für meinen freund…

… der das hier nicht einfach lesen kann. Ich muss es ihm erst ausdrucken, per Brief an ein Postfach schicken, und hoffen, dass dieser Brief auch wirklich ankommt und nichts enthält, was irgendwelche Menschen, wahrscheinlich irgendwo in Deutschland in einem Büro sitzend, für unpassend erklären. Sie lesen dann diesen Brief Zeile für Zeile, Wort für Wort, auf der Suche nach irgendwas, vielleicht einem Grund, der es erlauben würde, ihn für unpassend zu erklären. Dann würde der Brief wahrscheinlich konfisziert werden und irgendwo herumliegen, bis ihn mein Freund irgendwann sehr viel später, lesen könnte.

Irgendwann begegnet man der Frage, was das wohl für Menschen sein mögen, die solch Briefe lesen, Zeile für Zeile, Wort für Wort. Wie gehen die damit um, wie verdauen die eigentlich all das Gelesene? Gehen die wie Therapeuten in Supervision und sprechen über all das, was sie da lesen? All die Gefühle, all die Geschichten, all die Intimitäten oder Halb-Intimitäten? Liest da einer immer die gleichen Briefe, oder wird das irgendwie anonymisiert behandelt, also mit einem gut ausgeklügelten “Shufffle” System?

Eigentlich müssten diese Menschen ja auch unter uns sein, vielleicht begegnen sie uns morgens auf dem Weg zur Arbeit? Vielleicht wir sehen einander in die Augen, vielleicht nicken wir einander zu, sozusagen als freundliche Geste. Vielleicht erzählen diese Menschen auch ab und an ihren Freunden die ein oder andere Geschichte, so wie das zB auch die Therapeuten tun, also natürlich tun sie es NICHT, aber es passieren ja so unglaublich viele dumme Dinge auf dieser Welt, und die Substanz solcher Geschichten kann ja in sich drängend sein. Wenn da also vielleicht gar keine Supervision stattfindet?

Aber irgendwie hab ich noch nie von jemanden gehört, dass er wiederum einen Briefeleser als Freund hat. So was bekommt man irgendwie nie erzählt, da gibt es Ingenieure, Architekten, Juristen, Künstler, Sekretärinnen, Schornsteinfeger, die Nerds, nein, was es nicht alles gibt. Aber Briefeleser, nein, das hab ich noch nicht gehört. Ich weiß auch gar nicht, ob das ein angenehmer Beruf wäre. Also ich wüsste ja zum Beispiel schon durchaus, warum ich ein Therapeuten Dasein eher kritisch gegenüber stehe. Briefe sind ja noch schlechtere Gesprächspartner als Menschen. Briefe sind nur herrlich für Konstruktionen. Also was ich schon alles aus Briefen heraus gelesen habe. Briefe von Frauen zB. … unglaublich. Da reicht ein Satz für ein Schloss von Gedanken. Also mit Briefen kann man sich wunderbar zerfleischen finde ich. Aber die Briefeleser haben dann bestimmt eine ganz große Portion von der so genannten “Berufsprofessionalität” weg. Die lesen das mit dem analytischem Auge, dem nichts entgeht, und trotzdem immer die abstrakte Neutralität gewahrt bleibt.

Und wie viele Briefeleser gibt es wohl nun hier in Deutschland, die Briefe wie diese an meinen Freund, der weit weg in einer klitzekleinen Zelle hockt, 23 Stunden am Tag, lesen? 100? 1000? 10000? Hmmmm… will man es wirklich wissen? (Haben sich das nicht Menschen schon immer gefragt, ob sie etwas so wirklich wissen wollen?)

 

Ich habe viel nachgedacht, seitdem mein Freund dort in dieser Zelle sitzt. Ein halbes Jahr hatte ich nun schon Zeit nachzudenken. Und man versteht viele Dinge einmal neu sehr viel anders, von denen man glaubte, sie eigentlich wertzuschätzen. 

Es ist eine große Freiheit, das lesen zu können, was man lesen will, dann wann man es lesen will, einen Brief schreiben zu können, wann man will, mit dem Inhalt, den man schreiben will, ohne eine imaginierte Person sich dazu zu denken, die nicht dazu gehört. 

Eine ungemein viel größere Freiheit ist es, das tun zu können, was man gerade tun will. Nach draussen gehen zu können, wenn man will, in die Sonne schauen, wann man will. Sich selbst einzusperren, wenn man das will. 

