Wahnsinn

Da war vor ein paar Tagen in der taz ein Artikel über gregorianischen Gesang von Mönchen, der sich in England vor Madonna in den Charts platziert hat. Und ganz am Ende wurde ein Mönch zitiert, der versuchte möglichst zurückhaltend zu formulieren, dass er nicht erwarte, einen hohen Zulauf von “Superkatholiken” zu bekommen, aber er hoffte dann doch, dass ein paar wieder mal die Sinnfrage stellt.

Wow. Die Sinnfrage also.

Warum nur sollte man die sich gerade stellen, wenn man sich eine Cd mit gregorianischen Gesängen reinzieht? Wie der Autor ganz richtig feststellt, gibts auch bei netten Ballerspielen (Halo3 -> Merci Herr Gernert für diese Bemerkung) gregorianische Gesang. Und das ergibt erstmal einen Sinn: vor sich hin metzelnd auf der Sinnsuche. Ich fände das ja gar nicht so verkehrt, da gibt es sozusagen die volle Bandbreite an Eindrücken. Die Kreuzritter hätten sich bestimmt, hätte es damals schon iPods gegeben, mit gregorianischen Gesängen im Ohr ins Schlachtfeld gestürzt. Macht man ja heutzutage. Mit iPod im Panzer zu “highway to hell” im Irak einmaschieren. Aber wie entspannt würde das erst mit gregorianischen Gesang kommen? Wird sich in einem Panzer bestimmt interessant anhören…

Was ich viel schlimmer an der Aussage finde, dass sie davon ausgeht, dass “da draussen” ganz schön viele Menschen herumlaufen, die sich die Sinnfrage so gar nicht stellen. Und auch wenn ich ein wenig verstehe, wie der liebe Herr Mönch auf die Idee kommt, ich wäre mir ja einfach nicht sicher, ob es so ist. Ich würde mich ergo eher davor hüten, es so zu behaupten. 

Ich weiß auch nicht, wie er sich das vorstellt. Sechs Stunden gregorianische Dröhnung bzw Weichspülung und plop, da ist sie die Sinnfrage? Nein, so einfach ist das dann wohl doch nicht, am besten geht man dann doch ins Kloster, fastet, betet, lebt keusch, fromm und besitzlos um sich so ganz der Sinnfrage widmen zu können?

Wahrscheinlich müsste man mit dem lieben Herrn Mönch auch ganz schön lang diskutieren, bis man es stehen lassen kann, dass vielleicht die Sinnfrage auch ohne jeglichen Glaubensaspekt gestellt werden kann. 

Mir selbst fällt es schwer, mir vorzustellen, dass Leben nicht als penetrante Auseinandersetzung mit eben dieser Frage zu empfinden. Mir fällt es schwer, mir vorzustellen, dass all die Menschen um mich herum sich dieser Frage nicht stellen sollen, nicht darüber nachdenken, nachfühlen, grübeln, entscheiden, handeln. Mir fällt es schwer, mir vorzustellen, dass all die Menschen einfach einer Luftblase gleich durch die Gegend schweben. 

Weil, so erlebe ich sie nicht meine Mitmenschen. Ich erlebe sie eher voller innerem Zwist, voll Suche, voll Mauern und dem dazugehörigen Einreisskommando. Voll Zweifel und der Lähmung zu Handeln. Weil ihnen am Ende immer wieder diese Sinnfrage dazwischen kommt. Sich penetrant immer wieder zu einem mogelt. Und dem stetigen vorwärts getrieben sein. (me included)

Dziga Vertov hat einen wundervollen Film geschaffen: a man with a movie camera. (Es gibt auch wirklich einige wundervolle Musik dazu, The Cinematic Orchestra, Biosphere, Michael Nyman, …). Der Film, der für mein Empfinden sehr, sehr schnelle Schnitte hat, eine Flut von Bildern in einen hineinpumpt, geht es grundsätzlich eigentlich erstmal um eine Dokumentation des Alltags um 1920/30 in einer russischen Großstadt. Man sieht also viele Menschen und auch Maschinen, wie sie ihren Alltag abspulen. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Immer wieder Bilder, in denen sich viele Menschen bewegen, viel Bewegung die dokumentiert wird. Das wundervolle an dem Film ist, dass er sich als Medium die ganze Zeit einbringt. Die ganze Zeit sieht man einen Kameramann bei seiner Arbeit, auf der Suche nach dem gewünschten Bild. Und das macht den Film erst so faszinierend. Weil er dadurch Ebene über Ebene schachtelt.

Der Film ist von vorne bis hinten eine reine Sinnfrage. Und er ist so gar nicht langsam, fromm, keusch und in sich auf der Suche. Sinnlich, ohja, und ungemein treibend in seiner Suchbewegung. Denn für mich gibt der Film keine klare Antwort. Er stellt nur viele Fragen. Und das Bild der herumwuselnden Menschen ist wundervoll im Kontrast zu den Kleinigkeiten, die man auch immer wieder zu sehen bekommt.

Auch wenn der Film das Funktionieren des Ganzen immer wieder in den Mittelpunkt stellt, er unterwirft sich ihr nicht. Ich finde diesen Blickwinkel ungemein wichtig. Wie standen wir als Kinder gebannt auf Autobahnbrücken und schauten lange der funktionierenden Maschinerie unter uns  zu. Züge, Flugzeuge, wundervolle Orte, um sich der Sinnfrage zu stellen. Schienen tragen die Ahnung in sich, dass sie weiter reichen, als man momentan sehen kann.

Wir sind genötigt, penetrant, dieser Welt, wie sie um uns herum ist einen Sinn abzugewinnen. Und ich glaube, dass tun alle Menschen irgendwie auf ihre Weise. Wir kommen gar nicht umhin. Damit will ich nicht sagen, dass wir in einer Gesellschaft leben, die die Sinnfrage provoziert. Aber wir reiben uns ungemein an ihr.

 

Ich kann mir also definitiv nicht vorstellen, dass Gregorianische Choräle etwas anderes als primäre Bedürfnisbefriedigung für die Massen sind. Und es ist bestimmt nicht die Suche der Sinnesfrage. Ist nur perfekt zu chillen, mal was anderes. Mal Abschalten von der ganzen Sinnfindung. Da kann er noch so viel hoffen der liebe Herr Mönch.

Und falls ihm langweilig werden sollte bei der einseitigen Sinnsuchung: einfach mal raus gehen. Sich auf eine Eisenbahn oder Autobahnbrücke stellen. Und genießen… den Wahnsinn…

 

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taz: Gernert, Johannes – Irdischer Pophimmel, 11.07.2008

Wikipedia: Der Mann mit der Kamera

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