Wer ist eigentlich Paul?

Das ist auf jeden Fall ein Satz, den ich schon immer einmal schreiben wollte.
Zeit es zu tun.

Und eine Klingel ist etwas unglaublich fantastisch, auf vielerlei Weisen. Sie stiftet im kaputten Zustand unglaublich angenehme Stille. Überall klingelt es, nur bei einem selbst nicht. Das tut alleine dann schon gut, wenn es überall gleichzeitig klingelt. Und wenn man dann rangehen würde und “hallo?” fragt, dann würde dieses unglaublichst ätzendste “wääääärbung” kommen, das ich je in meinem Leben gehört hab. Das hört sich immer so unglaublich genervt an, dass ich darauf verzichte, den Türöffner zu drücken. Keine Klingel, keine Werbeklingler, toll. Nur noch Leute, die klopfen, weil Eingangstüren kein Hindernis sein müssen (man lernt ja dazu). Also so ne kaputte Klingel hat was. Mein Untermieter hat sie selbst abgeklemmt, auch ne Lösung. Ich hab einfach gewartet. Das reichte voll aus.

Und nun geht sie wieder, die Klingel, mit dem unglaublich netten Ton. Und das Ding ist nicht gerade leise, nein, es ist laut, selbst wenn man es ganz leise stellt. Laut, dass ich davon aufwache, ohne Wecker. Fies laut. Es zerfetzt auf jeden Fall den Gedanken, den man gerade hatte. Sie ist bestimmt ungefähr so laut, wie mein Klavier. Also so ungefähr einige Etagen dürften davon etwas mitbekommen. Das mag bei der Klingel schon ein wenig komisch sein, bei dem Klavier ist das leicht unerträglich. Vor allem wenn man in einem Haus groß geworden ist, wo man nur Brüder und Eltern traktieren konnte. Das tat man ja durchaus auch mal allzugerne. Dafür gabs dann per Saxophon und Akkordeon zurück. In dem Haus gab es nur eine Tür, die man geschlossen hat, und dann war man allein, mit seinem Klavier, da konnte unglaublich viel drum herum einfach verschwinden. Mit all den Jahren dort konnte ich das irgendwann durchaus einfach, schnell in diese Welt zu finden. Ich hab nie darüber nachgedacht, wie das wohl wirklich für die Anderen sein mag. Ab und an gab es einen Kommentar der Eltern, aber so etwas ist ja den Erwartungen gemäß sehr wohlwollend meist. Wirklich darüber nachgedacht habe ich erst, als in meiner ersten eigenen Wohnung mit meinem Klavier stand. Und da gab es Mieter neben mir, über mir und unter mir. Unter mir sogar eine Opernsängerin. Und das war irgendwie ab dem Augenblick eine Änderung im Verhältnis zu meinem Klavier. 

Es ist das eine, in Gedanken etwas oder jemanden nachhängend, vor sich hin zu spielen. Es ist aber etwas komplett anderes, im Kopf zu haben, dass man umringt ist von “stillen” Zuhörern. Man zieht in ein fremdes Haus und bringt seine Melodien mit und breitet sie dort aus, ob die anderen nun wollen oder nicht. Sie werden einfach zum Zuhören verdammt. Also hoffte ich, damals mit der Opernsängerin, wie auch heute, dass meine lieben Nachbarn möglichst nicht zu Hause sind. Weil ich grundsätzlich davon ausgehe, dass es unglaublich auf den Sack gehen muss, so ein Klavierspieler. Unberechenbar, auf einmal wird es einfach laut, ob man will oder nicht. Als Sohn eines halben Diplomaten, suche ich da von mir aus ja schon den möglichst nicht so penetranten Weg. Ich spiele eigentlich keine Läufe. Das ist zwar in sich sehr nerdig es zu tun, aber es nervt unglaublich. Also lasse ich es lieber. Und Noten üben… das ist am Ende auch viel zu anstrengend, all die Fehler, die man da immer wieder macht. Ich reduziere es also auf die Eigenheit. Da glaube ich zwar auch, dass es vor allem auf Dauer nervt, aber ich weiß zu  mindestens, das mir so am wenigsten Fehler unterlaufen. Oder ich sie weitaus besser kaschieren kann. Dass mir meine Mutter dann immer erzählt, dass ihr mein Klavierspiel fehle, auch wegen dem Emotionsausdruck, stimmt mich an dem Punkt nicht wirklich glücklich, denn sie hat wohl nicht so unrecht damit. Also ein Musiker würde sagen, mein Gott, ist der heute wieder moll. Oder anders herum: ha, heute ist er aber durig, da muss ja was passiert sein.