 

Und nach einem halben Jahr kann ich nur sagen, dass es absolut unvorstellbar bleibt. Es bleibt unvorstellbar, dass mein Freund irgendwo zwischen vier engen, fremden Wänden lebt. Durch ein kleines Fenster mit Gittern manchmal wohl die Sonne erahnen kann. Man kann sofort bei sich selbst beobachten, wie sich der Gedanke abspaltet und zu einer Parallelwelt wird. Die passt nicht zu der Realität, in der man tagtäglich leben darf. Es passt nicht zu der Sonne, in die man schaut, es passt nicht dazu, wenn man sich zwischen vielen Menschen in die U-Bahn schiebt. Es passt nicht in diese tolle Welt, in der alles passt, sogar wenn die U-Bahn mal streikt. Man muss sich zwingen, es zu verdrängen, weil es einem ansonsten einen dauerhaften brainfuck verpasst. Man würde sich dann nur bei jedem zweiten Menschen fragen müssen, ob er auch ein Briefeleser ist. Und paranoid bin ich ungern.

Jetzt wird es unglaublich viele Menschen geben, die sagen, dass diese Orte, die manch einer nett Knast nennt, oder Gefängnis, oder… dass sie Sinn machen, weil es Menschen gibt, die dort hin gehören, genauso wie es Menschen gibt, die in die Klappse, pardon, Psychatrie gehören. Menschen, die nicht in diese Gesellschaft passen wollen, bzw die Existenz der Gesellschaft gefährden, weil sie sich an gesteckte Grenzen nicht halten wollen. Menschen, die nicht problemlos “funktionieren”. Die nicht passen. Anecken. 

Und sie werden es wohl schwer als Argument zählen lassen, wenn man ihnen erklärt:
Nehmen wir an, sie sind jung, dynamisch, erfolgreich, haben eine Frau, Kinder und einen gut bezahlten Job. Alles läuft wie am Schnürchen, vielleicht am Ende manchmal zu glatt, aber an sich, man soll ja nicht unzufrieden sein. Die Firma ging dann nur pleite, sie verloren ihren Job, wurden Hartz 4, haben schon einige Bewerbungen verschickt, aber meist kam es nicht zu einem Bewerbungsgespräch. Sie blieben zu Hause, weil all ihre Freunde am Tag arbeiteten. Sie kümmerten sich um das Haus, holten Nachmittags die Kinder von der Schule ab. Das war auch alles nicht so das Problem, ein Problem wurde dann eher erst, dass die Freunde immer nur vom Job erzählten, während man selbst nicht mehr wirklich etwas zu erzählen hatte, ausser dass die Nachmittagstalkshows wirklich hohl sind. Also ließ man das lieber mit den Freunden, das war zu peinlich für das Ego. Irgendwie versumpfte man ein wenig in sich, wusste nicht so recht was mit sich anzufangen, wohin die Lebensreise gehen sollte. Die Freundin ging wieder zur Arbeit. Im Bett lief sowieso nichts mehr, weil er mit jedem Tag zu Hause anscheinend gefühlt an Attraktivität verlor. Als die Freundin sich dann irgendwann zur Trennung entschloss, weil sie da jemand neuen kennengelernt hatte, war das ein heftiger Schlag, dass sie die Kinder mitnahm umso mehr. 

Und ab dem Punkt bitte einfach weiterspinnen, in der Psychologie nennt man das Zusammenkommen verschiedener kritischer Faktoren, oder Häufung, die irgendwann die Schwere der “Störung” ausmacht.

Wie viele solch kritischer Faktoren wird es also brauchen, damit sie, du oder ich die Diagnose “Störung” wegbekommen würde? Die Kritiker würden natürlich sagen, soweit kommt es ja gar nicht, man kennt sich ja, ausserdem hat man ja ein soziales Netz. Wirklich? Haben wir alle das? Das funktionierende soziale Netz, wenn wir einmal durchdrehen? 

Ich würde sagen, nein, weil kein soziales Netz in Deutschland so gut sein kann. Deswegen haben wir meiner Ansicht nach Gefängnisse, Psychatrien, Behinderteneinrichtungen, Senioren- und Kinderheime und all die Orte, wo Menschen in einer kleiner Parallelwelt leben. Weil wir Menschen es nicht anders aushalten, nicht anders funktionieren können, als um den Preis des Vedrängens nicht zahlen zu müssen. Wir müssen Verdrängen, um zu funktionieren. Und je besser wir funktionieren sollen, desto mehr müssen wir Verdrängen. 

Wir müssen es einfach schlichtweg ignorieren, dass auch wir diejenigen sein könnten, die einmal durchdrehen könnten. Wir müssen einfach schlichtweg verdrängen, was in uns ebenso ist. Wir müssen sozusagen ein Hochleistung vollbringen, wir müssen nämlich verdrängen, dass wir auch nur Menschen sind. Wir sind sozusagen alle Übermenschen, wir funktionieren, machen nichts falsches, sind gnadenlos perfekt, und suchtartiges Verhalten ist uns grundsätzlich fern, sowie gegen gesteckte Grenzen aufzubegehren.

