und… wie gehts?

diese Frage … sie erwischte mich heute zweimal. Ohja, ich mag sie ungemein, sie ist die Eröffnung schlechthin für ein Gespräch. Man zwingt sozusagen sein Gegenüber zu einer Lüge, gleich zu Beginn. Bzw, egal welche Antwort, ist sie nicht ein Herauswinden aus dieser Frage? Man könnte natürlich es therapeutisch handhaben, und einfach zurück fragen, warum das denn interessiert? Aber mit seinen Eltern kann man sehr schnell verstehen, dass therapeutisch denken und fragen nicht immer wirklich erfolgreich sein muss. Umso entzückender finde ich jedoch die Feststellung, dass ein einfaches “gut” als Antwort ausreicht, um es den Eltern auch “gut” gehen zu lassen. Denn wie man mir erklärte, geht es den Kindern gut, geht es auch den Alten gut. Wunderbar denke ich mir da, dann geht es uns ja allen fein beschissen, also eigentlich gut.

Ich habe schon oft darüber nachgedacht, ob man nicht einmal seine Bandbreite von Antworten erweitern sollte. Ein klares “beschissen” wäre ja einmal eine Aussage, statt dessen nuanciert man seine “gut” oder “passt schon”. Man lehrte mich auch einmal “muss ja”. Lässt sich perfekt herausdonnern auf dieses, vor allem im Süden so beliebte, “naaa?”. Im Nordosten ist das auch ein wenig anders mit dem “naaa?”. Das muss nicht immer eine Aufforderung sein, über seinen Zustand Auskunft zu geben. Auf Arbeit ist das als Münchner Macke verschrien. Die Franken machen das aber ebenso. Ich übrigens auch zu gern. Das ist in sich noch paradoxer. Man will an sich gar nicht Auskunft geben, donnert aber auf ein “naaa?” gleich einmal die zurecht gelegten Antworten heraus.

Zur Qual wird diese Frage ja auch erst, wenn man sich seine Lüge allzu gut überlegen muss. Anders gesagt, ich glaube, die Häufigkeit, dass man mich in bester Laune fragt, wie es mir denn geht, ist relativ gering. Da bekomme ich schon eher die Frage gestellt, auf welchen Pilzen und Pillen ich denn heute unterwegs wäre. Und dieser Zustand ist dann wohl doch nicht der Alltag.

Im Alltag hasse ich diese Frage, mit jedem Tag mehr, und ich hasse sie umso mehr, wenn ich meinen Alltag hasse. Soll vorkommen, es gibt so Tage…

Hans Söllner fragte mal sein Gehirn, wie das denn sei mit seinen “Freunden”, die ihn sehen und fragen, Mensch Hansi, wie gehts denn? Und wenn er dann “beschissen” antwortete, drehten sie sich um und gingen weiter. Dem Hansi sein strahlendes Hirn erklärt ihm darauf hin, dass er beschissener Weise so ganz allein für sich ist. Und manchmal denke ich mir, da hat dem Hansi sein Hirn gar nicht so unrecht vielleicht, aber davon abgesehen. Hochachtung, immerhin bekommt er es anscheinend hin, überhaupt ein beschissen rauszuhauen. Wie viele Situationen gab es schon, wo ich mir dachte, diese Umschreibung würde es wohl noch am ehesten treffen, mich aber mit einem “passt schon” in die stille Falschheit flüchtete?

Es wäre konsequent, es wohl in den meisten Fällen einfach zu unterlassen, diese Frage zu stellen. Doch genau an dem Punkt liegt das Problem. Ich würde ja gerne sagen, bitte bitte, verschont mich mit dieser Frage, jede andere, nur diese nicht.

Egal wie sehr ich es mir vornehme. Allein dieser Augenblick, wo man auf seinem Telefon die Nummer eingegeben hat, das Telefon wählt, es klingelt… man wird so dumm im Kopf dabei, dass das erste, was man nach seinem Namen sagen wird, ein “naaa?” oder ein “na, wie gehts?” sein wird. Zu 99,5%.

Es braucht sinnlose Alternativen. Fragen ohne Ziel. Fragen, die am besten Aussagen sind.

Oder ein herrlich platziertes “beschissen”…

One thought on “und… wie gehts?

  • Sanne sagt:

    Mein Vater hat mich vor einiger Zeit bei jedem der seltenen Telefonate die wir führten, zwei bis dreimal! gefragt, wie es mir geht. Bis ich irgendwann wütend geworden bin und ihn gefragt hab, was er mit dieser Frage meint, wenn es nicht das ist, was ich ihm gerade erzählt habe…(Das ist mein Alltag. Und das ist mein Gefühl dazu!)
    _Unsicherheit. Beklemmung.
    Nun sind die Gespräche zwar nicht häufiger geworden, aber mittlerweile hat er gelernt, Fragen zu stellen.

    In den meisten Fällen nehme ich die Begrüßungsaustauschbarkeiten: “Und, wie geht´s?” oder “Na, alles klar?” genauso ernst wie sie mir gestellt wurden. Nämlich gar nicht: “Hm”; “Och”.

    Ich weiß nicht, wie viel gedankliche Energie ich an Floskeln mittlerweile noch verschwenden will… Zu mir sagt jemand “Guten Tag”. Ja wie genau stellt er sich denn diesen guten Tag für mich vor?
    Ich weiß es, denk ich, ganz gut abzuschätzen, ob die Frage nach dem Gemütszustand tatsächlich interessiert oder nicht. Und wenn sie von Belang ist, hab ich immer noch die Entscheidungsfreiheit, inwieweit ich mich gerade öffnen will (sofern der Rahmen diese Freiheit zulässt).

    Vielleicht kann man auch auf die Frage: ” Und, wie geht´s?” mit: “Was willst du genau wissen?” reagieren bzw. verunsichern. Denn auf so eine derart unkonkrete Frage, lässt sich auch schwer (und vor allem nicht auf Knopfdruck und im Vorbeigehen und Zuwinken) ein gedankliches Bild für den anderen malen. Also bleibt auf die Schnelle nur: “Gut”, “Wie immer”, “Bin zufrieden”, “Gleichmäßig”, “Na ja”, “Schlecht”, “Bin verliebt”, “Muss gehn”, “Und selbst?”, etc.

    In Amerika fragen ja sogar die Kassierer im Supermarkt “How are you?”.
    Wenn man da nicht mit “Fine. Thanx.” zurückfloskelt, dann ähm…verschwendet man wahrscheinlich unnötig Nervengewebe.
    Nun, wenn man es aber nicht ignorieren kann, weil der Hals schon angeschwollen ist, sollte man der Kassiererin (oder dem Typen an der Kasse) vielleicht verständlich machen, dass es einem richtig gut gehen würde und man überaus glücklich wäre, wenn einem der Einkauf in Tüten verpackt bis zur Wohnungstür getragen wird.

    Aber letztlich entscheide ich für mich, was ich wem preisgebe, zumute und anvertraue. Fragen, Worthülsen, Höflichkeiten hin oder her.

    Das Gefühl, mit meinem Scheiß allein zu sein, bleibt dennoch in mir – egal wem ich vor die Füße kotze oder ins Gesicht spucke…

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