wir sind anscheinend noch nicht soweit

Ein Thema, um sich die Finger zu verbrennen.

Es gibt also Menschen auf dieser Welt, in unserer Gesellschaft, mitten unter uns, über die man redet, wenn man über Gewalt, Misshandlung oder Vergewaltigung von Kindern redet. Und diese Menschen schaffen es durch ihre Handlungen enorm viel Emotionen in Menschen zu erzeugen. Es reicht, davon zu hören, und der Magen fängt an, sich zu verkrampfen bis umzustülpen.

Und vorneweg, egal welche Handlung, sie ist zu verurteilen, sie ist widerlich und verachtet Leben, das vieler, weil es am Ende mehr Opfer gibt, als man denkt. Und es ist absolut richtig, diese Menschen zu verurteilen, aber, bitte bitte, in einem demokratischen Verfahren.

So sehr man das herrschende demokratische  Prinzip (was oft wie keines wirkt) hassen mag, an der Stelle der Verurteilung finde ich es eine enorme menschliche Errungenschaft. Denn es macht Sinn, dass sich jemand mit den mindestens zwei Seiten beschäftigt, und wenigstens versucht, ein möglichst “neutrales” Urteil zu fällen. Neutralität immerhin als Anspruch, auch wenn man weiß, dass man ihr nur schwer gerecht werden kann. Wie sollte ein Urteilender frei von dem Einfluss der Gesellschaft sein, in der er lebt. Von Medien bis allen anderen prägenden Institutionen abgesehen, kein Mensch ist alleine, man unterhält sich, so wie ich auch heute.

Ich habe an anderer Stelle einmal geschrieben, dass es schwer verständlich ist, wie das mit dem Strafmaß ist. Und die makabren Erfahrungen eines Freundes im Kopf, bin ich so gar nicht derjenige, der der Meinung ist, dass die “Bestrafung”/Verurteilung von Menschen, die sich an Kindern vergangen haben, in einem guten Verhältnis zu anderen Verurteilungen steht. Es könnte Hohn in den Augen der Opfer sein…

Doch bin ich auch generell nicht ein Freund des Wegsperrsystems. Das hat für mich wahrlich etwas mit Verdrängung zu tun. Was soll es es bringen, Menschen alleine wegzusperren? Was soll es bringen, ausser dass diese Menschen noch verspulter im Kopf werden, als sie es sowieso sind. Einem Menschen mit depressiven Hang würde man ja am Ende auch erst einmal raten, unter die Menschen zu gehen. Und da ja eigentlich so etwas wie “Resozialisierung” oder “Wiedereingliederung in die Gesellschaft” am Ende dabei heraus kommen soll. Weil ein lebenslänglich ist in Deutschland ja auch vergänglich. Wenn wir also einen Menschen wieder zum “funktionierenden Teil unserer Gesellschaft” machen wollen, dann könnte man am Ende mehr tun, als nur wegzusperren… in der Psychatrie ist man immerhin schon ein wenig weiter heutzutage. Man schickt sich an, diesem Auftrag irgendwie nachzukommen.

Bei Menschen, die sich an Kindern vergehen, ja aber, da wollen wir das ja gar nicht. Die soll man doch bitte wegsperren, für immer, schade, dass die Todesstrafe nicht mehr gibt, aber dann sollte man sie immerhin kastrieren. Solche Menschen haben auf jeden Fall kein Recht mehr, unter uns zu leben, überhaupt zu leben.

Das sind Aussagen, die man dann hört. Mit einer absoluten Überzeugung dahinter.

Und es schreit in mir, auch wenn ich bei diesem Thema nicht unbedingt die Gegenseite vertreten will, so muss ich doch vehement widersprechen, weil, verdammt, es nun doch nicht so einfach ist.

Ich verstehe, dass für Eltern das ganze Thema ein unglaublicher Trigger sein muss. Da gehen alle Antennen an und das ist wundervoll so. Das ist ein große Errungenschaft zu früheren Zeiten. Ich bin sehr froh darüber. Die Vorstellung, dass dem eigenen Kind solches widerfahren könnte, ein absoluter Alptraum.

Aufgewachsen in einem pazifistischen Elternhaus, bin ich selbst nur ein einziges Mal mit tätlicher Gewalt in der Familie konfrontiert gewesen. Meine Mutter hatte mir eine gewischt. Soweit ich mich daran erinnern kann, war die Situation gut chaotisch, meine Mutter mit dem kleinen Bruder beschäftigt, weil ich dem am Ende davor weh getan hatte. Wie auch immer, es gab eine Watsche, um wieder ein bisschen Ordnung ins Chaos zu bringen. Hat funktioniert einigermaßen für den Moment, dafür dürfte wohl meine Mutter weitaus mehr Stürme in sich ertragen, mit Scham und Schuld und Erklärungen kämpfen. Es belastete meine Beziehung zur Mutter nicht so sehr, ich hatte das aus dem aktuellen Gedächtnis einigermaßen drängen können, weil ich das Gegenteil auch sofort wieder spüren durfte. Ausserdem konnte ich auf eine “sichere Bindung”, wie man es wohl schimpfen würde, zurückgreifen. Es blieb etwas übrig, verblasste nicht wie andere Kindheitserinnerungen. Was mögen also viele Schläge der eigenen Eltern für Spuren hinterlassen…