Meine lieben stillen Zuhörer sind also am Ende nicht nur genervt, sondern auch noch Zeuge andauernden Emotionsausdruck. Und meist bleiben sie einfach still. Die Opernsängerin sagte mir beim Auszug, dass sie es sehr genossen hätte (und ich schämte mich jedes Mal für das verstimmte Klavier!) und dass es schade wäre, dass es nun weg wäre. Nach 3 Jahren ein Kommentar. 

Ich dachte bei der Wohnung, dass sie hellhörig wäre. Meine jetzige ist es definitiv. Ich weiß gar nicht, ob die Umschreibung noch irgendwie zutreffend ist. Hier braucht es jedenfalls keine Wanzen, hier könnte man den Klogang am Ende noch zwei Etagen tiefer mit protokollieren. Die Dielen knitschen und knatschen unglaublich. Jeder Schritt dürfte unten ankommen. Also ich glaube, dass Klavier hört sich nebenan ungefähr genauso an, wie in meinem Zimmer sitzend. Angenehme Zimmerlautstärke wahrscheinlich ;). 

Die Berliner sind ja ein wenig straighter sagt man. Der Mieter unter mir ist das jedenfalls. Der fragte irgendwann einmal an, ob ich das denn selbst spielen würde und welcher Komponist das dann wäre. Ich sagte, der Komponist bin sozusagen ich. Irgendwie hatte ich das Gefühl, er versteht das nicht so ganz genau. Aber ist ja auch unwichtig. Ich wüsste nur zu gern, an wen es ihn erinnert, an welchen Komponisten. Er versprach es mir auf einen Zettel zu schreiben, sobald es ihm einfallen würde. Ich warte schon lange auf den Zettel ;) … aber dafür weiß ich, dass ich das mit dem “Fluss” gerne Samstag ab 17h spielen dürfe. Dieser “Fluss” hat ihm wohl gefallen, ich glaube, er meint das repetive. Ich hänge ja manchmal gerne in Loops fest. Seitdem spiele ich möglichst immer Samstags um 17h Klavier, weil der Mensch es ja mag, wenn er sich auf etwas verlassen kann. Und dass es ein richtiges Klavier war, störte ihn gar nicht, das entzückte ihn sogar.

Einer von den vielen stillen Zuhörern. Und “Wer ist eigentlich Paul?” passt perfekt dazu. Paul ist auch ein stiller Zuhörer. Und bei Paul bin ich mir ungemein unsicher. Paul ist eher noch ein junger Mann am Ende gleichalt wie ich. Er mag wohl eher HipHop, Rock und dicken Bass. Keine Ahnung ob er Klavier mag. Aber nach vielen Monaten Klaviermusik, wäre ich Paul, ich würde meinen Bass wohl immer fleißig aufdrehen. Oder einfach die Wohnung verlassen? Die Tür knallt schon manchmal kurz nachdem ich angefangen habe zu spielen ins Schloss. Und über mir knarzt es manchmal auch ganz gut. In meiner früheren Wohnung hatte ich immer den Eindruck, dass die Nachbarn über mir anfingen zu hüpfen, wenn es ihnen reichte. Ja, da sind unglaublich viele Geräusche in so einem Haus, und wenn man Klavier spielt, dann geht man irgendwie mit jedem so leicht in Resonanz, und bei knallenden Türen muss man sich nur sagen, dass er es immer so macht. Und wenn ich Paul mal begegne, bin ich immer leicht versucht, mich zu entschuldigen. Sollte ich vielleicht nicht, und das Gefühl an sich ist auch komisch. Aber es macht auch wiederum Sinn, so Wand an Wand lebend. 

