Clueso – So sehr dabei

Vorne weg, eine kleine Anekdote. Der iTunes Music Store ist ganz bestimmt ganz toll. Da kann unsereins also nun sein Geld lassen. All die anderen Mühen vergessen. Und der iTunes Store will es einem einfach machen und natürlich auch die ganze Sache noch schmackhafter machen. Also machen sie nette Banner, auf den sie den Text nageln “Jetzt vorbestellen!”. Darauf geklickt erfährt man dann, dass wenn man jetzt vorbestellt, nicht nur bei Veröffentlichung automatisch das Album bekommt, sondern noch zusätzliche Audiokommentare. Toll. Ein weiterer Button gedrückt und schon hatte man das Album “vorbestellt” und muss sich keine weiteren Gedanken machen. Irgendwann bekommt man dann den iTunes Newsletter und erfährt, dass das neue Album veröffentlicht ist. An dem Punkt wundert man sich vielleicht schon, warum man es dann noch nicht angehört hat, aber spätestens wenn man im Store nachgeschaut hat, es kaufen könnte, und es eigentlich ja schon gekauft hat, aber immer noch nicht hören kann, dann wundert man sich doch wirklich ein wenig. Zeit also, seinen Unmut zu äußern. Bis man jedoch den Ort gefunden hat, wo man dem iTunes Store eine E-Mail schreiben kann, da muss man schon ein wenig suchen (ist ja auch eine mühselige Sache so ein E-Mail Support, ein Unmutabladeort). Eine nette Frau Katja Hoffmann aus Irland(¿) antwortet dann sogar noch: 

Vielen Dank, daß Sie das Album von Clueso vorbestellt haben. Das Interesse unserer Kunden an diesem Album hat unsere Prognose weit übertroffen. Wir wissen, daß Sie bestrebt sind dieses neue Album zu bekommen und wir arbeiten daran, daß es es Ihnen sobald as möglich zur Verfügung steht.

Das fand ich schon einmal ganz nett. Ich wollte nur nicht so ganz verstehen, warum ein zu großes Interesse eine Prognose übertrifft. In meiner Vorstellung gibt es da irgendwo eine tolle Software mit tollen Buttons (ich würde es ja gerne mal sehen, das iTunes Store Backend!) und da sollte es doch kein Problem sein, bei Veröffentlichung den Veröffentlichungsbutton zu drücken und zack, bekommen alle “Vorbesteller” die heiß ersehnte E-Mail mit der Kaufinfo. Das versuchte ich also der Frau Hoffmann zu erklären. Ich mein, das ist ja systemisch gesehen kein Problem, kann keins sein, weil der Prozess von Vorbestellungen im iTunes Store generell integriert ist. Also wird er technisch kein Problem sein. Punkt.

Ich hätte ja an viele Dinge gedacht, aber die folgende Antwort, die fand ich richtig nett, und ganz sicherlich, der iTunes Store hat tolle Buttons, das Problem bleibt der Mensch:

leider ist es oft so, dass das Bonusmaterial, welches in einem vorbestellten Album enthalten ist, von den Plattenfirmen nicht rechtzeitig zur Verfügung gestellt worden ist.

Das bereits erhältliche Album enthält dieses Bonusmaterial nicht.

Und an dem Punkt muss der Systementwickler tief in sich hineingrinsen. Immer das Contentproblem. Aber ich kann das schon verstehen… Audiokommenatre… nette Sache… und es gibt bestimmt sehr viele nette Dinge in dem Leben eines Clueso. Und so ein Audiokommentaretermin… Hmmmmm…

 

 

Doch kommen wir zur Hauptsache. Einem neuen Album von Clueso. Vielleicht hat man darauf gewartet, alleine schon wegen der kontinuierlichen Vorbereitung. Da gab es eine Single, ein iTunes Live Konzert. Also hatte man den ein oder anderen Song des Albums schon einmal angehört. Das schöne an solchen Vorbestellungsdingen ist, dass man sie dann erst einmal vergessen kann. Umso schöner, wenn dann die Platte ein bisschen unerwartet aber genau passend aufschlägt.

“Barfuss” – die Eröffnung. Das Lied schmeckt schon ungemein nach Sommer… oder Frühling im Übergang. Angenehm sanft.

“Augen zu” – also an sich funktioniert der Song, aber ich kann mich noch nicht ganz entscheiden ob ich das “baba uuuhhh” nicht ein wenig overdosed finde. Das schöne an dem Song ist, wenn er sich nach 3/4 zuspitzt und die Akkordfolgen ums Ohr fliegen und die Stimme bei “kleinen” und “schönen” so fein bricht. Das drückende Ende… hmmm… ich hätte es spannend gefunden, es im Bruch enden zu lassen, zu viel Rock für die feinen Wechsel davor. 

“Wir woll’n Sommer” – Es ist Sommer, seit Tagen. Und wie könnte man besser überprüfen, ob das Gefühl von Sommer getroffen ist, als wenn man ihn gerade spüren darf. Der Song funktioniert im Sommer wunderbar, er trifft das Gefühl verdammt gut. Glückwunsch dazu. Der Rhythmus, sehr angenehm. Das Schlagzeug sehr klar und prägnant, der Hall ungemein passend. Man könnte auch sagen, die Erdung passt, um die flirrenden Stimmen zu ertragen ;). Der Nieser, perfekt! 

