Wut, Trauer, Schuld

In meinem letzten Eintrag ging es um Respekt. Ich erwähnte auch den Respekt vor dem Entschluss eines Menschen, sich das Leben zu nehmen.

Als ich fertig geschrieben hatte, plopte ein Chatfenster auf, in dem der Text stand: “der Koni ist nicht mehr”. Es war spät, 1 Uhr, nebenbei, eine unglaublich typische Zeit für ein aufploppende Nachrichten mit solch einem Inhalt und einem daraus folgenden Gespräch. Und egal, ob man am Telefon oder vor einem Chat sitzt, es fällt beschissen schwer, es zu beenden, vielleicht würde man bei dem Telefon daneben einschlafen, während im Hörer es nur noch rauscht…

Mein Gegenüber war sauer, voll Wut. Bestimmt auch Trauer. Aber zuerst begegnete ich Trauer aus einer Unverständnis heraus. Ich habe viele Fragen aus meinem eigenen Unverständnis heraus gestellt. Fragen, die dazu dienen, es wenigstens zu versuchen, das Geschehene einzusortieren. Ein großer Drang, es sich irgendwie erklären und verstehen zu können. Es muss ja schließlich einen Grund geben…

Man versucht den Weg der Zeichen zu gehen, fragt, ob er in Gesprächen jemals solche Gedanken geäußert hatte, ob sonstige Probleme schon einmal aufgetreten sind. Ob irgendwelche Rauschmittel beteiligt waren (bei Suizid erfolgt zu mindestens immer eine Blutuntersuchung!). Wie es ihm generell davor ging. Ob er in Behandlung war oder nicht, ein kritisches Lebensereignis gerade hinter sich bringen musste, … es gibt viele, sehr viele Fragen, die man stellen könnte, und es gibt vielleicht ein paar Antworten, im Idealfall.

Doch was fängt man dann mit dem Puzzlespiel einer manisch depressiven Person, unklar, inwiefern in Behandlung oder nicht, der eigentlich ganz normal wirkte bei letzten Besuchen und seinem “Entschluss”, sich während des Kochens das Leben zu nehmen?

Was brachte einen Menschen dazu, diesen Schritt zu gehen, den man für sich selbst sehr wahrscheinlich sehr ausschließt?

Vielleicht wird man bei der Suche nach Zeichen auch fündig und fragt sich vielleicht auch, warum man nur die Zeichen nicht früher zu lesen verstand, oder wenn man so ein Gefühl hatte, diesem nicht nachging. Warum man nicht früher “eingeschritten” ist, oder versucht hat, “etwas zu ändern” oder “nicht darüber geredet hat”. Vielleicht entdeckt man eigene Versäumnisse, oder erinnert sich sogar an Gespräche, nach denen man immer so richtig fertig und leer war und ein wenig glücklich, dass sie hinter einem lagen und ein Ende hatten (vielleicht musste man am nächsten Tag arbeiten, oder hatte wichtige Termine). Von dort aus, ist es nicht mehr allzuweit zu einem Schuldgefühl, dass in einem bohrt, sich in einen hineinfrisst und unglaublich davon schmecken lässt, dass Leben verdammt noch einmal vergänglich ist. Es gibt nichts mehr aufzuschieben, man hat etwas verpasst, was man vielleicht nun tun will oder gerne getan hätte.

Gefühle täuschen oft, aber sie stimmen meist. Man bekommt in diesem Zusammenhang oft erzählt, dass man es meist sehr gut fühlen kann, dass suizidale Menschen es einen spüren lassen, ziemlich vehement. Sie wissen auf den richtigen Kanälen zu funken. Es ist nur verdammt schwierig, diese zu “dekodieren”. Diese Gespräche, die so schwer fallen, einen so leer saugen… wo irgendwann der Wunsch zur Flucht kommt… die Gefühle funken schon sehr richtig… und auch ich würde inzwischen all den Menschen zustimmen, die sagen, dass man es fühlt, dass es danach schreit.

