen können. Das war der Augenblick, wo es mich zerissen hat, meine Brüder ebenso. Es klimperte ein Keyboard, was mich wütend machte, meine Oma mochte schließlich Klavier und besonders Ballade pour Adline von Claiderman. Keine Ahnung, wie es in dem Augenblick meinen Eltern ging, ich hab kein Eindruck mehr davon im Kopf. Der Leichenschmaus war befreiend, so pervers es klingt. Als wir zu Hause ankamen, spielte ich mit meinem Vater Abends Schach. Meine Mutter lief eine Zeit lang sinnlos hin und her bis sie sehr impulsiv in Tränen ausbrach. Vater managte das gut, er blieb ruhig, versuchte da zu sein, inwiefern es ihm gelang, kann ich schwer sagen. Ich war ziemlich perplex, dass ruhige Schachsiel passte, war nicht falsch, es war angenehm, nicht alleine sein zu müssen. Und es war eine klare Ebene, man hatte etwas zum Nachdenken. Mutter hatte das nicht mehr. Es war alles gemanagt, was gemanagt hat werden müssen. Und in dem Augenblick kam etwas durch, was wie ein unglaublicher Schmerz auf mich wirkte, der zerreißt und eine Kluft zeigt, die bisher so nicht sichtbar war. Auf einmal war das Schachspiel eine Situation der Gefangenheit. Ich fühlte mich unglaublich falsch in dem Augenblick. Wie konnte ich nur Schach spielen während in einem Menschen so etwas passierte, was man davor schon ein wenig spüren konnte? Ich wusste nicht wirklich gut zu reagieren, und war meinem Vater durchaus dankbar, dass er etwas tat, irgendetwas, und nicht Schach weiter spielte.

Ich weiß nicht, ob bei meinem Vater ein solch Ausbruch nach aussen (also kein Einbruch) haben wird. Vor allem nicht bei dem Thema Tot, dafür hat er am Ende den Prozess viel zu oft durchleben, aushalten und wahrscheinlich vor allem “managen” dürfen. Ich kann mich an keinen Ausbruch erinnern, und ich  habe es auch nur einmal geschafft, ihn rasend wütend zu machen und hinter mir herrennen lassen. Ich habe ihn oft gefragt, wie er das eigentlich aushält, mit all den Leuten, die ihn den ganzen Tag vollseiern mit Problemen und Geschichten. Ich fand das schon strange genug, wenn man ans Amttelefon ging, mit Nachnamen meldete und eine Lebensgeschichte erzählt bekommen hat, oder die Menschen vor der Tür, wo es jedes Mal richtig schwer im Gefühl wurde. Keine Ahnung, wo er seine Wut und Aggression lässt, er joggt sie wahrscheinlich raus, so lang, bis der Knöchel kaputt ist. Vielleicht hat er den Jesus am Kreuz auch schon einmal angeschrien. Ich hab das nie mitbekommen. Zu seinem Bild würde eher passen, dass er sich selig und ruhig in die erste Reihe hockt, die Ruhe genießt und sich ein paar Gedanken macht. Er hat nicht geschlagen und seltenst geschrien, er hat bis zur Vergasung diskutiert und man konnte ihn auf die Palme bringen, aber nie zur Explosion. 

Ich habe lange studieren können, wie das mit dem managen geht. Ich hab sogar ein richtiges Studium aufgesattelt, um mich an dem Punkt zu “professionalisieren”. 

Und soweit ich mein Umfeld einschätzen kann, kommen sehr viele aus guten Managerfamilien, wo das mit den Emotionen und Gefühlen klar geregelt ist (auch und vor allem vom Verhältnis weiblich/männlich). Und es ist durchaus ein Reifeauszeichnung, sich genau an dem Punkt managen zu können. Ein Mann, der in Extremsituationen belastbar ist und seine Gefühle unter Kontrolle hat, der ist einiges wert. Egal in welcher Branche, das wird gerne gesehen. Ich würde da sogar ein gefühltes proportionales Verhältnis zwischen gefühlter Männlichkeit und eigenem Management vermuten. Und als steife These obenauf: darüber zu Schreiben, gleicht nur einer Verunsicherung des Managements. Denn das würde bedeuten, erst einmal zu dem Nichts zu stehen, dem weißen Blatt, der Unsicherheit. Und sich damit zu beschäftigen, was man so tunlichst verdrängt. Einigen sind Gefühle und Emotionen am Ende auch mind. einmal im bisherigen Leben als Waffe begegnet. Sie wussten zB nicht, was sie auf die Frage antworten sollten, ob sie denn jemanden vermissen würden. Der Manager denkt sich: Abteilung Gefühl und Emotion ist zuständig, trotzdem die Verteidigungsabteilung aktivieren, wir brauchen positive Öffenlichkeitsarbeit und zur Not einen Exit Plan.

Gefühle sind nicht so einfach. Sie könnten ja auch unangenehm sein. 

Und mann ist froh, so lange nicht nach ihnen gefragt wird. Denn Abteilung Emotionen und Gefühle macht generell nur Probleme, bringt den ganzen Laden durcheinander. Und wir vermeiden explizit den direkten Zugang zu gewissen Gefühlen wie zB Aggressionen.

 

Es ist das eine, in Es-Dur zu versuchen, etwas Gefühlvolles zu spielen. Es ist etwas anderes, die Tonart voller Wut zu zerlegen. Beides aber nötig, anscheinend. Aber Wut stellt man ungern aus. So wie Gefühle generell, dass könnte zu schnell zur Bezeichnung “Frauenversteher” führen. Und ich kenne nur Männer, die dann gerne süffisant grinsen, aber die Bezeichnung so lieber nie tragen wollen. Wir wissen um die Schale, die haben wir studiert, wir wissen, wie sie dicker und wertvoller wird. Das haben wir gelernt, darauf haben wir Noten bekommen. Wir hatten Vorbilder, die uns darin schulten, zu Hause wie auch in den Institutionen. Es war nicht einfach zum Manager zu werden, wir werden nicht mehr darauf verzichten. Und vertiefen uns darin, es so zu tun, wie wir es gelernt haben. Wir schreiben irgendetwas über irgendetwas, managen Blogs und sehen darin eine Herausforderung, sie zu Offset Qualität zu bringen.

Unsicherheit behalten wir für uns. Wir sind noch nicht weit genug, andere Bilder auszuleben. Dafür fehlt uns die Sicherheit bereits fertig gegangener Wege.

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