“Geisterstadt” – ist musikalisch wirklich genauso drückend, wie die textlichen Eindrücke. Das Lied hätte man auch in Magdeburg gut im Ohr haben können, wenn man sich mit den Fahrrad in manch Aussenbezirke schlug. 

“Utopie” – ein Wort, von dem ich ziemlich Respekt habe. Und dann kommt es auch noch dick und fett daher. Wäre da nicht dieser Bruch, ich würde das Lied so gar nicht mögen. Aber das Lied bricht genau bei 1 Minuten und 8 Sekunden. Der Bruch wirkt ein ganz klein wenig gehetzt. Das ist ein bisschen schade. Je öfter man das Lied hört, desto mehr Zeit könnte dieser Bruch sich Zeit nehmen, das Klavier mit aller Ruhe und Gewissheit in den Bruch gehen, sich nicht hetzen lassen. Die Klarinette (ich hoffe, ich liege richtig), die sich sanft mit ins Spiel schleicht und eigene Wege geht, die Harfe, die Streicher, die Bläser, ein großer Wurf, große schwere Melancholie. Mit ein bisschen Hang, ins Kitschige abzugleiten. Erinnert irgendwie ein wenig an Filmmusik in den Bögen der Musik, das An- und Abschwellen. Dagegen steht die “Angst” als Wort. Das darf dann live nur nicht aus der Büchse kommen ;)

“Pause” – ein wundervoller kleiner Schnippsel. Wirklich. Der könnte ewig so weiter gehen, so zerfetzt und ruppig und doch so unglaublich dahin schwimmend. Herrlich. Ich war schon immer der Meinung, dass Pausen viel zu kurz sind, und dieses ist es ganz gewiss. Ich versteh das nicht ganz, warum das ausfaden muss, als es gerade angefangen hat. Warum nimmt sich die Pause nicht mindesten eine Minute mehr Zeit? Lässt sich mehr dahin treibend. Das ist wirklich schade… da hätte die Band ruhig mehr Raum bekommen können!

“So sehr dabei” – das Lied, was dem Album zu mindestens Patenschaft stand. Klopft den durchaus “rockigen” Eindruck des Albums final fest. Oder vielleicht TripHop? Irgendwie düster, monumental. Aber sehr angenehmer Text. 

 

Alles in allem ein sehr wundervolles Album. Ich mag es sehr. Es sind sehr angenehme Stücke dabei, angenehm ruhig, vorwärts treibend. Viel Gitarren in anderen Stücken. Angenehm wenig gerade Dinge. Lieder mit Brüchen. Sprechgesang, der das alles trägt, trifft es durchaus. Die Musik in ihren Bögen steht in ihren Bögen weit mehr im Vordergrund als es im HipHop üblich sein muss. Die Band nimmt einen großen Part ein, kann diesen Raum aber auch wirklich musikalisch kreativ ausfüllen. Das merkt man spätestens bei “Pause”. Gerade deswegen ist es so schade, dass es so kurz ist. Die Jungs können durchaus einiges. 

Norman Bates – Backup Vocals
Christoph Bernewitz – Gitarre
Daniel Bätge – Bass
Philipp Milner – Klavier
Paul Tetzlaff – Schlagzeug
DJ Malik – Plattenspieler
Christian Kohlhaas – Posaune

 

7 Monate Arbeit an verschiedensten Orten, zuletzt Aufnahme in Spanien. Ralf Christian Mayer (Herbert Grönemeyer, Die Fantastischen 4, Xavier Naidoo, Joy Denalane, James Last, ASD (Afrob/Samy Deluxe), Die Happy, Lucy (No Angels), Tiefschwarz, Mary J. Blige, …) hatte wieder seine Finger im Spiel. Und ich glaube, er hat da schon auch einen gewissen Part, dass es so klingt, wie es klingt. Dick, wenn es dick sein soll. Doch nie ohne feinste Nuancen. Gerade bei Utopie kann man seiner Arbeit lauschen. Leise, sanft und schwimmend, wenn es so angedacht ist. Ein Feuerwerk auf die Ohren. Gerade so etwas wie eine Klarinette oder eine Harfe, die spontan hervortreten und dann von der Gitarre abgelöst werden. Schön, sehr schön. 

Ein sehr gelungenes Album, sehr musikalisch. Sehr angenehme Texte, viel Nachdenklichkeit. Ich gehe das ja immer eher von der Musik aus an, und die passt auf jeden Fall zu den Texten.

Würdest du sagen, dass du mit der Zeit reifer bzw. ernster geworden bist? 
Das ist ein Stück weit auch gewollt. Es gibt viele junge Leute, die auf mich aufmerksam werden, wie durch so eine TV-Geschichte, da kriegt man ein ziemlich junges Publikum. Aber es gibt auch viele ältere Leute, die die Musik hören, die mit meiner Musik auch mitwachsen. Das heißt, die sollen beim Clueso-Album-hören auch was für sich entdecken.

Das können sie. 

Glückwunsch Clueso mit Band und vielen Dank dafür!

 

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