Mein Vater erzählte mir einmal, dass man sich früher vor Gericht für seine geschriebene Verweigerung erklären musste. Da wurde man dann gefragt, was man machen würde, wenn die Freundin neben einem angegriffen werden würden. Natürlich die Polizei rufen und bis dahin meditieren um nicht selbst zu eskalieren. Und wenn man sich ehrlicher Weiße eine gewaltvolle Verteidigung vorstellen konnte, hatte man schon verloren. Ich persönlich frage mich bis heute, wie man rein gedanklich allein die Benutzung von Feuerwaffen ausschließen wollen würde. Also rein gedanklich kann ich nur konstruieren, dass es die Wahrscheinlichkeit der Benutzung geben könnte. 

 

Und nun die eigentliche Frage, würden sie wirklich wissen, was sie machen würden, wenn all die Stricke, auf die sich verlassen haben, reißen? Würden sie wissen, wo sie anzurufen müssten, wenn sie in absoluter Verzweiflung stecken? Wenn sie keiner mehr versteht, nicht einmal sie selbst? Und wenn dieser Zustand länger andauert als zwei Tage?

Würden sie von selbst ins Gefängnis oder die Psychatrie gehen?
Nein?

Komisch… 

Da bringen wir doch genau diese Menschen hin, die nicht von selbst auf die Idee gekommen sind und erwarten uns irgendetwas davon?!? Und sie können sich eigentlich sicher sein, sie haben auch das Potential dazu, weil sie auch nur ein Mensch sind, wie ich, mein Freund, und all die anderen Menschen auf diesem Planeten. 

 

Ohja, mein Freund muss also etwas schlimmes getan haben, jaja, er muss ja nicht ohne Grund dort sein. Er hat immerhin nicht zwei Minderjährige vergewaltigt und ist nach einem halben Jahr wieder auf Bewährung draussen, wie es einem seiner Zellengenossen erging. Nein, für mehrere Jahre muss das schon schlimmer wiegen. 

Ich würde ja sagen, dass schlimmste, was er gemacht hat, war, für eine gute Zeit lang ein gutes Stück sich selbst zu verlieren. Er hat niemanden umgebracht, er hat niemanden verletzt. Vielleicht hat er zu viele Wände bemalt, war ein Linker, der in einer konspirative Gemeinschaft steckte, vielleicht hat er zu viele Mp3s im Netz verteilt, mit Hasch zu tun, Reifen von dicken Mercedes aufgestochen und Jeeps abgefackelt. Könnte so alles sein. 

Mein Freund hat zwei Minderjährige Kinder. Ich glaube, das hat ihm in dem Zusammenhang schwer Kopfzerbrechen bereitet. Und das wird mir wohl ebenso keiner erklären können. Wie das zusammengeht. 

 

Und nein, ich verstehe es nicht, und ich will es nicht verstehen, auch nicht akzeptieren. Das ist das Land in dem ich lebe, die Gesellschaft, in der ich aufgewachsen bin. Und es macht mich unglaublich traurig, auf diese Art ein Stück mehr erfahren zu dürfen, in was für einer Gesellschaft ich lebe, um welchen Preis sie funktioniert, mit welcher Willkür, mit welch Uninteresse an dem Menschen als Individuum. Zu welchem Preis werden da Exempel statuiert, das ist unglaublich. Und es macht wütend, unglaublich wütend.

 

Eine Gesellschaft voller Menschen, die wahrscheinlich zum größten Teil selbst nicht einmal weiß, was sie machen würden, wenn für sie einmal alles nicht mehr passt. Dafür gibt es keine vorgespeicherte Rufnummer im Handy, da hilft kaum freundschaftlicher Rat, da können Freunde noch so große Freunde sein. Da haben wir nur die kollektive Selbstsicherheit, dass es ja gar nicht so weit kommen würde…

Und wenn dann doch wieder einer durchgedreht ist, und zwei Minderjährige die Opfer sind, dann wird das groß in den Zeitungen stehen, damit wir alle wissen, was wir zu verdrängen haben. Nebenbei bemerkt, gibt es in Berlin ein Programm der Begleitung genau für solche Menschen (Kein Täter werden), die erkannt haben, was ihre “Störung” ist. Schade, dass so etwa als mutig empfunden wird und nur als Experiment läuft. 

Ein zu schöne Vorstellung, dass so etwas mal ganz normal sein wird. Menschen sollten dabei unterstützt werden, sich selbst besser zu verstehen. An sich zu verstehen.

So lange ein Staat Menschen wegsperrt, wird er Aggression schüren. Traurig, dass wir so unglaublich langsam im Verstehen sind.

Mein Freund hat also viel Zeit nachzudenken. Das tut er. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass man zwischen vier engen Wänden sehr anders versteht. Vielleicht versteht man noch viel weniger, als man so schon nicht versteht. 

 

Soviel habe ich endgültig verstanden: es wird Zeit, dass wir mit dem Verdrängen bewusster umgehen! (Ein Paradox in sich, ich weiß) 

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