Und ich erwähnte bisher nur die Handgreiflichkeit, die psychische und emotionale Kindesmisshandlung ist da noch gar nicht enthalten. Und wenn die Statistik stimmt, dann widerfährt jedem 10. Kind irgend eine Art von Misshandlung. Und das sind dann doch verdammt viele. Das trifft dann nicht nur die Kinder, die gestorben sind, die Extremfälle. Das ist die traurigste Eisbergspitze…

Wenn man also die Spitze verbannen will, warum schiebt man dann nicht den ganzen Berg hinterher? Also jedes 10. Elternpaar könnte dann am Ende weggesperrt, oder kastriert, oder sonstwie verurteilt werden. Das wären dann aber schon einige Menschen, die wir wegsperren müssten, um all das Böse aus unser Gesellschaft zu verbannen. Und wer weiß, am Ende ist “das Böse” dann immer noch nicht weg? (Es könnte aber eine möglich Lösung des Klimaproblems sein, alles menschlich Böse wegzusperren. Der letzte schmeißt den Schlüssel weg. Traumbedingungen für Natur zur Regeneration)

War meine Mutter also vom Bösen besessen, in dem Augenblick, in dem sie mir eine auf die Backe gab? Vermutlich nicht, es gibt dafür sicher eine logische Erklärung, wie es dazu kommen konnte, dass die ganzen wohl erlernten Konfliktbewältigungsstrategien versagten und es einen Impuls für etwas gab. Würde man nun genau nachfragen und nachhaken, woher dieser Impuls kommen könnte, welche Bilder in dem Menschen sind (Erinnerungen, Erlebnisse, Erfahrungen), würde man am Ende vielleicht noch ein wenig besser verstehen, wer oder was dafür verantwortlich sein könnte.

Eine Warnung vorneweg. Das Nachhaken und Fragen könnte unangenehm sein. Man könnte hören, dass man früher selbst so gezüchtigt wurde, und wenn man ein guter Zuhörer ist, hört man vielleicht Geschichten, die man eigentlich nie hätte hören wollen. Da gehen einem Kind aus pazifistischen Elternhaus die Augen und Ohren über, wenn man hört, wie es in anderen Elternhäusern zuging, von Menschen, die alltäglich um einen sind. Wenn dann der Gürtel kommt, dreht sich bei mir auch schon der Magen um…

Man versucht also einen Impuls zu verstehen. Doch irgendwann hören die meisten auf, etwas verstehen zu wollen. Sie verurteilen dann gerne. Und ich würde mich trauen zu behaupten, dass diejenigen, die am heftigsten verurteilen, selbst Opfer waren. Das Täter-Opfer System multipliziert sich gerne weiter, hat man irgendwann mal verstanden, von aussen besehen jedenfalls, nicht von innen, da multipliziert man fleißig.

Um also den netten Teufelskreis zu durchbrechen ist das wohl am häufigsten eingesetzte Mittel: das Verstehen. Nur was man versteht, kann man am Ende auch ändern. So arbeiten die mir bekannten Therapien allesamt. Sie versuchen zu verstehen, etwas zu greifen, um ihm mächtig zu werden. Manchmal ist es nur eine Ahnung, die einen ein wenig mehr verstehen lässt.

Für die meisten Kindesmisshandlungen wird man mit dem Mittel des Verstehens auch relativ weit kommen, dass was wir aber nicht verstehen, weil es sich uns versperrt, dass macht Angst. Und egal ob es um Kindervernachlässigung geht oder schwere Misshandlungen, Inzucht, Vergewaltigungen, es ist schwer, zu verstehen, was einen Menschen dazu bringen kann. Man will es auch nicht verstehen…

An dem Punkt treten wir gerne selbst in einen inneren Konflikt. Das Hinterfragen stößt am Ende an sehr unbewusst vorhandene Ängste oder auch unbewusste Bilder, Phantasien, Vorstellungen. Es ist wohl ein rechter Hammer von Argument, aber es gibt viele Menschen, die das Argument an solchen Punkten anbringen. Und so dumm finde ich es nicht: Eine vollkommen rasierte Vagina ist nicht unbedingt so von der Natur bisher angelegt (Die Fachbiologen kommen nun bestimmt mit, Evolution, Haare gibt es bald gar nicht mehr – ich beziehe mich aber auf die Gegenwart, die haarig ist, im wahrsten Sinne des Wortes!). Aber eine rasierte Vagina kommt dem Erscheinungsbild des kindlichen weiblichen Geschlechtteils durchaus näher, als mit viel Busch darum herum (Und ich will mich damit nicht direkt an der Opfer-Täter Problematik bezüglich dieses Themas beschäftigen – könnte man sicherlich, allein auf der Symbolik Ebene).