Um noch einmal zu der Klingel zu kommen, schließlich muss die noch ihren Sinn erfüllen. Wenn man nun Klavier spielt und es überall leise ist, kein Bass, kein Hüpfen, keine knallenden Türen, und wenn man ein wenig in sich versunken ist, dann ist das fieseste, wenn man von der Klingel herausgerissen wird. 

Wenn man aber gerade aufgehört hat zu spielen, und in diesem Tonbrei noch weiterschwimmt, gedanklich wo ganz anders gestrandet ist, und dann auf einmal die Klingel ertönt, dann ist das leicht, wie aus dem Schlaf gerissen zu werden. Dass man dann, wenn man die Tür geöffnet hat, gesagt bekommt, dass es schön war, ist wie… Ich war auf jeden Fall sehr verdattert, noch eher eine Lautstärken Kritik erwartend, so etwas zu hören. Da stand ein stiller Zuhörer, der nicht mehr still war, weil er die Klingel betätigt hat. Und mit Lob kann ich noch schlechter als mit Kritik umgehen. 

Es ist wundervoll, zu erfahren, dass es nicht nur Last sein muss, sondern auch “schön” sein kann. Es ist komisch, diesen Kommentar aus der Stille, von wo man ihn nicht erwartet, zu bekommen, angekündigt per Klingel. Es wirft nur die Frage auf, wie es wohl sein mag, für jemand zu spielen, der es “schön” fand. Samstag 17h den Fluss, das ist erfüllbar. Schön ist eine schwere Herausforderung, allein in Gedanken. Weil der Musiker hätte heute wohl eher gesagt, man man, das war aber wieder mollig mit einer versuchten Rettung zum Schluss, ausserdem leicht verwirrt und das Ziel aus den Augen verlierend. (Ja, ich möchte wirklich keinen Musiktherapeuten als Nachbarn haben, ganz ganz ehrlich. Das wäre arg schlimm.) So bleibt die Chance, das “schön” selbst einzuordnen. Es war schön mollig. Es war schön verwirrt.

Ich hab schon vor einigen Menschen Klavier gespielt, und dann doch meist so, dass man sich des Publikums bewusst war. Einfach so Publikum zu haben, dass es am Ende auch noch schön findet, ist gar nicht so einfach. Es ist irgendwie da, und doch auch wieder nicht, du hockst mit dem Klavier in ihrem Wohnzimmer sozusagen, aber doch scheint keiner da zu sein, der eigentlich zuhört. Es gibt nicht mehr die magische Tür, die man schließen kann, um in seinem Reich zu sein. Und wenn ich wählen könnte, würde ich wohl eher immer “mit” jemand spielen, der real existiert, hinter, vor oder neben mir sitzt. Das ist greifbarere Interaktion, als stille Zuhörer hinter Mauern. 

 

Und doch ist es irgendwie angenehm spannend, wenn man von solch einer Klingel überrascht wird. Und es ist so was von klar, dass es eher vor dem Auszug passiert, als kurz nach dem Einzug.

Und nein, Paul war nicht der Klingler, wer Paul auch immer sein mag. Paul ist ein fiktiver stiller Zuhörer in diesem Sinne. Und wenn Paul Musiktherapeut wäre, dann würde er ne Menge wissen über mich. Paul wird auf jeden Fall beim Auszug eine Cd bekommen, das hab ich mir fest genommen. Ich stell mir das an sich toll vor. Diese Cd ist dann nämlich seine absolute Garantie, die Emosülzerei nur noch dann zu hören, wenn er es wollte. Es gibt auch so tolle Cd Schredder, die eignen sich dann notfalls zum perfekten, endgültigen Aggressionsabbau.

So ist das mit all den Pauls um mich herum und der Klingel.

 

Und der Klingler: merci beaucoup, ich war zu verdattert für eine sinnvolle Reaktion.
Es hat mich sehr gefreut!
 

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