Ich hatte einmal Unmengen dieser Gefühle, verstand aber kaum, sie zu dekodieren. Gespräche über Balkone machten mir enorme Angst zu der Zeit, vor allem, wenn ich sie im 4. Stock wusste. Vor allem, wenn derjenige, der darüber redet, emotional kaum mehr zu fassen ist. Ich war einmal in einer solchen Situation sehr glücklich, aus der Wohnung fliehen zu können, das Angstgefühl auf diesen leicht unterschwelligen, pocheneden Faktor zu reduzieren, auch wenn der Alltag damit auch kein Spass war. Es war mir schlicht nicht möglich, einen anderen Ausweg als Flucht aus der Situation vorzustellen. Das Leben wird ja so weiter gehen…

Ich nahm in Kauf, dass ich immer, wenn ich an dem Balkon vorbeifuhr, Bilder in mir hatte, wie Polizei und Feuerwehrautos dort stehen würde… ich hasste diese Bilder, und schob sie auf dem weiteren Weg möglichst weit weg, bis ich wieder daran vorbeifuhr. Eine Nacht hatte ich sogar einen verdammt plastischen Traum davon, der mich klitschnass aufwachen ließ. Und vielleicht ist es Spuk, dass ich an diesem Tag einen Anruf aus einem Krankenhaus erhielt… Es ist schön, weinen zu können, weil jemand lebt…

Wut: ich konnte bisher kaum welche davon erkennen. Ich bin nicht sauer, wegen dem, was es mit Angehörigen oder Freunden macht, sehr wohl in der Ahnung, welch Einschlag es allein in das Leben der Eltern sein muss.

Ich kann das sauer auch schlecht einsortieren, wo es genau einzusortieren ist. Ist man sauer, weil es sich jemand leicht gemacht hat? Ist man sauer, wie auf einen “Feind”, der einem Leid zugeführt hat? Oder ist Wut ein Weg, um klarzukommen?

Ich kann es schlecht nachfühlen, spüre nur die Berechtigung dessen. Ich hatte bisher kaum Wut in mir. Damals nicht, als auch jetzt nicht.

Ich habe auch erfahren, dass es kein einfacher Weg ist, die Entscheidung noch viel weniger. Ich weiß, dass der Mensch ringt, unglaublich, es ist die letzte Möglichkeit der Selbstbestimmung. Und die gestehe ich jedem Mensch zu.

Die Entscheidung ist sehr oft nicht fassbar, es liegt nicht immer ein Brief bereit, der versucht etwas zu erklären. Suizide sind oft wahrscheinlich Impulshandlungen, die am Ende eines längeren Weges stehen. Die können auch sehr plötzlich passieren, das Leben ist zu dem Augenblick voller Trigger. Es reicht das passende Lied im Radio, es reicht, wenn man unter Medikamentation steht, es aus eigenem Beschluss abzusetzen, um ein Feuer von Gefühlen zu durchleben, denen man nicht standhält. Ich bin wahrlich kein Freund von Medikamenten, aber bei Psychopharmaka sollte nur ein ärztlich begleitetes Absetzen in Frage kommen. Weil, ja, die machen verdammt viel mit dem Körper und Kopf. Da fängt dann auf einmal wieder wie wild etwas zu feuern an… was man lieber unter Kontrolle hat. Auch Rauschmittel (Alkohol sehr inkludiert!) können einen wunderbar triggern.

Das sollte man wissen. Und wenn man merkt, dass man nicht mehr so wirklich weiß, dann sollte man zum Telefon greifen, oder direkt zum Krisendienst gehen. Und das ist voll ok und nichts, wovor man sich schämen müsste. Dort kann man reden, es gibt Menschen, die geschult sind, genau solche Gespräche auszuhalten. Die Mitarbeiter haben auch selbst die Chance, Gehörtes zu reflektieren. Das hat die Freundin/der Freund nicht! Es spürt nur das Aussaugende, Angst und Fluchtgedanken. An dem Punkt, sollte man sein gegenüber bei der Hand nehmen, und zusammen zum Krisendienst laufen. Und ruhig auch selbst mit den Menschen dort reden.

Und Wut ist ok, weil es unglaublich viel Schmerz ist, den ein solcher wo möglicher letzter Entschluss erzeugt. Man sollte nur der Trauer die Möglichkeit geben… weil eigentlich ist es unendlich traurig, dass ein Mensch für sich diese Entscheidung getroffen hat, so eingeengt irgendwo war und nichts oder niemand für die nötige Weite sorgen konnte.

Das Loch, den Riss kann keine Antwort jemals kitten… es wird etwas fehlen…

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