Nein, wir leben sicherlich nicht einer Gesellschaft, die ein hohe Kindheitsideal hat. Bestimmt nicht. Und dieser Fakt könnte uns wohl auch so gar nicht beim Verstehen helfen. Aber vielleicht ist es dann doch ein Puzzlestück… und immerhin eines, bei dem sich ein jeder, egal ob Mann oder Frau fragen kann, was er da macht, bzw mit sich machen lässt.

Ich hab keine Kinder, ich muss keine Angst davor haben, was mit ihnen passieren könnte… vielleicht habe ich auch keine Kinder, weil ich am meisten Angst vor mir selbst habe. Ich sage ungern, dass ich es anders machen würde, als meine eigenen Eltern (und ich habe auch nicht sehr viel Grund dazu!), weil ich weiß, dass ich gar nicht anders kann. Ich kann nur um meine Bilder, meine Erfahrungen, meine Erlebnisse wissen, das, was mich prägte. Ich kann wissen, wie meine Konfliktbewältigungsstrategien aussehen. Ich kann, wenn ich mich sehr gut kenne, wissen, wann ich auf mich aufpassen muss, damit nicht etwas passiert, was ich nicht will. Kenne die Alarmzeichen und weiß dann zu handeln. Ich weiß aber nicht um meinen Impuls, ich wurde bisher nicht allzusehr genötigt von Kindern…

Das ist das, was man mit Menschen auch versucht zusammen zu erarbeiten, die mit ihren Impulsen in negativer Art und Weise  Bekanntschaft machen durfte. Daran kann ich kaum etwas Falsches entdecken. Nur unterstützenswert.

Trauriger finde ich, dass es heutzutage wirklich noch die Ansicht gibt, dass irgendwelchen Menschen ihr Lebensrecht per Verurteilung abgesprochen werden kann, Homosexualität eine Krankheit oder ein Gendeffekt ist und man meilenweit von dem Willen des Verstehens entfernt zu sein scheint. Das tut fast schon weh…

Verstehen heißt auch, Nicht-Verstehen akzeptieren zu können, dass es nicht immer eine genaue Antwort oder Erklärung geben muss.

Es bleibt immerhin die Antwort: wir sind anscheinend noch nicht soweit…

One thought on “wir sind anscheinend noch nicht soweit

  • Stefanie sagt:

    Da hätte ich einen Filmtipp. Falls du noch nicht kennst: little children

    (da sitzt der Pädophile am Ende verblutend auf der Schaukel eines Spielplatzes, nachdem er sich selbst den Penis abgeschnitten hat…)

    Das Problem ist u.a., dass die Menschen sich – vermutlich der Einfachheit halber – z.B. einen Pädophilen immer so hübsch als rohes Monster vorstellen, dem man jegliche inneren Kämpfe abspricht.

    Diese völlig triebgesteuerten blindwütigen rohen Monster mag es sicher auch geben, aber es gibt auch solche, die sich in irgendeiner Nacht unter Tränen und Alkoholeinfluß ihrem Vater anvertrauen, und dabei schwören einem Kind niemals etwas antun zu können -geschweige denn zu wollen- aber man eben eine fürchterlich intensive Erregung verspürte, als das kleine Mädchen auf dem Schoß gesessen hatte, und man seitdem von Fantasien geplagt wird, die man doch gar nicht haben darf und einen zutiefst verwirren und verzweifeln lassen…

    Bei der Suche nach Hilfe stellt man dann erstmal fest, dass es immerhin in einer anderen Stadt, 50km vom Wohnort entfernt, genau einen! Psychotherapeuten gibt, der sich für derartige “Störungen” “zuständig” fühlt und das Projekte wie das der Berliner Charitè relativ einzigartig und hoffnungslos ausgebucht sind.(übrigens gibt es wohl seit März 09 ein ähnliches Angebot der Uniklinik in Kiel!)

    Man hat es wirklich nicht leicht, mit einem solchen Problem Hilfe zu finden. Und es ist bereits ein Hilfesuchen, es überhaupt jemandem zu erzählen. Das hat in dem Fall wohl auch nur dank reichlich Alkohol in Verbindung mit reichlich Verzweiflung funktioniert.

    Naja, und dann sitze mal da, als Vater, mit einem derartigen Geständnis des eigenen Sohnes… keine einfache Situation.

    Jedenfalls wünsche ich all den blindwütigen Verurteilern, Wegsperrern, Kastrierern, Abknallern usw. mitunter gern mal einen Sohn, Bruder, Freund etc., der sich vertrauensvoll mit einem solchen Problem an sie wendet. Das kann ungemein den Horizont erweitern… bzw. den stets notwendigen Blick auf “die andere seite” generieren.

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